Indien macht Pakistan für Angriff auf Stützpunkt in Kaschmir verantwortlich

Von V. Gnana
22. September 2016

Am Sonntag wurden siebzehn indische Soldaten getötet und mindestens zwanzig weitere schwer verletzt, als eine indische Militärbasis in Uri angegriffen wurde. Der Stützpunkt befindet sich nahe der Demarkationslinie, die de facto die Grenze zwischen Indien und Pakistan in der umstrittenen Kaschmirregion darstellt.

Die Kämpfe dauerten von etwa 5:30 Uhr bis 8:30 Uhr morgens und alle vier involvierten Angreifer sind Berichten zufolge tot. Die indischen Behörden reagierten, indem sie die bereits massive Sicherheitspräsenz im Kaschmirtal weiter „erhöhten“.

Die Spannungen in Südasien haben sich deutlich erhöht, seit die USA Indien zu einem Frontstaat in ihrem Kriegskurs gegen China machen wollen. Zudem nehmen in Kaschmir selbst soziale und politische Unruhen zu. Unter diesen Bedingungen erhöht der Anschlag vom Sonntag die Gefahr eines umfassenden Kriegs in Asien.

Zurzeit hat noch keine Organisation die Verantwortung für den Angriff von Uri übernommen. Indien beschuldigte dennoch sofort Pakistan, verantwortlich zu sein, und schwor, die getöteten Soldaten zu rächen.

Seit Wochen kochen die Spannungen zwischen Indien und Pakistan hoch. Neu-Delhi startete eine diplomatische Offensive, die Pakistan für die brutale Unterdrückung ethnisch-nationalistischer Aufstände in Belutschistan ins Visier nimmt. Es reagiert damit auf die Massenunruhen in Jammu und Kaschmir, dem einzigen indischen Bundesstaat mit muslimischer Mehrheit, sowie auf die Stärkung der bereits engen pakistanisch-chinesischen Beziehungen. Impliziter Bestandteil dieser Kampagne ist die Bereitschaft Indiens, eine Zerstückelung Pakistans zu unterstützen. Es wird erwartet, dass der indische Premierminister Narendra Modi die Kampagne in diese Woche der Generalversammlung der Vereinten Nationen vorlegen wird.

Die indische Armee beschuldigte die getöteten Angreifer des Stützpunktes in Uri, der pro-pakistanischen kaschmirischen Islamistengruppe Jaish-e Mohammed (JeM) anzugehören. Sie behauptete, die JeM-Kämpfer hätten den Weg über den von Pakistan kontrollierten Teil der umstrittenen Kaschmirregion genommen und ihren Angriff auf die Militärbasis von der Seite gestartet, die am weitesten von der Demarkationslinie entfernt und mutmaßlich am schlechtesten geschützt ist.

„Erste Berichte deuten darauf hin, dass die getötetem Terroristen Jaish-e Mohammed angehörten“, sagte der Generaldirektor für militärische Operationen der indischen Armee, Generalleutnant Ranbir Singh. „Es wurden vier AK-47-Gewehre und vier Unterlauf-Granatwerfer sowie eine große Anzahl kriegstauglicher Munition bei ihnen sichergestellt.“

Vertreter der indischen Regierung, aktive und ehemalige Militärführer sowie die Presse reagierten auf den Anschlag von Uri mit kriegerischem Säbelrasseln.

„Ich versichere der Nation, dass die für diesen verabscheuungswürdigen Angriff Verantwortlichen nicht ungestraft bleiben werden“, beteuerte Premierminister Modi, während sein Innenminister Rajnath Singh über Twitter verlauten ließ: „Pakistan ist ein terroristischer Staat und sollte als solcher kenntlich gemacht und isoliert werden.“

Zahlreiche Stellungnahmen von Personen aus dem Establishment unterstrichen, dass ein Wendepunkt erreicht worden sei.

Während Modi mit den Spitzen seiner Sicherheitsbehörden über die nächsten Schritte beratschlagte, erklärte der Generalsekretär der regierenden hindu-chauvinistischen Partei BJP, Ram Madhav: „Die Tage der sogenannten Strategie der Zurückhaltung sind gezählt. Wenn Terrorismus das Werkzeug der Schwachen und Feigen ist, dann maskiert Zurückhaltung angesichts wiederholter Terrorangriffe nur Ineffizienz und Inkompetenz.“

Seine Kommentare fanden ein Echo bei Shekar Gupta, dem ehemaligen Herausgeber des Indian Express: „Wenn Pakistan glaubt, der Angriff von Uri werde die übliche indische Nichtbeachtung nach sich ziehen, dann ist das eine Wahnvorstellung. Das jetzige Indien hat sich von seiner alten strategischen Zurückhaltung verabschiedet.“

Mächtige Elemente innerhalb des indischen Militärs und auch hindu-rassistische Gruppen, die eine wichtige Basis für die BJP darstellen, fordern seit Langem, dass Indien einen von Pakistan unterstützten Angriff mit einem grenzüberschreitenden Schlag beantworten solle. Islamabad signalisierte, es werde jede solche Aktion als gleichbedeutend mit einem Kriegsakt verstehen. Damit erhöht sich das Risiko, dass eine indische „Vergeltung“ rasch zu einem offenen Krieg zwischen den beiden rivalisierenden atomar bewaffneten Staaten führt.

