Weltweite wirtschaftliche Stagnation verstärkt Instabilität auf den Finanzmärkten

Von Nick Beams
9. August 2016

Die Bank of England (BoE) beschloss letzte Woche einen „außergewöhnlichen Maßnahmenkatalog“, um die Folgen der Entscheidung für den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union auszugleichen. Diese Entscheidung und die schlechten Wachstumszahlen aus den USA machen deutlich, dass sich die Lage der Weltwirtschaft weiterhin verschlechtert.

Die BoE plant u.a. eine Verringerung des Leitzinssatzes auf ein Rekordtief von 0,25 Prozent und eine weitere Geldspritze von 170 Milliarden Pfund (ca. 200 Milliarden Euro) für das Finanzsystem. Mit diesen Schritten reagiert sie auf ihre eigene Einschätzung, dass die britische Wirtschaft 2017 um nur 0,8 Prozent wachsen wird. Bisher hatte sie mit einem deutlich höheren Wert von 2,3 Prozent gerechnet.

Die Senkung der Wachstumsprognose geht nicht nur auf die Folgen der Entscheidung für den Brexit zurück, sondern auch auf die insgesamt zunehmend schlechteren Aussichten für die Weltwirtschaft.

Im Vorfeld dieser Abwärtskorrektur wurden Daten aus den USA veröffentlicht, laut denen die größte Volkswirtschaft der Welt im zweiten Quartal um nur 1,2 Prozent aufs Jahr umgerechnet gestiegen war, im ersten Quartal sogar nur um 0,8 Prozent. Die Zahl für das zweite Quartal lag deutlich unter dem prognostizierten Anstieg von 2,5 Prozent.

Die schlechten Zahlen für die ersten beiden Quartale bedeuteten, dass das durchschnittliche Wachstum in der ersten Hälfte des Jahres 2016 um nur ein Prozent gestiegen ist. Seit Beginn des angeblichen „Aufschwungs“ nach der Rezession von 2007-2009 lag das Wachstum bei etwa zwei Prozent. Längerfristig betrachtet ist die Stagnation der amerikanischen Wirtschaft die schlimmste seit der Großen Depression der 1930er Jahre. In den zwei Amtszeiten der Obama-Regierung betrug das Wachstum nur 15,5 Prozent; nach der Rezession von Ende der 1950er war die Wirtschaft von 1961 bis 1969 um 52 Prozent gewachsen.

Die New York Times wies am Sonntag in einem Artikel auf die langfristigen Trends in einer „Welt mit niedrigem Wachstum“ hin. Es sei kein neues Phänomen, sondern bereits in den letzten fünfzehn Jahren zu beobachten gewesen. Von 1947 bis 2000 war das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Person in den USA um durchschnittlich 2,2 Prozent pro Jahr gestiegen. Seither lag der Durchschnitt bei nur 0,9 Prozent, Europa und Japan wuchsen noch langsamer.

Der Artikel wies darauf hin, dass das amerikanische BIP 3,1 Billionen Dollar oder siebzehn Prozent höher gestiegen wäre, wenn die Vorhersagen des Congressional Budget Office von 2005 für die nächsten zehn Jahre eingetreten wären. Selbst unter Berücksichtigung der Folgen der Rezession von 2007-2009 läge das gegenwärtige BIP noch immer 1,7 Billionen Dollar höher.

Das zeigt, dass die Krise von 2008 und die tiefe Rezession seither keine einzigartigen Ereignisse waren, die die Wirtschaft vom Kurs abgebracht haben, sondern ein dramatischer Ausdruck einer tieferen Problematik. Die Ereignisse seither bestätigen diese Vermutung.

Der Artikel der Times zitiert Statistiken, die auf die verheerenden Folgen dieser Stagnation des Lebensstandards der Arbeiterklasse weltweit hindeuten. Dazu heißt es: „Im Jahr 2000 lag das BIP pro Person, das allgemein dem durchschnittlichen Einkommen entspricht, bei etwa 45.000 Dollar. Wäre das Wachstum in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts allerdings so schwach war wie seither, läge das BIP bei nur 20.000 Dollar.“

Weiter heißt es: „Zudem haben immer weniger Menschen etwas von diesem Wachstum. Laut einer neuen Analyse des McKinsey Global Institute gehören 81 Prozent der amerikanischen Bevölkerung zu einer Einkommensgruppe, deren Einkommen in den letzten zehn Jahren nicht gestiegen oder sogar gesunken sind. In Italien gehörten dazu 97 Prozent der Bevölkerung, in Großbritannien 70 Prozent, in Frankreich 63 Prozent.“

Der wichtigste Faktor bei der anhaltenden Stagnation in den USA und den großen Volkswirtschaften der Welt ist der Rückgang der Investitionen. In den USA gingen sie im zweiten Quartal, d.h. im dritten Quartal in Folge, um 9,7 Prozent zurück. In Europa werden die Investitionen auf ein Niveau von etwa 25 Prozent niedriger als vor der Finanzkrise von 2008 geschätzt. Die Folgen dieses Niedergangs zeigen sich im niedrigen Wachstum der Eurozone von nur 0,3 Prozent im zweiten Quartal.

