Streikende Busfahrer in Hessen: „Angebot ist ein Hohn“

Von Marianne Arens
19. Januar 2017

Seit zehn Tagen streiken die hessischen Busfahrer gegen brutale Ausbeuterbedingungen. Am Dienstagabend hat der Landesverband Hessischer Omnibusunternehmer (LHO) ein Angebot vorgelegt, das nur als Verhöhnung der Streikenden aufgefasst werden kann.

Dennoch hat die Tarifkommission von Verdi am Mittwoch entschieden, die Verhandlungen mit den Busunternehmen am Donnerstagmorgen wieder aufzunehmen. Gleichzeitig geht der Streik jedoch weiter, „damit Druck auf den Verhandlungen bleibt“, wie es in einer Mitteilung der Verdi-Pressestelle heißt. Es ist offensichtlich, dass es für Verdi unmöglich war, unter den aktuellen Bedingungen den Streik abzubrechen und die Busfahrer an die Arbeit zurückzuschicken.

Streikende Busfahrer in Frankfurt-Griesheim

Das neue Angebot sei „ein reiner Hohn“, so die einhellige Meinung an den Streikposten am Mittwoch. Der LHO hatte ursprünglich provokativ angeboten, den Ecklohn von zwölf Euro pro Stunde stufenweise auf 12,65 Euro anzuheben. Am Dienstagabend bot nun LHO-Geschäftsführer Volker Tuchan zusätzliche 35 Cent an, wobei der Stundenlohn von dreizehn Euro erst ab dem ersten Januar 2019 gelten soll. Der alte Tarifvertrag ist schon seit sieben Monaten ausgelaufen.

„Das ist überhaupt keine Verbesserung. Dafür stehen wir nicht seit zehn Tagen hier in der Kälte!“ kommentierten Busfahrer in Frankfurt. „Wir können von dem Lohn, den sie uns bezahlen, nicht leben. Das muss sich ändern.“ Auch in Gießen stehen sie nach wie vor zu hundert Prozent hinter dem Streik: „Wir machen weiter, bis ein vernünftiges Angebot vorgelegt wird“, sagten Busfahrer dem Gießener Anzeiger.

Die rund 2500 Arbeiter, die zwanzig private Busgesellschaften in Hessen bestreiken, werden von anderen Bus- und Straßenbahnfahrern mit Solidaritätsstreiks unterstützt. In Darmstadt, wo die Tramfahrer seit acht Tagen mitstreiken, ist am Donnerstag ein Versuch des Unternehmens HEAG mobilo gescheitert, mehrere Streikbrecher-Fahrten auf die Gleise zu bringen. Als die Straßenbahn Linie 9 den Betriebshof im Süden von Darmstadt verlassen wollte, verhinderten rund dreißig Arbeiter die Ausfahrt, indem sie sich auf die Gleise setzten und legten. Sie blieben auch dort, als der Geschäftsführer die Polizei holte. Kurz darauf gab das Unternehmen seinen Versuch, den Streik zu brechen, vorläufig auf.

„Diese heftige Eskalation ist schon verwunderlich“, kommentierte ein Sprecher der Nahverkehrsgesellschaft traffiQ in Frankfurt. Zu weiteren Solidaritätsstreiks kam es auch in Gießen, Hanau und Offenbach. Das zeigt, dass viele tausende Arbeiter bereit wären, die Busfahrer zu unterstützen und gleichzeitig gegen ihre eigenen miesen Arbeitsbedingungen aufzustehen.

„Es ist die reine Lohnsklaverei“, sagte Paolo, ein italienischer Busfahrer, am Römerhof-Depot in Frankfurt. „Wir haben in den letzten Tagen viel über die Löhne und über unsere Verantwortung gesprochen. Das Ganze hat sich seit 1995 stark verändert. Mit der Gründung der ICB ist eine Zweiteilung der Fahrer entstanden, und wir sind die unterste Etage.“ Ein Kollege ergänzt: „Sogar die Fahrer bei der Stadtreinigung bekommen mehr Geld. Ist das logisch? Sie fahren Müll, wir fahren lebendige Menschen. Wir müssen uns mit einem echten Hungerlohn begnügen.“

