Nach dem Brexit: Weiterhin Chaos auf den Finanzmärkten

Von Nick Beams
29. Juni 2016

Die internationalen Finanzmärkte leiden weiterhin unter den Auswirkungen des Brexit-Referendums. Am 23. Juni hatte sich eine Mehrheit der Wähler für den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union ausgesprochen. Das britische Pfund ist nach seinem größten Tagesverlust am Freitag inzwischen noch weiter gesunken. Am Tag des Referendums lag der Wert des Pfunds bei 1,50 US-Dollar; seither ist er um vierzehn Prozent auf 1,32 Dollar gefallen, und einige Prognosen rechnen mit einem weiteren Kursverlust auf 1,10 Dollar.

Dieser Pfund-Absturz ist der größte Zwei-Tages-Kursverlust seit der Abschaffung der festen Wechselkurse im August 1971, als US-Präsident Richard Nixon entschied, die Dollar-Konvertierbarkeit in Gold aufzuheben.

Insgesamt ging an den Aktienmärkten in nur zwei Börsentagen weltweit die Rekordsumme von drei Billionen Dollar verloren. Der amerikanische Index S&P 500 verlor in diesem Zeitraum fast eine Billion Dollar an Wert. Im Abverkauf vom Freitag zeigte sich das Scheitern der kurzfristigen Positionen, die von einem Sieg der Austrittsgegner ausgegangen waren. Am Montag wirkten sich hingegen eher längerfristige Erwägungen aus.

Die britische Währung und Aktien geraten angesichts einer erwarteten dramatischen Verschlechterung der Wirtschaft offenbar ins Visier von Hedgefonds, die Milliarden Dollar kontrollieren. Die Ratingagentur Standard & Poor's hat das britische Kreditrating – bislang auf AAA – um zwei Punkte verschlechtert und erklärt, das Ergebnis des Referendums sei ein „bahnbrechendes Ereignis“, das den politischen Rahmen für Großbritannien weniger vorhersehbar und weniger stabil machen werde.

Der Rückgang des Währungskurses ging mit einem Rückgang der Aktienmärkte einher. Der britische Aktienindex FTSE 250, der die Binnenwirtschaft wiedergibt, sank am Montag um sieben Prozent, der allgemeinere FTSE 100 verlor 2,6 Prozent. Der Rückgang des FTSE 250 am Freitag und am Montag war mit insgesamt vierzehn Prozent der höchste seit dem Börsencrash von 1987.

Die Aktien- und Devisenmärkte in Großbritannien, Europa und den USA sanken, obwohl sich sowohl der scheidende Premierminister David Cameron, als auch Finanzminister George Osborne zu Wort meldeten. Cameron erklärte, Großbritannien strebe die bestmöglichen Wirtschaftsbeziehungen mit seinen europäischen Nachbarn an. Osborne erklärte, man dürfe die Entschlossenheit der Regierung nicht unterschätzen, sie sei „bereit für das Unerwartete“. All diese Erklärungen waren jedoch vergebens, zumal die Märkte in Großbritannien, Europa und weltweit fielen.

Britische Banken traf es am härtesten. Die Aktien der Royal Bank of Scotland und der Barclays Bank gingen um 26 bzw. um 18 Prozent zurück. Beide Unternehmen setzten den Handel mit ihren Aktien im Lauf des Tages kurzzeitig aus.

Auch die Aktien der europäischen Banken wurden schwer in Mitleidenschaft gezogen. Am Freitag sank der Index Euro Bank Stoxx um 18 Prozent und am Montag um weitere sechs Prozent. Die Aktien der europäischen Banken verloren in zwei Tagen 22 Prozent an Wert und nähern sich dem Tiefststand, den sie während der Staatsschuldenkrise 2012 erreicht hatten.

Investoren setzen auf den Kauf sicherer britischer Staatsanleihen. Die Zinsen auf Anleihen mit zehnjähriger Laufzeit, die im umgekehrten Verhältnis zum Preis steigen, sanken dadurch zum ersten Mal in der Geschichte auf unter ein Prozent, zeitweise lagen sie bei 0,94 Prozent. Deutsche Staatsanleihen, auf die bereits vor dem Brexit-Referendum weniger als null Prozent Zinsen gezahlt worden war, gingen am Montag noch weiter in den Negativbereich.

Wirtschaftsexperten haben ihre Prognosen für das britische Wirtschaftswachstum für 2016 deutlich nach unten korrigiert. Für 2017 rechnen sie sogar mit noch größeren Rückgängen. Der Chef-Ökonom von Investec, Phillip Shaw, erklärte in der Financial Times, der Wirtschaft könnte eine Periode „nahe an der Stagnation“ bevorstehen, und eine Rezession sei nicht unwahrscheinlich.

Die Investmentbank Goldman Sachs erklärte, sie rechne für Großbritannien mit einem Wachstum von nur 0,2 Prozent im nächsten Jahr. Vor dem Referendum hatte sie mit zwei Prozent gerechnet. Die Credit Suisse riet ihren Kunden, für nächstes Jahr mit einer Rezession in Großbritannien zu rechnen.

