Der nukleare Winter: Die verdrängte Wahrheit über einen Atomkrieg

Von Bryan Dyne
24. März 2017

Mehr als dreißig Jahre lang verschleierten amerikanische Politiker und Journalisten bewusst die Gefahren, die bei einem nuklearen Schlagabtausch drohen. Gestützt auf widerlegte Studien aus den 1980er Jahren behaupteten die Politiker, ein atomarer Erstschlag gegen Russland könne „erfolgreich“ durchgeführt werden. Außerdem sei die Gefährdung der Umwelt durch mehrfache atomare und thermonukleare Explosionen – der so genannte „nukleare Winter“ – angeblich „widerlegt“.

Angesichts der Argumente im Stil McCarthys, mit denen Republikaner und Demokraten in den USA gegen Russland und dessen Präsidenten Wladimir Putin hetzen, erscheint eine solche Herangehensweise an einen Kernwaffeneinsatz in einem ganz neuen und sehr gefährlichen Licht. Dazu trägt auch der provokative Aufmarsch von 4000 US- und Nato-Soldaten in Polen und im Baltikum bei, die mit Panzern, Artillerie und Panzerwagen gegen Russland in Stellung gehen. Während sich große Teile der US-Regierung auf einen Krieg gegen das nuklear bewaffnete Russland vorbereiten, verwerfen sie gleichzeitig die Ergebnisse von 34 Jahren wissenschaftlicher Forschung, der zufolge ein Atomkrieg die gesamte Menschheit auslöschen könnte.

Auch die Medien haben diese Sichtweise übernommen. 1987 bezeichnete die Zeitschrift National Review den nuklearen Winter als „falsche Annahme“. 1990 erklärte die New York Times diese wissenschaftlichen Erkenntnisse für „widerlegt“. Im Jahr 2000 führte das Magazine Discover den nuklearen Winter in der Liste der „zwanzig größten wissenschaftlichen Fehlleistungen der Geschichte“. Seitdem ignoriert man größtenteils die Gefahren, die mit einem nuklearen Winter verbunden wären, und drängt die Forscher, die ihn untersuchen, ins Abseits.

Steven Starr

Steven Starr arbeitet als Wissenschaftler daran, der Öffentlichkeit die Folgen eines Atomkrieges aufzuzeigen. Als Experte für die Umweltgefahren von Atomwaffen verfasste er Studien für das Bulletin of Atomic Scientists, wie auch für das Zentrum für Waffenkontrolle, Energie und Umweltstudien am Moskauer Institut für Physik und Technologie (MIPT). Er forscht seit 2001 an den klimatischen Effekten von nuklearen Explosionen.

Steven Starr ist wissenschaftlicher Direktor des klinischen Labors der Universität von Missouri und ein angesehener Wissenschaftler der Organisation Ärzte für Soziale Verantwortung. Seine letzte Veröffentlichung auf der Internetseite der Föderation der amerikanischen Wissenschaftler trägt den Titel: „Turning a Blind Eye Towards Armageddon – U.S. Leaders Reject Nuclear Winter Studies“ (Vor der Weltkatastrophe die Augen verschließen: US-Führer missachten Studien zum nuklearen Winter).

Vor kurzem sprachen wir mit Starr über das Konzept des nuklearen Winters, seine historischen, wissenschaftlichen und politischen Grundlagen und den offensichtlichen Trugschluss, ein Land könnte einen Atomkrieg irgendwie „gewinnen“.

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Bryan Dyne: Könnten Sie uns zuerst etwas über Ihren Hintergrund erzählen und uns erklären, warum Sie sich so intensiv damit beschäftigen, die katastrophalen Konsequenzen eines Atomkriegs bekannt zu machen?

Steven Starr: Das Thema Atomkrieg beschäftigt mich schon seit meinem dritten Schuljahr, seit der Erfahrung mit der Kuba-Krise. Ich erinnere mich an eine Situation, als all meine Lehrer um einen kleinen Schwarzweißfernseher saßen und uns erzählten, dass wir nicht in den Blitz schauen dürften und uns hinter einer Wand niederkauern müssten. Diese „Duck and Cover“-Übungen machten auf mich großen Eindruck.

