Die Denunziation der Oktoberrevolution

Von Peter Schwarz
10. November 2017

Im deutschen Strafgesetzbuch gibt es einen Paragrafen, der die Verunglimpfung des Andenkens eines Verstorbenen unter Strafe stellt. Das Strafmaß reicht von einer Geldstrafe bis zu zwei Jahren Freiheitsentzug. Für historische Personen scheint dies nicht zu gelten. Verfolgt man die Artikel, Rundfunkbeiträge und Filme zum hundertsten Jahrestag der Oktoberrevolution, so herrscht dort der Grundsatz: „Alles ist erlaubt.“

Hysterischen Antikommunismus gab es auch schon im Kalten Krieg. Doch damals existierte noch eine Grenze zwischen rechter Propaganda und wissenschaftlicher Arbeit. Auch wenn sie keine Sozialisten waren, verstanden ernsthafte Historiker, dass eine der größten Umwälzungen der Weltgeschichte, die das zwanzigste Jahrhundert wie kein anderes Ereignis geprägt hatte, nicht mit einer Schimpftirade gegen Lenin und die Bolschewiki abgetan werden konnte, sondern ein ernsthaftes Studium der sozialen und politischen Triebkräfte erforderte.

So gelangte der amerikanische Historiker Alexander Rabinowitch, der in einem anti-bolschewistischen russischen Exilantenmilieu aufgewachsen war, in der 1976 erschienen englischen Ausgabe seines Buchs „Die Sowjetmacht. Die Revolution der Bolschewiki 1917“ aufgrund eines sorgfältigen Quellenstudiums zu dem Schluss, dass die Ziele der Bolschewiki im Oktober 1917 „in der Bevölkerung große Unterstützung fanden“, während alle anderen Parteien „ihre Glaubwürdigkeit weitgehend eingebüßt“ hatten.

Nach einer derart fundierten Analyse sucht man heute vergebens. Selbst die groteskesten Fälschungen finden Eingang in akademische Foren und renommierte Medien, ohne dass sich Widerspruch regt.

Typisch ist der Artikel „Die Utopie vom Massenmord“, der am Jahrestag der Oktoberrevolution in der Frankfurter Rundschau erschien. Der Autor Arno Widmann, der 1979 zu den Mitbegründern der Grünen-nahen taz zählte, kann seinen Hass auf die Oktoberrevolution kaum zügeln.

„Sozialismus“, schreibt er, „hat es zu keinem Zeitpunkt gegeben. Nirgendwo im riesigen Russland. Von Anfang an praktizierten die Bolschewiki nichts als den Willen zur Macht und den Hass auf die Demokratie.“ Die Oktoberrevolution, fährt Widmann fort, „war kein Aufbruch in eine freiere Welt. Sie war – von Anfang an und in fast jeder ihrer Phasen – ‚ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit‘.“

In diesem Stil geht es weiter: „Die Sowjetunion war zu keinem Zeitpunkt ein Versuch, eine menschlichere Alternative zu ‚Imperialismus und Krieg‘ aufzubauen. Sie bedeutete Imperialismus und Krieg.“ Und: „Die größte geopolitische Katastrophe des Jahrhunderts war nicht der Zusammenbruch der Sowjetunion, sondern ihre Etablierung.“ Widmann endet mit dem Ruf: „‘Noch mal‘ darf auf keinen Fall sein.“

Ein anderes Beispiel ist der mittlerweile 80-jährige Liedermacher Wolf Biermann, Sohn eines jüdischen, kommunistischen Arbeiters, der in Auschwitz ermordet wurde. Biermann, der als 17-Jähiger freiwillig in die DDR übersiedelte, begeisterte Ende der sechziger Jahre mit seinen rebellischen Liedern auch Jugendliche in Westdeutschland. Doch nach seiner Zwangsausweisung durch das DDR-Regime entwickelte er sich zum erbitterten Antikommunisten, dessen ätzender Zynismus heute nur noch Ekel erregt.

Das hindert die etablierten Medien nicht daran, ihn auf ihren Schild zu heben. Am Jahrestag der Oktoberrevolution sprach er den Kommentar im heute journal, den Hauptnachrichten des ZDF, und das Deutsche Historische Museum lud ihn am selben Tag zu einer Podiumsdiskussion ein.

Dort denunzierte Biermann den Kommunismus als „Tierversuch am lebendigen Menschen“ und erklärte, Marx‘ Grundidee sei „die Endlösung der sozialen Frage“ gewesen. Diese Verbindung des Nazi-Begriffs für den Holocaust mit der Perspektive des Sozialismus stieß im Publikum auf keinerlei Protest. Biermann behauptete, der Versuch, „das kommunistische Paradies auf der Erde zu erzwingen, ohne Ausbeutung, ohne Unterdrückung“, könne „nur in die schlimmste Hölle der Unterdrückung“ führen. Wer die „Endlösung aller sozialer Konflikte“ verspreche, sei in Wirklichkeit ein „Menschenfeind“.

