Streiks bei Online-Modehändler Zalando

Von Andy Niklaus
27. Juni 2017

Nach Auseinandersetzungen bei Amazon ist es auch beim deutschen Onlineversandhändler Zalando SE zu Warnstreiks gekommen. Hunderte Arbeiter im Auslieferungszentrum Brieselang nahe Berlin nahmen am 14. und 21. Juni an Warnstreiks teil, um gegen die miserablen Arbeitsbedingungen und Löhne zu kämpfen, die wie bei Amazon auf dem Nachbargelände unerträglich sind.

Verdi führt derzeit Verhandlungen, um eine Bezahlung der rund 1300 Arbeiter im Brieselanger Werk nach dem Einzelhandelstarif statt des Logistiktarifs durchzusetzen, an dem sich das Unternehmen bisher orientiert. Der für Brandenburg geltende Logistik-Tarifvertrag sieht Niedriglöhne von 10,12 Euro brutto pro Stunde vor. Zalando unterläuft dieses Niveau sogar noch, und etliche Arbeiter erhalten für ihre Knochenarbeit nur 9,50 Euro pro Stunde. Zudem erhalten sie zwei Tage weniger Urlaub, ein Drittel weniger Urlaubs- und Weihnachtsgeld und deutlich geringere Nacht- und Feiertagszuschläge als im Einzelhandelstarif.

Die Forderung von Verdi würde eine Steigerung um 1,59 Euro auf mindestens 11,71 Euro brutto pro Stunde bedeuten. Zusätzlich fordert Verdi „Regelungen zum Arbeits- und Gesundheitsschutz, zur Standortsicherheit und zum Verzicht auf sachgrundlose Befristungen“. Mehr als ein Drittel der Beschäftigten sind befristet beschäftigt.

Das Zalando-Management lehnte diese Forderungen strikt ab und wirft der Gewerkschaft vor, den Standort zu gefährden. Stattdessen legte das Unternehmen einen sogenannten Zukunftssicherungsvertrag vor, in dem es verspricht, sich künftig an den bestehenden Logistiktarif halten zu wollen und den Standort Brieselang „bis 2019“ zu sichern. Eine neue Verhandlungsrunde soll am 7. Juli stattfinden.

Neben den niedrigen Löhnen, die zahlreiche Arbeiter zwingen aufzustocken und zusätzlich staatliche Leistungen wie Wohngeld und Hartz IV in Anspruch zu nehmen, sind es die extremen Arbeitsbedingungen, gegen die sich die Beschäftigten wehren. Bei Zalando herrschen hierarchische Strukturen und Gruppenzwang. Mitarbeiter werden überwacht und müssen meist bis zu 25 Kilometer in einer Schicht laufen, um die geforderten Waren zusammenzustellen. Wie das Unternehmen selbst mitteilt, gibt es fast ausschließlich „Steh- und Laufarbeitsplätze“.

2014 hatte eine RTL-Reporterin mit Unterstützung des bekannten Enthüllungsjournalisten Günter Wallraff drei Monate verdeckt am Zalando-Standort Erfurt recherchiert. Ihr Bericht zeigt, wie die Vorgesetzten auf dem Bildschirm jeden Lagerarbeiter verfolgen und sehen können, wann Waren aufgenommen und transportiert werden. Sitzen ist bei den Teamleitern und Mentoren nicht gern gesehen. Regelmäßig werden Kollegen dem Bericht zufolge wegen Kreislaufzusammenbruchs oder anderer gesundheitlicher Probleme mit dem Krankenwagen abtransportiert.

Auch in seinen Berliner Großraumbüros betreibt Zalando Lohndumping. Seine Callcenter-Mitarbeiter für den ausländischen Kundensupport verfügen beispielsweise meist über einen Hochschulabschluss, verdienen aber nur 10,50 Euro die Stunde.

Das Unternehmen mit Sitz in Berlin-Friedrichshain ist inzwischen der drittgrößter Versender in Deutschland und galt bisher europaweit als größter Online-Modehändler. In jüngster Zeit gerät das börsennotierte Unternehmen aber immer mehr unter Konkurrenzdruck von Amazon. Nach der Ankündigung der Modeplattform „Prime Wardrobe“ durch Amazon brach der Aktienwert Anfang der Woche ein.

Bundesweit hat der Online-Händler rund 12.000 Beschäftigte, davon in der Region Berlin-Brandenburg rund 5.500, betreibt vier große Logistikzentren in Deutschland und ist in fünfzehn Ländern aktiv. Die Firma betreibt auch ein Lager nahe Mailand, will in diesem Jahr zwei weitere in Polen und Frankreich sowie bis Ende des Jahres in Schweden eröffnen.