Eine der Stimmen im Chor kriegslüsterner Kommentare ist die von Generalleutnant Ranbir Singh. Er sagte, das indische Militär sei bereit, „angemessen“ auf „jede Bösartigkeit des Gegners zu reagieren.“

Obwohl seit Langem verdeckte Beziehungen zwischen islamistischen anti-indischen Gruppen aus Kaschmir und Teilen des pakistanischen Geheimdienstes bestehen, wies Pakistan die indischen Vorwürfe einer Beteiligung zurück. „Indien beschuldigt sofort Pakistan, ohne dass eine Untersuchung durchgeführt wurde. Wir weisen dies zurück“, sagte der Sprecher des Außenministeriums Nafees Zakaria.

Laut einer Stellungnahme des pakistanischen Militärs sind die Beschuldigungen „unbegründet und verfrüht“. Islamabad bekräftigt darin seine Haltung, dass Pakistan anti-indischen Aufständischen aus Kaschmir nicht mehr erlaube, von der pakistanischen Seite der Demarkationslinie aus das indisch kontrollierte Kaschmir zu infiltrieren.

Washington veröffentlichte eine Stellungnahme, die den Angriff von Uri verurteilte und die amerikanische strategische Partnerschaft mit Indien bestätigte. Aber ein Kommentar zu Neu-Delhis Behauptung, dass Pakistan verantwortlich sei, fand sich darin nicht. Der Sprecher des US-Außenministeriums John Kirby sagte, Washington verurteile „aufs Schärfste“ den Angriff. „Unser Beileid gilt auch den Opfern und ihren Familien.“ „Die Vereinigten Staaten“, fügte Kirby hinzu, „sind ihrer starken Partnerschaft mit Indien verpflichtet, um den Terrorismus zu bekämpfen.“

Der Anschlag in Uri unterstreicht die reaktionäre Rolle sowohl der verschiedenen pro-pakistanischen islamistischen Milizen, die die soziale Unzufriedenheit der Massen in Kaschmir mit der indischen Regierung ausnutzen, als auch der kriegerischen Antwort der Regierung in Neu-Delhi. Die daraus resultierenden Konflikte werden die spalterischen regionalen Spannungen auf dem indischen Subkontinent weiter befeuern und die Gefahr eines Kriegs zwischen den beiden Atommächten Pakistan und Indien erhöhen.

Ein solcher Krieg hätte katastrophale Konsequenzen. Aufgrund der zunehmenden militärstrategischen Diskrepanz zwischen Indien und Pakistan hat Islamabad taktische Atomwaffen entwickelt. Neu-Delhi signalisierte darauf, dass Indien die nukleare Schwelle für überschritten halte, wenn Pakistan „Gefechtsfeld“-Atomwaffen entwickele; das heißt, Indien ist darauf vorbereitet, mit thermonuklearen Waffen zu antworten.

Indien und Pakistan gerieten erstmals 1947-48 wegen Kaschmir kriegerisch aneinander, nachdem das ehemalige Britisch-Indien in ein überwiegend muslimisches Pakistan und ein überwiegend hinduistisches Indien aufgeteilt worden war. Kaschmir stand zudem im Mittelpunkt des zweiten der drei erklärten Kriege zwischen Indien und Pakistan, außerdem in dem 1999 offiziell nicht erklärten Kargil-Krieg.

In den vergangenen Jahren wurde die Region als „nuklearer Krisenherd“, sogar als „gefährlichster nuklearer Krisenherd der Welt“ bezeichnet. Der Grund dafür ist die vergiftete Rivalität zwischen den Bourgeoisien Indiens und Pakistans, die es geschafft haben, sich selbst mit Atomwaffen auszurüsten, obwohl es ihnen nicht gelingt, der übergroßen Mehrheit der Bevölkerung Südasiens eine Lebensgrundversorgung zu garantieren.

Die Explosivität des Kaschmirkonflikts wird außerdem durch die zunehmende Bedeutung dieser Region für China erhöht. Peking baut eine Pipeline und einen Transportkorridor von Westchina durch das von Pakistan kontrollierte Kaschmir zum Hafen von Gwadar in Belutschistan, das am Arabischen Meer liegt. Für Peking hat dieser chinesisch-pakistanische Wirtschaftskorridor große strategische Bedeutung. Er würde es erlauben, die amerikanischen Pläne zu unterlaufen, im Falle eines Krieges oder einer Krise eine Wirtschaftsblockade gegen China einzurichten, in welcher die Durchgangspunkte am Indischen Ozean und dem Südchinesischen Meer besetzt werden.