Der Rückgang der Investitionen in den letzten acht Jahren ist ein Ausdruck eines anhaltenden Abschwungs der Profitrate. Die durchschnittliche Profitrate bleibt zwar weiterhin positiv und ermöglicht es den Großkonzernen, Geld anzuhäufen. Derweil befürchten diese Firmen jedoch, dass weitere Investitionen keine positiven Erträge bringen würden. Anstatt ihre Gewinne in die Produktion zu investieren, haben sie sie im Finanzsektor eingesetzt, u.a. für Fusionen und Aktienrückkäufe.

Solche Aktivitäten mögen zwar einzelnen Firmen unterm Strich nützen, vom Standpunkt der Gesamtwirtschaft aber verdeutlichen sie das Anwachsen von Parasitismus.

Die niedrigen Zinssätze und die Politik der quantitativen Lockerung durch die Zentralbanken in aller Welt haben diese Aktivitäten gefördert und begünstigt. Allerdings schaffen sie auch die Bedingungen für eine weitere Finanzkatastrophe.

Die Europäische Zentralbank versuchte beispielsweise, das europäische Bankensystem und die Finanzelite durch Geldspritzen zu unterstützen – derzeit 80 Milliarden Euro pro Monat bzw. fast eine Billion Euro pro Jahr. Doch die anhaltende Stagnation der Realwirtschaft, auf der das Finanzsystem letzten Endes basiert, zeigt, dass diese Bemühungen wohl an ihre Grenzen gestoßen sind.

Nach dem Crash von 2008 haben die europäischen Banken und Finanzbehörden keine größeren Umstrukturierungen durchgeführt, wie etwa das Abschreiben von Forderungsverlusten. Sie befürchteten, sie könnten damit ihre Wettbewerbsposition gegenüber dem amerikanischen Finanzkapital schwächen. Stattdessen hofften sie, der Aufschwung der europäischen Wirtschaft würde es ihnen ermöglichen, ihre Probleme mit Forderungsverlusten zu erledigen. Doch das ausbleibende Wirtschaftswachstum in Europa, das erst vor kurzem wieder das Niveau von 2007 erreicht hat, hat ihr Schuldenproblem noch verschlimmert.

Am deutlichsten zeigt sich die Krise in Italien, wo die faulen Kredite im Besitz der Banken auf etwa 340 Milliarden Euro geschätzt werden. Allerdings ist die gesamte europäische Wirtschaft von ihr betroffen, nicht zuletzt Deutschland. Die Deutsche Bank gilt als eine der am schwächsten aufgestellten internationalen Banken.

Der Finanzanalyst Mohamed el-Erian äußerte sich in der Financial Times lobend über die Entscheidungen der Bank of England, warnte aber, die Regierung müsse ebenfalls handeln, damit sie langfristige Auswirkungen haben. Er und andere schlagen u.a. die Bekämpfung der Schulden von Banken und Finanzinstituten, bessere Kontrolle der wirtschaftlichen Nachfrage, bessere internationale Koordination und wachstumsfördernde Reformen vor.

Allerdings gibt es keine Anzeichen, dass solche Maßnahmen die internationale Wirtschaft ankurbeln werden. El-Erian warnte, wenn Politker weiterhin „rutschen und zittern, werden sich die schlechten Wachstumsprognosen zu einer echten Rezession entwickeln. Die künstliche finanzielle Stabilität wird einer destabilisierenden Unbeständigkeit weichen.“ Unter solchen Bedingungen würden die Zentralbanken Teil eines immer größeren Problems werden, statt Teil der potenziellen Lösung zu sein.

El-Erian ging nicht weiter ins Detail, aber im Zentrum seiner Warnungen stand die veränderte Beziehung der Zentralbanken zum internationalen Finanzsystem. Als die Krise im Jahr 2008 begann, standen die Zentralbanken außerhalb der Finanzmärkte und konnten daher als stabilisierender Faktor eingreifen. Heute sind sie aktiv beteiligt und halten Staatsanleihen und andere Schuldverschreibungen im Wert von mehreren Billionen Dollar. Allein die amerikanische Fed hat in den letzten acht Jahren Wertpapiere im Wert von mehr als vier Billionen Dollar aufgekauft.

Die Intervention der Zentralbanken hat eine historisch beispiellose Situation auf den globalen Wertpapiermärkten geschaffen. Mittlerweile werden Staatsanleihen im Wert von zwölf Billionen Dollar zu Negativzinsen gehandelt. Der Wert dieser Anleihen ist aufgrund der Suche der Großinvestoren nach einer „sicheren Anlage“ so hoch gestiegen, dass ein Investor Verlust machen würde, wenn er sie bis zum Einlösedatum behalten würde. Die Lage ist so prekär, dass selbst jede noch so kleine unvorhergesehene Bewegung auf den Finanzmärkten potenziell weitreichende Folgen haben kann. Vor dem Hintergrund der verschlechterten Bedingungen der Realwirtschaft kann die Entscheidungen der Bank of England diese Instabilität nur verstärken.