Diese Woche in der Russischen Revolution

3.–9. Juli: Lenin warnt vor verfrühtem Aufstand

5. Juli 2017

Kerenskis Militäroffensive mündet in ein schreckliches Massaker an russischen Soldaten. In der alten zaristischen Hauptstadt gärt es unter Arbeitern und Soldaten. Wut, Verzweiflung und Frustration nähren die Bereitschaft zum Aufstand.

In der bolschewistischen Partei, vor allem in ihrer Militärorganisation, fordern viele den unverzüglichen Aufstand. Lenin und die erfahrenen Parteiführer sind aber der Meinung, dass die Bolschewiki die Macht nicht sofort übernehmen und auch halten können. Die Führung mahnt zur Geduld. „Die Zeit ist auf unsrer Seite“, sagt Lenin. Er warnt vor „isolierten und unorganisierten Aktionen“, die die Bewegung nur schwächen würden.

„Keinen Ausweg findend, zersplitterte die erwachte Energie der Massen in eigenmächtigen Aktionen“, wird Trotzki später schreiben. „Partisanenerhebungen, gelegentliche Expropriationen. Arbeiter, Soldaten, Bauern versuchten stückweise zu lösen, was zu lösen die von ihnen selbst geschaffene Macht sich weigerte. Unentschlossenheit der Führung erschöpft die Massen am stärksten. Fruchtloses Warten bewegt sie zu immer eindringlicheren Schlägen gegen die Pforte, die man vor ihnen nicht öffnen will, oder zu direkten Verzweiflungsausbrüchen.“

Kerenskis Offensive beginnt zusammenzubrechen

Kerenskis Offensive und die Gegenangriffe

Die Provisorische Regierung hat eine militärische Offensive ausgerufen, und die Menschewiki und Sozialrevolutionäre des Petrograder Sowjets stehen hinter ihr. Der „Sozialist“ Kerenski versucht, die Antikriegsstimmung der Massen in Unterstützung für den Krieg umzumünzen, indem er behauptet, die Soldaten trügen den Frieden auf ihren Bajonetten. Man sagt den Soldaten, dass sie kämpfen, um die nationale Ehre Russlands hochzuhalten, um die Alliierten zu unterstützen und um die Revolution zu verteidigen. Auf den regierungsfreundlichen Transparenten steht: „Krieg bis zum Endsieg!“

Inzwischen sind aber sehr viele Soldaten, die an die Front geschickt wurden, schon stark von den Bolschewiki beeinflusst. Diese prangern die kapitalistische Regierung an, verurteilen die Offensive und veröffentlichen die Geheimverträge, die den Kämpfen zugrunde liegen. Schon seit Beginn des Jahres laufen die Soldaten scharenweise zu den Bolschewiki über. Als die Bolschewiki in den Regimentern agitieren und an die Soldaten appellieren, sich mit ihren Klassenbrüdern in den gegnerischen Armeen zu verbrüdern, werden sie offiziell als Verräter und „deutsche Agenten“ beschimpft.

Vom 1. bis zum 19. Juli dauert Kerenskis geplante Offensive in Galizien (18. Juni – 6. Juli nach altem Kalender). Auf russischer Seite ist die 7., 8. und 11. Armee im Einsatz, zusammen mit der 1. Rumänischen Armee. Ihnen gegenüber stehen die Südarmee und die 7. und 3. Armee des Deutschen Reichs und von Österreich-Ungarn.

Nach einigen anfänglichen Erfolgen stößt die Offensive auf besser organisierten Widerstand, und ein schreckliches Massaker an russischen Soldaten setzt ein. Zum Ende der Offensive belaufen sich die russischen Verluste auf 60.000 Mann. Abstimmungen der gewählten Soldatenkomitees folgend (siehe „Befehl Nr. 1“ ) meutern die einfachen Soldaten, und Kompanie für Kompanie, Abteilung für Abteilung weisen die Komitees die Befehle der Offiziere zurück. Mehr und mehr entgleitet die Kontrolle über die Armee den Händen der Generäle.

Petrograd, 3. Juli (20. Juni): Auf der Ersten Allrussischen Konferenz der Bolschewistischen Militärorganisation warnt Lenin vor verfrühtem Aufstand

Führer der Bolschewistischen Militärorganisation

In seiner Rede vor der ersten Bolschewistischen Militärkonferenz erklärt Lenin den Teilnehmern, dass es notwendig sei, geduldig zu bleiben und keinen verfrühten Aufstand gegen die Regierung zu provozieren. Die 1. Allrussische Konferenz der Bolschewistischen Militärorganisation tagt vom 29. Juni bis zum 6. Juli (16.– 23. Juni) in Petrograd.