Man könnte Dutzende weitere Beispiele für eine derart plumpe Geschichtsfälschung anführen, zu deren wichtigsten akademischen Vertretern Jörg Baberowski zählt. Der Professor für Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität Berlin verbreitet seine Version der Russischen Revolution regelmäßig in Rundfunk, Fernsehen, Zeitungen und mittels der Bundeszentrale für politische Bildung, die dem Innenministerium untersteht.

Baberowski bezeichnet die Revolution des Jahres 1917 als „eine Revolte verbitterter und vom Krieg verrohter Menschen, die mit der alten Ordnung auch den Geist der europäischen Zivilisation buchstäblich aus dem Land trieb“. Die Bolschewiki, behauptet er, hätten nicht gewonnen, „weil sie er das attraktivere politische Programm geboten, sondern weil sie ihren Widersachern als Gewalttäter überlegen waren“.

Baberowskis Person illustriert den Zusammenhang zwischen der Denunziation der Oktoberrevolution und einer rechtsextremen politischen Agenda. Der Humboldt-Professor, der sich regelmäßig mit rechten Kommentaren zur Flüchtlingspolitik und anderen politischen Fragen zu Wort meldet, darf laut Gerichtsbeschluss als „Rechtsradikaler“ bezeichnet werden. In seinem Fachgebiet beruft er sich auf Ernst Nolte, der die Verbrechen der Nazis unter Hinweis auf die „Verbrechen des Bolschewismus“ verharmloste. Baberwoski selbst hat Hitler als „nicht grausam“ bezeichnet, weil er angeblich nicht wollte, „dass an seinem Tisch über die Judenvernichtung geredet wird“.

Vor einem Jahr hielt Baberowski an der Humboldt-Universität eine Vorlesung über die Russische Revolution, die dem Staatsrechtler Carl Schmitt gewidmet war, der das Nazi-Regime theoretisch vorbereitet, gerechtfertigt, unterstützt und verteidigt und dies bis zu seinem Tod im Jahr 1985 nie bereut hatte.

Gestützt auf die theoretischen Konzeptionen Schmitts warf Baberowski dem Zaren und der bürgerlichen provisorischen Regierung vor, dass sie die Aufstände der Arbeiter und Bauern 1917 nicht rücksichtslos genug unterdrückten und keine „kommissarische Diktatur“ errichteten. „Es hätte sehr entschlossener Maßnahmen bedurft, die auch vor Blutvergießen, vor der Verhaftung des Exekutivkomitees des Rates der Arbeiter- und Soldatendeputierten und im Falle, dass versucht worden wäre, Widerstand zu leisten, vor der Ausrufung des Belagerungszustandes nicht hätte halt machen dürfen“, zitierte er ein damaliges Mitglied der Provisorischen Regierung.

Baberowski zieht also aus der Oktoberrevolution die Lehre, dass man sozialen Unruhen und revolutionären Bestrebungen zuvorkommen muss, indem man sie gewaltsam unterdrückt und eine „kommissarische Diktatur“ errichtet. Hier liegt der Schlüssel zum Verständnis, warum bei den Lügen und Geschichtsfälschungen über die Oktoberrevolution der Grundsatz gilt: „Alles ist erlaubt.“ Ginge es lediglich um ein historisches Ereignis, das hundert Jahre zurückliegt, wäre die Erbitterung, mit dem sie denunziert wird, kaum zu erklären.

Die Oktoberrevolution war nicht nur eine Episode in der russischen Geschichte, sie eröffnete die Epoche der sozialistischen Weltrevolution. Sie war eine Folge der tiefen Krise des Weltkapitalismus, die ihren unmittelbaren Ausdruck im Ersten Weltkrieg fand, in dem Millionen junger Männer sinnlos auf dem Schlachtfeld geopfert wurden und der alle Illusionen in eine allmähliche, reformistische Verbesserung der Gesellschaft zerstörte.

Während die Sowjetunion, der durch die Revolution geschaffene Arbeiterstaat, isoliert blieb, degenerierte und 1991 durch die konterrevolutionäre stalinistische Bürokratie zerschlagen wurde, hat sich die weltweite Krise des Kapitalismus verschärft. Milliarden Menschen leben in bitterer Armut, während eine kleine Minderheit in sagenhaftem Reichtum schwelgt. An der Spitze der mächtigsten kapitalistischen Macht der Welt steht ein Mann, der Nordkorea, China und Russland offen mit dem Einsatz von Atomwaffen droht. Und überall werden demokratische Freiheiten zerstört und durch Zensur, Überwachung und autoritäre Herrschaft ersetzt.

Unter diesen Umständen wächst das Interesse an der Oktoberrevolution, die zum ersten Mal den Beweis erbrachte, dass eine Alternative zum Kapitalismus kein utopischer Traum ist, sondern eine reale Möglichkeit, die durch den bewussten politischen Kampf der Arbeiterklasse verwirklicht werden kann. Ihre wütende Denunziation richtet sich gegen dieses Interesse und bereitet die gewaltsame Unterdrückung linker und sozialistischer Bewegungen vor.

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