Nach dem Brexit:

Weltweite Warnungen vor Abschwung und Finanzpanik

Von Andre Damon
28. Juni 2016

Am Freitag hat an den internationalen Aktienmärkten ein massiver Abverkauf begonnen. Es war die Reaktion auf das britische Referendum vom Vortag, in dem die Mehrheit für den Austritt aus der Europäischen Union gestimmt hatte. Bis Montagmorgen wurden 2,5 Billionen Dollar vernichtet, doch diese Reaktion ist nur der offensichtlichste Ausdruck einer weitaus tieferen Krise der Weltwirtschaft.

Schon im Verlauf des letzten Monats hatte es ernste Warnungen gegeben. Wie der Internationale Währungsfonds und die Vorsitzende der Federal Reserve, Janet Yellen, schrieben, herrschen in der Weltwirtschaft Bedingungen, die mit dem Phänomen vergleichbar sind, das einige Ökonomen als „säkulare Stagnation“ bezeichnen. In einer solchen Lage ist die Wirtschaft von einem langfristigen Rückgang der Wachstumsraten geprägt.

Am Sonntag meldete sich auch die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) – auch bekannt als „Bank der Zentralbanker“ – zu Wort und warnte vor tiefsitzenden Problemen der Weltwirtschaft.

Dieser Bericht war noch vor dem Referendum vom Donnerstag verfasst worden. Darin heißt es, eine „riskante Dreierkonstellation“ bedrohe die Weltwirtschaft. Die drei Faktoren seien: „ein ungewöhnlich niedriges Produktivitätswachstum, globale Schuldenstände von historisch nie dagewesenem Ausmaß, und ein äußerst enger wirtschaftspolitischer Handlungsspielraum“. Die BIZ bezweifelt auch, dass sich die Krise weiterhin mit geldpolitischen Mitteln bekämpfen lässt.

Diese Warnungen kommen in einer Situation, in der fast jede Zentralbank erklärt, sie werde als Reaktion auf die Verkaufswelle ihre geldpolitischen Maßnahmen ausweiten oder sei zumindest dazu bereit. Die Märkte spekulieren zunehmend darauf, dass die Federal Reserve die Umsetzung ihrer geplanten Zinssatz-Erhöhung entweder stoppen oder zurücknehmen wird.

Jüngste Maßnahme dieser Art war die Ankündigung der japanischen Regierung von Premierminister Shinzo Abe und der Bank von Japan, weitere Geldmittel für das Finanzsystem bereitzustellen. Diese Ankündigung löste am Montagmorgen eine kleine Erholung der Aktienmärkte aus, obwohl weltweit auf den Devisen- und anderen Kapitalmärkten noch immer Unruhe herrscht und das britische Pfund durch massive Verkäufe um zwei Prozent gesunken ist.

Die BIZ warnt, die Niedrigzinspolitik, mit der die weltweiten Zentralbanken auf die Krise von 2008 reagiert hatten, habe zur Entstehung von Wertpapierblasen geführt. Diese Bedingungen hätten die Investitionen in die Produktion geschwächt, die weltweite Verschuldung erhöht und es den Zentralbanken fast unmöglich gemacht, auf den Ausbruch neuer Krisen wirkungsvoll zu reagieren.

In dem Bericht heißt es weiter, die Weltwirtschaft könne es sich nicht leisten, sich noch länger auf das schuldenfinanzierte Wachstumsmodell zu stützen, das zur heutigen Lage geführt habe. Weiter heißt es: „Es sind Maßnahmen erforderlich, die wir nicht wieder bereuen müssen, wenn die Zukunft zur Gegenwart wird.“

Der Bericht vermeidet es aus technischen Gründen, den Begriff „säkulare Stagnation“ auf die derzeitige Krise anzuwenden. Der Terminus wurde in den 1930ern als Beschreibung der Großen Depression entwickelt, und der ehemalige US-Finanzminister Lawrence Summers hat ihn benutzt, um die gegenwärtige Krise zu charakterisieren. Obwohl die BIZ-Analyse den Begriff meidet, läuft sie inhaltlich auf das gleiche hinaus.

Weiter heißt es: „Die Krise hat das Produktionsniveau scheinbar dauerhaft verringert. Angesichts der fast beispiellosen Breite und Tiefe der derzeitigen Krise wäre die Vorstellung unrealistisch, die Produktivität könne wieder auf das Vorkrisenniveau zurückkehren.“

Der Bericht verweist auf die „anhaltende und im Übrigen schwer nachvollziehbare“ Verlangsamung des Produktivitätswachstums. Bezeichnenderweise führt er diesen Abschwung auf eine massive Reihe von Booms und Zusammenbrüchen hin, die in den letzten Jahren die Weltwirtschaft geprägt haben. Diese war immer mehr von Finanzialisierung und Spekulationsorgien geprägt und von fast unbegrenztem Geld der internationalen Zentralbanken angetrieben.