In der Militärorganisation herrscht eine radikale, anarchistisch geprägte Stimmung. Die 107 Delegierten in Petrograd vertreten etwa 26.000 bis 30.000 Parteimitglieder, die in der Provinzgarnison und an der Nord-, West- oder Süd-Front Dienst tun. Die meisten von ihnen – einschließlich vieler Delegierter – sind den Bolschewiki erst im Lauf des Jahres 1917, nach dem Sturz des Zaren, beigetreten.

Die meisten Soldaten-Delegierten sind direkt von der Front zur Konferenz gekommen und tragen ihre Gewehre über der Schulter. Der Bolschewik A.J. Arosew beschreibt die Stimmung auf der Konferenz so:

Fast alle Genossen hier berichten, dass ihre Provinzorganisationen in dem Moment, als sie sie verlassen haben, lebhaft und klar gegen den Machtmissbrauch der Regierung, gegen die Befehle Kerenskis protestierten. Überall hört man Stimmen der Genossen Soldaten, die der Meinung sind, dass die Zeit reif sei für einen entschiedenen Kampf Mann gegen Mann, um die Macht …

Die erfolgreiche Demonstration vom 31. (18.) Juni in Petrograd hat den Kampfgeist unter den Delegierten und Soldaten erhöht und Hoffnungen auf einen leichten Sieg geweckt. Im Namen des bolschewistischen Zentralkomitees spricht Lenin sich gegen die immer lauteren Forderungen nach einer sofortigen bewaffneten Erhebung gegen die Provisorische Regierung aus. Lenin besteht darauf, dass das Proletariat noch nicht in der Lage sei, im ganzen Land die Macht auszuüben:

Wir müssen außerordentlich aufmerksam und vorsichtig sein und dürfen uns nicht in eine Provokation hineinziehen lassen … Ein falscher Schritt auf unserer Seite kann alles zerstören … Wenn wir auch heute in der Lage wären, die Macht zu übernehmen, so ist es doch naiv zu glauben, dass wir die einmal ergriffene Macht auch halten könnten … Die Mehrheit der Massen schwankt, aber sie glaubt immer noch den Sozialrevolutionären und Menschewiki. Das ist eine Tatsache, und sie bestimmt das Verhalten unserer Partei … Nein, um die Macht ernsthaft (und nicht auf blanquistische Weise) zu gewinnen, muss die proletarische Partei geduldig, unbeirrt um den Einfluss im Sowjet kämpfen und den Massen jeden Tag aufs Neue den Irrtum ihrer kleinbürgerlichen Illusionen erklären … Man darf den Ereignissen nicht vorgreifen. Die Zeit ist auf unsrer Seite.

In Anbetracht der Tatsache, dass Lenin allgemein als der entschiedenste Befürworter des Übergangs der Macht auf die Sowjets gilt, wirkt seine Haltung auf viele enttäuschend. Ein Beobachter bemerkt, Lenins Rede habe auf die „Heißsporne“ der Konferenz „wie eine kalte Dusche“ gewirkt.

Schließlich verabschiedet die Konferenz eine Resolution, die mit Lenins Linie übereinstimmt.

Sie fordert im Punkt drei einen entschiedenen Kampf gegen anarchistische Stimmungen und einseitige und unorganisierte revolutionäre Aktionsversuche. Aber viele Mitglieder der Bolschewistischen Militärorganisation sind nach wie vor für den sofortigen bewaffneten Aufstand. Um die Situation zu klären, und um die Aufgaben der Partei in der Mitgliedschaft klarzustellen, entscheidet das bolschewistische Zentralkomitee, am 2. August (20. Juli) seinen 6. Parteitag abzuhalten.

(Zitate nach Alexander Rabinowitch, „Prelude to Revolution“, Indiana University Press 1991, S. 113 und 121–122, aus dem Englischen.)

