Marokko: Proteste nach dem Tod eines Fischverkäufers

Von Alex Lantier
4. November 2016

Am Mittwoch ist es in der marokkanischen Stadt Al-Hoceima erneut zu größeren Protesten gekommen. Am vergangenen Freitag war hier der 31-jährige Fischverkäufer Mouhcine Fikri nach einer Auseinandersetzung mit der Polizei getötet worden.

Am Wochenende demonstrierten während Fikris Beerdigung Zehntausende nicht nur in Al-Hoceima, sondern auch in den großen Städten des Landes, darunter in Casablanca, in der Hauptstadt Rabat, in Fes, Marrakesch und Agadir. Fikris Tod wurde oft mit dem Selbstmord des jungen tunesischen Händlers Mohamed Bouazizi verglichen, der sich Anfang 2011 selbst verbrannt hatte, nachdem die Polizei sein Obst und Gemüse beschlagnahmt hat. Daraufhin begannen in Tunesien Massenproteste, die schließlich zum Sturz von Präsident Zine El-Abedine Ben Ali führten.

Fikri starb bei einer Auseinandersetzung mit Polizisten und Beamten der Aufsichtsbehörde, die eine Ladung Schwertfische beschlagnahmen wollten. Fikri hatte die Schwertfische im Wert von etwa 11.000 Dollar gekauft, obwohl deren Fang im Herbst verboten ist. Da die Hafenbehörde von seinem Kauf wusste, reagierte er empört, als Polizei und Beamte der Fischereibehörde versuchten, die Ladung zu beschlagnahmen.

Fikri versuchte mehrere Stunden lang, mit den Behörden zu verhandeln und die Zerstörung der Fische zu verhindern. Letzten Endes erklärten sie den Fang jedoch für beschlagnahmt und ordneten seine Zerstörung in der Presse eines Mülltransporters an. Fikri und mehrere Freunde begaben sich in die Müllpresse, um die Ware herauszuholen.

Daraufhin ließen die Beamten die Müllpresse einschalten, während Fikri herauszuklettern versuchte. Ein Passant filmte das grauenhafte Spektakel mit seinem Handy.

Bilder der Ermordung, auf denen Fikris Kopf und einer seiner Arme aus der Müllpresse ragen, gerieten schon nach kurzer Zeit ins Netz. Am Sonntag, dem Tag von Fikris Beerdigung, kam es in ganz Marokko zu Massenprotesten.

In Al-Hoceima riefen die Demonstranten unter anderem Parolen wie „Mouhcine ist ein Märtyrer“ und „Nieder mit dem Makhzen“, dem politischen System Marokkos, an dessen Spitze die von den USA und den europäischen Mächten unterstützte Monarchie von König Mohammed VI. steht.

Sie zogen von Al-Hoceima, wo Fikri arbeitete, zu der nahegelegenen Gemeinde Imzouren, aus der seine Familie stammte.

Bei den Demonstrationen wurde die Berberflagge verwendet, die in der Region um das Rifgebirge als Symbol des Protests gegen die arabischstämmige Monarchie gilt. Al-Hoceima war im Jahr 1920 der Schauplatz einer Revolte gegen die spanische Kolonialherrschaft. 1958 kam es hier zu einem Aufstand gegen die Schließung der Grenze mit dem benachbarten Algerien, das damals seinen Unabhängigkeitskrieg gegen Frankreich führte. Kronprinz Moulay Hassan, der spätere Mohammed V., schlug diesen Aufstand mit 30.000 Soldaten nieder. Später wurde die Region vom marokkanischen Regime dann dauerhaft benachteiligt.

Allerdings haben sich die derzeitigen Proteste weit über das Rifgebirge ausgedehnt und sich zu einem Ausdruck sozialer Wut über die Bedingungen in Marokko sowie zu einer politischen Widerstandsbewegung gegen das Makhzen entwickelt. Abdessamad Bencherif, ein Journalist aus Al-Hoceima, erklärte gegenüber Le Monde: „Das hätte auch in jeder anderen Stadt des Landes passieren können. Hier in Al-Hoceima hat es nur eine stärkere symbolische Dimension.“

Bei Demonstrationen in den Großstädten des Landes äußerten zehntausende ihren Widerstand gegen die „Hogra“, d.h. gegen die ungestrafte Unterdrückung der Bevölkerung durch die Monarchie und die Behörden.

Der explosive Charakter der Klassenkonflikte in Nordafrika und seine revolutionären Implikationen treten im politischen Leben wieder in den Vordergrund. Die marokkanische Monarchie erinnert sich noch genau an die revolutionären Massenkämpfe der tunesischen und ägyptischen Arbeiterklasse im Jahr 2011 und versucht verzweifelt, die Kontrolle über die Situation zu behalten und die Unmutsäußerungen der Bevölkerung in Grenzen zu halten.

König Mohammed VI. schickte seinen Innenminister Mohammed Hassad zur Familie des Toten, um ihr das Beileid des Königs auszusprechen. Das Innenministerium versprach eine Untersuchung und erklärte: „Unser König will nicht, dass sich solche Vorfälle in unserem Land wiederholen [...] Die Untersuchung soll sicherstellen, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.“ Weiter erklärte das Ministerium, der König habe eine „detaillierte und umfassende Untersuchung“ angeordnet.

Ministerpräsident Abdelilah Benkirane forderte derweil ein Ende der Proteste gegen die Ermordung. Benkiranes Partei, die islamistische Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (PJD), äußerte ihre „Anteilnahme wegen dieses bedauerlichen Vorfalls“ und wies ihre Mitglieder an, in keiner Weise auf Protestaufrufe zu reagieren.

Die Partei der Authentizität und Modernität (PAM), die mit der Monarchie direkt verbündet ist, bezeichnete den Vorfall als „Tragödie“ und forderte die Bestrafung der Verantwortlichen.

Seither wurden laut einem Kommuniqué der Staatsanwaltschaft an die offizielle Presseagentur MAP „zwei Beamte der Behörden, ein Delegierter sowie der Dienststellenleiter der Meeresfischereibehörde und der Chefarzt des tierärztlichen Dienstes“ verhaftet.

Allerdings deutet alles darauf hin, dass diese Untersuchung nur dazu dienen soll, nicht nur die lokalen Behörden reinzuwaschen, sondern vor allem die Armut und die Unterdrückung der Bevölkerung durch die Monarchie zu übertünchen, die einer der gefügigsten Verbündeten des amerikanischen und europäischen Imperialismus in der Region ist.

Zeugen behaupteten, die Beamten hätten absichtlich den Befehl gegeben, die Müllpresse einzuschalten, als Fikri sich noch darin befand. Die Staatsanwaltschaft behauptete dagegen, die Tat erfülle den Tatbestand der fahrlässigen Tötung.

Letztendlich wurden elf Personen in Untersuchungshaft genommen und wegen fahrlässiger Tötung und „Betrug bei der Vorbereitung öffentlicher Dokumente“ angeklagt, weil die Anweisung, Fikris Schwertfische im Mülltransporter zerstören zu lassen, nicht rechtskräftig aufgesetzt worden war.

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