Bombardier Hennigsdorf: Arbeiter wütend auf die IG Metall

Von Gustav Kemper und Verena Nees
6. Juli 2017

Anfang der Woche sprachen Reporter der WSWS mit Arbeitern in Hennigsdorf bei Berlin über den Aufsichtsratsbeschluss von Bombardier Transportation am vergangenen Donnerstag. Viele brachten ihre Enttäuschung und insbesondere ihre Frustration über das Verhalten der Gewerkschaft IG Metall zum Ausdruck, die 2200 Entlassungen und damit der Vernichtung jedes vierten Arbeitsplatzes bei Bombardier in Deutschland zugestimmt hatte.

Arbeiter von Bombardier beim Schichtwechsel

Im Hennigsdorfer Werk, das auf eine über hundertjährige Geschichte des Schienenbaus zurückblickt und zu DDR-Zeiten noch 9000 Arbeiter beschäftigte, soll die Großserienproduktion von Zügen bis Ende 2019 eingestellt werden. Laut Aufsichtsratsbeschluss wird ein sogenanntes Kompetenzzentrum für Entwicklung, Controlling und Service übrig bleiben. Von heute noch 2300 Beschäftigten verlieren bis zu 500 ihren Arbeitsplatz. Bis September soll schon ein Sozialplan fertig vorliegen.

Die Aufsichtsratsentscheidung kommt einem Coup gleich, mit dem die IG Metall die Belegschaft überrumpelt. In einem Interview mit dem Tagesspiegel vom 1. Juli triumphierte der Deutschland-Chef von Bombardier Michael Fohrer über die enge Zusammenarbeit mit der IG Metall. „Wichtig ist, dass es uns gelungen ist, ein gemeinsames Konzept zu erarbeiten, ohne Turbulenzen – mit dem Management, der Gewerkschaft und den Arbeitnehmern. Das ist nicht selbstverständlich.“

Fohrer erklärte, das Unternehmen wolle bis zum Jahr 2020 eine Gewinnmarge von acht Prozent erzielen. „Im ersten Schritt geht es um die ‚schwarze Null‘, dann um die Gewinnoptimierung.“ Die IG Metall unterstützt diese Ziele. Während sie zu Protestkundgebungen aufrief, auf denen sie hohle Versprechen zur Verteidigung der Arbeitsplätze abgab, führte sie hinter dem Rücken der Arbeiter geheime Gespräche über die Durchsetzung der Abbaupläne.

Am Zaun bei Bombardier in Hennigsdorf hängt noch das IG Metall Plakat mit der Aufschrift „Wir lassen uns nicht ausrangieren!“ Unter Arbeitern ruft dies nur noch Bitterkeit hervor. „Ich bin seit 43 Jahren in diesem Betrieb. Ich bin stinksauer, mir fällt dazu nichts mehr ein“, ruft ein Arbeiter der Frühschicht wütend, während er mit seinem Fahrrad vorbeifährt. „Ich bin aus der IG Metall ausgetreten“, bemerkt der nächste im Vorbeigehen. Ein anderer: „Politik, Firmen, Gewerkschaften, die schütteln sich alle nur gegenseitig die Hände“.

IG Metall-Plakat am Zaun von Bombardier Hennigsdorf

Eine Arbeiterin der Endmontage in Halle 74 bleibt stehen. „Wir wurden von der Geschäftsleitung und der IG Metall nur hingehalten“, sagt sie. „Die Stimmung im Betrieb ist sehr gedrückt.“ Ihre Kollegen seien meist zwischen 40 und 50 Jahre alt und mitten im Berufsleben. Den „Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen“ bis Ende 2019 kann sie nicht als Erfolg sehen. Dies bedeute doch nur, dass man sich bis Ende 2019 eine neue Arbeit suchen oder umschulen lassen muss. Neue Arbeitsplätze gebe es in Hennigsdorf aber nicht.

