Diese Woche in der Russischen Revolution

29. Mai – 4. Juni: Lenin und Trotzki verbünden sich. Der Ruf: „Alle Macht den Sowjets“ wird lauter

31. Mai 2017

In der Prawda fordert Lenin den sofortigen Zusammenschluss mit Trotzkis Gruppe, den Meschrayonzy (Interrayonisten). Auch die politischen Feinde anerkennen jetzt, dass Lenin und Trotzki mit einer Stimme sprechen. In den britischen und amerikanischen Zeitungen taucht der Ausdruck „Lenin und Trotzki“ erstmals als feste Wendung auf.

Der imperialistische Weltkrieg und die Revolution in Russland haben Lenin und Trotzki zusammengebracht. Beide fordern sie die Übertragung der ganzen Macht auf die Organe der Arbeiterklasse als ersten Schritt zur Weltrevolution. Sie fordern auch einen entschiedenen Bruch mit den nationalistischen und opportunistischen Strömungen im sozialistischen Lager, denn diese unterstützen nach wie vor die kapitalistische Provisorische Regierung und die Fortsetzung des großen Kriegs.

Die zwei größten Revolutionäre des 20. Jahrhunderts haben ihre früheren Differenzen beigelegt: Lenin hat in den Aprilthesen im Wesentlichen Trotzkis Theorie der Permanenten Revolution übernommen, und Trotzki stimmt der Notwendigkeit von Lenins Parteikonzept zu. Raskolnikow wird sich später an das Verhältnis zwischen Lenin und Trotzki erinnern: Von dem Moment an, als Trotzki nach Russland zurückkehrte, war ihre Annäherung vollkommen und zweifelsfrei entschieden. Schon mit seinen ersten Reden wurde uns alten Leninisten klar, dass er zu uns gehörte.

Petrograd, 31. Mai (18. Mai): Prawda veröffentlicht Lenins Vorschlag: Zusammenschluss mit Trotzkis Meschrayonzy

Konstantin Jurenew, Interrayonist, später Führer der Roten Armee und Sowjetdiplomat. Mehrere Wochen lang widersetzt er sich dem Zusammenschluss mit den Bolschewiki.

In der Prawda, der wichtigsten bolschewistischen Zeitung, erscheint ein Artikel Lenins mit dem Vorschlag der Bolschewiki zur Vereinigung mit Trotzkis Gruppe der Meschrayonzy (Interrayonisten oder Zwischenbezirksgruppe). Lenin erwägt auch einen Zusammenschluss mit den menschewistischen Internationalisten um Julius Martow, die sich von der Menschewiki-Führung und ihrer Unterstützung für den Krieg und die Provisorische Regierung distanziert haben.

Den Vorschlag zur Vereinigung hat Lenin der Interrayonisten-Konferenz am 23. Mai (10. Mai) unterbreitet, und das Zentralkomitee der Bolschewiki hat ihn gutgeheißen. Auf der Konferenz hat Lenin die Meschrayonzy aufgefordert, der bolschewistischen Partei sofort beizutreten. Ohne irgendwelche Bedingungen von seiner Seite hat Lenin ihnen volle demokratische Rechte und freie Diskussion in der bolschewistischen Partei zugesichert. Sie sollen sich mit eigenen Vertretern an den Führungsgremien und der Prawda-Redaktion beteiligen.

Darüber schreibt Lenin in der Prawda:

Die politischen Resolutionen der Zwischengruppe bewegen sich heute im Wesentlichen auf der richtigen Linie des Bruchs mit den Vaterlandsverteidigern. Unter diesen Umständen wäre unserer Meinung nach eine Zersplitterung der Kräfte, welcher Art auch immer, durch nichts zu rechtfertigen.

Zu den Interrayonisten gehören eine beachtliche Anzahl marxistischer Führer, und viele von ihnen werden in der Oktoberrevolution und in der jungen Sowjetunion noch eine wichtige Rolle spielen. Neben Leo Trotzki sind das Anatoli Lunatscharski, Adolf Joffe, Lew Karachan, Moissei Urizki, David Rjasanow, Konstantin Jurenew und andere mehr. Einige frühere Mitglieder der Interrayonisten, zum Beispiel Grigori Sokolnikow, sind den Bolschewiki schon beigetreten.

