Streik bei Eurowings legt innerdeutsche Flüge lahm

Von Dietmar Henning
28. Oktober 2016

Der 24-stündige Streik der Flugbegleiter bei Eurowings hat gestern fast den gesamten Flugbetrieb der Lufthansa-Billigtochter lahmgelegt. Nach Angaben der Fluglinie sind nahezu alle innerdeutschen Flüge ausgefallen, auch europäische Flüge wurden beeinträchtigt. Am Standort der Hauptverwaltung der Eurowings Aviation in Köln fand eine Kundgebung der Unabhängigen Flugbegleiter Organisation (Ufo) mit 150 Beschäftigten statt.

Insgesamt wurden 393 von 551 Eurowings-Flüge vor allem in Düsseldorf, Köln/Bonn, Stuttgart, Hamburg und Berlin gestrichen. Die großen Lufthansa-Drehkreuze Frankfurt und München waren von dem Streik nicht betroffen.

Bei dem Streik gehe es „nicht um das Erkämpfen von Luxusprivilegien“, erklärte Ufo, „sondern um die Frage, wie die enorme Belastung durch tarifliche Vereinbarungen abzufedern ist.“

Eurowings hatte Berichte verbreitet, den Flugbegleitern sei eine Gehaltserhöhungen von durchschnittlich sieben Prozent angeboten worden, und nebenbei hinzugefügt, dass sich dieses Angebot auf eine Laufzeit von drei Jahren und drei Monaten beziehe.

Ufo-Tarifvorstand Nicoley Baublies erklärte: „Dass Eurowings uns mit einem Gehaltsplus von sieben Prozent entgegen gekommen sei, ist nur medial verbreitet worden. Wir haben dieses Angebot nie erhalten.“ Ufo fordert in der Tarifauseinandersetzung neben einer Erhöhung des Gehalts auch eine ähnliche Altersvorsorge und Gewinnbeteiligung wie in anderen Lufthansa-Töchtern.

Ursprünglich dachte der Eurowings-Vorstand, er könne den Ausstand in Grenzen halten, da nur die rund 400 Kabinen-Crew-Mitglieder der deutschen Eurowings GmbH mit ihren 23 Maschinen daran teilnehmen könnten.

In den seit langem laufenden Tarifverhandlungen hatte Ufo mehrfach mit Streiks gedroht und für Montag und Dienstag sogar Streiks angekündigt. Doch sie war immer wieder auf neue Angebote seitens der Geschäftsleitung eingegangen. Die für Anfang der Woche geplanten Streiks sagte sie kurzfristig ab, um erneut zu verhandeln. In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch wurden die Verhandlungen dann ergebnislos abgebrochen. Mittwochmittag kündigte Ufo die Arbeitsniederlegung an.

Wenig später rief Ufo überraschend auch ihre Mitglieder bei der größeren Lufthansa-Tochter Germanwings zu einem 24-stündigen Streik auf. Germanwings, das langfristig in Eurowings überführt werden soll, fliegt 58 Eurowings-Flugzeuge im Rahmen eines so genannten Wet-Lease-Vertrags. Dabei mietet Eurowings die Flugzeuge mitsamt Crews. Gestern waren daher 81 der 92 Eurowings-Flugzeuge vom Streik betroffen – und nicht nur 23.

Ufo nutzte einen offenen Tarifvertrag über Regelungen zur Teilzeitarbeit bei Germanwings und erklärte die Verhandlungen darüber am Mittwochabend für gescheitert. So ist es nun auch den Ufo-Mitgliedern bei Germanwings rechtlich möglich zu streiken.

Am vergangenen Sonntag hatte Ufo seinen Mitgliedern bei Germanwings mitgeteilt, dass die Geschäftsleitung „trotz anderslautender Ankündigungen und einer erneuten Aufforderung unsererseits kein verhandlungsfähiges Angebot“ zur Regelung der Teilzeitarbeit vorgelegt habe. Auch hier hatte Ufo die Geschäftsführung noch einmal aufgefordert, für Montag und Dienstag mit der Gewerkschaft zu verhandeln. „Sollten auch diese Termine nicht wahrgenommen werden, bzw. kein verhandlungsfähiges Angebot vorgelegt werden, müssen wir darüber beraten, ob ein Arbeitskampf ausgerufen werden muss, um den nötigen Druck auf dieses Thema zu bekommen.“

Das geschah nun am Mittwochabend. Baublies verteidigte gestern den Streik im Morgenmagazin des ZDF: „Am Ende stehen bei beiden die gleichen Ziele und das gleiche Management dahinter.“ Sollte die Fluggesellschaft kein Entgegenkommen zeigen, könne es zu weiteren Streiks kommen. Schon am Abend zuvor hatte er gegenüber der Deutschen Presseagentur dpa von zwei Tagen Streik gesprochen.