Später stieß ich auf das Buch von Carl Sagan, das 1990 herauskam: „A Path Where No Man Thought. Nuclear Winter and the End of the Arms Race“ (Weg ins Niemandsland: Nuklearer Winter und das Ende des Rüstungswettlaufs). In dem Buch erklärt Sagan die Erforschung der Atmosphäre in den 1980er Jahren und die klimatischen und ökologischen Folgen eines Atomkriegs. Sagan und vier andere NASA-Wissenschaftler erforschten die globalen Staubstürme auf dem Mars und beachteten besonders die Unterschiede der Oberflächentemperaturen auf dem Mars während eines Staubsturms im Vergleich zu dem Normalzustand. Dann fragten sie sich: „Was könnte auf der Erde etwas Ähnliches verursachen?“ Nur zwei Ursachen kamen dafür in Frage, Vulkanausbrüche oder ein Atomkrieg.

Dadurch erkannte ich, wie gefährlich die atomaren Arsenale der Vereinigten Staaten und Russlands wirklich sind. Sogar mit den einfachen Modellen der Atmosphäre der 1980er Jahre war klar, dass der massive Feuersturm eines Atomkrieges genug Rauch und schwarzen Ruß produzieren würde, um den größten Teil des Sonnenlichts von der Erde fern zu halten. Die ersten Untersuchungen zum nuklearen Winter sagten vorher, dass ein Krieg, der mit den Arsenalen der 1980er Jahren geführt würde, tiefere Temperaturen zur Folge hätte als auf dem Höhepunkt der letzten Eiszeit vor 18 000 Jahren. Die Erde würde praktisch unbewohnbar werden. Neuere Forschungen zeigen, dass die ersten Studien die Konsequenzen eines Atomkrieges sogar unterschätzten.

Diese überprüften Studien von 2007 sagen voraus, dass sogar ein Krieg zwischen Indien und Pakistan, bei dem rund hundert Atombomben über den Städten zum Einsatz kämen, genug Ruß und Rauch in die Atmosphäre schleudern würde, um die Temperaturen unter die niedrigsten Werte der letzten tausend Jahre zu senken. Die Reis-, Mais- und anderen Getreide-Ernten würden für mehrere Jahre deutlich zurückgehen, und nach neueren Schätzungen von medizinischen Experten würde dies den Hungertod von mindesten zwei Milliarden Menschen nach sich ziehen.

Dieser neueren Forschung zufolge würde der heiße Rauch in der Stratosphäre zu einem 20- bis 50-prozentigen Verlust an Ozon über den besiedelten Gebieten der nördlichen Hemisphäre führen. Ein Mensch mit empfindlicher Haut würde dann im Juni innerhalb von sechs Minuten einen schmerzhaften Sonnenbrand erleiden. Und ein Atomkrieg mit den heutigen Nukleararsenalen der Vereinigten Staaten und Russlands würde die Landwirtschaft für mindestens zehn Jahre oder länger unmöglich machen und damit die meisten Menschen zum nuklearen Hungertod verurteilen.

Ende der 1990er Jahre stellte ich mir die Frage, warum das Gebiet nicht weiter erforscht wurde. Seit 1983 hatten sich die nuklearen Waffenbestände stark entwickelt, und auch die Klimamodelle wurden immer verlässlicher. Leistungsfähigere Computer machten es möglich, die Auswirkungen eines ganzen Atomkrieges, nicht nur einer einzelnen Waffe, genauer zu studieren. Ich fand heraus, dass diese Forschung auf vielerlei Art und Weise bewusst unterdrückt wurde.

Als erstes brachte das amerikanische Forschungsinstitut National Center for Atmospheric Research 1986 eine Studie heraus, in der Starley Thompson und Stephen Schneider behaupteten, dass die ursprüngliche Studie über den nuklearen Winter die Masse an Ruß überschätze, die in die obere Atmosphäre geschleudert würde. Thompson und Schneider benutzten ein primitives Modell (mit einem 20-Tage-Testlauf) und behaupteten fälschlicherweise, dass nur 50 Prozent des Rauchs einer Atomexplosion in die Stratosphäre gelangen würden. Der Rest würde einfach abregnen. Diese Studie, die nicht unabhängig geprüft wurde, prägte den Begriff des „nuklearen Herbstes“, um die vorangegangenen Arbeiten ins Lächerliche zu ziehen.

Die Geschichte vom „nuklearen Herbst“ wurde in Foreign Affairs veröffentlicht und dann von vielen Nachrichtenmagazinen wie National Review, dem Wall Street Journal, dem Nachrichtenmagazin Time und der New York Times breitgetreten. Im Jahr 2000 nahm die Zeitschrift Discover den nuklearen Winter sogar in ihre Liste der „zwanzig größten wissenschaftlichen Fehlleistungen der Geschichte“ auf.

