„Kriegsalltag und Abenteuerlust“ – eine Ausstellung über Kriegsfotografinnen im Ersten und Zweiten Weltkrieg

Von Franci Vier und Verena Nees
26. Oktober 2017

„Um Frieden zu erreichen, muss man immer wieder über Krieg sprechen.“ Mit diesen Worten fasst Museumsleiterin Elisabeth Moortgat in einem Interview mit der World Socialist Web Site die Motivation für die aktuelle Fotografie-Ausstellung „Kriegsalltag und Abenteuerlust“ im Verborgenen Museum zusammen.

Die kleine Ausstellung umfasst rund siebzig Fotografien, Grafiken, Zeitschriften und Dokumente europäischer Kriegsfotografinnen aus beiden Weltkriegen, die so gut wie alle unbekannt sind. Einige Fotografien, wie die der beiden sowjetischen Fotografinnen Natalja Bode und Olga Lander, werden dabei zum ersten Mal außerhalb Russlands ausgestellt und einem breiteren Publikum zugänglich gemacht.

Das kleine, 1986 gegründete Museum in Berlin-Charlottenburg hat sich genau das zum Ziel gesetzt: „Lebenswerk und Lebensgeschichte von Künstlerinnen bekannt zu machen, die aus den unterschiedlichsten Gründen in Vergessenheit geraten sind.“

Wird Kriegsfotografie im öffentlichen Bewusstsein vor allem mit männlichen Fotografen wie Robert Capa oder James Nachtway assoziiert, zeigt die Ausstellung, dass sich auch eine beträchtliche Anzahl von Frauen an der Dokumentation von Kriegsgeschehen und seinen Auswirkungen beteiligten und zum Teil sehr eindrucksvolle Bilder hinterließen.

Ein wesentlicher Aspekt der Ausstellungskonzeption besteht darin, weniger das Kampfgeschehen auf den Schlachtfeldern zu zeigen, zu denen Frauen kaum Zugang hatten, als vielmehr die Bilder des Krieges abseits der Front, wie Ruhepausen der Soldaten, ihre Versorgung im fahrenden Lazarett und ähnliche Momente.

Ein weiterer Fokus der Ausstellung ist die „Heimatfront“ in den Städten. Die Kuratorinnen, zu denen neben Elisabeth Moortgat auch die stellvertretende Museumsdirektorin Marion Beckers und die stellvertretende Leiterin des Deutsch-Russischen Museums in Karlshorst Margot Blank gehören, wollten zeigen, wie der Krieg die ganze Gesellschaft durchdringt.

Dabei wurden die Motive „queerbeet“ ausgesucht, so Marion Beckers. Sie verwies auf die Schwierigkeiten, entsprechendes Material zu finden. Der Großteil der Auswahl stammt aus dem Imperial War Museum in London, das eines der umfangreichsten Bildarchive zur Kriegsfotografie beheimatet.

Die Ausstellung macht deutlich, dass Feminismus und Pazifismus keine Schwestern im Geiste sind. Einen spezifisch „weiblichen Blick“ auf den Krieg gebe es nicht, betont Museumsleiterin Moortgat. Es sei ein Irrglaube, dass „zwischen Pazifismus und Feminismus ein Zusammenhang bestehe und dass aus feministischem Engagement gleichsam geschlechtsgeprägt eine Antikriegshaltung resultiere“, schreibt sie auch im Editorial der Ausstellungsbroschüre.

Die Mehrheit der Frauenrechtlerinnen sei bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs nicht der Stimme der Pazifistin Bertha von Suttner gefolgt, auch nicht der Botschaft der jüdischen Chemikerin Clara Immerwahr, die aus Protest gegen den menschenverachtenden Giftgaseinsatz im Ersten Weltkrieg, den ihr Mann leitete, der Chemiker Fritz Haber, 1915 den Freitod wählte. Stattdessen seien „bürgerliche feministische Frauen“ Patriotinnen geworden und hätten die Forderungen nach Gleichberechtigung in die „zweifelhafte Forderung“ verwandelt, am bewaffneten Kriegseinsatz teilnehmen zu dürfen.

Sie habe dabei auch die „Abenteuerlust“ gelockt, wie der Titel der Ausstellung andeutet. Indem sie sich der Gefahr aussetzten, wollten sie ihren Mut und ihre Unabhängigkeit beweisen. Abgesehen von den Kriegsfotografinnen meldeten sich viele Frauen freiwillig zum Sanitätsdienst an der Front.

An der „Heimatfront“ unterstützten sie den Krieg durch die Übernahme von traditionell männlichen Arbeiten. Im ersten Raum hängt die umfangreiche Porträtserie „Frauen in Männerberufen“ der Amateurfotografin Käthe Buchler. Stolz und selbstbewusst werden Frauen als Schaffner, Postboten, etc. gezeigt, die für die Aufrechterhaltung der staatlichen Infrastruktur sorgen, während die Männer an der Front sind.