3. Juli (20. Juni): Erstes Maschinengewehrregiment plant bewaffnete Demonstration

Das Erste Maschinengewehrregiment von Petrograd ist mit dem Befehl, seine Waffen abzugeben, nicht einverstanden und versucht, andere Armeeeinheiten der Stadt für eine bewaffnete Demonstration zu gewinnen. Der Zorn der Maschinengewehrschützen wird auch dadurch genährt, dass man ihnen Urlaub verweigert und droht, sie an die Front zu schicken. Sobald das Exekutivkomitee des Petrograder Sowjets Wind von der geplanten bewaffneten Demonstration bekommt, schickt es ein Telegramm an alle Einheiten der Petrograder Garnison:

Die Militärabteilung des Exekutivkomitees verurteilt absolut den Aufruf der Maschinengewehrschützen, der sich gegen den Gesamtrussischen Kongress und den Petrograder Sowjet richtet. Er ist ein Dolchstoß in den Rücken der heroisch und selbstlos kämpfenden Armee, die an der Front für den Triumph der Revolution, für die Herstellung des universellen Friedens und für das allgemeine Wohl kämpft … Die Militärabteilung ruft alle Regimenter auf, Ruhe zu bewahren, nicht auf irgendwelche Appelle von einzelnen Gruppen oder Regimentern zu hören und sich bereit zu halten, um dem ersten Ruf der Provisorischen Regierung in Übereinstimmung mit dem Sowjet zu folgen, zum Schutz der Freiheit aktiv zu werden und sich der drohenden Anarchie entgegenzustellen.

(Zitat in Alexander Rabinowitch, “Prelude to Revolution”, Indiana University Press 1991, S. 118-119, aus dem Englischen.)

Petrograd, 4. Juli (21. Juni): Prawda ruft zur Geduld auf

Titelseite der Prawda, Ausgabe vom 4. Juli

In einem Leitartikel, der heute in der Prawda unter der Überschrift: „Die Revolution, die Offensive und unsere Partei“ erscheint, fordert Lenin dazu auf, sich umsichtig zu verhalten, und warnt vor einem verfrühten bewaffneten Aufstand gegen die Regierung. Er erläutert seine Einschätzung, dass die Mehrheit der Soldaten und Arbeiter immer noch Illusionen in die kleinbürgerliche Politik der Menschewiki und Sozialrevolutionäre hegen.

Die Armee ging im Glauben in den Tod, sich für die Freiheit, für die Revolution und für einen baldigen Frieden zu opfern.

Doch die Armee war dazu bereit, weil sie lediglich ein Teil des Volkes ist, das in dieser Etappe der Revolution den Parteien der Sozialrevolutionäre und Menschewiki folgte. Dieses Vertrauen der Mehrheit zu der kleinbürgerlichen, von den Kapitalisten abhängigen Politik der Menschewiki und Sozialrevolutionäre, ist bestimmend für die Stellung und das Verhalten unserer Partei.

Mit nicht nachlassender Energie werden wir weiter die Politik der Regierung entlarven und nach wie vor die Arbeiter und Soldaten entschieden warnen, unsinnige Hoffnungen auf isolierte, unorganisierte Aktionen zu setzen.

Das Erste Maschinengewehrregiment reagiert auf den Druck, den der Sowjet ausübt, wie auch auf den Widerstand, den die bolschewistische Führung einem verfrühten Aufstand entgegensetzt, und gibt seine Pläne für eine bewaffnete Demonstration auf. Stattdessen verabschieden die Maschinengewehr-Schützen eine Resolution, in der sie künftige Truppenaushebungen durch die Provisorische Regierung zurückweisen. Darin heißt es:

Fernerhin sind Kommandos zur Front nur dann zu entsenden, wenn der Krieg einen revolutionären Charakter trägt. Das wird aber nur passieren, wenn die Kapitalisten aus der Regierung entfernt werden und die Regierung in die Hände der Demokratie, vertreten durch den Gesamtrussischen Sowjet der Arbeiter-, Soldaten- und Bauern-Deputierten, übergegangen ist.

Die Resolution weist außerdem warnend darauf hin: Sollte man versuchen, das Regiment gewaltsam aufzulösen, dann würden die Maschinengewehrschützen „nicht zögern, bewaffnete Gewalt anzuwenden, um die Provisorische Regierung und andere Organisationen, die sie unterstützen, zu zerbrechen“.

