Die Kriegsbriefe von Clara Zetkin

Von Sybille Fuchs
30. Dezember 2016

Clara Zetkin: Die Briefe 1914 bis 1933. Band 1. Die Kriegsbriefe 1914-1918, Hrsg. Marga Voigt, Karl Dietz Verlag Berlin, 2016.

Zetkins Kampf gegen den Verrat der Zweiten Internationale

Es ist angesichts der aktuell wachsenden Kriegsgefahr zu begrüßen, dass erstmals eine vollständige Ausgabe der Kriegsbriefe von Clara Zetkin erscheint. Macht diese Vorkämpferin des internationalen Sozialismus doch darin immer wieder klar, dass der Kampf gegen Krieg und Militarismus untrennbar mit dem für den Sozialismus und die Abschaffung des kapitalistischen Ausbeutungssystems verbunden ist.

Die Kriegsbriefe 1914-1918

Wie Clara Zetkin im Dezember 1914 an ihre niederländische Freundin und Briefpartnerin, eine führende Genossin der Internationale der Sozialistischen Frauen, Heleen Ankersmit schreibt:

„Wir müssen uns nicht darüber täuschen, dass dieser Kampf für die Freiheit des arbeitenden Volks zugleich die fruchtbarste Vorarbeit und die beste Bürgschaft für den Frieden der Völker auf dem Erdenrund ist. Mahnt nicht gerade der jetzige Krieg daran, dass der Klassengegensatz zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten in den Nationen die Wurzel der Feindschaft, die letzte Ursache der Kriege zwischen den Völkern ist?“ (S. 30)

Als 1914 die Führungsspitze der Sozialdemokratischen Partei alle bis dahin von Sozialisten vertretenen Prinzipien verriet, den Krieg und den „Burgfrieden“ befürwortete und im Reichstag dem Kaiser die Kriegskredite bewilligte, gehörte Clara Zetkin zusammen mit ihrer Genossin und engen Kampfgefährtin Rosa Luxemburg und Franz Mehring zu den wenigen führenden Parteimitgliedern, die sich offen hinter Karl Liebknecht stellten und ihn in seinem Kampf gegen den Krieg unterstützten.

Dieser Verrat ließ Clara Zetkin „fast wahnsinnig werden und an Selbstmord denken“. (S. 62) Doch sie nahm trotz ihrer zerbrechlichen Gesundheit alle Kräfte zusammen, um unter den denkbar ungünstigsten Bedingungen ihren Kampf für Frieden und Sozialismus fortzusetzen.

Unmittelbar nach Kriegsbeginn hatten Rosa Luxemburg und Franz Mehring 300 Telegramme an Genossen und Genossinnen geschickt, um einen Protest gegen die Bewilligung der Kriegskredite zu organisieren. Clara Zetkin war die einzige, die antwortete. In einem Brief vom 5. August an Rosa Luxemburg und Franz Mehring lehnt sie jedoch eine spontane Protesterklärung der wenigen Sozialdemokraten, die sich gegen den Verrat der Reichstagsfraktion gewandt hatten, aus taktischen Gründen ab, weil diese allein darauf hinauslaufe, die persönliche Ehre zu wahren.

Sie schreibt:

„In diesem Augenblick geht es aber um mehr als die persönliche Ehre. Dieser Krieg mit seinen Folgen leitet eine Weltumwälzung ein… Aber wir müssen jetzt mehr als je kühl denken und handeln. Ach, wenn Ihr wüsstet, wie schwer es mir ist, Euch solch kühle Vernunft zu predigen.“ (S. 18)

Ihre politische Betätigung ist unter dem von der Regierung verhängten „Belagerungszustand“ mit strikter Zensur äußerst kompliziert und wird durch die staatlichen Behörden – ganz besonders durch die württembergischen – streng überwacht. Besonders prekär wird ihre Lage dadurch, dass die sozialdemokratische Führung im Rahmen des „Burgfriedens“ eng mit den Behörden zusammenarbeitet und die Schikanen gegen sie noch verstärkt. Immer wieder muss sie ihre Korrespondenten darauf hinweisen, dass ihre Post kontrolliert und von den Behörden gelesen wird. Mit den Tricks und Methoden politischer Arbeit unter Bedingungen der Illegalität war Clara Zetkin seit ihrer Emigration in die Schweiz während der Bismarckschen Sozialistengesetze bereits vertraut. Sie ließ sich daher auch nach 1914 nicht so leicht einschüchtern.