Ein Arbeiter aus Berlin äußert die Vermutung, dass das Umbaukonzept längst beschlossene Sache war, während die IG Metall noch Proteste organisierte. So habe die Hennigsdorfer Geschäftsführung bei einem ausgeschriebenen Großauftrag der S-Bahn Berlin schon gar nicht mehr ernsthaft mitgeboten, sodass ihn letztlich der Konkurrent Stadler bekommen hat.

Markus, ein junger Arbeiter bei Bombardier PPC, sagt uns: „Meine Meinung zur IG Metall ist sowieso nicht positiv.“ Im vergangenen November seien sie aufgerufen worden, Mitglied in der IG Metall zu werden: „Tretet alle ein, hieß es. Die IG Metall unterstützt uns. Wenn es zum Streik kommt, macht sie alles für uns.“ Auch Markus wurde Mitglied, will aber jetzt wieder austreten.

Seiner Meinung nach wolle die IG Metall nur sich selbst medial in Szene setzen. „Für den einzelnen Arbeiter oder für meine fünfzig Kollegen hier interessieren die sich doch gar nicht. Die brauchen immer die große Bühne.“

Bombardier PPC mit rund hundertfünfzig Beschäftigten ist ein „Betrieb im Betrieb“ und dient als Zulieferer von Antriebs- und Steuersystemen für die Zugsparte von Bombardier, aber auch für andere Fahrzeughersteller. Über das weitere Schicksal dieser Belegschaft wurde bisher nichts gesagt.

Die meisten Arbeiter am Werkstor bezweifeln, dass der Bombardier-Standort in Hennigsdorf bestehen bleibt. „Mit Entwicklung und Controlling kann man keinen Standort aufrechterhalten“, betont der 53-jährige Endrik gegenüber WSWS. Er arbeitet seit 37 Jahren in diesem Betrieb als Arbeitsvorbereiter und hat schon viel erlebt seit der DDR-Zeit.

„Ab 1990 gab es alle zwei Jahre eine Entlassungswelle“, berichtet er. Dasselbe treffe auf das zweite große Werk von Hennigsdorf zu, das vom italienischen Konzern Riva 1992 übernommene Stahlwerk, das derzeit sein hundertjähriges Bestehen feiert. Bis 1989 gab es dort noch 8500 Arbeiter, heute sind noch 670 übrig.

Aus der IG Metall sei er schon 1993 ausgetreten, erzählt Endrik. Er sei damals nicht einverstanden gewesen, dass die Gewerkschaft beim großen Metallarbeiterstreik zwar die Stahlarbeiter, nicht aber die Schienenwerker in Hennigsdorf einbezogen und auf diese Weise die Arbeiter gespalten hatte. Zu diesem Zeitpunkt gehörte das ehemalige DDR-Kombinat LEW (Lokomotivbau Elektrotechnische Werke) der AEG, der die Treuhandanstalt 1992 ihren früheren Besitz rückübereignet hatte. 1996 übernahm den Betrieb die Firma Adranz und ab 2001 der kanadische Bombardier-Konzern.

Auch ein älterer Montage-Arbeiter, der nächste Jahr in Rente geht, äußert sich negativ über die 27 Jahre seit der Wende. „Ich war damals gegen die Wiedervereinigung“, sagt er. „Diese Ratten aus dem Westen, die Kapitalisten, machen alles kaputt“. Sein Schwiegervater, erzählt er weiter, sei 1952 als KPD-Mitglied in Westdeutschland entlassen worden und in die DDR gekommen, wo er ebenfalls mies behandelt wurde. Aus der IG Metall sei er schon lange ausgetreten, fügt er hinzu.

In den Diskussionen am Tor kommt immer wieder die Frage auf, wie Arbeiter in Zukunft ihre Arbeitsplätze verteidigen können. Als Mitte Juni im sächsischen Bautzen die Grundsteinlegung einer neuen Montagehalle gefeiert wurde, machte der Hennigsdorfer Betriebsratsvorsitzende Michael Wobst, der zugleich stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender von Bombardier Transportation ist und die jüngsten Beschlüsse unterstützt hat, Stimmung gegen die Belegschaft in Bautzen.