(Zitiert in Alexander Rabinowitch, “Prelude to Revolution”, Indiana University Press 1991, S. 119, aus dem Englischen)

Petrograd, 5. Juli (22. Juni): Bolschewistische Militärorganisation im Konflikt mit Zentralkomitee und Petersburger Komitee

Wladimir Newskij, Bolschewik, in der Führung der Bolschewistischen Militärorganisation, Herausgeber der Soldatskaja Prawda

Obwohl die bolschewistische Militärorganisation und das bolschewistische Zentralkomitee sich am Vortag gemeinsam gegen einen verfrühten Aufstand entschieden haben, schlagen Mitglieder der Militärorganisation eine möglicherweise bewaffnete Demonstration gegen die Provisorische Regierung vor. Auf einem offiziellen Treffen mit den Mitgliedern des Zentralkomitees und des Petrograder Komitees wird dieser Vorschlag diskutiert, und es zeigt sich, dass sie bezüglich der politischen Situation definitiv unterschiedliche Einschätzungen haben.

Semaschko, ein Mitglied der Petrograder Militärorganisation, der etwa 15.000 Maschinengewehrschützen folgen, beschuldigt das Petrograder und das Zentralkomitee, es mangle ihnen an einem „klaren Verständnis“ der Parteistärke, und er argumentiert: „Mit uns ist fast die ganze Garnison.“

Laut dem Historiker Alexander Rabinowitch verteidigt auf diesem Meeting nur eine Minderheit der Militärorganisation die Linie des Zentralkomitees. Einer von ihnen ist Michail Laschewitsch, ein alter Bolschewik, Unteroffizier im Ersten Maschinengewehr-Regiment und Mitglied des Petrograder Sowjets. Es gelingt der Militärorganisation nicht, die beiden Komitees für ihre Haltung einzunehmen. Ihre Hauptzeitung, Soldatskaja Prawda (wörtlich: Wahrheit der Soldaten), entwickelt eine Linie, die von der des bolschewistischen Zentralorgans Prawda abweicht: Statt zu einem umsichtigen Verhalten aufzurufen, ermutigt die Zeitung die aufrührerische Stimmung unter den Lesern.

Leo Trotzki erklärt [in seiner „Geschichte der Russischen Revolution“] die zunehmend radikale und anarchistische Stimmung der Massen von Petrograd, die besonders unter den Soldaten vorherrscht:

Die Soldaten waren überhaupt ungeduldiger als die Arbeiter: sowohl, weil ihnen unmittelbar Entsendung an die Front drohte, als auch, weil sie Erwägungen politischer Strategie viel schwerer zugänglich waren. Außerdem hatte jeder eine Flinte in der Hand, und nach dem Februar neigte der Soldat dazu, deren selbständige Macht zu überschätzen.

Amsterdam, 5. Juli: Neun Tote bei Armeeeinsatz gegen „Kartoffelaufruhr“

Kartoffelaufruhr in Amsterdam, 1917

Neun Zivilisten sterben, nachdem Soldaten das Feuer auf eine protestierende Menge hungriger Menschen eröffnet haben. Weitere 114 Menschen werden verwundet.

Auslöser für die Proteste ist die Ankunft eines Schiffs Ende Juni mit einer Ladung Kartoffeln und anderer Lebensmittel, die für die Armee bestimmt sind. Die Niederlande sind zwar im Krieg neutral, aber die Preise für Nahrungsmittel sind seit 1914 drastisch angestiegen. Selbst Kartoffeln, das Grundnahrungsmittel schlechthin, sind kaum noch zu haben. Das hat den Aufruhr ausgelöst.

Am 28. Juni haben Frauen begonnen, Läden zu plündern, oft mit ihren Kindern auf den Armen. Anfang Juli weitet sich die Bewegung stark aus und erfasst die Arbeiter der Hauptstadt. Die Behörden schaffen es, nach der heutigen blutigen Niederschlagung der Proteste, erst nach sieben Tagen die Ordnung wiederherzustellen.

Die brutale Reaktion der Behörden widerspiegelt ihre Furcht vor der wachsenden Opposition in der Arbeiterklasse. Die Medien und die herrschende Elite haben die Russische Revolution genau verfolgt; sie fürchten, dass die wachsende Unzufriedenheit in der Bevölkerung auch in den Niederlanden eine ähnliche Bewegung auslösen könnte. Immer wieder wird vor der „Roten Gefahr“ gewarnt.