Während des gesamten Kriegs reißen die Verfolgungen und Schikanen gegen sie nicht ab. Ihre Briefe werden geöffnet und erreichen ihre Empfänger oft gar nicht. Sie muss alle möglichen Tricks anwenden, um ihre weitgefächerte Korrespondenz abzusichern: Deckadressen, persönliche Beförderung durch Vertrauenspersonen, Verwendung von Decknamen für bekannte Persönlichkeiten etc. Geplante Treffen oder Konferenzen werden als „Konzerte“ oder „Familenfeste“ codiert, der Empfang von Briefen wird durch offene Postkarten mit unverfänglichen Danksagungen quittiert.

Unmittelbar nach Kriegsausbruch findet bei Clara Zetkin, die in Sillenbruch bei Stuttgart lebt, bereits die erste Hausdurchsuchung statt. Als Grund dafür wird absurderweise angegeben, dass sie (feindliche) Russen beherbergt habe, obwohl sie seit ihrer Jugend als kompromisslose Kämpferin gegen den Zarismus bekannt ist. Ihr erster Mann hatte wegen antizaristischer Tätigkeit aus Russland fliehen müssen. In den schwäbischen Dörfern werden wilde Gerüchte über sie verbreitet, „die an die schaurigen Märchen der Pogrome erinnern …Russen sollen im Auto ausgerechnet in dieser Gegend herumfahren, um das Trinkwasser zu vergiften, im Remnat sollen sie versucht haben, einem Rinde Gift zu geben usw..“ (S. 79)

Sozialistische Fraueninternationale gegen Krieg und Sozialistische Frauenkonferenz in Bern

Unmittelbar nach Kriegsausbruch entfaltet Zetkin eine umfangreiche konspirative Antikriegs-Korrespondenz mit Genossen und Freunden sowie vor allem mit Vertreterinnen der von ihr 1907 gegründeten Sozialistischen Fraueninternationale, die im Gegensatz zur bürgerlichen Frauenbewegung den Kampf für die Frauenrechte als integralen Bestandteil des Kampfs für den Sozialismus betrachtet.

Zu ihren wichtigsten Briefpartnerinnen gehören die Niederländerin Heleen Ankersmit, die Freundin Lenins Ines Armand, Alexandra Kollontai, Angelika Balabanova, Adelheid Popp und das Vorstandsmitglied der SPD, Luise Zietz. Zusammen mit dem Schweizer Sozialdemokraten Robert Grimm und Balabanova organisiert sie eine internationale Frauen-Konferenz, an der Frauen aus kriegführenden wie aus neutralen Ländern teilnehmen, um zu diskutieren, welchen Beitrag die Sozialistinnen für den Frieden leisten können.

Der SPD-Führung teilt sie mit, sie werde diese Konferenz organisieren „mit oder ohne den Segen der Partei, ja sogar mit dem Fluch des Parteivorstands beladen“. Unermüdlich schreibt sie zur Vorbereitung Briefe und sucht sichere Mittel und Wege, um sie zuzustellen. Darin empfiehlt sie immer wieder die Lektüre von Trotzkis Broschüre „Der Krieg und die Internationale“. (S. 62)

Die Konferenz findet schließlich im März 1915 in Bern statt. Erst im September kommt es zur Zimmerwalder Konferenz der Linkssozialisten.

Die Erklärung „An die Genossinnen aller Länder“

Die von Zetkin verfasste Erklärung „An die Genossinnen aller Länder“ wird von der Konferenz verabschiedet. Darin stellt sie fest:

„Der jetzige Weltkrieg hat seine Ursache in dem kapitalistischen Imperialismus. Er ist letzten Endes heraufbeschworen worden durch die Bedürfnisse der ausbeutenden und herrschenden Klassen in den einzelnen Ländern. Im Konkurrenzkampf miteinander versuchen diese ihre Ausbeutung und Herrschaft über die Grenzen des Heimatstaates hinaus auszudehnen und dadurch gleichzeitig ihre Ausbeutung und Herrschaft über die besitzlosen Volksgenossen daheim zu befestigen und zu verewigen. … An die Stelle des Klassenkampfes der Arbeiter für die Hebung ihrer Lage und die einstige Befreiung setzt er den nationalen ‘Burgfrieden’ an die Stelle der internationalen Solidarität der Proletarier aller Länder den internationalen Brudermord.“ (S. 209-212)