Nach dem Erfolg der Schmierenkampagne gegen den nuklearen Winter akzeptierten die meisten Menschen die Lüge als Wahrheit, und die Förderung für neue Untersuchungen trocknete aus. Das hatte einen großen Einfluss auf die Öffentlichkeit, die den Eindruck bekam, dass die Theorie vom nuklearen Winter widerlegt sei. Schließlich verschwand das Thema praktisch aus den Massenmedien.

Dyne: Denken Sie, dass politischer Druck dahinterstand, dass der nukleare Winter zu einem „nuklearen Herbst“ gemacht wurde?

Starr: Die ersten Forschungen über den nuklearen Winter stießen definitiv auf eine Menge Gegenwind aus verschiedenen industriellen und militärischen Kreisen. Man nannte die Wissenschaftler Hochstapler und ihre Forschung „schlechte Wissenschaft“. Ein Grund dafür ist, dass jahrelang Billionen Dollar für Kernwaffen ausgegeben wurden. Wären dagegen die Forschungsergebnisse zum nuklearen Winter, nämlich dass ein Atomkrieg den Selbstmord aller Völker und Nationen bedeuten würde, verbreitet und akzeptiert worden, dann hätte man die gesamte Kernwaffenindustrie ausrangieren müssen.

Die Wissenschaftler wurden unter Druck gesetzt, ihre Forschungen zum nuklearen Winter einzustellen, und die Mittel dafür wurden zusammengestrichen. Sie hätten die höchste Anerkennung verdient, weil sie die Menschheit auf die Gefahren eines Atomkrieges aufmerksam machten. Stattdessen wurden sie verfolgt. Das Streichen von Forschungsgeldern ist ein sehr effektives Mittel, um die wissenschaftliche Gemeinschaft zum Verstummen zu bringen.

Doch es funktionierte nicht ganz. Carl Sagan z.B. fuhr fort, zum Thema Reden zu halten und Artikel zu schreiben, und viele Wissenschaftler blieben interessiert und aufmerksam. Meine ersten Versuche 2001, Mittel für die Erforschung des nuklearen Winters aufzutreiben, waren erfolglos. Hauptsächlich, weil die meisten Menschen, die ich anfragte (und das schließt auch Kernwaffengegner ein) der Meinung waren, der nukleare Winter sei wissenschaftlich widerlegt. Als Brian Toon, Alan Robock, Mike Mills und andere Wissenschaftler es endlich schafften, Anfang 2007 die Forschungen wieder aufzunehmen, bestritten sie diese größtenteils aus den eigenen Mitteln ihrer Laboratorien. Sie fragten bei der Nationalen Akademie der Wissenschaften um Fördermittel nach, um die vielen katastrophalen Effekte des nuklearen Winters im Einzelnen zu erforschen, aber erfolglos.

Trotz allem wurden die wissenschaftlichen Grundlagen ihrer aktuellen Studien von unabhängigen Kollegen geprüft, und sie haben der Kritik der internationalen wissenschaftlichen Gemeinschaft standgehalten. Tatsächlich werden sie als erstrangig anerkannt. Dabei waren die Wissenschaftler konservativ, also zurückhaltend, in ihren Annahmen und Voraussagen. Beispielsweise berechneten sie die Auswirkungen eines Atomkriegs zwischen Indien und Pakistan mit hundert Atombomben nur mit fünf Millionen Tonnen Rauch, obwohl ihre eigenen Studien bis zu sieben Millionen Tonnen Rauch voraussagten. Genauso rechneten sie bei einem Atomkrieg zwischen den USA und Russland nur mit hundert Kilotonnen Bomben [hundert Tausend Tonnen TNT], während in Realität die meisten russischen Bomben eine Sprengkraft von 800 Kilotonnen haben, und die meisten US-Waffen zwischen 300 und 475 Kilotonnen. Diese konservativen Annahmen verringerten den zu erwartenden thermischen Effekt und die entsprechenden Massen an Rauch, die bei einem hypothetischen Krieg freigesetzt würden.

Dyne: Was erwarten denn Politiker und Generäle, was bei einem nuklearen Schlagabtausch zwischen den USA und Russland passieren wird? Begreifen sie, welche Gefahren für die Umwelt von einem Atomkrieg ausgehen?