Der Anschlag von Uri ereignete sich zu der Zeit, als indische Sicherheitskräfte gewalttätig Massenproteste gegen die indische Verwaltung von Kaschmir unterdrückten.

Seit mehr als zwei Monaten wird das indisch verwaltete Kaschmir von heftigen Unruhen gebeutelt. Fast täglich kommt es zu Protesten und Zusammenstößen mit Sicherheitskräften, die schon zu tödlicher Gewalt geführt haben. Es sind die schlimmsten Unruhen seit 2010. Über 85 Menschen wurden bei den fast täglichen anti-indischen Protesten und bei den Ausgangssperren getötet, die nach der Ermordung von Burhan Wani, einem Islamistenführer der propakistanischen Hisbul-Mudschaheddin-Miliz, verhängt worden waren.

Am Samstag weigerten sich tausende Menschen, die Ausgangssperre einzuhalten und beteiligten sich an der Beerdigung des elfjährigen Schuljungen Nasir Shafi, dessen Leiche mit Schrotkugeln übersät aufgefunden wurde. Berichten zufolge setzte die Polizei Tränengas gegen die Trauernden ein.

Die Zentrale Polizeireserveeinheit, eine indische Paramiliz, erklärte dem Obersten Gerichtshof von Jammu und Kaschmir, dass sie seit 32 Tagen 1,3 Millionen Schrotkugeln abgefeuert haben.

Ein kaschmirischer Arzt, der seinen Namen nicht nennen will, sagte Al Jazeera: „Ich habe zum ersten Mal so viele durch Schrotkugeln verletzte Menschen gesehen. Schrotkugeln wurden auch bei den Protesten von 2010 eingesetzt, aber diesmal setzen sie [die Regierungskräfte] sie umfassend ein. […] Wir bekommen fast täglich Patienten mit Schrotverletzungen und viele von ihnen verlieren ihre Sehkraft.“

Ein anderer Arzt aus einem Krankenhaus in Srinagar, der Hauptstadt des indisch verwalteten Kaschmirs, sagte, in den vergangenen 72 Tagen sei 756 Menschen mit Schrot in die Augen geschossen worden.

In diesem gefahrvollen Kontext steigert der Anschlag auf den Stützpunkt von Uri die militärischen Spannungen in der Region und weltweit. Während Washington dem chinesische Regime im Süd- und Ostchinesischen Meer aggressiv begegnet, baut es Indien als Gegengewicht zu China in der Region des Indischen Ozeans auf.

Als Modi sich im Juni dieses Jahres mit dem amerikanischen Präsidenten Barack Obama traf, gaben sie eine gemeinsame Erklärung heraus, laut der die militärische Zusammenarbeit im Indischen Ozean und den asiatischen Pazifikregionen sowie auf allen „Gebieten…zu Land, zu Wasser, in der Luft und im Cyberspace“ verstärkt werden solle.

Vergangenen Monat unterzeichnete Indien eine Vereinbarung, die dem US-Militär Zugang zu indischen Häfen und Militärstützpunkten für Belieferung, Reparaturen und Erholung verschafft. Washington seinerseits erkannte Indien als „Wichtigen Verteidigungspartner“ an, was bedeutet, dass Indien jetzt die moderne amerikanische Waffentechnik kaufen darf, die nur den engsten Verbündeten des Pentagons zugänglich ist.

Pakistan, das sich immer schriller werdender Töne bedient, warnte, dass das zunehmend besser gedeihende indisch-amerikanische Bündnis das Kräfteverhältnis in Südasien aus dem Gleichgewicht bringe, einen atomaren Rüstungswettlauf befördere und Indien ermutige, aggressiver zu handeln.

Doch Washington ignorierte diese Bedenken glattweg und verlangt von Pakistan, mehr zu tun, um die amerikanische Besetzung Afghanistans zu unterstützen. Außerdem ermunterte es Indien hinter verschlossenen Türen, in seinen Beziehungen zu Peking den chinesisch-pakistanischen Wirtschaftskorridor zu einem Hauptthema zu machen und dies damit zu begründen, dass der Korridor die indische Souveränität verletze. Sowohl Neu-Delhi als auch Islamabad behaupten, ganz Kaschmir gehöre rechtlich zu ihnen.

Pakistan und China rücken angesichts des sich verstärkenden strategischen Bündnisses zwischen Indien und den USA immer näher aneinander ran.

Der indisch-pakistanische Konflikt, der auf diese Weise mit der amerikanisch-chinesischen Konfrontation verwoben wird, gewinnt dadurch zusätzliche Sprengkraft.