Die Resolution fordert die Proletarierinnen auf,

„keine Zeit und keine Gelegenheit zu versäumen, durch Massenkundgebungen jeder Art ihr internationales Selbstbewusstsein und ihren Friedenswillen zu bekunden. Der Krieg weist mit dem Kampfe für den Frieden den Frauen eine gewaltige Aufgabe zu. Wenn sie begriffen und erfüllt wird, kann dies von der größten Tragweite für die Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts um das Ringen für den Sozialismus werden.“

Sie schließt mit den Worten:

„Die Friedensaktion der sozialistischen Frauen muss Vorläuferin einer allgemeinen Bewegung der werktätigen Massen für die Beendigung des Brudermordens sein. Sie muss einen wichtigen Schritt vorwärts bedeuten zum Wiederaufbau der einen großen Arbeiterinternationale.“ (S. 209-211)

Der Konferenzort Volkshaus Bern 1915

Gerne hätte Zetkin eine weitere Konferenz veranstaltet, denn alle Frauenprobleme wurden durch den andauernden Krieg verschärft und neue kamen hinzu, da viele Frauen die Arbeitsplätze von Männern, die an der Front standen, übernehmen mussten. Ihre Bezahlung war jedoch weit geringer und sie hatten bei weitem nicht die gleichen Rechte. Dazu kam die immer schwieriger werdende Ernährungslage. Daraus leitet sie die Aufgaben für eine nächste Frauenkonferenz ab, zu der es aber nicht kam.

„Für alle die hier auftauchenden Forderungen heißt es künftig für uns Frauen in internationaler Front arbeiten und kämpfen, für diesen Kampf die Proletarierinnen selbst mobilisieren und in ihm die Arbeiterparteien und Arbeiterorganisationen vorantreiben. Die Internationalität dieses Kampfes kann sich nicht mehr auf den Ausdruck gemeinsamer Auffassungen, Beschlüsse, Wünsche beschränken, sie muss fruchtbares Arbeiten, Handeln sein. Die Frauen dürfen sich für die betreffenden Aufgaben nicht in sklavischer Disziplin von den allgemeinen Parteien abhängig machen, sie müssen innerhalb dieser die notwendige Bewegungsfreiheit haben, um zielsetzend und energisch voranzuschreiten.“ (S. 314)

Kampf gegen Zensur und Bespitzelung

An zwei Fronten kämpft Zetkin unermüdlich, trotz der Behinderungen durch Krankheiten und Schikanen für die Zeitschrift Die Gleichheit, die sie seit 1892 redigierte. Einerseits versucht sie, ihre politische Linie gegen den Parteivorstand zu behaupten. Anderseits werden häufig ganze Artikel von der Zensur gestrichen oder so verstümmelt, dass ihnen jeder Sinn genommen wird. Selbst Artikel oder Passagen, die in anderen Zeitungen in Deutschland bereits erschienen waren, werden von der württembergischen Zensurbehörde beanstandet und gestrichen. Anfangs versuchte sie, die gestrichenen Stellen durch weiße Flecken oder Punkte kenntlich zu machen, aber auch dies wurde verboten. Sie beschwert sich darüber in einem Brief vom 11. März 1916 an den Reichstagsabgeordneten Wilhelm Dittmann.

„Dann entdeckte die Zensur, dass dadurch der Bestand und die Sicherheit des Deutschen Reichs gefährdet ist. Die Zensur bewirkt also durch ihr Walten, dass der Inhalt geradezu blödsinnig wird, ferner, dass er über die Auffassung und Stellungnahme der Gleichheit täuscht … Der Schuldigste an den ganz unerträglichen Zuständen ist die Sozialdemokratie, die sich freiwillig als politischer Machtfaktor ausschalten [ließ] und zu einem Anhängsel der bürgerlichen Parteien und zu einer Schutztruppe des sogenannten Burgfriedens gemacht hat.“ (S. 223f)

Im Mai 1917, nach der Spaltung der SPD und Zetkins Beitritt zur USPD, wird ihr von Friedrich Ebert die Redaktion der Gleichheit entzogen, die damit „aufhört, das internationale Organ der Frauen zu sein“. (S. 322) Sie versucht in eigener Regie stattdessen ein Zirkular herauszugeben, muss sich aber schließlich darauf beschränken, eine Frauenbeilage der Leipziger Volkszeitung zu redigieren. Darin schreibt sie in dem Artikel „Abschied von der Gleichheit“, der Kern ihrer „Maßregelung“ durch den SPD-Vorstand sei „der unüberbrückbare Gegensatz in der grundsätzlichen Überzeugung von dem, was seit Kriegsausbruch Pflicht und Ehre den Bekennern des internationalen Sozialismus gebieten“.