Auf längere Sicht überdenken die großen Unternehmen ihre geplanten Investitionen. Laut einem Bericht in der Financial Times erklärte ein beträchtlicher Teil der Arbeitgeber in Großbritannien, sie würden einen Einstellungsstopp verhängen und geplante Investitionen kürzen. In einer Umfrage des Institute of Directors sagten zwei Drittel der befragten Unternehmenschefs, das Referendum werde „negative“ Folgen für sie haben. Finanzunternehmen erklärten außerdem, sie würden ihre Operationsbasen aus der City of London verlegen.

Abgesehen vom Rückgang der Aktienmärkte äußert sich die Schockwelle des Brexit auch in den Devisenkursen. Anleger verlagern ihr Geld in großem Stil in sichere Anlagemöglichkeiten.

Die Bank von Japan hat in den letzten drei Jahren im Rahmen der „Abenomics“ versucht, den Wert des Yen zu senken und damit die Wirtschaft aus der Deflation herauszuführen. Bereits vor dem Brexit war der Kurs des Yen allerdings deutlich angestiegen. Der internationale Finanzanalyst und wichtigste Wirtschaftsberater des Finanzkonzerns Allianz, Mohamed El-Erian, bezeichnete den Kurs von 106 Yen pro US-Dollar als „absoluten Alptraum“. Ein höherer Yen-Kurs verstärkt den deflationären Druck und beeinträchtigt die großen japanischen Firmen auf den Exportmärkten.

Nach dem Brexit erreichte er den Kurs von 99 Yen pro US-Dollar, stieg aber wieder auf über 101. Der schnelle Anstieg des Yen-Kurses hat alle Versuche der Bank von Japan zunichte gemacht, ihn zu senken. Vermutlich werden weitere Konjunkturmaßnahmen folgen, möglicherweise wird die Regierung auch direkt in die Devisenmärkte eingreifen. Als sie diesen Schritt vor einigen Wochen erwähnte, reagierten die USA mit scharfem Widerstand.

Das Brexit-Referendum wurde als „schwarzer Schwan“ beschrieben, d.h. als eine vermeintlich unwahrscheinliche Entwicklung, die aber beträchtliche Folgen hat für den Fall dass sie eintritt. Vermutlich wird die Bank von Japan mit weiteren Maßnahmen zur quantitativen Lockerung reagieren.

Die Aktienkurse von HSBC Holdings und Nomura Holdings, den größten japanischen Brokerhäusern, verzeichneten starke Verluste. Die Aktien von Nomura sanken am Freitag um elf Prozent, am Montag um weitere 6,3 Prozent. Dieser Rückgang war der stärkste seit dem Erdbeben und dem Tsunami im März 2011. Die Aktien von HSBC sind in den letzten zwei Tagen um mehr als neun Prozent gefallen.

Auch die USA spüren die Auswirkungen des Brexit durch den Anstieg des Dollar-Kurses, was ebenfalls eine Folge der Suche nach sicheren Anlagemöglichkeiten ist. Der Dollar-Index, der dessen Wert im Verhältnis zu anderen wichtigen Währungen misst, ist seit dem Referendum am Donnerstag um drei Prozent gestiegen. Das bedeutet einen Anstieg um insgesamt zwanzig Prozent in den letzten zwei Jahren. Der Dollar stieg nicht nur gegen das britische Pfund, sondern auch gegen den Euro und den Yen.

Durch den Kursanstieg des Dollars ist es für amerikanische Firmen schwerer, ihre Produkte auf den internationalen Märkten zu verkaufen. Damit wurde jede Möglichkeit zunichte gemacht, dass die Federal Reserve ihren Leitzins in der näheren Zukunft erhöhen könnte. Ein Anstieg des Dollarkurses hat nicht nur für die USA Folgen, sondern könnte auch zu Überlaufeffekten in den Schwellenmärkten führen und die Belastung für ihre in Dollar gezeichneten Staatsanleihen erhöhen.

Die Unruhen durch den Brexit äußern sich auch auf den amerikanischen Anleihemärkten. Als die Fed im letzten Dezember ihre Zinssätze um 0,25 Prozent erhöhte, lagen die Zinsen für amerikanische Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit bei 2,3 Prozent. Am Donnerstag lagen sie bei 1,74 Prozent, und bis Montagabend sanken sie auf 1,44 Prozent.

In zahlreichen Medien-Kommentaren zum Brexit wird jetzt versichert, das Ereignis sei keineswegs mit der Pleite von Lehman Brothers vergleichbar, die 2008 die globale Finanzkrise ausgelöst hatte. In Wirklichkeit könnte es sich als noch verheerender herausstellen. Die Lehman-Pleite hatte zwar eine Kettenreaktion mit weitreichenden Folgen ausgelöst, aber sie war immerhin nur ein Finanzsturm. Das Brexit-Referendum dagegen hat dem Rahmen, in dem das weltweite Finanzsystem seit vierzig Jahren operiert, einen verheerenden Schlag versetzt.

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