Zalando wird seit Jahren von der Berliner Politik und der Hipster-Szene als Start-up-Unternehmen hofiert und als Veranstalter von Modemessen wie „Bread & Butter“ gefeiert. Mithilfe von Investorenkapital der schwerreichen drei Samwer-Brüder wurde das Unternehmen 2008, mitten im Jahr der großen Finanzkrise, ins Leben gerufen. Ab 2010 erhielt es großzügige Fördergelder durch das damals rot-rot regierte Land Berlin. Der Wirtschaftssenat, damals unter Leitung von Harald Wolf (Die Linke), ermächtigte die landeseigene Investitionsbank, kurzfristig die „Förderfähigkeit“ zu bestätigen und 25 Prozent der Investitionskosten für eine Erweiterung Zalandos zu übernehmen. Dies widersprach der eigenen Maxime, nur kleinere und mittlere Unternehmen unter 50 Millionen Euro Umsatz zu begünstigen.

Neben dem Berliner Senat und seiner Institution „Berlin Partner“ unterstützten auch die Landesregierungen in Brandenburg und Thüringen das Unternehmen massiv mit Millionenbeträgen. Für Brieselang, das 2011 die Arbeit aufnahm, genehmigte die damalige rot-rote Koalition Brandenburgs 2,5 Millionen Euro Zuschüsse. Wirtschaftsminister war damals Ralf Christoffers von der Linken.

Außerdem führten sie dem Unternehmen billige Arbeitskräfte zu, indem die Jobcenter ein Trainingsprogramm für Logistik-Arbeiter finanzierten und betrieben. Mitarbeiter eines Jobcenter in Erfurt, eines der Standorte von Zalando, berichteten 2013 der Thüringer Allgemeinen, „es sei exzessiv an den Versandhändler vermittelt worden.“ Es gebe ein Trainingszentrum, das Zalando, das Jobcenter und die TÜV Rheinland Akademie gemeinsam im ehemaligen Güterverkehrszentrum betreiben.

Auch in Brieselang kommen unter den 720 unbefristet beschäftigten Lagerarbeitern viele direkt vom Job-Center. Doch die Wut und Kampfbereitschaft nimmt zu. Ende 2016 gab es heftige Proteste gegen die rigiden Pausenregelungen, die bei den zwei 20- und 25-minütigen Pausen noch sechs Minuten Fußweg zur Kantine eingeplant hatten. Die Gewerkschaft Verdi, die bis dahin zu den Billiglöhnen und extrem schlechten Arbeitsbedingungen geschwiegen hatte, und der 2014 gegründete Betriebsrat handelten schließlich eine bessere Regelung aus. Erika Ritter, Leiterin des Landesfachbereichs Handel Berlin-Brandenburg bei Verdi, erklärte damals, Zalando wisse, dass „Sozialpartnerschaft sich auch rechnen kann“. Und Thomas Voß, bei Verdi für den Online-Handel zuständig, entlastete Zalando gegenüber der taz mit den Worten: „Das ist ein junges Unternehmen, das erst dabei ist, seine Unternehmenskultur in Richtung Mitbestimmung zu entwickeln.“

Die Gewerkschaft Verdi ist vor allem daran interessiert, ihre eigene Kontrolle über die Belegschaften in solchen Ausbeuterunternehmen zu sichern. Sie versucht, die Arbeiter in Brieselang von den anderen Zalando-Standorten und den Amazon-Belegschaften getrennt zu halten und lehnt einen gemeinsamen, länderübergreifenden Kampf ab. Um gegen die global agierenden Onlinehändler anzukommen, die ihren mörderischen Konkurrenzkampf um maximale Gewinne auf dem Rücken der Arbeiter austragen, müssen sich Arbeiter von Zalando genauso wie von Amazon über die Grenzen hinweg zusammenschließen und unabhängig von den alten Gewerkschaften und ihren sozialpartnerschaftlichen Konzepten organisieren.

Seit Mai dieses Jahres veröffentlicht die WSWS und die Sozialistische Gleichheitspartei die Onlinepublikation International Amazon Workers Voice, um einen solch international vereinten Kampf gegen Amazon zu entwickeln. Auch Arbeiter von Zalando und ähnlichen Online-Firmen rufen wir auf, diesen Newsletter hier zu abonnieren, unsere Seite auf Facebook mit „Gefällt mir“ zu markieren und ihn mit Kollegen zu teilen.

Vergangene Woche schrieben wir zu den Aktivitäten von Amazon, dass die Antwort auf die Zerstörung der Arbeits- und Lebensbedingungen letztlich die Vergesellschaftung solcher globalen Konzerne sein muss: „Die sozialistische Umgestaltung der Weltwirtschaft, die Enteignung des Vermögens von Konzernen wie Amazon und deren Umwandlung von gewinnorientierten Ausbeutungsriesen in internationale öffentliche Dienstleister, die von den Arbeitern selbst organisiert und demokratisch gelenkt werden, ist eine Notwendigkeit.“