Verheerende HIV-Epidemie in Russland

Von Clara Weiss
3. Januar 2017

Ein Vierteljahrhundert nach der Auflösung der UdSSR herrscht in Russland eine HIV-Epidemie, die eng mit dem massiven Heroin-Konsum zusammenhängt. Sie ist ein Beleg für die soziale Katastrophe, welche die Restauration des Kapitalismus zur Folge hatte.

Laut Wadim Pokrowski, dem Chef des Föderalen AIDS-Zentrums in Moskau, waren Anfang des Jahres rund 850.000 Russen mit HIV diagnostiziert worden. Etwa 220.000 sind seit den späten 1980er an AIDS gestorben. Seinen Schätzungen zufolge sind etwa eine halbe Million weiterer Russen mit HIV infiziert, aber nicht diagnostiziert worden. Im Jahr 2016 sind schätzungsweise 100.000 neue Erkrankte hinzugekommen.

Das ist mit Abstand die höchste Rate in Europa und entspricht fast einem Prozent der Gesamtbevölkerung Russlands. Nur in der Sub-Sahara in Afrika hat die HIV-Epidemie größere Dimensionen erreicht. Die Entwicklung in Russland verläuft entgegen dem internationalen Trend: Seit 2010 ist die Zahl der neuen HIV-Infektionen laut UNAIDS weltweit um 6 Prozent zurückgegangen. Auch in Afrika konnte die Epidemie größtenteils zumindest gestoppt werden. In der ehemaligen Sowjetunion hingegen stieg sie dramatisch – um 57 Prozent.

In mehreren Regionen ist HIV inzwischen offiziell als Epidemie anerkannt, weil dort mehr als ein Prozent der Bevölkerung infiziert sind. Das gilt unter anderem für den Swerdlowsk Oblast, wo etwa 1,7 Prozent der Bevölkerung HIV haben, sowie für die Oblasti Tomsk, Nowosibirsk, Tscheljabinsk, Samara, Irkutsk, Perm und Krasnojarsk.

Bei fast all diesen Regionen handelt es sich um ehemals wichtige Zentren der Sowjetindustrie. In einigen Gegenden sind laut der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bis zu 5 Prozent der Männer zwischen 20 und 40 mit HIV infiziert. Die russische Gesundheitsministerin Veronika Skworzowa warnt, dass die Epidemie bis 2020 außer Kontrolle geraten und die Zahl der Infizierten bis dahin um 250 Prozent wachsen könnte.

Die Verbreitung des Virus wird dadurch beschleunigt, dass es in Russland in Schulen und im öffentlichen Raum über HIV und über andere sexuell übertragbare Krankheiten keine Aufklärung gibt. Ein noch bedeutenderer Faktor für die horrende Erkrankungszahl ist die Heroin-Epidemie, die seit den 1990er Jahren im Land herrscht.

Die überwiegende Mehrheit der neuen HIV-Infektionen – nach offiziellen russischen Angaben über 54 Prozent, nach anderen etwa zwei Drittel – gehen auf die Nutzung schmutziger Nadeln zurück. Ein Großteil der HIV-Infizierten sind oder waren heroinabhängig. Laut UNAIDS nutzten im Jahr 2013 1,8 Millionen Russen Drogen über Injektionen. Damit lag Russland weltweit an erster Stelle.

Laut dem Medizinjournal The Lancet sind von diesen Drogennutzern 90 Prozent mit Hepatitis C und 24,6 Prozent mit HIV infiziert. Obwohl in Russland mit 146 Millionen Menschen nur etwa 1,9 Prozent der Weltbevölkerung leben, starben in dem Land im Jahr 2010 rund ein Drittel der weltweiten Heroinopfer. Nach Angaben der Föderalen Agentur zur Drogenkontrolle sterben jährlich rund 90.000 junge Menschen zwischen 15 und 34 Jahren an Überdosen. Insgesamt sind in Russland laut staatlichen Angaben zwischen 8 und 9 Millionen Menschen von verschiedenen Drogen abhängig.

Da viele Heroin-Abhängige erst spät von ihrer HIV-Infektion erfahren, kommen jährlich auch tausende Kinder mit HIV zur Welt, da ihre Mütter in der Schwangerschaft nicht rechtzeitig Medikamente nehmen, um die Infektion zu verhindern.

Obwohl der massenhafte Drogenkonsum inzwischen selbst vom Kreml als Problem anerkannt wird – im Jahr 2009 erklärte der damalige Präsident Dmitri Medwedew Drogenabhängigkeit zu einer „Bedrohung für die nationale Sicherheit“ – werden weder die Ursachen noch die Folgen ernsthaft bekämpft. Der Grund dafür ist, dass die verheerende Drogenepidemie eine Folge der kapitalistischen Restauration ist, die die soziale und historische Grundlage der herrschenden Oligarchie bildet.