Die Bolschewiki und die Interrayonisten stimmen in Fragen des Programms und der strategischen Orientierung im Wesentlichen überein, da Lenins „Aprilthesen“ zu einer Umorientierung bei den Bolschewiki geführt haben. Trotzdem sind viele Interrayonisten immer noch gegen die Vereinigung. Aufgrund der spärlich vorhandenen Dokumente ist davon auszugehen, dass diese Opposition sich hauptsächlich gegen Lenins Konzept der revolutionären Partei wendet. So wiederholen führende Interrayonisten wie Jurenew die einstigen Meinungsverschiedenheiten und behaupten, es gebe in der bolschewistischen Partei zu wenig Demokratie. Trotzki, der für eine rasche Vereinigung mit der bolschewistischen Partei eintritt, sieht sich in der Minderheit.

New York, 31. Mai: Die Times hetzt gegen Lenin und Trotzki

Schlagzeile der Times

Die New York Times nutzt zum ersten Mal die Namen „Lenin und Trotzki“ als feststehenden Ausdruck. Ab jetzt werden die Namen der beiden großen Revolutionäre in den westlichen Medien jahrelang oft in einem Atemzug genannt.

Der Artikel hat zunächst die Form eines Telegramms an den London Daily Chronicle. Unter dem Titel „Sozialistische Minister warnen vor Untergang der Nation“, wird darin der menschewistische Arbeitsminister Matwei Skobelew zitiert. Mit den Worten: „Über dem Abgrund wandeln wir auf des Messers Schneide“, warnt er vor einer zweiten Revolution.

Die Times versucht, ihre Leser zu beruhigen: „Es stimmt, dass die extremen Sozialisten, Lenin, Trotzki und ihre Anhänger, ihr destruktives Werk fortsetzen … Aber der Einfluss der Extremisten schwindet.“

Petrograd, 31. Mai (18. Mai): Prawda-Bericht über Arbeiterresolution. Der Ruf: „Alle Macht den Sowjets“ wird lauter

Laut einem Bericht in der Prawda wenden sich tausende Arbeiter der Fabrik Schtschetinin in einer Resolution gegen die Entscheidung des Petrograder Sowjets, der Koalitionsregierung beizutreten. In der Resolution fordern die Arbeiter die unverzügliche Übertragung der ganzen Macht auf die Sowjets. Eine Streikwelle wächst in ganz Russland, und in der Resolution zeigt sich die Kluft zwischen dem Petrograder Sowjet und breiten Schichten der Arbeiterklasse.

Am nächsten Tag marschieren etwa 8000 junge Arbeiter durch Petrograd und fordern mehr Schutz am Arbeitsplatz und das Wahlrecht für die Jugend. Auf ihren Transparenten steht: „Nieder mit dem Krieg! Alle Macht den Sowjets!“

Detroit, 30. Mai: Razzia in den Büros der IWW

IWW-feindliche Propaganda

Eine Razzia der Bundespolizei in den Detroiter Büros der International Workers of the World (IWW) soll laut Medienberichten angeblich deren Vorhaben vereiteln, den Handel über die Great Lakes lahmzulegen. Über die nordamerikanischen Großen Seen führt eine für die amerikanische Industrieproduktion wichtige Handelsroute.

Die Bundespolizei und staatliche und kommunale Behörden nutzen immer öfter den amerikanischen Kriegseintritt als Vorwand, um Opposition zu zerschlagen und Streiks zu verbieten. Aus allen vier Himmelsrichtungen treffen Berichte darüber ein, dass Personen, die gegen die Einberufung protestieren oder die Kriegsmobilisierung durch Streiks behindern, in den USA verhaftet werden.

Am 1. Juni erlässt Woodrow Wilson ein Dekret im Vorgriff auf den 5. Juni, den nationalen Registrierungstag für die Wehrpflicht. Das Dekret droht jeder Person Verhaftung und Gefängnis an, die aus den USA flieht, um der Wehrpflicht zu entgehen.

