Ein Blick auf die DDR-Kunst der 80er Jahre

Zur Berliner Ausstellung „Gegenstimmen“

Von Bernd Reinhardt und Verena Nees
24. September 2016

Aus Anlass des 40. Jahrestages der Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann aus der DDR ist im Berliner Martin-Gropius-Bau noch die Ausstellung Gegenstimmen – DDR von 1976 bis 1989 zu sehen. Sie umfasst bisher wenig oder nicht ausgestellte Kunst aus der Übergangszeit bis zum Mauerfall und der Wiedervereinigung.

Jürgen Schäfer: Umarmung, 1989. Courtesy the artist © Eric Tschernow, Berlin

Noch 2009 war in der deutschen Kunstschau 60 Jahre 60 Werke kein Bild eines DDR-Künstlers zu sehen, weil man der Meinung war, in der DDR hätte es nur Werke gegeben, die der Doktrin des Sozialistischen Realismus folgen. Die jetzige Korrektur erfolgt nicht ohne Hintergedanken. Der Veranstalter, die konservative, regierungsnahe Deutsche Gesellschaft, zu deren prominenten Mitgliedern auch Angela Merkel und der letzte Regierungschef der DDR Lothar de Maizière gehören, will laut Katalog vor allem eine "dissidentische Kultur hervorheben, die unversöhnlich dem real existierenden Sozialismus gegenüberstand".

Die Kuratoren Eugen Blume und Christoph Tannert waren Teil der DDR-Kunstszene und teilen den plumpen Antikommunismus des Veranstalters offenbar nicht ganz. Gegenstimmen, erklären sie im Katalog, hätte es immer gegeben, im staatlich geförderten Sektor, wie auch außerhalb. Die meisten dieser Künstler sympathisierten "mit der Idee des Sozialismus, ohne Anhänger der SED Ideologie zu sein oder die Maßnahmen des 'vormundschaftlichen Staates' gutzuheißen", schreibt Tannert im Vorwort zum Katalog. Einige Künstler, die sich bereit erklärten, ihre Werke für die Ausstellung zur Verfügung zu stellen, verstünden sich bis heute nicht als "Gegenstimme".

Die Ausstellung umfasst 160 Gemälde, Multimedia-Arbeiten, Fotogafien, Objekte und Skulpturen. Die unterschiedlichen Kunstformen und Stile reichen von Werken, die sich an die Kunst des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts anlehnen – die Dresdner Brücke-Künstler, den Expressionismus von Beckmann, die neuen Sachlichkeit oder auch Picasso, die in der DDR eine Zeitlang als formalistisch verunglimpft wurden – bis zu Pop-Art, Installationen und Performance, die stark vom westdeutschen Aktionskünstler Joseph Beuys beeinflusst sind.

Im Großen und Ganzen vermittelt die Ausstellung eine Atmosphäre der Desillusion. Optimistische SED-Losungen, die den Bildern zum Kontrast teilweise vorangestellt wurden, wirken aus der Welt gefallen: Durchhalteparolen, denen die Fotografin Ute Mahler das unmittelbar Menschliche, Private entgegensetzt. Man kann ihren Schwarz-Weiß-Fotos den Aufruf der Malerin Angela Hampel von 1988 voranstellen, zum „Verbindlichen“ zurückzukehren. Im ständigen Reden über die großen Weltprobleme drücke sich die Flucht vor dem Naheliegenden, vor den Alltagsfragen aus, so Hampel.

Doch mit der Abwendung von den „Weltproblemen“ waren auch die Antworten auf das Naheliegende und die Alltagsprobleme nur schwer zu finden, denn im DDR-Alltag widerspiegelten sich die ungelösten Probleme des 20. Jahrhunderts. Viele Werke der Ausstellung zeigen, dass diese „Rückkehr zum Naheliegenden“ den Blick auf die unmittelbare Umgebung des DDR-Bürgers beschränkte, was auch zur Folge hatte, dass viele Künstler, von der Wende überrascht, der westlichen Propaganda von Demokratie und Freiheit auf den Leim gingen.