Eurowings drohte sofort, gerichtlich gegen den Streik vorzugehen. „Wir werden jetzt juristisch untersuchen, wer für diesen Streik die Verantwortung trägt, und behalten uns entsprechende rechtliche Schritte vor“, sagte ein Eurowings-Sprecher der dpa.

Der Streik sei unverhältnismäßig. Ufo habe einen „scheinbaren Konflikt“ um Teilzeitmodelle genutzt, um auch die größere Teilgesellschaft Germanwings „über Nacht und ohne jede Vorwarnung streikfähig zu machen“, sagte der Sprecher.

In Wahrheit ist der Streik mehr als berechtigt. Die Eurowings-Crews wehren sich dagegen, dass ihre ohnehin niedrigen Löhne, Renten und schlechten Arbeitsbedingungen immer weiter absinken. Wenn der Streik „unverhältnismäßig“ war, dann im umgekehrten Sinne. Die aktuelle Auseinandersetzung ist Folge der Lufthansa-Strategie, die Entgelte und Arbeitsbedingungen aller 120.000 Lufthansa-Beschäftigten auf das Niveau der Kollegeninnen und Kollegen der Billigtochter Eurowings zu drücken. Verhältnismäßig wäre ein Streik aller Lufthansa-Beschäftigten.

Ufo ist mit der Einbeziehung der Germanwings-Crews dem Versuch des Lufthansa-Konzerns einen kleinen Schritt entgegengetreten, die Beschäftigten durch die ständige Aufsplitterung in Tochtergesellschaften gegeneinander auszuspielen und so Dumping-Löhne durchzusetzen. Bislang waren die Beschäftigten der einzelnen Gesellschaften und zudem die einzelnen Beschäftigtengruppen im Kampf gegen den Lufthansa-Konzern jeweils auf sich allein gestellt.

Die Gewerkschaften, auch die als Alternative zur DGB-Gewerkschaft Verdi entstandenen Spartengewerkschaften wie Ufo, Vereinigung Cockpit (VC, Piloten) und andere hatten diese Spaltung bisher akzeptiert. Das hatte zur Folge, dass alle Tarifkämpfe fein säuberlich getrennt und eine Belegschaft nach der anderen in die Knie gezwungen wurde.

Der gegenwärtige Streik macht deutlich, wie dringend es ist, alle Beschäftigten des Lufthansa-Konzerns und alle Beschäftigten in der Luftfahrtindustrie grenzüberschreitend zur Verteidigung und Verbesserung ihrer Gehälter, Renten und Arbeitsbedingungen zu vereinen.

Es wird immer klarer, dass die Interessen der Aktienbesitzer der Airlines nicht mit denen der Beschäftigten in Einklang zu bringen sind. Die berechtigten Forderungen der Beschäftigten, die unter wachsenden Schwierigkeiten die gesamte Arbeit im Unternehmen abwickeln, dürfen nicht länger den Profitinteressen der Kapitaleigner untergeordnet werden.

Die Gewerkschaften lehnen diese prinzipielle Verteidigung der Interessen der Beschäftigten ab und verfolgen eine Nadelstich-Taktik, um einen Kompromiss zu schließen, der letztlich immer in Richtung Sozialabbau führt.

Die DGB-Gewerkschaften, wie Verdi in der Luftfahrt, stehen uneingeschränkt auf Seiten der Konzerne und treten gegenüber den Belegschaften als Ordnungsmacht und Betriebspolizei auf, um jegliche Opposition schon im Keim zu ersticken. Sie sind dadurch bei den meisten Beschäftigten zu Recht verhasst.

Doch auch die Spartengewerkschaften akzeptieren sowohl den marktwirtschaftlichen Status Quo als auch den nationalstaatlich-organisierten Rahmen. Sie ordnen sich den so genannten Sachzwänge des internationalen Markts und den Wettbewerbsbedingungen unter. Statt alle Beschäftigten der Luftfahrindustrie zur Unterstützung des Streiks aufzurufen, wendet sich Ufo an die Geschäftsführung und bittet um neue Verhandlungen.

In einer Ufo-Mitteilung heißt es: „Es liegt nun in den Händen der Geschäftsleitung, weitere Streiks zu verhindern oder zu beenden. Konstruktiven und fairen Angeboten oder Vorschlägen stehen wir stets offen gegenüber.“

Die Spartengewerkschaften mögen bislang noch nicht ganz so korrupt und skrupellos sein, wie die DGB-Gewerkschaften. Eine Alternative zu Verdi und Co. bieten sie nicht.