Der „liberale“ Bürgerrechtsanwalt Louis Marshall fordert, Widerstand gegen die Wehrpflicht mit dem Tode zu bestrafen. Er schreibt am 3. Juni: „Jeder, der einen anderen auffordert, sich am 5. Juni nicht zu registrieren, oder der argumentiert, der Befehl sei illegal und müsse nicht befolgt werden, oder der auch nur andeutet, dass ein zur Registrierung Aufgebotener dies gefahrlos unterlassen könne – jede solche Person begeht nach meiner Meinung Hochverrat gegen die Vereinigten Staaten und kann mit dem Tod bestraft werden.“

Wien, 30. Mai: Reichsratssitzung inmitten nationaler Spannungen

Österreich-Ungarn, Aufteilung der Nationalitäten 1911 (Historischer Atlas von William R. Shepherd)

Der Reichsrat, Vertretung des österreichischen Teils der Habsburger Doppelmonarchie, hält erstmals seit Juli 1914 wieder eine Sitzung ab. Fast drei Jahre lang, seit Ausbruch des Kriegs gegen Serbien, haben österreichische Ministerpräsidenten mit vom Kaiser genehmigten Notstandsverordnungen regiert.

Die Entscheidung Karls I., den Rat einzuberufen, macht die zunehmenden nationalen Brüche im Reich deutlich. Als der Rat zusammentritt, fordern die Vertreter der von Österreich kontrollierten Teile Sloweniens, Serbiens und Kroatiens, eine Deklaration über den Zusammenschluss der Gebiete mit slawischen Völkern zu verfassen, um eine dritte Säule des österreichisch-ungarischen Reichs zu bilden.

Die Doppelmonarchie beruht seit 1867 auf einem Kompromiss zwischen den österreichischen und ungarischen Teilen. Auch tschechische Nationalisten greifen dieses Konzept an. Edward Beneš, der in Paris im Exil lebt, bemüht sich um diplomatische Unterstützung für einen unabhängigen tschechoslowakischen Staat. Er fordert die Abgeordneten aus Böhmen und Mähren auf, die Abstimmung über den Haushalt zu boykottieren. Auch verlangt er Pressefreiheit und ein Ende der Verfolgung tschechischer Soldaten, die als Hochverräter verurteilt werden, wenn sie sich weigern, in der österreichisch-ungarischen Armee zu dienen. Die polnischen Abgeordneten setzen sich für ein vereintes Polen ein.

Karl versucht am zweiten Konferenztag mit seiner Thronrede, den nationalistischen Forderungen den Wind aus den Segeln zu nehmen. Er verspricht Freiheit für die nationale und kulturelle Entwicklung gleichberechtigter Völker im Reich – für die Zeit, nachdem der Krieg gewonnen sein wird. Er bekräftigt sein absolutes Recht, im Namen des ganzen Reichs Frieden zu schließen.

Missy-aux-Bois, Frankreich, 1. Juni: Meuterer übernehmen die Stadt. Unruhe in der Armee

Französischer Premierminister Clemenceau: „Aber woher nehmen Sie ihre Soldaten?“ Lenin: „Ich werde die Ihren nutzen.“ – Robert Minor, The Liberator, 1920

Schon seit Anfang Mai breitet sich die Rebellion in der Armee immer weiter aus. Am 1. Juni übernehmen französische Meuterer die Kontrolle über die Stadt Missy-aux-Bois im Departement Aisne. Die Soldaten proklamieren eine Anti-Kriegs-Regierung. Bald treffen loyale Truppen ein, die die Kontrolle zurückgewinnen, aber die Armee wird weiter von Unruhen erschüttert.

Zwei Tage vorher, am 30. Mai haben sich Soldaten vor dem Dorf Daucourt versammelt, um einen Sowjet zu bilden, der aus drei Mann pro Kompanie bestehen soll. Sie wollen das 269. Regiment übernehmen. Bei Sainte-Menehould meutern zwei Regimenter und übernehmen die Kontrolle über ihre Kasernen. Sie rufen: „Friede oder Revolution“. Offiziere werden beschossen, und ein General, der an die Wand gestellt und erschossen werden soll, wird gerade noch gerettet.

Die Ordnung kann erst wieder hergestellt werden, als Offiziere versprechen, mehr Soldaten auf Fronturlaub zu schicken.

