Das Schweigen der Pseudolinken zur Kriegsgefahr

Von Eric London
24. April 2017

Zahlreiche Gruppen und Publikationen, die sich „links“ nennen, billigen offenbar die gefährlichen Schritte der Trump-Regierung, die die Welt an den Rand eines Krieges drängen.

Am 13. April warfen die Vereinigten Staaten die größte nichtatomare Bombe der Geschichte über den Bergen des östlichen Afghanistan ab. Die Massive-Ordinance-Air-Blast-Bombe (MOAB) wiegt über zwanzig Tonnen und hat eine derart verheerende Wirkung, dass sie Berichten zufolge auch in den Dörfern, die Kilometer-weit vom Einschlag entfernt sind, alle Menschen auslöscht.

Vier Tage nach dem Abwurf reiste Vize-Präsident Michael Pence nach Südkorea und besuchte die demilitarisierte Zone, in der die Vereinigten Staaten einen militärischen Präventivschlag gegen den atomar bewaffneten Norden vorbereiten. Pence bestätigte, dass der MOAB-Bombenabwurf als Demonstration dafür gedacht war, dass die Vereinigten Staaten durchaus zu Kriegshandlungen bereit seien.

„Gerade in den letzten beiden Wochen“, erklärte er, „war die Welt Zeuge der Stärke unseres neuen Präsidenten. Er demonstrierte sie in Syrien und Afghanistan. Nordkorea wird gut daran tun, die Entschlossenheit und Stärke der Streitkräfte der Vereinigten Staaten in dieser Region nicht auszutesten.“

Die zunehmende Gefahr eines atomaren Flächenbrandes ist deutlich spürbar. Eine in diesem Monat veröffentlichte Umfrage zeigt, dass 72 Prozent der Amerikaner sich wegen der wachsenden internationalen Spannungen Sorgen machen. Führende Persönlichkeiten in Russland, China, Nordkorea und den Vereinigten Staaten warnen vor der tatsächlichen Möglichkeit eines Krieges.

„Der Atomkrieg wird wieder denkbar“, lautete am 17. April eine Schlagzeile des Guardian. Der Leitartikel der New York Times vom selben Tag warnte: „Präsident Trump zieht sich aus Gesprächen über Nordkorea zurück“, und der Nachrichtenteil der Times verglich die Spannungen in Ostasien mit der Kubakrise von 1962, als die Sowjetunion atomar bestückte Mittelstreckenraketen auf der Insel stationiert hatte. Der Financial-Times-Kolumnist Gideon Rachman veröffentlichte einen Artikel unter dem Titel „Donald Trump, Kim Jong Un und das Risiko einer atomaren Fehlkalkulation.“

Es ist für Sozialisten selbstverständlich, die amerikanischen Kriegsdrohungen zu verurteilen und ihnen entgegenzutreten. Die Arbeiterklasse muss vor dem imperialistischen Krieg gewarnt und über seine Wurzeln aufgeklärt werden.

Umso auffallender ist die Rolle, die verschiedene politische Gruppen spielen, die sich selbst als links bezeichnen, jedoch sowohl über den MOAB-Abwurf als auch über die Kriegsgefahr in Korea ein auffälliges Stillschweigen bewahren. Diese Gruppen verstecken die Kriegsgefahr vor ihren Lesern und liefern dem US-Imperialismus so eine politische Abdeckung.

So nimmt auf der Titelseite der Webpage von Jacobin Magazine kein einziger Artikel Bezug auf diese Ereignisse, ebenso wenig erwähnt seine offizielle Facebook-Seite den MOAB-Angriff oder die jüngsten amerikanischen Drohungen gegen Korea. Die pablistische Webseite International Viewpoint nennt auf ihrer Titelseite weder MOAB noch den wachsenden Nordkorea-Konflikt.

Ähnlich verhält es sich mit der Webseite der Socialist Alternative. Auch dort sind keine Artikel zu finden, die ausführlich auf den Bombenabwurf oder die Schritte eingehen, die die Vereinigten Staaten gegen Nordkorea unternehmen. Ein Artikel vom 15. April mit dem Titel: „Trump-Regierung beschädigt und unberechenbar“ erwähnt die MOAB in einem Satz im dreizehnten Abschnitt, während Nordkorea noch später kurz angeschnitten wird.

Die Titelseite des Socialist Worker, des Organs der International Socialist Organization (ISO), enthält keine Berichterstattung über den Abwurf der MOAB, und der erste Artikel dieses Jahres zu Nordkorea ist erst am vergangenen Dienstag erschienen.

In diesem Artikel („Wird Trump einen neuen Koreakrieg beginnen?“) gibt der Autor, David Whitehouse, nicht den geringsten Hinweis darauf, dass die ISO sich den provokativen Kriegsdrohungen der amerikanischen Regierung entgegenstellen würde. Stattdessen referiert er über den potenziellen Ausbruch eines Atomkrieges aus der Perspektive eines desinteressierten Beobachters. Im Artikel gibt es zwanzig Verlinkungen zu verschiedenen Berichten aus der bürgerlichen Presse, darunter allein fünf zur New York Times.