Sie werde in dieser Zeit „von früh bis spät durch Spitzel bewacht“. „Alle Deckadressen sind unbrauchbar geworden in Folge von Einberufung oder Verhaftung,“ schreibt sie am 1. Juli 1917 an Franz Mehring. Sie hat aber eine Möglichkeit gefunden, einen ausführlichen unzensierten Brief mit dem dringenden „Wunsch nach Aussprache und Verständigung mit den Freunden und Genossen“ in Berlin zu schicken. In diesem Brief nimmt sie Stellung zu der „zahmen Opposition“ auf der Stockholmer Konferenz, zur russischen Februarrevolution, in die sie große Hoffnungen setzt, und zur geplanten zweiten Zimmerwald-Konferenz, die nur unter bestimmten Voraussetzungen Gutes bewirken könne.

Sie verurteilt scharf die Neigung zu „Kuhhändeln und Kompromissen“ von USPD-Leuten wie „Haase, Kautsky, Ledebour und tutti quanti“. Sie fordert eine „Abrechnung, ein jüngstes Gericht“ mit der Zweiten Internationale insbesondere deren deutscher Fraktion.

„Diese Konferenz muss den Herren die sozialistischen Masken vom Gesicht reißen und sie in ihrem bürgerlich-nationalistischen Gesicht zeigen. Die USP sich selbst überlassen wird – so fürchte ich nach den seitherigen Erfahrungen – die Abrechnung und Demaskierung weder mit der erforderlichen grundsätzlichen Klarheit und Schärfe noch mit der nötigen taktischen unerbittlichen Wucht vollziehen. … Oder um es auf gut schwäbisch zu sagen: Diese Opposition hat zuviel Dreck am Stecken, um ein unbeugsames und unerbittliches Richteramt zu üben.“

Auch an deren ausländischen Gesinnungsgenossen lässt sie kein gutes Haar. Sie fordert Mehring auf, er solle der Opposition „grundsätzliche Klarheit und Wucht geben, ihr Richtung und Ziel festhalten, ihr Rückgrat sein“.

Mögliche Einwände weist sie zurück:

„Wir müssen klären und vorantreiben, die ‘reinliche Scheidung’ zum inneren Abschluss bringen. Nicht wegen der führenden oder richtiger Geschobenen. Nein, gewiss nicht! Sondern wegen der Massen, die mit den Umlernern oder mit den zahmen Oppositionellen gehen. Lediglich auf sie muss es uns ankommen, wenn wir politisch kämpfen und nicht bloß propagieren wollen.“ (S. 339)

Verhaftung und Krankheit

Wegen eines Artikels in der von Rosa Luxemburg und Franz Mehring seit April 1915 herausgegebenen Zeitschrift Die Internationale wird sie angeklagt. Der Name der Zeitschrift lehnte sich an die Gruppe Internationale an, zu der sich unmittelbar nach Ausbruch des Krieges einflussreiche und weithin bekannte Politiker der SPD, die den „Burgfrieden“ ablehnten, zusammengeschlossen hatten. Zetkin soll in diesem Artikel zu „Gewalttätigkeiten, Widersetzlichkeiten gegen die Staatsgewalten und allem möglichen aufgereizt haben“. Sie vermutete zunächst, dass es nicht zum Prozess kommen würde, und sah „weiterer Entwicklung der Dinge mit heiterer Ruhe entgegen“. (S. 179)

Sie wird jedoch Anfang August 1915 verhaftet, ins Amtsgefängnis in Karlsruhe gebracht und dort trotz ihres sehr prekären Gesundheitszustandes – sie leidet unter Herzproblemen und häufigen Ohnmachten – bis Mitte Oktober festgehalten. Vorgeworfen wird ihr außer ihrem Artikel in der Internationale die Mitwirkung an der Berner Konferenz und die anschließende Verbreitung der dort verabschiedeten Resolution „Frauen des arbeitenden Volkes!“ als Flugblatt.