Baku, 1. Juni (19. Mai): Bolschewik Stepan Schaumjan übernimmt Parteizeitung Bakuer Arbeiter

Stepan Schaumjan

Das Parteikomitee der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (RSDAP) in Baku ernennt den Bolschewiken Stepan Schaumjan zum verantwortlichen Redakteur des Parteiorgans, der Zeitung Der Bakuer Arbeiter (russisch: Bakinski Rabotschi). Das Komitee beschließt, die Arbeit unter Aserbaidschaner Arbeitern zu vertiefen und die Partei im Sowjet von Baku besser zu verankern. Deshalb wird die Zeitung auch auf Aseri, der aserbaidschanischen Sprache, erscheinen.

Anstelle der früheren zaristischen Herrschaft in Transkaukasien (heute Armenien, Aserbaidschan und Georgien) hat die Provisorische Regierung nach der Februarrevolution ein transkaukasisches Sonderkomitee eingesetzt. Gleichzeitig entstehen in der Region zahlreiche Sowjets und Komitees, ermutigt und unterstützt von den Bolschewiki und anderen Gruppen. Am wichtigsten ist der Sowjet von Baku, und an seiner Spitze steht Schaumjan, auch liebevoll als „kaukasischer Lenin“ bezeichnet.

Drei Jahre zuvor hat Schaumjan 1914 in Baku einen mächtigen Generalstreik angeführt, den die zaristische Armee jedoch unterdrückte. Wegen seiner Rolle als Streikführer wurde er ins Gefängnis geworfen.

Im ersten Weltkrieg wird diese Region zum Schauplatz heftiger Kämpfe. Im kaukasischen Feldzug verliert die russische Armee 140.000 Soldaten und die osmanische 300.000. Wie überall im alten Russland tritt nach dem Kollaps des Zarenregimes die Forderung der unterdrückten Völker nach Selbstbestimmung stark auf.

Petrograd, 3. Juni (21. Mai): Russischer Justizminister verurteilt die Machtübernahme des Kronstädter Sowjets

Demonstration in Kronstadt zum ersten Mai 1917

Der russische Justizminister Perewersew gibt der internationalen Presse bekannt, dass die Regierung sich vom Marinestützpunkt Kronstadt lossagen wird. Er soll so lange vom Rest des Landes abgeschnitten sein, bis er sich der Provisorischen Regierung fügt. Am 26. Mai (13. Mai) hat der Kronstädter Sowjet in einer Resolution beschlossen, die Kontrolle über sämtliche zivilen und militärischen Fragen auf dem Stützpunkt in die eigene Hand zu nehmen. Mit der Resolution wird die Republik Kronstadt ausgerufen.

An der Spitze des Kronstädter Sowjets steht Anatoli Lamanow, ein ehemaliger Student und niederer Offizier, der aus einer russischen Militärfamilie stammt. Er befürwortet radikale Methoden, und er ist für den Krieg gegen Deutschland.

Unter den Matrosen von Kronstadt hat Leo Trotzki eine wichtige Unterstützerbasis. Am Tag, nachdem der Sowjet von Kronstadt beschlossen hat, die Autorität der Provisorischen Regierung zu missachten, spricht Trotzki in Kronstadt und tritt gegen den Menschewiken Mark Broido auf. Ein Historiker wird den Auftritt später als „Beginn der besonderen Beziehung“ (zwischen Trotzki und den Kronstädter Matrosen) bezeichnen, „worauf er zu ihrem Tribun und Verteidiger in Petrograd wurde“. Broido argumentiert, dass die Revolution in Russland nicht über die Grenzen der bürgerlichen Demokratie hinausgehen dürfe, und dass man das Schicksal der russischen Revolution nicht abhängig von der „problematischen Erwartung von Revolutionen in andern Ländern“ machen dürfe. Doch Trotzki entgegnet:

Ich habe während des Kriegs zwei Jahre lang in Frankreich gelebt, und ich sage Ihnen: Frankreich ist einer sozialen Revolution näher als jedes andere Land … Wenn Sie sich Sorgen machen über das gesamte Schicksal der russischen Revolution, dann sollten Sie sich eins merken: Wie immer der Krieg verlaufen wird – solange in Europa keine soziale Revolution stattfindet, werden England und Deutschland uns in jedem Fall vernichten. So sieht die Sache aus.