Am schärfsten bringt ihre Haltung eine Abbildung der Fotografin Christina Broom zum Ausdruck, die die „Offiziere der Frauenpolizei“ (London, 1916) zeigt, die von einer Frauenrechtlerin geleitet wurden. Auf allen „gewaltsamen Protest der Vorkriegsjahre“ verzichtend, trugen diese „patriotischen Feministinnen“ nun ihrerseits alles dazu bei, „würdig und diszipliniert für das Gesetz“ einzustehen, wie es treffend im Begleitheft heißt.

Broom, Offiziere der Frauenpolizei, London 1916, © IWM Ref Q 66159

Ein in diesem Zusammenhang besonders aussagekräftiges Beispiel sind die Arbeiten der Österreicherin Alice Schalek, die als erste akkreditierte deutschsprachige Kriegskorrespondentin die Truppen in Südtirols Gebirgszügen des Isonzo von 1915 bis 1917 begleitete. Als Kriegsbegeisterte und „embedded journalist“ romantisiert sie in ihren Bildern den Krieg als „heimatliche Folklore“. In ihrem Fotobuch „Tirol in Waffen“ (1915) inszeniert sie das Soldatenleben inmitten erhabener Berglandschaften.

Ein anderes Beispiel sind die Fotografien der „Frauen von Pervijze“ der zwei britischen Amateurfotografinnen Elsie Knocker und Maire Chisholm. Beide hatten sich nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs freiwillig als Krankenschwestern gemeldet und waren nach Belgien gereist, wo sie nahe der Front eine unabhängig finanzierte Sanitätsstelle im Dorf Pervijze unterhielten. Als Zivilistinnen hatten sie keinen direkten Zugang zur Front. Doch erlebten sie das Kriegsgeschehen aufgrund ihrer Tätigkeiten und der räumlichen Nähe hautnah mit. Zuletzt wurden sie durch einen Giftgaseinsatz schwer verletzt und nach England zurückgebracht.

In ihren Fotografien dokumentieren sie die medizinische Versorgung der Soldaten, aber auch die zunehmende Zerstörung des Dorfes Pervijze. Auf einem der ausgestellten Fotos ist die Erste-Hilfe-Station 1918 in einem fast vollkommen zerbombten Haus zu sehen.

Die „Frauen von Pervijze“ mit Stahlhelm und Kamera, © IWM, Details Q 105969

Die verschiedenen Fotoserien von der Heimat- wie auch der Kriegsfront vermitteln auf je eigene Weise eine seltsame Normalität des Lebens. Gerade das weitgehende Aussparen von direkten Kriegshandlungen und ihren Opfern, seien es Verwundete oder Tote, und die Abwesenheit von Leid wirken fast verharmlosend.

Leider stellt die Ausstellung diese verzerrte Darstellung des Kriegs wenig in Frage – beispielsweise durch Gegenüberstellung mit anderem Foto- oder Filmmaterial aus den Weltkriegen, oder auch Kunstwerken wie den erschütternden Zeichnungen von Max Beckmann, die dieser als Sanitäter erstellte, nachdem er ebenfalls zunächst den Krieg als Abenteuer begriffen und sich freiwillig gemeldet hatte.

Es ist auch schade, dass man nur wenig über die politische Motivation und die weitere Entwicklung der Fotografinnen erfährt. Gerade im Ersten Weltkrieg wurden nicht selten aus Kriegsbegeisterten Kriegsgegner. Die wenigen Bilder der weltbekannten Gerda Taro, die an der Seite ihres Lebensgefährten Robert Capa im Spanischen Bürgerkrieg gegen den Faschismus kämpfte, bezeichnet die Kuratorin Marion Becker als „Zitat“ in der Ausstellung, weil man an dieser berühmten Fotografin nicht vorbeikomme. Ihnen sei es jedoch mehr um die unbekannteren Teilnehmerinnen am Spanischen Bürgerkrieg gegangen, wie Vera Elkin. Ihre Fotografien zeigen eher unpolitische, humanitäre Aspekte im Rahmen der britischen Aid-Spain-Kampagne.

Eva Besnyö: Rotterdam, Juli 1940, (©Eva Besnyö MAI, Amsterdam)

Als Ausnahme sticht die Fotoserie der ungarisch-niederländischen Fotografin Eva Besnyö heraus – sowohl inhaltlich als auch in ihrer späteren selbstkritischen Reflexion. Besnyö fotografierte 1940 das von der deutschen Luftwaffe kriegszerstörte Rotterdam. Als ungarische Jüdin war sie kurz vor Hitlers Machtantritt aus Berlin in die Niederlande geflohen.

Interessant hierbei ist, dass die Fotografin, die selbst die Schrecken der Nazi-Zeit erfahren musste und ab 1940 im Untergrund lebte, in ihren Abbildungen der Ruinenstadt zwar die zerstörerischen Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs ablichtete, dies aber auf eine seltsam „ästhetische“ Art und Weise tat, die den Fotos aufgrund ihrer Komposition, der Linienführung sowie der Verteilung von Licht und Schatten etwas Schönes verleihen. „Dies hatte etwas von der neuen Sachlichkeit“, sagt Elisabeth Moortgat.

