ThyssenKrupp und Tata: Stahlfusion auf Kosten der Arbeiter

Von Dietmar Henning
30. Juni 2016

Ende letzter Woche meldete das Manager Magazin, dass die Verhandlungen des ThyssenKrupp-Konzerns und des indischen Mischkonzerns Tata, ihre beiden Stahlgesellschaften zusammenzulegen, kurz vor dem Abschluss stehen. Die IG Metall und der ThyssenKrupp-Betriebsrat verhandeln hinter den Kulissen bereits mit der Konzernspitze über die damit einhergehenden Angriffe.

Die Fusion hätte bittere Auswirkungen auf die bestehenden Stahlarbeitsplätze beider Konzerne. Tata hatte schon Ende März angekündigt, seine britischen Stahlwerke und Zulieferbetriebe zu verkaufen oder zu schließen. Rund 40.000 Arbeitsplätze sind davon betroffen. Thyssen-Krupp steht derweil seit langem unter dem Druck der Aktionäre, insbesondere des Hedgefonds Cevian, den Mischkonzern zu filetieren und unprofitable Geschäftsbereiche abzustoßen. Ganz oben auf der Liste steht die Stahlsparte mit 27.000 Beschäftigten.

Nun berichtet das Manager Magazin, es sei ein neues Gemeinschaftsunternehmen geplant, an dem die beiden Konzerne jeweils die Hälfte der Anteile halten. Ein Vorvertrag soll schon in den nächsten Wochen unterschrieben werden, die Verhandlungen zwischen ThyssenKrupp-Finanzchef Guido Kerkhoff und Koushik Chatterjee, dem CFO der Tata-Steel-Holding, laufen auf Hochtouren.

Die beiden verhandeln dem Bericht zufolge noch über den Wert der von den zwei Konzernen eingebrachten Anlagen. Die von ThyssenKrupp werden mit rund fünf Milliarden Euro beziffert, die von Tata mit zwei Milliarden Euro. Die Konzernspitze von ThyssenKrupp versucht darüber hinaus, die hohen betrieblichen Rentenverpflichtungen für die Stahlarbeiter in das Joint Venture zu verschieben, um sich so in einem ersten Schritt davon zu befreien. Auch Tata Steel will die Betriebsrenten von 130.000 Stahlarbeitern loswerden, verhandelt darüber aber gleichzeitig auch mit britischen Staatsvertretern.

Im Zentrum des Verbunds stünden laut Manager Magazin das Thyssenkrupp-Stahlwerk in Duisburg mit 13.000 Beschäftigten und die Tata-Anlage im niederländischen Ijmuiden mit rund 9.000 Beschäftigten. Das Tata-Werk in Ijmuiden ist ein hoch profitables Stahlwerk an der Nordseeküste. Dort werden Rohstahl, warm- und kaltgewalzte Bleche und beschichtete Bandprodukte produziert, z. B. für die Autoindustrie.

Mit der Fusion reagieren die beiden großen Stahlkonzerne auf den gewaltigen internationalen Wettbewerb und die steigenden Produktionsüberschüsse, die zu sinkenden Preisen und immer heftigeren Handelskonflikten führen. Die europäische Stahlindustrie, unterstützt von den Gewerkschaften, verlangt von der Europäischen Union die Verhängung von Handelskriegsmaßnahmen gegen China, das seinen Stahl verstärkt auf dem Weltmarkt anbietet.

Gleichzeitig arbeiten die europäischen Stahlkonzerne weiter daran, Arbeitsplätze in ihren Werken abzubauen. Seit 2008 sind in der EU bereits rund 85.000 Jobs vernichtet worden. ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger hat immer wieder betont, die Überkapazitäten der europäischen Stahlindustrie müssten bereinigt werden. Die Fusion mit Tata und die Ausgliederung der Stahlsparte von ThyssenKrupp sind der Beginn dieser „Bereinigung“. Sowohl den zusammengeführten Verwaltungen und Vertriebsbereichen wie dem Produktionsbereich drohen Jobverluste.