Viele Arbeiter lehnen diese Aufspaltung nach Standorten ab und stimmen der Perspektive der WSWS und SGP (Sozialistische Gleichheitspartei) zu, dass man gemeinsam und international vereint gegen den globalen Konzern vorgehen müsste. Sie berichten über Verlagerungen von Teilen der Produktion und Verwaltung in Billiglohnländer wie Rumänien und Indien.

Sabine K., seit vierzig Jahren im Betrieb und früher Buchhalterin, hat die Verlagerung der Buchhaltung nach Rumänien miterlebt. Sie selbst wurde in die Abteilung Controlling übernommen, aber einige Kolleginnen verloren ihren Arbeitsplatz. Damals habe sie noch gedacht, man könne ohnehin nichts ändern. „Aber heute denke ich manchmal, es ist eigentlich an der Zeit, dass wir uns aus unserer Bequemlichkeit aufrappeln und gemeinsam kämpfen“, fügt sie nachdenklich hinzu.

Ein Arbeiter aus Berlin schimpft über die globale Firmenpolitik, die immer nach der billigsten Möglichkeit der Produktion sucht. „Es geht nur darum, die billigsten Varianten zu finden, alles nur herunter zu rechnen, damit die Gewinne möglichst schnell steigen. Die sehen nicht das gesamte Produkt, einen Zug als Ganzes.“ Eine qualitativ gute Produktion von Zügen werde unmöglich gemacht.

Es entwickelt sich darauf eine lebhafte Diskussion über den zerstörerischen Charakter des globalen Kapitalismus, der die Produktion dem Profit unterordnet und heute auf Handelskriege und Krieg zutreibt. Der Monteur nickt, er hat diese Entwicklung verfolgt. Auf das Argument der WSWS, dass Arbeiter eingreifen, sich unabhängig von den bestehenden Gewerkschaften organisieren und für eine sozialistische Perspektive kämpfen müssen, sagt er nur: „In Frankreich, ja, dort werden die Arbeiter schneller einen Generalstreik organisieren als hier.“

Der Marsch der Hennigsdorfer Arbeiter durch Berlin am 17. Juni 1953 (© AdsD der Friedrich-Ebert-Stiftung)

Der Industriestandort Hennigsdorf hat eine lange Geschichte von militanten Kämpfen. Die Hennigsdorfer Arbeiter spielten eine große Rolle in der Novemberrevolution von 1918/19 und bei der Niederschlagung des Kapp-Putschs 1920. Paul Schreier, Mitbegründer des Spartakus-Bunds an der Seite von Karl Liebknecht, hatte hier eine große KPD-Ortsgruppe aufgebaut. 1933 floh er vor den Nazis in die Sowjetunion und wurde 1937 in Stalins Säuberungen ermordet. Die DDR hatte diese Tatsache bis 1989 verschwiegen.

Die Hennigsdorfer Betriebe waren auch am Arbeiteraufstand gegen das stalinistische SED-Regime beteiligt. Am 17. Juni 1953 marschierten über 5000 Arbeiter des Stahlwerks und der Lokomotiv-Bauer zu Fuß nach Berlin, um die Bauarbeiter gegen die Normerhöhungen zu unterstützen. Später wurde Hennigsdorf durch die Berliner Mauer 1961 von der direkten S-Bahn-Verbindung nach Berlin abgeschnitten.

Auch nach der Wende gab es immer wieder Arbeitskämpfe. 1991 besetzten 5000 Stahlwerker zwei Wochen lang ihren Betrieb, um die Privatisierung durch den Riva-Konzern zu verhindern, und auch danach leisteten die Hennigsdorfer heftigen Widerstand gegen die Auswirkungen der kapitalistischen Restauration. Der Ausverkauf dieser Kämpfe durch die IG Metall war für den Niedergang der stolzen Industriestadt maßgeblich mit verantwortlich.

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