In einem Brief an Ankersmit schreibt sie am 7. September 1915:

„Ich glaube mein Euch gegebenes Wort redlich gehalten zu haben. Die Folgen trage ich mit ruhiger Gelassenheit, ja, mit Seelenheiterkeit. Ich bin dieser Sache wegen weder unglücklich noch Märtyrerin, ich nehme sie als selbstverständlich hin, weil ich gehandelt habe, wie die ‘Stimme im Inneren’ mir befahl. Wenn ich etwas bereue, so ist es mit Conrad Ferdinand Meyers ‘Hutten’ dieses:

Mich reut die Stunde, die nicht Harnisch trug;
Mich reut der Tag, der keine Wunde schlug,
Mich reut, ich sag es mit zerknirschtem Sinn,
Dass ich nicht dreifach kühn gewesen bin.“ (S. 197f)

Sie beschwert sich nicht über die Haftbedingungen, nutzt die Zeit zum Studium von Philosophie und Geschichte und „erholt“ sich durch die Lektüre von Goethe, Hölderlin und Shakespeare. Sie darf sogar etwas Redaktionsarbeit machen. An die Freundin und Genossin Marie Geck schreibt sie:

„Ich habe Parteiveranstaltungen ertragen, vor denen ich lieber davongelaufgen wäre als aus dieser Zelle, ich habe Parteidiskussionen ausgehalten, die nicht so anregend waren, wie die Verhöre“ durch den offenbar relativ zugänglichen Untersuchungsrichter.

In einem anderen Brief an die gleiche Adressatin schreibt sie über den 1913 verstorbenen SPD-Führer August Bebel:

„Ich habe in diesen Tagen viel an August gedacht. Ihm ist ein glückliches Los [zu]gefallen. Es ist ihm erspart geblieben, in Wirrungen und Trennungen verstrickt zu werden.“

Mehr Sorgen als um ihre eigene Gesundheit macht sie sich über die ihres Mannes, der für das Rote Kreuz schuftet und natürlich über das Schicksal ihrer beiden Söhne, Maxim und Kostja, die beide eingezogen wurden und im medizinischen Dienst tätig sind. Ganz besonders aber sorgt sie sich um die im Gefängnis sitzende Rosa Luxemburg, um Karl Liebknecht und Leo Jogiches. Von Letzterem schreibt sie unter Decknamen wie „Frau Müller“ oder „Vormund von Mimi“ (der Katze von Rosa Luxemburg).

Nicht nur sie selbst wird von den Behörden schikaniert. Ihr Sohn Maxim, der als Arzt in einem Lazarett an der Front tausende Verwundete operiert, wird aus politischen Gründen nicht befördert. Briefe, in denen ihr Sohn Kostja erwähnt wird, der ebenfalls als Feldarzt tätig ist, werden beschagnahmt, weil ihm darin von Mehring und Luxemburg Grüße ausgerichtet werden, mit denen er seit seines Studiums in Berlin befreundet ist. (S. 202f)

Clara Zetkin (links) mit Rosa Luxemburg im Jahr 1910

Trotz der schwierigen Versorgungslage überall in Deutschland setzt sie nach ihrer Entlassung wegen Krankheit auf Kaution am 12. Oktober alle Hebel in Bewegung, um die verhafteten Genossen zu versorgen. Für Rosa Luxemburg besorgt sie außer Büchern auch allerlei Notwendiges zum Überleben, obwohl sie und ihr Mann kaum für sich selbst ausreichend Lebensmittel auftreiben können. Eier, die sie nach Berlin oder später nach Breslau schicken will, müssen z. B. durch eingezogene Soldaten aus Rumänien geschickt werden. Äpfel, aber auch Vogelfutter und Blumen schickt sie an Rosa. Über all diese Besorgungen und Besorgnisse berät sie sich in zahlreichen Briefen mit Mathilde Jacob, der Sekretärin Rosa Luxemburgs. Auch für Karl Liebknecht versucht sie Notwendiges aufzutreiben.

Zutiefst erschüttert ist sie, als sie erfährt, dass der junge Hans Diefenbach gefallen ist, ein enger Freund ihrer Familie und Rosa Luxemburgs. Sie zögert, es der Freundin mitzuteilen. (S. 355)

Die Bespitzelungen und Beschlagnahme ihrer Post hören nicht auf. Selbst Danksagungen für Wünsche, Geschenke und Ehrungen zu ihrem 60. Geburtstag (am 5. Juli 1917) an in- und ausländische Freunde und Genosssen verschwinden. (S 347f)

Mit Hoffnung blickt sie auf die Geschehnisse in Russland und versucht sich und anderen Mut zu machen.

„In den Wettern und Flammen der gewaltigen weltgeschichtlichen Tat des russischen Volkes leuchtet für das Proletariat aller Länder das ermutigende Wort jener Überzeugung auf, die Berge versetzt: ‘Ihr Kleingläubigen, warum seid ihr so furchtsam?’“

So schreibt sie in einem Aufruf zu einer Maikundgebung 1917. (S. 371) Umso eindeutiger begrüßt sie dann die Oktoberrevolution, obwohl sie nur in wenigen Briefen offen darüber schreiben kann.

Wird fortgesetzt