Starr: Es ist schwer, von irgendeinem hochrangigen Abgeordneten eine Antwort zu bekommen. Sie sind immer von einem ganzen Schwarm von Assistenten umgeben, die es sehr schwierig machen, ihnen irgendetwas zum Lesen zu geben. Doch meinem Freund Greg Mello, dem Sekretär und Direktor der Los Alamos Studiengruppe, ist es einmal gelungen, dem US-Atomwaffenrat die Frage des nuklearen Winters vorzulegen. Der Chef der US-Atomstreitkräfte (euphemistisch Strategisches Kommando der USA genannt) ist Teil dieser Gruppe. Sie legt die amerikanische Kernwaffenpolitik fest. Ihre Einstellung ist: „Wir glauben nicht an den Nuklearen Winter.“ Sie konzentrieren sich stattdessen darauf, den „nuklearen Terrorismus“ zu stoppen, und betrachten Szenarien, bei denen es höchstens um eine einzige Atombombe geht.

Das ist sinnlos. Die Vereinigten Staaten und Russland haben je rund tausend abschussbereite Atomwaffen. In den USA bedeutet das, dass die Feststoffantriebe der Interkontinentalen Ballistischen Raketen 24 Stunden am Tag einsatzfähig sind. Sie warten nur auf den Befehl zum Start. Der Präsident braucht nur wenige Minuten, um seine nukleare Aktentasche zu öffnen, die ihn allzeit begleitet, und den Befehl zum Abschuss dieser Waffen zu geben. Ein ähnliches Köfferchen hat auch Präsident Putin immer bei sich.

Diese abschussbereiten Waffen sind inhärent gefährlich. Sie sollen als Abschreckung dienen, aber man denke nur daran, was Abschreckung wirklich bedeutet. Sie basiert auf der Vorstellung, dass wir in der Lage sind, jedem anderen einen „inakzeptablen Schaden“ zuzufügen. Das ist ein Euphemismus für einen industriellen Massenmord auf dem höchstem Stand von Wissenschaft und Technik. Wenn ihr uns angreift, dann werden wir euch zerstören. Aber klassische Abschreckung basiert nicht auf der Fähigkeit, deine Waffen in fünfzehn Minuten oder weniger abzuschießen. Sie basiert darauf, sie irgendwann abzufeuern. Der kurze Zeitrahmen kommt daher, dass das Militär zum Schluss kam, es müsse seine Raketen bei einer Warnung vor einem Angriff abschießen können, bevor der Angriff wirklich erfolgt.

Mit anderen Worten, abschussbereite Kernwaffen sind in Wirklichkeit präemptive Waffen. Wenn das US-Frühwarnsystem einen Raketenabschuss registriert, dann kann der Präsident einen Gegenangriff befehlen, bevor die anfliegenden Atomsprengköpfe die Kommunikationssysteme und Atomraketen ausschalten. Wenn es allerdings ein Fehlalarm ist, dann wird der Gegenschlag automatisch zum Erstschlag, und der Atomkrieg hat begonnen.

Wenn außerdem jemand einen Atomschlag gegen deine eigenen Silos ausführt, in denen sich deine Atomwaffen befinden, dann zielst Du nicht auf seine leeren Silos, sondern auf seine Städte. Russland hat rund 230 Städte mit mehr als hunderttausend Einwohnern, und die Vereinigten Staaten haben 312. Es ist also nicht so schwer, ein paar hundert Städte mit der ersten Salve auszulöschen.

Lange Jahre drehte sich der ganze globale Atomwaffendialog um den möglichen Einsatz einer einzigen Bombe durch Terroristen. Das passt wunderbar in die offizielle Geschichte vom Terrorismus, aber es ignoriert total die existentielle Gefahr durch einen Atomkrieg, der mit den vorhandenen amerikanischen und russischen Arsenalen geführt würde.

Es gibt noch ein zweites Problem, wenn man sich nur auf eine einzige Atombombe fokussiert. Stellen wir uns vor, die Nato oder eine polnische Einheit attackierten Kaliningrad, eine wichtige aber isolierte Enklave für die russische Marine. Russland hat aber nicht die konventionellen Kräfte, um einen solchen Angriff zu stoppen. Würde es Atombomben einsetzen, um den Verlust von Kaliningrad abzuwenden? Wenn einmal ein Krieg zwischen den USA und der Nato gegen Russland begonnen hat, wie wird er enden, welche Seite wird die Niederlage eingestehen? Wenn einmal Atomwaffen benutzt werden, was verhindert den Einsatz von weiteren?