New York, 6. Juli: Roosevelt in Beinahe-Rangelei mit Gompers über „Rassenunruhen“ in East St. Louis

Theodore Roosevelt

In einer Versammlung in der Carnegie Hall zur Feier der „russischen Demokratie“ geraten Ex-Präsident Theodore Roosevelt und der Vorsitzende der American Federation of Labor, Samuel Gompers, fast physisch aneinander. Es geht um die Rassenunruhen in East St. Louis eine Woche zuvor. Die Unruhen haben dutzende Afroamerikaner das Leben gekostet und Tausende obdachlos gemacht.

Roosevelt spricht auf der Versammlung vor Gompers und verurteilt die Brutalität des rassistischen Aufruhrs, den er einen „Makel auf der Ehre von Amerikas Namen“ nennt. Die Versammlungsleitung hat eine Organisation mit Namen „Amerikanische Freunde der Freiheit Russlands“. Roosevelt äußert sich besorgt darüber, dass die Barbarei in St. Louis den Behauptungen des amerikanischen Imperialismus offensichtlich widerspricht, Vorkämpfer von Freiheit und Demokratie zu sein: „Wenn wir die Geburt der Demokratie in einem anderen Volk begrüßen, dann verlangt der Geist der Sache, jedermann entsprechend seines Rechts als Mensch zu behandeln und auch dem Geringsten seine Rechte, die ihm eigen sind, nicht zu verweigern. Und wenn wir den Vertretern einer anderen Nation solche Grüße darbieten, dann geziemt es sich, Taten in unserem eigenen Land, die unsere Worte Lügen strafen, zutiefst zu verurteilen.“ [aus dem Englischen]

Gompers spricht unmittelbar nach Roosevelt. Ebenso wie dieser weicht er von seinem Redemanuskript über Russland ab und äußert sich zu East St. Louis. Er versucht, die Angriffe zu entschuldigen, und behauptet, sie hätten ihre Ursache darin, dass „Schwarze aus dem Süden angelockt werden und die Bedingungen der Arbeiter in East St. Louis unterhöhlen“. Gompers ist als AFL-Präsident der Vorsitzende eines Gewerkschaftsverbands, dessen Mitgliedsverbände Schwarzen häufig die Mitgliedschaft verwehren, und die politisch der Demokratischen Partei angeschlossen sind, dem schlimmsten Instrument der Jim Crow-Rassentrennung im Süden und der ethnischen Patronage in den Städten des Nordens.

Roosevelt setzt sich über die Reihenfolge der Redner hinweg und ergreift noch einmal das Wort, um auf Gompers zu antworten. Roosevelt steht höher als Gompers, und er schüttelt seine Faust so nahe vor Gompers‘ Gesicht, dass es für das Publikum aussieht, als treffe er den Gewerkschaftsführer mit der Faust. „In der Vergangenheit habe ich die gleichen Vorwände gehört, als die russische Autokratie sie für Pogrome gegen Juden vorbrachte“, donnert Roosevelt.

Der Schlagabtausch zwischen Roosevelt und Gompers überschattet die Feierlichkeit zu Ehren der russischen Provisorischen Regierung und die Einführung des neuen russischen Botschafters Boris Bachmetjew in den USA.

Baku, 6. Juli (23. Juni): Fabrikarbeiter unterstützen Resolutionen der Petrograder Konferenz der Betriebskomitees

Prokofji Dschaparidse, Bolschewistischer Revolutionär

In Baku, dem heutigen Aserbeidschan, verabschiedet eine Versammlung von Fabrikarbeitern eine Resolution, in der der Sowjet von Baku aufgefordert wird, die staatliche Kontrolle über die Produktion und Verteilung von Gebrauchsgütern zu übernehmen. Der Bolschewik Prokofji Dschaparidse gibt einen Bericht über die Versammlungen und Konferenzen in Petrograd. Die Delegierten der Arbeiter in Baku unterstützen die Resolutionen der Petrograder Konferenz der Betriebskomitees und erklären ihre Solidarität mit den Petrograder Arbeitern und ihren Kämpfen.

Auf der gleichen Versammlung organisieren sich Arbeiter aus 78 Betrieben in einer zentralen Kommission für den Kampf gegen den Niedergang der Produktion und die Entlassung von Arbeitern. Die Versammlung stimmt auch dafür, dass Arbeiter einen halben Tageslohn spenden, um bedürftige Familien zu unterstützen, die unter dem Krieg zu leiden haben.