Ein Foto aus Ute Mahlers Serie Zusammenleben, die sie 1988 vollendete, zeigt ein älteres Arbeiterehepaar, das sich auseinandergelebt hat. Sie sitzen auf der Couch. Vor der Frau steht ein Weinglas, sie blickt an ihrem Mann vorbei aus dem Bild. Ihr Mann greift nach einer Flasche Schnaps. An der Wand hängt ein billiger Blumendruck in Goldrahmen. Es sind keine strahlenden „Helden der Arbeit“ mehr. Sie wirken abgearbeitet und müde.

„Eberswalder Straße“ (1985), ein Foto aus Harald Hauswalds Serie Alltag (1978–1989) bildet das Schaufenster eines Kurzwarenladens ab. Im Zentrum ein großes Plakat zum 1. Mai 1982, von dem der übliche Bauarbeiter optimistisch herabblickt, darunter die Losung: „Alles für das Wohl des Volkes und den Frieden“. Im Kontrast dazu: aufgereihte Hosenträger, bestickte Deckchen, Sofakissen und das Hinweisschild: „Laufmaschen Reparaturannahme hier“. Das ist die Welt normaler Werktätiger, scheint der Künstler uns etwas ironisch mitzuteilen: eine eher kleine, ambitionslose Welt.

Eine Gruppe Heim-Jugendlicher im FDF-Hemd aus Christiane Eislers Serie Jugendwerkhof Crimmitschau (1982/83), schaut uns an. Im Hintergrund eine Wandzeitung mit der Aufschrift: „Massenmord an Wehrlosen“. Vielleicht haben sie sie gestaltet. Gestalter der Gesellschaft sind sie nicht.

Offensichtlich von der westdeutschen Studentenbewegung und den Ideen der Frankfurter Schule beeinflusst sind Fotos der Arbeit Schlachthaus Berlin 1986–1988 von Jörg Knöfel. Sie war bereits in der von uns besprochenen Ausstellung „Geschlossene Gesellschaft“ im Jahr 2013 zu sehen. Auf den Fotos scheinen sich die Arbeiter in einem Schlachthaus der industriellen Tötungsmaschine stumpf unterzuordnen. Hier wird ein generelles Unbehagen von Künstlern gegenüber der Arbeiterklasse, oder sogar Abkehr, spürbar.

Auf einige Künstler übte der Kunstbegriff des Aktionskünstlers Joseph Beuys große Faszination aus. Er lehnte die marxistische Auffassung der Klassengesellschaft und des Klassenkampfs strikt ab. Stattdessen appellierte er an die Kreativität aller Menschen. Er erklärte, jeder sei ein Künstler, der an seinem Arbeitsplatz kreativ sei und die Gesellschaft als „soziale Plastik“ gestalte. Für deren Krise machte er stumpfes Konsum- und Wohlstandsdenken verantwortlich.

Beuys Vorstellungen passten gut zur Auffassung einiger Dissidenten. Sie hoben den Intellektuellen über den unkreativen Bürokraten in Partei und Betrieb hinaus, und vor allem über die graue Masse, die sich scheinbar nur für Prämien und Lohnerhöhungen, kaum für Arbeitsqualität und Umweltschädigung interessierte. Der DDR-Aktionskünstler Erhard Monden bezog bei seinen Aktionen Baustellen mit ein und diskutierte mit Arbeitern über Freiheit und künstlerische Verantwortung im Sinne von Beuys.

Unter der Überschrift „Ein Platz für Bäume“ (1978) folgt auf einem Plakat von Manfred Butzmann aus der Serie Heimatkunde die bildliche Anleitung für das Pflanzen von Bäumen in Ost-Berlin, mit Angaben, welche Freiräume dafür genutzt werden können. In Westberlin hatte der Aktionskünstler und Pazifist Ben Wagin, der sich wie Beuys sich im Umfeld der Grünen bewegte, mit seinen Baumpflanzaktionen für Aufsehen gesorgt.