Der Heroin-Konsum explodierte in den 1990er Jahren in Russland unter Bedingungen einer katastrophalen sozialen Krise. Das Ausmaß der sozialen und wirtschaftlichen Katastrophe, vor der Millionen Arbeiter und junge Menschen praktisch über Nacht standen, ist noch heute schwer vorstellbar. Das russische Bruttoinlandsprodukt brach in den 1990er Jahren um rund 40 Prozent ein, mehr als während der Großen Depression in den USA. Zuletzt hatte es in Russland einen derartigen Wirtschaftszusammenbruch mit dem Angriff der Nazis auf die Sowjetunion gegeben.

Die Hyperinflation, die zwischen 1991 und 1995 10.000 Prozent betrug, stürzte große Teile der Arbeiterklasse und der Mittelschicht in bittere Armut. Während sich eine kleine Schicht von ehemaligen stalinistischen Bürokraten und aufsteigenden Kriminellen hemmungslos bereicherte und in regelrechten Mafia-Kriegen die Kontrolle über die Rohstoffressourcen des Landes ausfocht, konnten Millionen Arbeiter ihre Familien nur ernähren, indem sie ihre Lebensmittel selbst anbauten oder im Wald beschafften. Die Lebenserwartung vor allem für Männer sank dramatisch, während die Kindersterblichkeit und die Suizidraten in die Höhe schnellten. Zwischen 1991 und 2015 nahmen sich schätzungsweise eine Millionen Menschen das Leben.

Besonders Industriezentren wie Jekaterinburg im Ural und sogenannte „Monostädte“ – Industriestädte, die um eines oder wenige Unternehmen herum entstanden waren – wurden sozial verwüstet. Arbeiter bekamen teilweise monatelang keinen Lohn oder nur einen Bruchteil davon. Arbeitslosigkeit, in der Sowjetunion praktisch unbekannt, wurde zu einem ernsthaften sozialen Problem für Millionen von Familien. Auf dem Land erlebten die Menschen mit der Zerschlagung des Kolchosen-Systems einen Kollaps der Agrarwirtschaft und der gesamten sozialen Infrastruktur.

Zu der sozialen Krise kam die politische hinzu: Jahrzehnte stalinistischer Verbrechen und schließlich sein Zusammenbruch hinterließen politische Verwirrung und Perspektivlosigkeit. Die Generation der 15- bis 35-Jährigen, die heute die Mehrheit der Drogenabhängigen und HIV-Infizierten ausmacht, wuchs unter diesen Bedingungen der sozialen Verwüstung und politischen Desorientierung auf. Die Drogen sind zum verzweifelten Ausweg von Millionen geworden, für die es unter diesen Bedingungen keine soziale und politische Perspektive gab.

Der Zugang zu Heroin ist in Russland schon seit den 1990er Jahren verhältnismäßig einfach und billig. Das Nachbarland Afghanistan, durch den Krieg in den 1970er Jahren destabilisiert, wurde zu einem Zentrum des internationalen Drogenhandels und produziert inzwischen rund 90 Prozent des weltweit hergestellten Heroins. Aufgrund der geringen Entfernung war die Substanz relativ billig. Zudem waren – und sind bis heute – bedeutende Teile des Staatsapparats, insbesondere der Polizei, in den Drogenhandel involviert.

Experten schätzen, dass immer noch über 40 Prozent der russischen Wirtschaftsleistung aus der Schattenwirtschaft stammen, die neben illegalen Einnahmen aus dem Energiesektor auch Menschen- und Drogenhandel sowie Prostitution umfasst.

Seit den frühen 2000er Jahren verbreitete sich zudem rasch ein hochgiftiges Heroin-Substrat, genannt Krokodil, das billig auf der Basis von einfachen Substanzen aus der Apotheke hergestellt werden konnte. Schätzungen gehen davon aus, dass in Russland seit 2002 zwischen einer und drei Millionen Menschen von Krokodil abhängig geworden sind. Sie haben eine durchschnittliche Lebenserwartung von nur einem Jahr und sterben für gewöhnlich auf extrem schmerzhafte Weise, da die Droge den Organismus von innen zersetzt.

Seitdem die Regierung die Substanzen, aus denen Krokodil hergestellt wird, im Jahr 2012 verboten hat, sind die offiziellen Zahlen wieder leicht rückläufig. Inzwischen hat sich die Droge jedoch auch in Westeuropa, Lateinamerika und vor allem in den USA verbreitet, wo sich in den vergangenen Jahren ebenfalls unter Bedingungen einer massiven sozialen Krise eine Heroin-Epidemie entwickelt hat.

Gleichzeitig ist es in kaum einem Land so schwer, aus der Abhängigkeit wieder herauszukommen, wie in Russland. Daran ist erstens die anhaltende soziale Krise Schuld, die sich infolge der westlichen Sanktionen seit 2014 noch verschlimmert hat. Zweitens bietet das Gesundheitswesen, das seit dem Zusammenbruch in den 1990er Jahren chronisch unterfinanziert ist, fast keine Hilfestellung für Abhängige.

Im Jahr 2015 gab es laut Moscow Times landesweit gerade einmal vier staatliche Institutionen für Drogenabhängige, die insgesamt nur 200 Plätze anboten. Die Therapie auf Grundlage von Methadon als Heroin-Ersatz – international als effektivste und schonendste Therapie für Heroin-Abhängige anerkannt – ist in Russland verboten.

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