Großbritanniens EU-Austritt erschüttert die Finanzmärkte

Von Andre Damon
28. Juni 2016

Beim Referendum in Großbritannien sprach sich am Donnerstag eine Mehrheit der Wähler für den Austritt aus der Europäischen Union aus. Dieses Ergebnis führte am Freitag zu weltweiten massiven Aktienverkäufen und zu Befürchtungen, es könnte zu einem globalen Börsenkrach, einer Rezession oder sogar beidem kommen.

Obwohl in der Woche vor dem Referendum mehrere Umfragen auf eine knappe Mehrheit für den Austritt hindeuteten, waren die Märkte scheinbar nicht auf das Ergebnis vorbereitet und hatten hohe Wetten auf einen Sieg der Austrittsgegner abgeschlossen.

Von den Panikverkäufen waren vor allem europäische Aktien betroffen. Der britische Aktienindex FTSE 100 sank um mehr als drei Prozent, der deutsche DAX um 6,8 Prozent, der französische CAC 40 um acht Prozent und der EURO STOXX 50 sank um 8,6 Prozent. Das Handelsvolumen der europäischen Börsen erreichte einen neuen Rekordstand.

Auch in Asien sanken die Aktienkurse. Der japanische Nikkei 225 stürzte um fast acht Prozent ab.

Der Dow Jones verzeichnete mit einem Kursverlust von 610 Punkten, bzw. 3,4 Prozent, den größten Rückgang seit August 2015. Der Standard & Poor's 500 verlor alle Kursgewinne des letzten Jahres, der Nasdaq erlitt mit über zehn Prozent den größten Verlust seit fünf Jahren. Die großen Banken standen bei dem Massenverkauf an erster Stelle; Citigroup verlor 9,4 Prozent, JPMorgan Chase verlor 6,9 Prozent.

Die Aktienmärkte in den schwächeren Randstaaten der EU schnitten am schlechtesten ab. In Spanien, Italien und Griechenland sanken die Aktienkurse um über zwölf Prozent. Die Aktienkurse der beiden größten italienischen Banken Sanpaolo und UniCredit gingen um mehr als dreiundzwanzig Prozent zurück, einige Banken nahmen den Handel erst gar nicht auf.

Bezeichnenderweise waren die einzigen Aktien, die nicht in Mitleidenschaft gezogen wurden, die von Rüstungsunternehmen. Investoren verlegten sich auf Gold und „sichere“ Staatsanleihen.

Das Pfund sank auf den niedrigsten Stand im Vergleich zum Dollar seit 1985. Bis zum Ende des Börsentags in New York war es um 8,1 Prozent gesunken.

Moody's Investors Service stufte die Prognose für das Kreditrating Großbritanniens als Reaktion auf das Referendum von „stabil“ auf „negativ“ ab und warnte vor einer „langen Periode der Unsicherheit“. Die Ratingagentur warnte vor „Vertrauensverlust und niedrigeren Ausgaben und Investitionen, die zu schwächerem Wachstum führen könnten“.

Am stärksten wird sich das Referendum vermutlich auf Unternehmen auswirken, die von Großbritannien aus Handel und Finanztransaktionen mit dem Rest von Europa betreiben. Morgan Stanley erklärte, es werde möglicherweise ein Sechstel seiner Belegschaft aus Großbritannien in andere EU-Staaten verlegen. Der Vorstandschef von JPMorgan Jamie Dimon erklärte, sein Unternehmen könnte ähnliche Schritte einleiten.

Ein Informant aus einem großen US-Finanzunternehmen verriet Reuters: „Die Jüngeren werden wahnsinnig. Ich werde ihnen sagen, sie sollen sich auf ihre Arbeit konzentrieren und warten, bis die Unruhe vorbei ist. Aber die Wirklichkeit ist viel, viel ernster. Es wird einen Börsenkrach und Massenentlassungen geben.“

Joe Rundle, ein Vertreter des britischen Finanzdienstleisters ETX Capital, erklärte gegenüber Reuters: „Die Entscheidung für den Austritt war für die Märkte eine der größten Erschütterungen aller Zeiten... Panik ist vielleicht das angemessene Wort.“

Ford erklärte, es werde aufgrund des Ergebnisses Arbeitsplätze in Großbritannien abbauen und „alle notwendigen Schritte unternehmen“, um seine Ertragskraft zu erhalten. Seine asiatischen Konkurrenten Toyota und Nissan, die in Großbritannien fast nur für den Export vor allem in die EU produzieren, deuteten ähnliche Schritte an. Nur zehn Prozent der Autos, die Toyota in Großbritannien baut, werden auch dort verkauft.

Die massiven Aktienverkäufe wurden vermutlich noch von der Erwartungshaltung gemindert, dass die Zentralbanken auf die Krise mit neuen Geldspritzen für die Finanzmärkte reagieren würden. Die Bank von England und die amerikanische Federal Reserve veröffentlichten Erklärungen, laut denen sie alles Notwendige zur Rettung der Finanzmärkte tun würden. Derivate-Märkte spekulieren jetzt, dass die Federal Reserve ihren Leitzins nicht vor Mitte 2018 erhöhen wird.

Der leitende Marktstratege bei Ameriprise, David Joy, erklärte in der Financial Times: „Die Zukunft der EU selbst ist jetzt unklar. Immer mehr Populisten in den Niederlanden, Frankreich, Italien und Spanien werden zweifellos eine neue Entscheidung über ihre eigene Mitgliedschaft fordern.“

Der ehemalige Vorsitzende der Fed Alan Greenspan erklärte in einem Interview mit dem Wirtschaftssender CNBC, die Probleme, die sich in der Entscheidung für den Brexit äußerten, seien schwerwiegender als die meisten Kommentatoren glauben. Er erklärte, das Überleben des Euro sei bedroht und Griechenland werde eher früher als später aus dem Währungsblock gedrängt. Er wies auf die politischen Belastungen durch den Austritt Großbritanniens hin und erklärte, Frankreich und Deutschland hätten mehrfach gegeneinander Krieg geführt.

Greenspan erklärte weiter, das tiefere Problem sei eine „massive Verlangsamung“ des Wachstums der Realeinkommen in ganz Europa und den USA. Dies stellte er in Zusammenhang mit einem Rückgang des Produktivitätswachstums und einem „starken Rückgang“ von Kapitalinvestitionen. Als Beitrag zur Lösung der Krise forderte er eine Verringerung der Erhöhung von Sozialleistungen.

Das Ergebnis veranschaulicht auch die zunehmende protektionistische Stimmung. Wie die World Trade Organization Anfang Juni berichtete, werden weltweit in so großem Ausmaß handelsfeindliche Maßnahmen ergriffen wie zuletzt 2009. Bob Doll, leitender Kapitalstratege bei Nuveen Asset Management, erklärte gegenüber Associated Press: „Diese Abstimmung wird zu einem Abrücken vom Freihandel führen.“

Die Financial Times zitierte Analysten der Bank of America Merrill Lynch, laut denen das Ergebnis des Referendums ein weiterer Vertrauensschock für die ohnehin labile amerikanische und weltweite Wirtschaft“ sei. Michael Mullaney, der Chef der Investmentabteilung der Fiduciary Trust Co in Boston sagte dem Wall Street Journal: „Die Wahrscheinlichkeit einer globalen Rezession, die schon vor dem Brexit bestand, ist jetzt noch akuter.“

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