Trotzki sprach der Resolution des Kronstädter Sowjets seine volle Unterstützung aus und forderte die Matrosen auf, für eine Ausweitung der Sowjetmacht über das ganze Land zu kämpfen:

Ihr habt in einer Resolution beschlossen, dass ihr die Macht selbst in die Hand nehmen wollt! Seid ihr nicht auch der Meinung: was dem einen recht ist, ist dem andern billig, und was gut ist für Kronstadt, ist auch gut für jede andere Stadt?

Heute steht ihr an vorderster Front, während andere zurückfallen. An euch ist es jetzt, sie anzurufen, dass sie euren Standpunkt übernehmen. Ihr müsst sagen: Wir stehen so fest wie ein Fels. Und ihr müsst auch fest bleiben, die Macht in eure Hände nehmen und fordern, dass die Zentralmacht von Russland auf den Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten übergeht.

Russland, 4. Juni (22. Mai): Brussilow zum Oberkommandierenden ernannt

General Alexei Brussilow (1853-1926)

Alexander Kerenski bereitet als neuer Kriegsminister eine größere militärische Offensive vor. In einem blumigen „Befehl“ an die Soldaten erklärt er, der Krieg werde jetzt für „die hohen Ziele unserer Revolution, für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ geführt. Und weiter: „Mit euren Bajonetten werdet ihr Frieden, Recht, Wahrheit und Gerechtigkeit schaffen.“

Der neu ernannte Oberbefehlshaber, General Alexei Brussilow, ist für seine Rolle in einer großen Offensivoperation im vorhergehenden Jahr berüchtigt, die als Brussilow-Offensive oder als „Juni-Vormarsch“ bekannt ist. Es ist eins der blutigsten Gemetzel der Weltgeschichte. Am Tag seiner Ernennung zum Oberkommandierenden übermittelt Brussilow General Alexejew einen Bericht des Kommandeurs der siebten Armee über Kerenskis Besuch an der Front:

Die Ankunft des Kriegsministers hatte einen günstigen Einfluss. Im Großen und Ganzen scheint es, dass die Beziehungen zwischen Offizieren und Soldaten wieder etwas stabiler geworden sind. Die Mehrheit versteht die Notwendigkeit einer Offensive … Trotzdem gibt es die Bolschewisten noch. Ihre Reden auf dem Kongress fanden wenig Anklang, aber zweifellos ist ihr Einfluss auf die ignoranten Massen weiterhin schädlich und der Kampf gegen sie schwierig.

Leeds, 3. Juni: Britische Sozialisten unterstützen Russische Revolution

Ramsay MacDonald

Im Coliseum in Leeds findet eine Massenversammlung von Demokraten und Sozialisten statt. Organisiert hat sie der United Socialist Council, eine Körperschaft, die sich aus Vertretern der British Socialist Party, der Independent Labour Party und der Gewerkschaften zusammensetzt. Das Ereignis mit 1200 Delegierten wird als die größte Anti-Kriegsversammlung in Großbritannien während des Ersten Weltkriegs in die Geschichte eingehen.

Die Antikriegsstimmung ist bei den Teilnehmern stark ausgeprägt, aber die Versammlungsleitung liegt fest in der Hand der Opportunisten von der ILP, der Gewerkschaften und der Labour Party. Dies verrät schon die erste Resolution, die von dem Labour-Abgeordneten Ramsay MacDonald eingebracht wird. Unter der Überschrift „Es lebe Russland!“ heißt es dort, dass die Februarrevolution die allgegenwärtige Drohung des aggressiven osteuropäischen Imperialismus beseitigt habe.

Der ILP-Abgeordnete Philip Snowden bringt die zweite Resolution ein, die sich mit Außenpolitik beschäftigt. Sie unterstützt die Verteidigungshaltung des Exekutivkomitees des Sowjets in Russland, das von Menschewiki und Sozialrevolutionären beherrscht wird, und fordert einen „demokratischen“ Frieden. Es heißt darin, „mit der größten Genugtuung“ begrüße die Versammlung in Leeds „die Erklärung zur Außenpolitik und die Kriegsziele der Provisorischen Regierung“. Diese hat sich soeben verpflichtet, den imperialistischen Krieg im Namen der „Verteidigung der Revolution“ fortzusetzen.