Etwas kurios wirkt Butzmanns Plakat-Aufruf: „Bürger! Lass das Auto sein“ (1988) – schließlich hatten viele DDR-Bürger, gegen die sich die Konsum-Kritik richtete, kein Geld für ein Auto; ganz abgesehen davon, dass Autos Mangelware waren. Von Sendungsbewusstsein zeugen Fotos der Kunst-Aktion Parallelaktion Ich bin ein Sender, ich strahle aus, an der neben Kurator Eugen Blume und Erhard Monden auch Joseph Beuys vom Westen aus teilnahm, da man ihm die Einreise in die DDR verweigerte. Mit der Aktion sollte wohl eine kreative Überwindung der Mauer durch Künstler in Ost und West angedeutet werden.

Abgesehen von dem Einfluss, den Beuys ausübte, zeigen die ausgewählten Werke wenig Auseinandersetzung mit internationaler Kunst, auch wenig mit internationalen Themen. Die Gegenstimmen, so die Kuratoren, seien freigeistige, grenzüberschreitende, alternative, sogar Counterkultur gewesen – aber nur innerhalb der DDR. Der Katalog hebt hervor, dass es kaum Auseinandersetzung mit Kunst aus anderen osteuropäischen Ländern oder der Sowjetunion gegeben hätte. Offenbar sahen viele Künstler der 80er Jahre in der Existenz der Sowjetunion nichts Inspirierendes mehr.

Der Betrachter der Ausstellung wird somit eher Augenzeuge eines Katz- und Mausspiels zwischen Künstler und DDR-Bürokratie.

Viele Arbeiten hinterlassen den Eindruck unmittelbarer Reaktion auf die verlogenen Phrasen der SED im Namen des Sozialismus und des historischen Fortschritts. Das Gegenmotto scheint zu sein. Es lebe die alle Grenzen niederreißende, ungehemmte Kraft der Emotion. Das Foto „Hartwig Ebersbach“ (1986/87) von Karin Wieckhorst zeigt einen Maler. Er wirkt winzig inmitten seiner großen abstrakt-expressiven Bilder: vulkanische Gefühlsausbrüche, die die Enge des Ateliers förmlich sprengen.

In Peter Grafs Stillleben Alles zum Wohle des Volkes (1980) erscheint die DDR als Gefängnis. Zu sehen ist eine der typischen, mit rotem Tuch ausgelegten Partei-Vitrinen, wie man sie aus Betrieben kennt, mit der Parteilosung: Alles zum Wohle des Volkes. Links steht ein Bier, auf dem eine tote Fliege schwimmt, rechts ein halbes gebratenes, unappetitliches Hähnchen. Der Blick durch das rote Tuch ins „Freie“ wird durch Eisengitter verhindert. Dass der Künstler das Bild 1982 ernsthaft für eine offizielle Ausstellung einreichte, aus der es erst unmittelbar vor Ausstellungsbeginn entfernt wurde, weist darauf, dass Veränderungen in der Luft lagen.

Performance Via Lewandowsky, Berlin, 1989 © Jochen Wermann

Andere Arbeiten sind von der Punk-Kultur beeinflusst. Die Dresdner Künstlergruppe um Petra Kasten mit ihren reinen Nonsens- und Spaßprojekten bedient sich Techniken der früheren Surrealisten. Ein Video über das freie Dresdner SUM-Theater verdeutlicht die Vorstellung, nicht Leben aus der Distanz abbilden oder analysieren zu wollen, sondern durch den künstlerischen Prozess selbst im Leben aufzugehen.

Eine Reihe von Fotos schließlich lässt meinen, die Urheber hätten der äußeren Welt völlig den Rücken gekehrt, um sich nur ihren inneren Beklemmungen und Grenzüberschreitungen zu widmen, wobei, wie bei ähnlichen Tendenzen im Westen, die Frage der sexuellen Identität eine wichtige Rolle spielt.

Die Künstlerin Cornelia Schleime wehrt sich gegen ein Gefühl des Erstickens. Ihr Kopf steckt in einer Plastiktüte, bei einem anderen Bild ist er mit Geschenkband umwickelt. Ein Foto zeigt die Tänzerin Fine Kwiatkowski, die oft mit Freejazz-Musikern auftrat, bei einer Performance inmitten des Publikums, in eine Folie gehüllt, Isolation symbolisierend. Der Performance Künstler Via Lewandowsky ist im Ballettröckchen zu sehen, während Micha Brendel sich bei der Performance Der Mutterseelenalleinring (1989) mit einem spitzen Gegenstand selbst quält. 