Cansun Otto, seit 39 Jahren Busfahrer, arbeitet bei DB Busverkehr, das mehrere Linien in Frankfurt betreibt. „Ich bin seit 39 Jahren Busfahrer mit Herz und Hand“, sagt Cansun, „aber in den letzten zehn Jahren sind die Bedingungen immer schlimmer geworden.“

Cansun Otto

Die Arbeitszeiten seien völlig überzogen, und die 39,5-Stunden-Woche auf dem Papier betrage in Realität 44 Stunden. „Ein riesiges Problem sind die so genannten gesplitteten Arbeitszeiten“, erklärt Cansun. „Ich muss zum Beispiel von fünf Uhr früh bis um halb elf fahren, dann habe ich mehrere Stunden Pause, dann nochmals drei Stunden Fahrt. Mein Arbeitsweg ist eine Stunde – so bin ich bis zu fünfzehn Stunden von zu Hause weg, erhalte aber nur Geld für neun Stunden.“ Die Arbeit gehe oft zehn Tage hintereinander durch, ohne freie Tage dazwischen. „Im vergangenen Sommer, zur Hochsaison, wurden uns diese Bedingungen aufgezwungen.“

Cansun, der den internationalen Berufskraftfahrschein besitzt, arbeitet seit 1978 als Busfahrer und hat sich selbständig den internationalen Berufskraftfahrschein erworben. Er hat früher Bustouren durch die ganze Welt gemacht, „mit und ohne Anhänger, sogar im Doppeldeckerbus. Eigentlich müsste ich sechzehn Euro in der Stunde bekommen – aber das zählt hier alles nicht.“ Er steht hundertprozentig hinter dem Streik und bezeichnet das Angebot als einen Witz.

Auch die Leserbriefe in den lokalen Tageszeitungen beweisen eine wachsende Unterstützung für die Busfahrer. Ein typisches Beispiel ist der Brief von RL aus Gießen, in dem es heißt: „Es sind nicht die Busfahrer oder Gewerkschafter, auf die man ‚schimpfen‘ sollte. Die nehmen nur ein demokratisches Grundrecht war. Es sind die SWG [Stadtwerke] und daraus resultierend die Stadt Gießen, auf die man ‚schimpfen‘ sollte. Durch ein aberwitziges Firmenkonstrukt von Auslagerung und Leiharbeit ist diese Situation erst entstanden… Noch eine persönliche Anmerkung. Ich bin schwerbehindert und auf den ÖPNV der Stadt zwingend angewiesen, da ich mir Taxi und Minicar nicht leisten kann.“

Ein Artikel in der Frankfurter Rundschau, der die Busfahrer mit der Überschrift: „Sympathien nicht verscherzen“ aufforderte, den Streik abzubrechen, provozierte eine Reihe von Protestzuschriften. Dieser Artikel sei „eigenartig“, schrieb ein Leser. „Den Busfahrern wird zugestanden, dass sie einen einigermaßen ‚anständigen‘ Lohn erhalten sollen, nun sollen sie aber auch einlenken, damit sie nicht die Sympathie der Bevölkerung verlieren. Was soll dieser Quatsch. Die Busfahrer sollen streiken bis sie ein Lohn erhalten, der ihnen und ihren Familien ein normales Leben ermöglicht.“

Ein anderer Kommentar lautete: „Ja ja – so einfach ist die Welt! Genug gestreikt, es ist winterlich kalt und überhaupt sollten die Busfahrer nicht die Sympathien der Bevölkerung verscherzen. Ja aber wieso denn nicht? Ich habe mich selten so über einen FR-Artikel gewundert! Seien wir doch froh, dass es organisierte Beschäftigte gibt, die bereit sind für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen! Die Überschrift des Artikels sollte lauten ‚Solidarität mit den streikenden Busfahrern – haltet durch‘!“

Während wachsende Teile der Bevölkerung den Streik unterstützen und sofort die Verbindung zu ihren eigenen üblen Bedingungen ziehen, führt Verdi den Arbeitskampf auf Sparflamme, mobilisiert nur die direkt betroffenen Busfahrer und weigert sich, ihn auf andere Schichten auszuweiten.

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