Dschaparidse ist ein heroischer Vertreter der marxistischen Bewegung in der Region. 1880 in Racha, dem damaligen russischen Gouvernement Kutais im russischen Zarenreich geboren, dem heutigen Georgien, zog er im Alter von 24 Jahren nach Baku, um politische Arbeit in der muslimischen Sozialdemokratischen Partei (Gummet) zu leisten, die sich zu einer Massenbewegung entwickelt. Wie alle bolschewistischen Führer arbeitet er jahrelang unter der Gefahr, verhaftet und verfolgt zu werden, und wird von reaktionären Selbstschutzgruppen mit Gewalt bedroht. 1909 wird er wegen seiner politischen Aktivitäten für fünf Jahre ins Exil verbannt. Seine Artikel erscheinen regelmäßig in bolschewistischen Journalen und Magazinen wie dem Baku Worker, Gudok, und dem Baku Proletariat.

Neben dem führenden Bolschewisten Stepan Schaumian wird Dschaparidse 1918 einer der 26 „Baku-Kommissare“ sein, die von der Sozialrevolutionären Regierung am Ort verraten und ermordet werden. Der russische Dichter Wladimir Majakowski wird schreiben: „Euer Blut soll niemals kalt werden – niemals! Die 26 – Dschaparidse und Schaumian!“ Dschaparidse wird 38 Jahre alt.

Berlin, 6. Juli: Matthias Erzberger (Zentrumspatei) gibt den Anstoß zum Sturz von Reichskanzler Bethmann Hollweg

Matthias Erzberger

Der einflussreiche Reichstagsabgeordnete Matthias Erzberger von der katholischen Zentrumspartei fordert im Hauptausschuss des Deutschen Reichstags, eine Friedensresolution im Parlament zu verabschieden. Darin solle ein Frieden gefordert werden, der nicht auf Annexionen beruhe, sondern auf einer „Verständigung“ mit den gegnerischen imperialistischen Mächten. Grund: Der Krieg gegen diese Gegner (USA, Großbritannien, Frankreich) sei nicht mehr zu gewinnen.

Diese plötzliche Kehrtwende in der Kriegspolitik der Zentrumspartei ist mit der sozialchauvinistischen Mehrheits-Sozialdemokratie (MSPD) im Reichstag, der Fortschrittlichen Volkspartei (FVP) und der rechten Nationalliberalen Partei abgesprochen. Alle vier Fraktionen verständigen sich auf die Zusammenarbeit in einem „interfraktionellen Ausschuss“ und bilden damit eine neue Reichstagsmehrheit, die Front gegen Reichskanzler Bethmann-Hollweg und gegen die auf Eroberungen in West- und Osteuropa abzielende Kriegspolitik der Regierung macht. Alle vier Parteien, auch die MSPD unter Friedrich Ebert, Philipp Scheidemann und Gustav Noske, haben diese Eroberungspolitik bisher vorbehaltlos unterstützt.

Die überraschende Kehrtwende löst in Berlin eine tiefe politische Krise, die sogenannte „Juli-Krise“, aus, die am Ende zum Sturz von Bethmann Hollweg führt. Sie wird nicht nur durch die nicht mehr zu verheimlichenden Misserfolge der Marine im U-Bootkrieg und die katastrophale militärische Lage des Heeres an der Front verursacht, sondern vor allem durch die revolutionäre Gärung in der Arbeiterklasse im Inland. Erneut breitet sich eine Streikwelle aus. Auf den Hochseeschiffen der Marine kommt es sogar zu Meutereien und Protestkundgebungen und Forderungen nach einem Ende des Krieges.

Akaba, 6. Juli: Araber erobern osmanischen Hafen am Roten Meer

T.E. Lawrence

Unter dem Befehl des britischen Offiziers T.E. Lawrence führt eine arabische Einheit einen erfolgreichen Vorstoß gegen die Hafenstadt Akaba am Roten Meer und zwingt die kleine osmanische Garnison zur Aufgabe.

Dem Vorstoß der etwa 5000 Beduinen und anderer arabischer Kämpfer schließen sich unterwegs immer mehr lokale Stämme an. Er ist Teil eines umfassenden Plans, den Lawrence entworfen hat, um die britische Position in Ägypten zu stärken. Akaba war der letzte verbliebene Hafen unter osmanischer Kontrolle am Roten Meer. Seine Einnahme macht den britischen Truppen den Weg frei, aus Ägypten kommend gegen die osmanischen Kräfte in Palästina vorzurücken.