Whitehouse bezeichnet Washingtons Aufstellung des Raketensystems Terminal High Altitude Area Defense (THAAD) in Südkorea als ein „schwieriges Thema“. Er berichtet von gemeinsamen amerikanisch-südkoreanischen Kriegsübungen, von Vorschlägen, die nordkoreanischen Staatsführer zu ermorden, sowie von Präventivschlägen, doch er geht darüber hinweg ohne einen einzigen kritischen Kommentar zu verlieren.

Der Artikel spielt die Kriegsgefahr herunter. Er beginnt: „Jetzt, nach dem Fehlschlag des jüngsten nordkoreanischen Raketentests vom 16. April, könnte das Risiko eines amerikanischen Angriffs schwächer werden.“ Weiter kommentiert er, „Trumps ‚neue‘ Kriegsführung gegen Nordkorea ist in Wirklichkeit das jüngste Hin- und Herschwanken zwischen den beiden Optionen des ‚Eindämmens‘ und ‚Zurückrollens‘, die seit dem Kalten Krieg im Werkzeugkasten der US-Politik bereitliegen.“

Unberührt erklärt Whitehouse, die Wahrscheinlichkeit einer amerikanischen Militärintervention sei geringer, als manche behaupteten: „Trump kann von einer härteren Gangart reden, doch während der Norden seit dreißig Jahren aufrüstet, wirken die militärischen Optionen der USA in letzter Zeit immer schwächer, nicht stärker.“

Fünfzehn Jahre nach den Massenprotesten zur Zeit der amerikanischen Invasion des Irak im Jahr 2003 zeigt die Kriegsunterstützung der Pseudolinken, was der Grund für das Nichtvorhandensein einer organisierten Antikriegsbewegung ist. Es ist keineswegs das Ergebnis verbreiteter Apathie. Vielmehr ist es die Folge eines Rechtsschwenks von Teilen der Mittelklasse, die sich zur Zeit des Vietnamkriegs radikalisiert hatten. Seither hat sich ihre Kriegsgegnerschaft in Luft aufgelöst.

Im Vergleich zu jener Zeit in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren haben sich diese Schichten seither massiv bereichert. Zum Teil geht diese Bereicherung auf Beute zurück, die in den letzten 25 Jahren abfiel, weil die dauernden Kriege inflationäre Auswirkungen auf den Aktienmarkt hatten und den amerikanischen Banken und Konzernen große Gewinne einbrachten. Politisch richtet sich dieser Teil der Bevölkerung heute an der Demokratischen Partei und am Staat aus.

Letztes Wochenende versammelten sich Vertreter dieses Milieus an der Universität von New York beim traditionellen Forum für Historischen Materialismus. Unter den Sponsoren und Teilnehmern sind der Herausgeber des Jacobin, Bhaskar Sunkara, sowie die Historiker Lars Lih und Eric Blanc. Die International Socialist Review der ISO gehört zu den Sponsoren, und die ISO-Mitglieder Paul Le Blanc, Tithi Bhattacharya, Todd Chretien und Paul Heideman waren als Sprecher angekündigt.

Von den sechzig vorgesehenen Podien widmete sich kein einziges dem Thema Krieg. Die Worte „Imperialismus“, „Krieg“, „Irak“, „Nordkorea“, „Afghanistan“, „Libyen“ oder „Somalia“ kamen im Programm nicht vor.

Stattdessen befassten sich die verschiedenen Podien an der New Yorker Universität mit Themen wie „Queer(ing)-Marxismus“, „Frauenstreiks im Zeitalter der Feminisierung“, „Der internationale Frauenstreik und die Antikapitalistische Feministische Bewegung“, „Das Zum-Schweigen-Bringen der Untergebenen: Widerstand & Gender in der postkolonialen Theorie“, „Betreffend Gewalt: Abhängigkeiten, Widerstand, Umstürze“, „Adorno: Subjektivität und Kritik“, „Neue Richtungen in der marxistischen/feministischen Theorie“, „Rasse, Repetition, Rebellion: Die politische Ökonomie des Mehrwerts“ und „Der späte Althusser: Politik und theoretische Praxis“.

Die einst radikale Mittelklasse hat alle Verbindungen, die sie zum Antiimperialismus oder zum Sozialismus hatte, seit langem aufgekündigt. Die Kategorien der Analyse, die sie nutzt, haben weder mit Klassen noch mit dem historischen Materialismus zu tun. Krieg, soziale Ungleichheit und Armut interessieren sie höchstens am Rande, und die Themen, die sie wirklich bewegen, sind Identitätsfragen, Gender und ihr eigenes Sexleben.

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