Unterstützt wird Hiesinger von der Gewerkschaft IG Metall und deren Betriebsräten. Laut Manager Magazin sind die Sozialpläne für die Duisburger Stahlkocher schon durchgerechnet. Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende von Thyssen-Krupp Steel Europe, Günter Back, dementierte dies umgehend: Über einen Sozialplan für den möglichen Abbau von Mitarbeitern sei bislang nicht verhandelt worden.

Back hatte die Duisburger Stahlbelegschaft erst am vergangenen Donnerstag, als Vorabberichte des Artikels im Manager Magazin erschienen, auf einer Betriebsversammlung von den Fusionsplänen in Kenntnis gesetzt.

Am Tag zuvor hatte der Betriebsratsvorsitzende des ThyssenKrupp-Werks im Duisburger Süden, Werner von Häfen, die Vertrauensleute der IG Metall darüber informiert, dass ihr Werk von der Schließung bedroht sei. Rund 1300 Beschäftigte produzieren dort Grobbleche und verarbeiten Warmbandstahl. Seit Jahren sei nicht mehr richtig in die Anlagen investiert worden, beklagte von Häfen. „Es ist für uns eine bedrohliche Situation.“

Arbeiter berichten, auf der Betriebsversammlung von ThyssenKrupp in der vergangenen Woche habe es heftige Auseinandersetzungen mit der Betriebsratsspitze der IG Metall gegeben. Die Stahlarbeiter glaubten dem Betriebsrat nicht, dass er angeblich von nichts gewusst habe.

Der Konzernvorstand hatte die Betriebsräte der einzelnen Standorte schon bei einem Treffen Anfang Juni über seine Pläne informiert und dabei die Schließung und Teilschließung von Werken nicht ausgeschlossen. Darüber berichtete Back der Belegschaft kein Sterbenswörtchen. Stattdessen behauptete er gut drei Wochen später, am Ende der Zusammenkunft habe es für die Betriebsräte der einzelnen Standorte „mehr Fragezeichen als Antworten“ gegeben.

Wer soll das glauben? Die IG Metall und ihr Betriebsrat arbeiten seit vielen Jahrzehnten eng mit dem ThyssenKrupp-Vorstand zusammen. Diese Zusammenarbeit ist institutionell geregelt. Arbeitsdirektor von ThyssenKrupp Stahl ist niemand anderes als der langjährige Konzernbetriebsratsvorsitzende Thomas Schlenz. Arbeitsdirektor des ThyssenKrupp-Gesamtkonzerns ist Oliver Burkhardt, der ehemalige IGM-Bezirksleiter in Nordrhein-Westfalen.

Beide wechselten von ihren Betriebsrats- bzw. Gewerkschaftsposten direkt in die Vorstandsetagen und erhalten Millionengehälter. Beide arbeiten eng mit den jetzigen Gewerkschafts- und Betriebsratsspitzen zusammen, vor allem mit Willi Segerath, dem Nachfolger von Schlenz als Konzernbetriebsratschef.

Segerath sitzt gemeinsam mit IGM-Sekretär Markus Grolms im Aufsichtsrat der ThyssenKrupp AG, Grolms ist dessen stellvertretender Vorsitzender. Beide sitzen in fünf von sechs Ausschüssen, darunter im Strategie-, Finanz- und Investitionsausschuss. Gemeinsam mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden Ulrich Lehner und Hans-Peter Keitel, Vizepräsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, bilden sie das Präsidium des Aufsichtsrates. Dort sprechen sie sich über alle Aktivitäten des Vorstandes ab. Back ist Segeraths langjähriger Stellvertreter. Seit dem letzten Jahr ist er sein Nachfolger als Betriebsratsvorsitzender des größten Stahlwerks im Duisburger Norden.

Die Arbeiter befürchten zurecht, dass Segerath, Back und die anderen Betriebsratsspitzen gemeinsam mit dem Konzernvorstand an der „Bereinigung der Überkapazitäten“ (Hiesinger) arbeiten. Diese dürfte wie schon früher über Abfindungen, Altersteilzeit, Versetzungen, der Kündigung von Werkvertrags- und Leiharbeitsfirmen usw. erfolgen. Es wäre nicht das erste Mal, dass die IG Metall und ihre Betriebsräte hinter dem Rücken der Belegschaft einen schmutzigen Deal mit dem Konzernvorstand aushandeln.

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