Seit über einem Jahr ermutigen Briten und Franzosen schon die Große Arabische Revolte, die sich auf der Arabischen Halbinsel und in der Region von Syrien gegen das Osmanische Reich richtet. London und Paris ist es gelungen, sich der Unterstützung mehrerer mächtiger lokaler Herrscher zu vergewissern. Der bekannteste von ihnen ist Faisal I. bin Hussein bin Ali al-Hashimi, als dessen Berater Lawrence fungiert. Sie werden mit falschen Versprechungen geködert, die einzuhalten die britischen und französischen Imperialisten niemals die Absicht hatten.

Erst durch die Oktoberrevolution wird das ganze Ausmaß des kalkulierten Betrugs offensichtlich werden, wenn die Bolschewiki das Sykes-Pikot-Abkommen veröffentlichen werden. Es ist ein Geheimvertrag zwischen Frankreich und Großbritannien darüber, wie sie den Nahen Osten nach der Niederlage des Osmanischen Reiches unter sich aufteilen wollen.

Wien, 8. Juli: Alle Industrieunternehmen im Habsburger Reich werden militarisiert

Munitionsproduktion in der Metallfabrik Enzensfeld bei Wien, 1917

Um der seit Mai anhaltenden und sich noch ausweitenden Streikwelle in den Industriegebieten Österreichs, Tschechiens und Ungarns Herr zu werden, lässt Kaiser Karl I. von Habsburg alle Industrieunternehmen im Reich militarisieren. Alle Arbeiter im wehrpflichtigen Alter werden in den Fabriken in „Landsturmabteilungen“ zusammengefasst und militärischer Disziplin unterstellt. Sie dürfen an keinerlei politischen Aktivitäten mehr teilnehmen und unterliegen dem Kriegsstrafrecht.

Diese Verschärfung der Militärdiktatur im Inneren setzt den Versuchen des Kaisers ein Ende, durch ein paar soziale Reförmchen wenigstens im Inneren den Frieden aufrechtzuerhalten. Seit der Februarrevolution in Russland hat er eine Begrenzung von Mietpreissteigerungen und einige Verbesserungen im Gesundheitswesen eingeführt. Am 2. Juli hat er eine Amnestie für alle erlassen, die wegen politischer Vergehen wie Hochverrat, Majestätsbeleidigung, Aufstand, Aufruhr usw. im Gefängnis sitzen oder zum Tod verurteilt sind.

All das bleibt ohne den gewünschten innenpolitischen Erfolg und lässt den Kaiser vielmehr in den Augen seiner Hofkamarilla, des Adels und der Kapitalisten, als schwach, und in den Augen der Arbeiter als erfolglos erscheinen. An den schrecklichen Lebensbedingungen nämlich ändert sich für diese nichts: Die schlimmen Nachrichten von der Kriegsfront erreichen zuhause eine Bevölkerung, die zu breiten Teilen von einer beispiellosen Hungersnot und um sich greifenden Seuchen geplagt ist.

Adel und Kaiser sind zutiefst erschüttert über den Sturz des Zaren Nikolaus und von panischer Furcht gepackt, die russische Revolution könnte sich nach Westen ausbreiten.

Scapa Flow (Orkney) 9. Juli: Explosion eines britischen Zerstörers reißt 845 Matrosen in den Tod

Stapellauf der HMS Vanguard

Um etwa 23:20 Uhr schießt eine riesige Stichflamme aus dem Schlachtschiff HMS Vanguard, wie Augenzeugen berichten. Das britische Kriegsschiff liegt im Hafen von Scapa Flow vor Anker, einer Bucht der Orkney-Inseln im Norden Großbritanniens. Einige Minuten später, als sich die Rauchschwaden verzogen haben, ist das Schiff komplett verschwunden. Auf der Wasseroberfläche schwimmen nur noch Trümmerteile.

845 Matrosen werden bei der Schiffsexplosion getötet. Drei Männer überleben, doch zwei von ihnen sterben in den darauf folgenden Tagen an ihren Brandwunden. Die Ursache der Explosion wird einer Überhitzung zugeschrieben, die aus dem Boiler auf das Magazin übergegriffen und das dort gelagerte Schießpulver entzündet hat.