Cornelia Schleime: Aus einem Soll-und-Haben-Bildtagebuch, 1982. Courtesy the artist © Bernd Borchert, Berlin

Nicht alles in der Ausstellung bleibt auf den engen Blickwinkel der DDR beschränkt. Sehr beeindruckend gerade angesichts der heutigen Kriege ist zum Beispiel die Bodenplastik Ohne Titel (1982) von Anatol Erdmann, Stefan Reichmann und Hans Scheib, die 1982 im Ostberliner Treptower Park ausgestellt wurde. Sie betont das menschliche Leid, das Kriege erzeugen. Die halb in der Erde liegenden Figuren wecken Assoziationen an KZ- und Kriegsopfer.

Zu den positiven Aspekten der Ausstellung gehört auch der Eindruck, dass es aus dieser Zeit noch Einiges zu entdecken gibt. Die 80 Künstler, von denen Werke zu sehen sind, machen nur einen kleineren Teil der DDR-Kunstszene aus. Zu denjenigen, die völlig im Verborgenen blieben, weil sie nie öffentlich ausstellen konnten, gehört der Maler Wasja Götze. Sein interessantes Bild Stilleben mit ungebetenem Gast (1978) ist inspiriert von westlicher Pop-Art und zeigt seine Wohnstube mit einem menschlichen Schatten am Wohnungseingang – ein Stasi-Mann.

Die Deutsche Gesellschaft behauptet in ihrem Vorwort zum Katalog, aus den Reihen der dissidentischen Künstler seien jene hervorgetreten, die 1989 „maßgeblich die politische Realität beeinflussten und gestalteten“, sich gar an die Spitze der „revolutionären Prozesse setzten“.

Doch die Ausstellung sagt eher etwas über das ungesunde geistige und künstlerische Klima in den letzten Jahren der DDR aus. Manch eine oder einer aus dieser Kunstszene trieb tatsächlich an die Spitze der Massenbewegung, die sich 1989 in der DDR entwickelte, wie die 2010 verstorbene Malerin und Mitbegründerin des Neuen Forums Bärbel Bohley, von der kein Bild gezeigt wird. Sie bezeichnete die große Demonstration vom 4. November 1989 in Berlin als eine Performance, die Beuys gefallen hätte.

Diese Äußerung von Bohley, die nach der Wiedervereinigung an der Seite strammer Antikommunisten in der CDU stand, macht deutlich, wie wenig „revolutionär“ oder fortschrittlich diese Szene war. Sie und manche andere sahen in der Wiedereinführung des Kapitalismus in der DDR mit all seinen schrecklichen Folgen für die Arbeiterklasse den Weg für die künstlerische Selbstverwirklichung.

Mit der „Idee eines Sozialismus, ohne Anhänger der SED-Ideologie zu sein“, wie die Kuratoren sagen, hatten solche Standpunkte nichts zu tun, stattdessen mit subjektiv idealistischen und postmodernen Theorien, wie sie im Westen seit den 1968ern die Kunstszene dominieren.

In einer interessanten Randnotiz des Katalogs erfahren wir, dass sich die Underground Literaturszene vom Prenzlauer Berg intensiv mit postmodernistischen Strömungen auseinandersetzte – unter dem wachsamen Auge der Stasi.

Nicht jeder Künstler war mit den Positionen des Liedermachers Biermann einverstanden, der nach seiner Ausbürgerung und insbesondere nach der Wiedervereinigung scharf nach rechts ging und Kriegsbefürworter beim Kosovo- und Irak-Krieg wurde. Doch die meisten gerieten ins Fahrwasser der kapitalistischen Propaganda 1989/90. Sie rebellierten gegen die Fesseln der politischen Gängelung und warfen damit auch die sozialen Errungenschaften der Arbeiter aus dem Fenster.

Zu wünschen wäre, dass bei künftigen Ausstellungen auch Künstler zu Wort kommen, die sich mit der DDR-Wirklichkeit vom progressiven Standpunkt auseinandergesetzt haben, statt sich von der Arbeiterklasse ab- und der subjektiven Befindlichkeit des Individuums zuzuwenden.

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