Der irische Sozialist William O’Brien kritisiert diese Heuchelei und erklärt: „Aus einigen kapitalistischen Zeitungen entnehme ich, dass ‚Revolution‘ heute beliebt ist. Vor zwölf Monaten hattet ihr eine Revolution in Irland. Die Zeitungen und Politiker, die die Revolution in Russland begrüßen, begrüßten aber nicht die Revolution in Irland. Dort wurden die Führer verhaftet und wie Hunde erschossen … Einer von ihnen ist den meisten hier wohlbekannt: Es ist James Connolly.“

Auf der Versammlung kommen außerdem die Frauenrechtlerin und Sozialistin Sylvia Pankhurst und der Philosoph Bertrand Russel zu Wort.

Die Versammlung schließt mit der Verabschiedung einer Resolution, die die Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten in Großbritannien fordert. Diese Forderung trifft aber auf den Widerstand verschiedener Kräfte aus dem Umfeld der Gewerkschaften. Eine Straßendemonstration, die für den Abend geplant ist, wird vom Oberbürgermeister untersagt, wofür er die Unterstützung des Innenministers der Lloyd George-Regierung hat.

Washington, 4. Juni: Banken und Konzerne profitieren vom Blutvergießen in Europa

Antideutsche Propaganda beim Verkauf der Liberty Loans („Freiheitsanleihen“)

John Skelton Williams von der amerikanischen Währungsbehörde gibt bekannt, dass die Gesamteinlagen bei US-Banken auf über dreizehn Milliarden Dollar gestiegen sind. Das ist ein Anstieg um fast zwei Milliarden Dollar in nur einem Jahr. Amerikanische Banken verdienen auch reichlich an Krediten, die sie Großbritannien und Frankreich gewähren. Wie bekannt wird, bemühen sich acht Londoner Banken um die Erneuerung einer rollierenden Kreditlinie in Höhe von fünfzig Millionen Dollar von der US-Notenbank und großen US-Banken. Großbritannien allein hat schon Kredite in Höhe von 400 Millionen Dollar in den USA aufgenommen, benötigt aber, wie die New York Times berichtet, „eine viel höhere Summe, um für hier gekaufte Lieferungen zu bezahlen“.

Diese Lieferungen sind häufig in Stahl gegossen. 1916 sind die Kapazitäten der riesigen amerikanischen Stahlindustrie zum ersten Mal seit 1906 wieder völlig ausgelastet. Jetzt, 1917, ist die Nachfrage größer als die Produktion. Der größte Kunde ist die amerikanische Regierung, deren Einkäufe die Kosten für England und Frankreich in die Höhe treiben. Sie müssen amerikanische Waffen zu überhöhten Preisen kaufen und mit Dollars bezahlen, die ihnen die US-Banken leihen.

Als Teil der „demokratischen“ Kampagne, die amerikanischen Kriegsausgaben zu finanzieren, hat Wilson die „Freiheitsanleihe“ aufgelegt, die den Kauf von Wertpapieren im Wert von 1,9 Milliarden Dollar mit einer Rendite von 3,5 Prozent ermöglicht. Millionen Amerikaner kaufen diese Anleihen. Allerdings ziehen die Superreichen und die größten Konzerne den Löwenanteil an Land, darunter US Steel und die First National Bank. Beide haben in dieser Woche für 25 Millionen Dollar eingekauft.

Die steigende Produktion führt beinahe zu einer Situation der Vollbeschäftigung. In der Stahlregion von Pittsburgh arbeiten eine Million Arbeiter, Erwachsene und Kinder. Die gesamte Lohnsumme eines Tages beträgt allerdings lediglich 1,5 Millionen Dollar. Die Löhne bleiben hinter der von Kriegsprofiten angeheizten Inflation zurück. Überall in den Vereinigten Staaten brechen wieder Streiks aus.

Leipzig, 4. Juni: Prozess vor dem Reichsgericht gegen linke Kriegsgegner

Friedrich Westmeyer

Am 4. Juni stehen in Leipzig etliche sozialistische Kriegsgegner und Friedensaktivsten vor dem Reichsgericht, weil sie Flugblätter gegen den Krieg verteilt haben. Angeklagt ist auch der Landtagsabgeordnete Friedrich Westmeyer, ein enger Freund und Gesinnungsgenosse von Clara Zetkin.