Sommer 1917: Egon Schiele organisiert Kriegsausstellung im Wiener Prater

Plakat für die 49. Ausstellung der Sezession, 1918

Der Maler Egon Schiele (1890-1918) gehört 1914 nicht zu den Künstlern, die den Krieg als „reinigendes Gewitter“ begrüßt haben. Wegen seiner schwächlichen Konstitution wird er zunächst ausgemustert, aber 1915, vier Tage nach seiner Heirat mit Edith Harms, doch zum Militärdienst eingezogen. Allerdings bleiben ihm Fronterlebnisse erspart.

Schiele, ein kompromissloser rebellischer Künstler, ist vor allem durch seine erotischen, mit nervösem Strich gezeichneten, kolorierten Aktbilder morbider asketischer Körper bekannt. Er löste Skandale aus und saß einmal aufgrund seiner Überzeugung von der künstlerischen Freiheit sogar im Gefängnis. Wie sensibel er auf die sozialen Probleme seiner Zeit reagiert, zeigen seine zahlreichen Bilder von Proletariermädchen, seinen ersten Modellen. Seine Porträts zeugen ebenfalls von großem Einfühlungsvermögen. Auch unter dem Einfluss seiner Beziehung mit Edith hat er künstlerisch einen deutlichen Reifungsprozess durchgemacht. Seine Werke werden weniger provokativ, dafür berühren sie oft mehr.

Er dient zunächst als Schreiber im Kriegsgefangenenlager Mühling. Hier entstehen einige Zeichnungen des Lagers, Portraits von Gefangenen und Kollegen, aber in dieser Zeit malt er nur ein einziges Ölbild, Die verfallende Mühle. In seinem Kriegstagebuch von 1916 schreibt Schiele, dass er sich im Lager mit russischen Offizieren angefreundet habe. Mit ihnen diskutiert er über ihre gemeinsame Friedenssehnsucht und die Vision eines vereinigten Europas ohne Krieg und Nationalismus.

1917 wird er als militärischer Verwaltungsangestellter nach Wien versetzt. Dort erhält er im Sommer 1917 den Auftrag zusammen mit seinem Kollegen Albert Paris Gütersloh die Kriegsausstellung im Wiener Prater zu organisieren. Das Thema der Auftragsarbeit ist eher widerwärtig – der Krieg soll verharmlosend und „unterhaltsam“ dargestellt werden – aber Schiele ist froh, endlich seiner permanenten Finanznot zu entkommen. Karl Kraus schreibt dazu: „Der ausgestellte Krieg! Ich würde eine Friedensausstellung besuchen, in der aber nichts zu sehen sein dürfte als aufgehängte Kriegsgewinner, die Helden des Geldkriegs, die, als das Vaterland rief, verstanden haben: Jetzt heißt es zusammenscharren!“

Im gleichen Jahr kann Schiele an verschiedenen Ausstellungen in Wien, München, Amsterdam, Stockholm und Kopenhagen teilnehmen und wird international bekannt. Aus dieser Zeit stammt eines seiner bekanntesten Landschaftsbilder „Vier Bäume“: Im Vordergrund die schwarzen Bäume mit verwelkten Blättern, am Horizont die rote Sonne am Abendhimmel. Das Bild greift ein Grundthema des Malers auf: Tod und Leben.

1918 bringt ihm die 49. Ausstellung der „Wiener Secession“, die ihm und seinen Künstlerfreunden gewidmet ist, künstlerisch und auch materiell den ersten großen Erfolg. Das Plakat zur Secessions-Ausstellung greift auf ein älteres Gemälde zurück: die „Tafel der Freunde“. Die Farben des Gemäldes sind düster, er selbst am Tafelende weiß gekleidet. Im Plakat trägt er Rot und vertieft sich in ein Buch wie seine Freunde. Man spürt die Atmosphäre geistiger Arbeit, eines Aufbruchs: Schiele plant zusammen mit seinem Freund und Lehrer Gustav Klimt und dem Komponisten Arnold Schönberg, für den kulturellen Wiederaufbau nach dem Krieg eine „Kunsthalle“ zu gründen.Doch mitten in den Vorbereitungen stirbt Klimt am 6. Februar 1918. Im Herbst desselben Jahres wird Schieles im sechsten Monat schwangere Frau Edith von der zweiten Welle der fürchterlichen Epidemie der „Spanischen Grippe“ hinweggerafft. Drei Tage später, am 31. Oktober 1918, stirbt auch er an derselben Krankheit: Ein fragiles und unruhiges, immens fruchtbares Künstlerleben hat ein frühes, verstörendes Ende gefunden.

Weitere Werke Schieles sind hier zu sehen.