Die Arbeitsproduktivität ist vor allem in den Industrienationen stark zurückgegangen. (Quelle: Bank für Internationalen Zahlungsausgleich)

Die BIZ warnte, diese Politik habe „die Fortdauer der außerordentlich niedrigen Zinssätze, die sogar nominal zunehmend im negativen Bereich liegen“, begünstigt. Die Zentralbanken hoffen, durch negative Zinssätze die Märkte zu beruhigen; dies sei jedoch ein „Risiko auf lange Sicht, wobei der Schaden nicht unmittelbar erkennbar ist und im Zeitverlauf stetig zunimmt. Niedrige Zinssätze drücken tendenziell auf die Risikoprämien und sorgen für Überbewertungen an den Vermögensmärkten. Dies wiederum erhöht die Anfälligkeit gegenüber einer Zinswende.“

Die Zinssätze der internationalen Zentralbanken sind auf unter Null gesunken, was zu einer Zunahme von Wertpapieren mit Negativzinsen führt. (Quelle: Bank für Internationalen Zahlungsausgleich)

In einer solchen Situation müssen Spekulanten immer riskantere Wetten eingehen, um angesichts immer niedrigerer Zinsen für relativ sichere Anlageprodukte ihre Renditen auf dem bisherigen Niveau zu halten.

Mit anderen Worten: alle Schritte der Zentralbanken weltweit seit der Krise von 2008, eigentlich bereits seit der Reaktion der Federal Reserve auf den Börsencrash von 1987, haben das Wachstum des Krebsgeschwürs namens Finanzparasitismus nur verschlimmert. Dies war der Auslöser für die große Finanzkrise von 2008, und es könnte jederzeit eine weitere Krise auslösen.

In dem Bericht wird erklärt, die Fortführung der äußerst marktfreundlichen Geldpolitik habe den Handel von Staatsanleihen mit Negativzinsen weiter angetrieben. Davor hatte die BIZ bereits in ihrem letzten Jahresbericht gewarnt. In dieser Zeit seien die Zinssätze inflationsbereinigt noch weiter unter Null gesunken und befänden sich damit so lange im Negativbereich wie noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg. Nach der EZB, der schwedischen Reichsbank, der dänischen und der Schweizer Nationalbank hat auch die Bank von Japan Negativzinsen eingeführt.

Weiter heißt es: „Ende Mai wurden überdies Staatsschuldtitel im Wert von fast acht Billionen Dollar, auch solche am langen Ende des Laufzeitenspektrums, mit negativen Renditen gehandelt – ein neuer Rekord.“

Aufgrund der ständigen Geldspritzen für die Weltmärkte wurde es für die Entscheidungsträger der Geldpolitik immer schwerer, die Inflation mit ihren Zielvorgaben in Einklang zu bringen, was zu wirtschaftlichem Abschwung führte. „Unterdessen hat die Abhängigkeit der Finanzmärkte von der Unterstützung der Zentralbanken immer mehr zugenommen, und der wirtschaftspolitische Handlungsspielraum hat sich verkleinert.“ Schon dies habe „das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Politik erschüttert“.

Nach der Finanzkrise ist die internationale Verschuldung stark angestiegen. (Quelle: Bank für Internationalen Zahlungsausgleich)

Bezeichnenderweise fällt der BIZ keine andere Lösung für die Krise ein als weitere Sparmaßnahmen. Sie fordert einen Abbau der Staatsverschuldung und die Verbesserung der „Qualität der öffentlichen Ausgaben“, vor allem durch ein Abrücken von Sozialleistungen. Mit anderen Worten, die Staaten geben zu viel für Sozialleistungen aus, aber nicht genug für Wirtschaftssubventionen.

In Wirklichkeit haben alle großen Volkswirtschaften mit fiskalischen Sparmaßnahmen und Umstrukturierungen ihrer Märkte auf die Krise von 2008 reagiert, wie es die BIZ fordert. Beispielhaft dafür ist die Kürzung des amerikanischen Bildungsetats um 25 Prozent, die Sparmaßnahmen in Griechenland, Spanien und Portugal sowie die Umsetzung der El-Khomri-Arbeitsmarktreformen in Frankreich durch die Regierung Hollande.

Diese Politik hat zu einer weiteren Umverteilung von Reichtum an die Finanzelite geführt, die ihr gehortetes Geld in Spekulationen und Finanzparasitismus investiert. Damit befeuert sie einen Teufelskreis aus wirtschaftlicher Stagnation, wachsender sozialer Ungleichheit und Finanzkrise, der die internationalen Gegensätze verschärft und das Anwachsen von Protektionismus fördert.

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