Zeit für Legenden

Jesse Owens und die Olympiade von 1936

Von Alan Gilman und David Walsh
20. August 2016

Regie: Stephen Hopkins, Drehbuch: Joe Shrapnel, Anna Waterhouse

Zeit für Legenden (Originaltitel Race) ist eine Chronik der legendären Karriere des Athleten Jesse Owens. Sie fand ihren Höhepunkt bei den von den Nazis ausgerichteten Olympischen Spielen 1936 in Berlin, wo er vier Goldmedaillen gewann.

Stephen James (rechts) als Jesse Owens

Die Handlung des Films von Stephen Hopkins setzt 1933 ein, als der junge Owens (Stephan James) als Leichtathletikstudent in der State University von Ohio ankommt. Owens trifft vor allem bei den Mitgliedern des rein-weißen Football Teams sofort auf fanatischen Rassenhass.

Sein Trainer, Larry Snyder (Jason Sudeikis), erkennt das außerordentliche Talent Owens. Snyder schärft dem jungen Athleten ein, dass keiner ihn aufhalten könne, wenn er zielstrebig und fanatisch konzentriert trainiere. Dann werde es nicht nur auf College Ebene klappen, sondern auch bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin.

Owens folgt Snyders Rat trotz des familiären Drucks, dem er als Vater einer kleinen Tochter mit seiner Freundin Ruth Solomon (Shanice Branton) ausgesetzt ist. Schnell erreicht er Spitzenpositionen als College-Athlet und vollbringt 1935 bei einem Wettkampf in Ann Arbor in Michigan das Kunststück, gleich drei Weltrekorde innerhalb von 45 Minuten zu brechen: im Weitsprung, im Lauf über 220 Yard (entspricht 201 m) und im Hürdenlauf über 220 Yard. Einen vierten stellte er über 100 Yard ein. Diese Leistung gilt weithin als eine der größten in der Geschichte der Leichtathletik.

In der Zwischenzeit hatte im Olympischen Komitee unter Führung des Richters Jeremiah Mahoney (William Hurt), eine Kampagne begonnen, die Spiele in Berlin wegen des Rassismus und Antisemitismus der Nazis zu boykottieren.

Der zukünftige Präsident des Olympischen Komitees, Avery Brundage (Jeremy Irons), ein Bauunternehmer und Immobilienentwickler war der Anführer der Anti-Boykott-Bewegung. Er tat den Antisemitismus und die Rassenfrage in Deutschland mit den Worten ab: „Es ist nicht unsere Sache, einer souveränen Nation zu erklären, was sie zu tun habe und abgesehen davon, wann hat jemand von euch Nein-Sagern sich zuletzt mit einem Juden oder Neger eingelassen?“

Um diesen Konflikt beizulegen, stimmte Brundage zu, sich auf eine Erkundungsmission nach Deutschland zu begeben und traf dort Joseph Goebbels (Barnaby Metschurat), den Propagandaminister der Nazis [und Organisator der Olympischen Spiele], der „versprach“, dass die Deutschen keinen Athleten, auch keinen Juden, diskriminieren würden. Mit dieser Zusage in der Tasche war Brundage in der Lage, die Boykott-Befürworter bei der Abstimmung mit 58 zu 56 zu besiegen.

James und Jeremy Irons als Avery Brundage

Als später während der Olympiade die Deutschen ihr Versprechen brachen, niemanden zu diskriminieren, beendete Goebbels Brundages kläglichen Protest, indem er drohte, eine geschäftliche Vereinbarung der beiden Parteien – im Grunde eine Bestechung – aufzudecken.

Andere Gruppen wie die BürgerrechtsorganisationNational Association for the Advancement of Colored People (NAACP) setzten den Boykott der Olympiade fort und übten Druck auf Owens aus. Letztlich entschied er sich, an den Spielen von 1936 teilzunehmen. Von seiner Familie wurde er dabei unterstützt.

Owens ist überrascht, dass die Athleten in Berlin im Olympischen Dorf gemeinsam in Wohnanlagen untergebracht sind, was er aus den USA nicht kannte. Außerhalb der olympischen Austragungsorte jedoch sind Szenen zu sehen, bei denen Juden von Nazis eingekesselt und geschlagen werden.

Owens gewinnt vier Goldmedaillen, im 100-Meter-Lauf, im 200-Meter-Lauf, im Weitsprung und im 400-Meter-Staffellauf. Er ist der erfolgreichste und populärste Athlet der Spiele und ihm wird zugutegehalten, dass er den Nazis und ihrem Mythos von der „Überlegenheit der arischen Rasse“ einen verheerenden Schlag versetzt hat.