Später, so kann man es im Erläuterungstext lesen, schämte sich Besnyö regelrecht für ihre schönen Bilder der Trümmer, weil sie „das soziale Elend vollständig ausgeblendet“ hätten. Lange Zeit schloss sie ihre Bilder unveröffentlicht weg.

Ein Höhepunkt der Ausstellung ist die Gegenüberstellung deutscher NS-Bildberichterstatterinnen im Zweiten Weltkrieg, darunter Ilse Steinhoff und Ruth Hallensleben, und der zwei sowjetischen Fotografinnen Natalja Bode und Olga Lander.

Zum einen sieht man in ihren Arbeiten, wie sich die Rolle der Fotografie im Zweiten Weltkrieg als Kommunikations- und Propagandainstrument professionalisierte und noch stärker politisierte, zum anderen aber auch, wie verschieden dieses Instrument genutzt wurde.

Von Ruth Hallensleben, ausgebildete Landschafts- und Porträtfotografin, sieht man eine Fotoserie, die auf den ersten Blick eine klassische sozialdokumentarische Abbildung von arbeitenden Frauen in der Fabrik zu sein scheint. Doch sehen die Arbeiterinnen besonders weiblich, adrett, hübsch und sauber aus, sind teilweise gar bäuerlich gekleidet und ganz ihrer Tätigkeit hingegeben. Bei genauerer Betrachtung und zum Teil erst beim Lesen der Bilderläuterung erfährt man, dass die Frauen in die deutsche Kriegsproduktion eingebunden sind und gerade Bomben oder Wehrmachtsstiefel herstellen. Hallensleben hat direkt im Auftrag des deutschen Rüstungsministeriums gearbeitet – und entsprechende Bilder geliefert.

Die Färbung der Bildberichte von Ilse Steinhoff, die als Pressefotografin im Auftrag der NS- Propaganda unter anderem in den besetzten Gebieten Afrikas wie Libyen eingesetzt war, werden im Begleittext zur Ausstellung treffend als überwiegend von „Spaß und Freude geprägte Kriegsarbeit“ charakterisiert.

Auf der anderen Seite finden wir zwei sehr markante Bilder der akkreditierten sowjetischen Kriegskorrespondentin Natalja Bode, die den Krieg ganz anders zeigen. Einmal ein Bild eines toten deutschen Soldaten im Schnee, der vor einem Schilderwald auf dem Boden liegt. Deutlich zu lesen ist das Wort Stalingrad. Hier verdichtet sich anhand eines einzelnen Soldaten mit diesem symbolisch aufgeladenen Ortsnamen der brutale Vernichtungskrieg Hitlerdeutschlands gegen die Sowjetunion und zugleich die erfolgreiche Gegenwehr der Roten Armee.

Natalja Bode: Nach der Einnahme einer deutschen Stellung vor Stalingrad, Januar 1943 (Foto Sojus, Moskau)]

Margot Blank vom Deutsch-Russischen Museum verweist darauf, dass anders als die NS-Fotografen die sowjetischen Fotografinnen Bode und Lander die feindlichen Soldaten nicht als die Bösen, sondern immer mit Respekt vor dem Menschen gezeigt hätten.

Dies lässt sich sehr klar an einem weiteren eindrucksvollen Bild von Bode ablesen, das gleich neben dem Stalingrad-Bild hängt. Hier hat sie eine kleine Gruppe deutscher Kriegsgefangener fotografiert. Herausgelöst aus dem soldatischen Verband erscheinen sie, die zum Teil blutjung sind, als einfache Männer; sie wirken erschöpft und niedergeschlagen, ja sogar verloren. Hier zeigt sich ein ganz anderer Blick auf den „Feind“ – voller Sensibilität und Menschlichkeit dem Einzelnen gegenüber.

Die Bilder der zweiten sowjetischen Korrespondentin Olga Lander zielen stärker auf den Alltag der Rotarmisten jenseits des Kampfgeschehens. Eines zeigt eine Versammlung von Soldaten, die gespannt und freudig einem Balaleika-Spieler lauschen, der auf dem Geschützrohr eines Panzers spielt. Man sieht in die Gesichter einfacher Arbeiter und Bauern. „In der Sowjetunion meldeten sich die Menschen zu Hunderttausenden freiwillig“, sagt Margot Blank. „Ihnen war klar, dass eine Vernichtungsmaschinerie auf sie zurollt. Und das galt auch für Fotografen und Fotografinnen.“

Trotz einiger Schwächen spricht die Ausstellung „Kriegsalltag und Abenteuerlust“ eine deutliche Mahnung für die gegenwärtige politische Situation aus, in der die herrschenden Eliten weltweit auf einen neuen großen Krieg zusteuern. Wieder erweist sich, dass bürgerlicher Feminismus keine Antikriegshaltung bedeutet. Vertreterinnen von SPD, Grünen, Linkspartei und der einstigen Friedensbewegung, deren Hauptinteresse sich heute um Genderfragen dreht, unterstützen gleichzeitig Auslandseinsätze und Aufrüstung.

Die Ausstellung im Verborgenen Museum läuft noch bis zum 11. Februar.

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