Amazon in Kanada: Niedriglöhne und wachsende Arbeitshetze

Von unseren Reportern
3. Juli 2017

Ende Juni besuchte ein Reporteam der World Socialist Web Site das Amazon-Logistikzentrum in Brampton, einer Stadt in der kanadischen Provinz Ontario nahe Toronto, um auf die Veröffentlichung des Newsletters International Amazon Workers Voice aufmerksam zu machen. Unsere Reporter sprachen mit mehreren Arbeitern über ihre Erfahrungen mit dem Unternehmen.

Amir ist ein junger Arbeiter, der seit drei Wochen in dem Amazon-Logistikzentrum arbeitet. „Ich finde es manchmal sehr interessant und manchmal unangenehm“, erklärte er. Genau wie viele andere junge Arbeiter ist er nur kurzfristig in dem Logistikzentrum beschäftigt: „Ich bin hier nur für einen Monat eingestellt, danach gehe ich wieder auf die Universität.“

Mohammed arbeitet bereits seit zehn Monaten in dem Zentrum: „Früher war ich in der Ausbildung beschäftigt, aber heute arbeite ich in der Halle und bin für Problemlösungen zuständig. Im Moment kriege ich 13,90 Dollar die Stunde. Das reicht nicht zum Leben.“

Er hoffe, dass er befördert werde, wodurch er „monatlich 6.000 bis 7.000 Dollar plus Bonuszahlungen“ erhalten würde. Amazon ist dafür berüchtigt, Arbeiter mit dem Versprechen auf Boni zur Mehrarbeit zu drängen. Die Auswirkungen auf die Gesundheit der Beschäftigten ist dabei zweitrangig.

Ein Amazon-Logistikzentrum in Toronto, Ontario

Sadya, eine zugewanderte Arbeiterin, erklärt, wie die Zielvorgaben funktionieren: „Die Zielvorgaben ändern sich ständig und meistens werden es immer mehr. Wir fangen zum Beispiel mit acht an, dann sind es neun, dann zehn. Dann sind es elf und wir wissen, dass wir schneller machen müssen. Manchmal, wenn die Zielvorgaben klein sind, werden Leute aus deiner Gruppe woanders hin versetzt. Ich finde, die Vorgaben sollten niedriger sein.“

Überstunden seien keine Ausnahme, sondern die Regel: „Mal bittet man mich, ich soll Überstunden machen, und mal werden sie auch einfach angeordnet“, sagt Sadya.

Mehrere Arbeiter berichteten, dass die Leiharbeitsfirma SMX Arbeiter einstellt und bei Amazon einsetzt. SMX behält einen Teil der Löhne der Arbeiter und hüllt sich darüber in Schweigen, wie viel Amazon tatsächlich für die Arbeit bezahlt. Ein Arbeiter erklärte dazu: „SMX zahlt uns weniger als Amazon, aber ich weiß nicht wie viel.“

Mark, der auf den Philippinen geboren wurde, arbeitet seit vier Jahren bei Amazon und verdient mit 19 Dollar pro Stunde den höchsten möglichen Lohn. Er erzählt: „Ich arbeite 40 Stunden pro Woche, manchmal auch Überstunden. Viele kommen zum Arbeiten hierher und fangen dann bei der Leiharbeitsfirma SMX an. Ich weiß aber nicht, wie das funktioniert.“

Die Bevölkerung von Brampton besteht zu einem großen Teil aus Migranten. Laut Zahlen aus dem vergangenen Jahr stammen mehr als 40 Prozent der Einwohner aus Südasien. Seit 1990 hat sich die Bevölkerung mehr als verdoppelt. Heute leben über 600.000 Menschen in Brampton.

Die Gelder für Sozialleistungen wurden nicht an das Bevölkerungswachstum angepasst. Laut einem aktuellen Bericht der United Way of Peel Region leben 17 Prozent der Familien in der Region Peel, in der sich Brampton befindet, in Armut. Das heißt, dass sich mehr als 222.000 Menschen in der Region die täglichen Ausgaben für Unterkunft und Verpflegung nicht leisten können. Die Jugendarbeitslosigkeit in Brampton ist mit 20 Prozent hoch. 16 Prozent der Kinder leben in Armut. Der Zusammenbruch der Industriebetriebe hat viele Menschen zudem in Teilzeit oder Leiharbeit gedrängt. Dort stagnieren die Löhne oder steigen langsamer als die Preise für Güter des täglichen Bedarfs.

Unter diesen Bedingungen erklärten viele Arbeiter, sie seien erst einmal zufrieden, dass sie überhaupt eine Arbeit haben. Alina, die seit sieben Monaten in der Personalabteilung arbeitet, erklärte: „Mir gefällt meine Arbeit. Ich empfinde sie nicht als lebenslange Strafe, also versuche ich, das Beste daraus zu machen.“ Ein anderer Arbeiter fügte hinzu: „Ich bin schon 43 – mein Herz und mein Verstand sollten positiv bleiben, versteht ihr?“

Ein älterer Arbeiter, der schon lange in der Amazon-Niederlassung beschäftigt ist, war besonders unzufrieden mit seinem Los. Er äußerte die Hoffnung, man könne eine Gewerkschaft gründen, um bessere Bedingungen auszuhandeln.

Angesichts der brutalen Ausbeutungsbedingungen, unter denen Amazon-Arbeiter täglich schuften müssen, sind solche Ansichten verständlich. Allerdings bieten die Gewerkschaften keine Möglichkeit, Widerstand zu leisten. In den letzten drei Jahrzehnten haben sie sich in Agenturen der Unternehmensvorstände und des Staates verwandelt und Angriffe auf die Löhne und Arbeitsbedingungen der Beschäftigten durchgesetzt, die sie angeblich repräsentieren. In Orten wie Brampton und den umliegenden Gebieten haben sie eine entscheidende Rolle bei Angriffen auf Arbeitsplätze in der Fertigungsindustrie, u.a. in der Autobranche, gespielt, die einmal relativ gut bezahlt und sicher waren.

Angesichts der Globalisierung der Produktion hat der Nationalismus der Gewerkschaften notwendigerweise dazu geführt, dass die Arbeiter gegeneinander ausgespielt und in einen Unterbietungswettkampf gezwungen werden. Während sie um die Gunst von Investoren buhlten, haben sich die bürokratischen Apparate sämtlicher Gewerkschaften mehr und mehr in Subunternehmen der globalen Konzerne verwandelt.

Arbeiter stehen vor der Notwenigkeit eines international koordinierten Kampfs. Der globale Charakter des Amazon-Konzerns verdeutlicht diese Notwendigkeit in aller Schärfe. Eine solche Strategie erfordert: Erstens, die Übernahme einer neuen Perspektive für den politischen Kampf, die auf einem entschiedenen Bruch mit den Gewerkschaften und ihren politischen Unterstützern basiert. Zweitens, den Aufbau unabhängiger Aktionskomitees, um den Kampf für bessere Löhne und Arbeitsbedingungen führen zu können. Und drittens, die Aufnahme eines politischen Kampfs auf der Grundlage eines sozialistischen und internationalistischen Programms.

Der International Amazon Workers Voice wurde ins Leben gerufen, um Amazon-Arbeitern auf der ganzen Welt diese Perspektive vorzustellen.