Zu den beeindruckendsten Szenen des Films gehört die, in der der deutsche Weitspringer Carl „Luz“ Long (David Kross), der Europasieger, Owens einen Freundschaftsdienst erweist. Nachdem Owens in den ersten beiden Versuchen der Qualifikation für den Weitsprung übergetreten ist, markierte ihm Long einen Punkt kurz vor dem Absprungbrett, um ihm zu zeigen, dass er beim Absprung von dort immer noch weit genug springen werde, um sich zu qualifizieren. Owens tut genau das und letztlich besiegt er Long, der die Silbermedaille gewinnt.

Long ist der Erste, der Owens nach dem Ereignis gratuliert und ihm die Hand schüttelt. Die beiden posieren für Fotos und drehen gemeinsam eine Siegesrunde.

An diesem Abend erklärt Long Owens, dass er die Nazis und ihre Taten verabscheue und dass viele Deutsche ebenso empfänden. Am Schluss des Films erscheint im Abspann, dass die Freundschaft zwischen Owens und Long über einige Jahre anhielt. Der deutsche Sportler wurde während des Zweiten Weltkriegs auf Sizilien umgebracht.

Owens letzter Wettkampf ist der Staffellauf über 4 mal 100 Meter, für den er nicht trainiert hatte und auch nicht aufgestellt war. Er nahm nur teil, weil die beiden jüdischen Athleten Marty Glickman (Jeremy Ferdman) und Sam Stoller (Giacomo Gianniotti) in letzter Minute auf Verlangen der deutschen Behörden auf die Bank geschickt wurden. (Glickman wurde später in der Nachkriegszeit einer der berühmtesten und begabtesten amerikanischen Sportreporter und die Stimmer etlicher New Yorker Sportteams. Erst 1992 ging er in den Ruhestand.)

Am Ende des Films wird mitgeteilt, dass Owens niemals ins Weiße Haus eingeladen wurde und Präsident Franklin D. Roosevelt ihm auch nie gratuliert hat.

Hitler und Naziführer im Film

Der Film Zeit der Legenden enthält einige wertvolle Passagen und bewegende Momente. Die Erfolgsgeschichte Owens´ trotz schwieriger Voraussetzungen berührt wichtige historische Fragen.

Jesse Owens war das jüngste von zehn Kindern des Ehepaars Emma Fitzgerald und Henry Cleveland Owens, einem Farmpächter in Oakville, Alabama. Seine verarmte Familie nahm an der großen Migrationsbewegung von Afroamerikanern vom Süden in den Nordwesten, Mittleren Westen und Westen der Vereinigten Staaten teil. Die Familie zog Anfang der 1920er Jahre in den Osten von Cleveland. Owens Vater und sein älterer Bruder arbeiteten in den Stahlwerken, ersterer nur unregelmäßig.

Auf Grund seiner athletischen Fähigkeiten geriet Owens auf die Bühne der Weltpolitik der 1930er Jahre. Dass sich Avery Brundage, der Vorsitzende der Olympischen Bewegung in den USA, gegen den Boykott der Spiele von 1936 in Berlin wandte, die unter der Ägide des Naziregimes stattfanden, war politisch und ideologisch bedeutsam.

Die Historikerin Carolyn Marvin erklärt, dass Brundages Weltsicht davon geprägt war, „dass der Kommunismus ein Übel war, gegen das alle anderen Übel unbedeutend seien“. Er bewunderte Hitler dafür, „dass er den Wohlstand in Deutschland wiederhergestellt hatte“. Er war der Meinung, „dass diejenigen in den USA, die nicht für ihren Lebensunterhalt arbeiteten, eine anarchische Menschenflut“ darstellten. Sein „verdächtiger Antisemitismus“ beruhte auf der „Befürchtung, dass sich die anglo-protestantische Kultur in einem Meer ethnischer Bestrebungen“ auflösen könnte. Brundage bezeichnete die Opposition gegen die Teilnahme an den Spielen in Berlin als „jüdisch-kommunistische Verschwörung“.

Die abscheulichen Machenschaften des Hitler-Regimes bezüglich der Olympischen Spiele sind ebenfalls historisch belegt. Das führende Naziblatt, der Völkische Beobachter forderte in seinen Leitartikeln kategorisch, dass weder Juden noch Schwarze aus gleich welchem Land der Welt zu den Wettkämpfen zugelassen werden sollten. Angesichts eines drohenden internationalen Boykotts lenkte die Nazi-Regierung jedoch ein und ließ als besonderes Zeichen sogar eine Fechterin mit jüdischem Vater am deutschen Team teilnahmen.