Friedrich Westmeyers scharfe Kritik an der „Burgfriedenspolitik“ hat Karl Liebknecht dazu gebracht, seine Einhaltung der Parteidisziplin in der ersten Abstimmung für die Kriegskredite 1914 zu überdenken und bei der zweiten dagegen zu stimmen. Anfang 1916 hat Westmeyer an der „Gründungskonferenz“ des Spartakusbundes in Liebknechts Wohnung teilgenommen. Er unterstützt die Position von Liebknecht und Rosa Luxemburg und besteht darauf, dass man keine Kompromisse mit den Versöhnlern in der USPD um Hugo Haase und Georg Ledebour machen darf.

Gegen Westmeyer wird ein offizielles Redeverbot erteilt. Dennoch organisiert er Demonstrationen gegen Lebensmittelknappheit und Teuerung. Am 1. Mai 1916 hat er in Stuttgart eine nicht-genehmigte Großdemonstration angeführt. Am 2. Februar 1917 wird Westmeyer, wie so viele oppositionelle Arbeiter und Sozialisten, eingezogen und trotz schlechter Ausbildung an die Front geschickt.

Dort infiziert er sich, vermutlich mit Typhus, und stirbt am 14. November 1917 in einem Kriegslazarett in Rethel bei Reims. Die Stuttgarter Polizei triumphiert: „Durch den Tod Friedrich Westmeyers sind die Radikalen Württembergs ihres einflussreichsten und gefährlichsten Führers beraubt, und da eine größere Zahl weiterer Führer und Agitatoren zum Heeresdienst einberufen ist, fehlt eine feste Führung und straffe Organisation überhaupt, was in diesen unruhigen Tagen sicherlich in günstiger Weise in die Erscheinung trat.”

Rosa Luxemburg schreibt aus ihrem Breslauer Gefängnis am 24. November 1917 an Clara Zetkin: „Westmeyer ist ein großer Verlust. Ich dachte immer, er würde noch in großen Zeiten eine Rolle spielen.”

Dresden, 3. Juni: Deutsche Uraufführung dreier Einakter von Oskar Kokoschka

Oskar Kokoschka, Selbstporträt 1917

Im Albert-Theater in Dresden findet die deutsche Uraufführung der expressionistischen Einakter „Mörder, Hoffnung der Frauen“, „Hiob“ und „Der brennende Dornbusch“ des österreichischen Dichters und Malers Oskar Kokoschka (1886-1980) statt. Der Autor führt selbst Regie und hat die Szenenbilder entworfen.

Aus enttäuschter Liebe zu Alma Mahler, der Witwe des Komponisten Gustav Mahler, hat Kokoschka sich 1915 freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet. An der ukrainischen Front wird er durch einen Kopfschuss und einen Bajonettstich in die Brust schwer verwundet. Nach seiner Erholung wird er 1916 erneut an die Front geschickt und wieder verwundet. Danach wird er als Kriegsmaler eingesetzt.

Er zeichnet rund 30 Blätter mit Truppenbewegungen, Geschützstellungen und zerstörten Dörfern, hauptsächlich in farbiger Kreide. Nach seiner zweiten Verwundung wandelt er sich zum Pazifisten und arbeitet ab 1917 an einer Anti-Kriegs-Mappe. Darunter findet sich eine Zeichnung von „Soldaten, die sich mit Kruzifixen bekämpfen“. An den Kreuzen hängen Frauenkörper, womit er offensichtlich auf das Leid der Zivilbevölkerung anspielt.

Wegen seiner Kopfverletzung kommt er Ende 1916 zur Rekonvaleszenz in ein Dresdener Sanatorium. Gleichzeitig hofft er auf eine Professur an der dortigen Kunstakademie (die er 1919 erhalten wird). Während seiner Zeit in Dresden malt er etliche seiner berühmtesten Bilder, darunter ein Selbstporträt, in dem der Zeigefinger seiner rechten Hand auf die Stelle deutet, an der ihn der Bajonettstich traf.