Die Strategen sagen oft: „Oh, ja, Russland wird einknicken.“ Was, wenn es nicht einknickt? Und warum sollte es an seiner eigenen Grenze einknicken? Jeder direkte Konflikt zwischen den USA und der Nato auf der einen und Russland auf der anderen Seite wird sehr wahrscheinlich zu einem totalen Atomkrieg führen.

Dyne: Sie erwähnten in einem Ihrer Artikel, dass die USA „wie ein Schlafwandler auf einen Atomkrieg zusteuern". Ist es wirklich Schlafwandeln, oder ist es bewusste Politik?

Starr: Das ist eine legitime Frage, da stimme ich zu. „Schlafwandeln“ war nur die höflichste Art und Weise, in der ich es sagen konnte.

Zum Beispiel veröffentlichte die Foreign Affairs 2006 einen Artikel von Keir Lieber und Daryl Press, „The Rise of Nuclear Primacy“ (Der Aufstieg zur nuklearen Vorherrschaft). Das war sehr verstörend, denn sie behaupteten grundsätzlich, dass die Waffensysteme der Vereinigten Staaten an einem Punkt angekommen seien, an dem ein Erstschlag gegen Russland möglich sei, bei dem Russland jede Möglichkeit zum Gegenschlag verlieren werde. Nukleare Vorherrschaft ist die Idee, dass die USA einen Atomkrieg gegen Russland „gewinnen“ könnten, wenn sie zuerst angreifen. Allerdings vernachlässigen Lieber und Press die globalen ökologischen Konsequenzen eines solchen Erstschlags. Wie Robock und Toon erklären, würde die aus so einem Erstschlag resultierende nukleare Hungersnot auch die Einwohner der Seite töten, die den Krieg „gewonnen“ hätte.

Die russische Regierung befürchtet, dass die USA und die Nato die ballistische Raketenverteidigung (BMD), die sie auf See und an Land um Russland herum stationieren, für einen amerikanischen Erstschlag nutzen könnten. Deshalb betrachtet Russland die BMD als Offensivsystem, das genutzt werden könnte, um alle verbliebenen russischen Raketen, die nicht durch den Erstschlag zerstört würden, auszuschalten.

Das hat dazu geführt, dass Russland die BMD-Stützpunkte, die die USA und die Nato in Osteuropa installiert haben, als legitime Ziele betrachtet. Darunter fällt auch das Betriebssystem in Rumänien und jenes System, das gerade in Polen aufgestellt wird. Russland sieht in diesen Einrichtungen eine besondere Gefahr, denn von ihnen können auch atomar bestückte Cruise Missiles abgefeuert werden. Dieser Fakt wurde in den russischen Massenmedien breit diskutiert, und die russische Bevölkerung fordert, dass Putin irgendwie gegen diese Stützpunkte vorgeht.

Dyne: Wenn der Atomkrieg so gefährlich ist, was denken Sie darüber, dass sowohl die amerikanischen Medien als auch Demokraten wie Republikaner immer hysterischer gegen Russland und die russische Regierung Stimmung machen?

Starr: Es ist sehr bedenklich, dass die Führung der Demokraten und der Republikaner offenbar solche Vorstellungen hegt. Diese Anti-Russland- und Anti-Putin-Geschichten tauchen auf tausend verschiedenen Medienkanälen gleichzeitig auf, einschließlich der New York Times und der Washington Post, die beide angeblich respektable Zeitungen sind. Das funktioniert wie eine Verleumdungskampagne. Praktisch keine dieser Geschichten basiert auf Fakten, sondern sie stützen sich alle auf falsche Informationen und schaffen ein Narrativ, das uns in einen Krieg mit Russland drängt. Daran besteht kein Zweifel.

Ein Krieg mit China wäre nicht besser. China ist ein strategischer Partner Russlands. Es besitzt auch zwanzig bis dreißig interkontinentale ballistische Raketen, die drei Megatonnen Gefechtsköpfe tragen können. Jeder Gefechtskopf setzt über 1500 Quadratkilometer in Brand. Auch sind chinesische U-Boote in der Lage, ballistische Raketen abzufeuern, die nukleare Gefechtsköpfe tragen.

Und trotzdem findet in den Vereinigten Staaten keine Diskussion über die existentielle Gefahr eines Atomkriegs statt. Dabei muss gerade hier eine solche Diskussion über Atomwaffen beginnen. Wenn die besten Wissenschaftler der Welt erklären, dass ein Atomkrieg den größten Teil der Menschheit ausradieren würde, dann muss dies das erste sein, womit wir uns befassen. Warum lassen wir überhaupt zu, dass diese Arsenale existieren?

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