Vorübergehend ließen die Faschisten Schilder in für Besucher sichtbaren Bereichen abnehmen, die Juden verboten, bestimmte Gebiete in Berlin zu betreten. Das deutsche Innenministerium wies die Polizei der Stadt an, alle Roma und Sinti in einer „Säuberungsaktion“ festzunehmen und in eine Art Konzentrationslager zu sperren. Der den Nazis verbundenen Regisseurin Leni Riefenstahl wurde die Verfilmung der Olympiade übertragen (In Zeit der Legenden wird sie von Carice van Houten dargestellt). Sie produzierte einen bombastischen zweiteiligen Dokumentarfilm Olympia (1938).

Rassismus und Unterdrückung in den USA, Faschismus und Antikommunismus, die Vorbereitungen zum Zweiten Weltkrieg … all das sind wichtige Themen.

Hopkins Zeit der Legenden spricht einige dieser Fragen unmittelbar an, weist auf andere hin, weicht einer anderen Kategorie jedoch wiederum aus.

Der Film leidet generell unter einer gewissen Formelhaftigkeit. James und Branton als Jesse Owens und Ruth Solomon wird wenig Raum zum Atmen gelassen. Das Auf und Ab ihrer konventionellen Beziehung gibt wenig Aufschluss über ihre Persönlichkeit oder den Umständen der damaligen Zeit. Auch Owens Affäre mit einer Frau, die er auf der Straße trifft, als er bereits ein berühmter Sportler war oder die Beziehung zu seinem Trainer schaffen da wenig Abhilfe. Owens wird gewissermaßen als eine Art Heiliger dargestellt, auch wenn einige seiner Schwächen gestreift werden.

Der dramatische Bogen von Zeit der Legenden ist vorhersehbar – anfängliche Schwierigkeiten, erste Erfolge, Krise und Misserfolg und letztlich der Triumph. Selbst wenn Zuschauer im Vorfeld nichts darüber wüssten, wie Owens in Berlin abgeschnitten hat, wäre es nicht schwer für sie vorauszusehen, was kommen würde.

Jason Sudeikis als Larry Snyder

Sudeikis als Snyder ist eindrucksvoller. Der Komiker hat in einer Reihe von Werken höchst amüsant gespielt, aber (z. B. in den Horrible Bosses Filmen) drohte Selbstgefälligkeit seine Bemühungen zu sabotieren. Hier als Owens´ harter aber fairer Trainer ist er recht überzeugend. Irons trifft den Charakter immer sehr gut, obwohl das Portrait von Brundage vernichtender hätte sein können. Kross (Der Vorleser) als Luz Long ist ebenso bemerkenswert wie Metschurat als drohender, monströser Goebbels und Andrew Moodie in der kleinen Rolle von Owens schon lange leidendem Vater.

Es ist ein Verdienst des Films, dass er sich nicht mit Identitätspolitik befasst, sondern einem eher „altmodischen“ liberalen Humanismus verpflichtet ist. Trotz des englischen Titels Race (deutsch: Wettkampf oder auch Rasse) propagiert der Film eine gewisse Solidarität von Juden, Schwarzen und deutschen Hitlergegnern gegen Hitler und profaschistische Amerikaner.

Diese Herangehensweise hat deutliche Defizite. Hopkins Darstellung diverser rassistischer und antisemitischer Episoden, die durchaus bewegend sind, entbehren weitgehend einer historischen Dimension oder eines grundlegenden Verständnisses der beteiligten gesellschaftlichen Kräfte.

Zu den schwächsten Aspekten in Zeit der Legenden gehört die Haltung des Films zu verschiedenen politischen oder moralischen Prinzipien: Erstens die Behandlung der Fragen, die im Zusammenhang mit der Teilnahme oder dem Boykott der USA an der Berliner Olympiade aufkommen, zweitens die Entscheidung Owens´ teilzunehmen oder zu Hause zu bleiben und schließlich bei der Frage des Ausschlusses jüdischer Sportler vom Staffellauf und die Reaktion des übrigen olympischen Teams der USA darauf.

In jedem dieser Fälle geben Hopkins und die Drehbuchautoren Joe Shrapnel und Anna Waterhouse Rechtfertigungen für die jeweiligen eigennützigen Entscheidungen, die von den Charakteren getroffen werden. Damit führen sie die Erzählung zu ihrem unaufhaltsamen Ende fort. Das wirkt pragmatisch und prinzipienlos. Besonders Owens steigt immer wieder moralisch unversehrt aus all dem Elend empor.

Das wäre nicht nötig gewesen. Ein Film mit mehr historischen Einsichten als Zeit der Legenden hätte einen ehrlicheren Weg finden können, um den Widersprüchen und konkreten historischen Hindernissen gerecht zu werden, die die Wirklichkeit abbilden, ganz ohne Mythologie.

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