„Tannbach“: Die 60er Jahre

Von Sybille Fuchs
20. Januar 2018

Es ist ein löbliches, aber künstlerisch höchst anspruchsvolles Unterfangen, Menschen durch das Erzählen individueller Schicksale geschichtliche Erfahrung zu vermitteln. Das gilt ganz besonders, wenn es darum geht, einem Millionenpublikum zur besten Sendezeit Zeitgeschichte plausibel nahezubringen.

Mit den neuen drei Folgen der Serie „Tannbach – Schicksal eines Dorfes“ ist dem ZDF dies noch weniger gelungen als mit der ersten Staffel. Auch in diesen Folgen werden wieder altbekannte Klischees bemüht. Zwar werden einige negative Zustände der westdeutschen Gesellschaft aufgezeigt, aber diese erscheinen angesichts der Bedrohung durch den Warschauer Pakt als notgedrungen hinnehmbar, während die unerbittliche Brutalität der DDR Diktatur breit ausgewalzt wird.

Auch knüpfen die neuen Teile keineswegs so „nahtlos“ an die ersten Folgen an, wie es in vielen Werbetexten für die Sendung heißt. Damit die Zuschauer sich orientieren können, müssen sie auf der Homepage der Sendung auf einige Hilfsmittel zugreifen (z. B. den Stammbaum der Familien oder Erklärungen ihrer Rollen durch die Darstellenden). Für einige Tage waren auch die ersten drei Folgen noch in der Mediathek des Senders zu sehen. Die neuen Teile können dort jetzt noch aufgerufen werden.

Die zweite Staffel des TV-Dramas hat nicht ganz soviele Fernsehzuschauer vor die Bildschirme gelockt, wie die erste von 2015, die jeweils weit mehr als 6 Millionen anschauten. Aber mit jeweils über 5 Millionen hat immer noch eine beträchtliche Anzahl die Schicksale zweier Familien in dem fiktiven Dorf an der bayrisch-thüringischen Grenze verfolgt.

Mitten durch Tannbach verläuft wie im realen oberfränkischen Mödlasreuth, das als Vorbild für die Fernsehproduktion diente, die deutsch-deutsche Grenze. Während die ersten drei Teile sich mit der unmittelbaren Nachkriegsgeschichte des geteilten Dorfes befassten, spielen die neuen Teile in der Zeitspanne von 1960 bis 1968.

In Tannbach stehen sich Anfang der 1960er Jahre im Kalten Krieg Ost und West feindlich und hoch gerüstet gegenüber. Die Familien von Striesow und Schober sind wie zahllose deutsche Familien auseinandergerissen. Aber noch ist es möglich, von einem Teil des geteilten Landes in den anderen zu gelangen.

Es ist kaum möglich, die zahlreichen Handlungsstränge kurz zu beschreiben, sie sind oft ziemlich künstlich miteinander verknüpft und werden ebenso wie die Charaktere keineswegs immer stringent entwickelt. Die Motivation der Personen ist häufig in sich widersprüchlich. Die Dialoge sind oft hölzern und banal. Der Eindruck drängt sich auf, dass die Schauspieler mühsam gegen das Drehbuch anspielen müssen, um den Figuren eine gewisse Glaubwürdigkeit zu verleihen. Der gesamte historische Hintergrund soll den Zuschauern durch das nahegebracht werden, was die Personen sagen. Das klingt daher oft, wie aus dem Geschichtsbuch (westlicher Prägung) auswendig gelernt.

Der reiche Bauer Franz Schober (Alexander Held) beim Leichenschmaus für seinen Enkel Emil (ZDF und Julie Vrabelova)

Wie in der ersten Staffel gibt es von Ausstattung und schauspielerischem Engagement getragene eindrucksvolle Szenen. So finden Kinder beim Spielen im Wald in West-Tannbach eine Granate. Emil, das älteste der Schober-Kinder, kommt dabei ums Leben. Im Dorf wird verbreitet, es handele sich um eine alte Wehrmachtsgranate. In Wirklichkeit handelt es sich bei dem Fund um das versteckte Waffenlager einer Geheimarmee der NATO (einer paramilitärischen Stay-behind-Organisation), der auch Graf Georg von Striesow (Heiner Lauterbach) angehört. Gustl (Maximilian Brückner), der Sohn des Altbauern Franz Schober (Alexander Held), ist Journalist. Er schreibt darüber, verunglückt aber auf der Fahrt zu einem Zeitungsverlag, weil die Bremsschläuche seines Autos durchtrennt worden sind.

Heinrich Schober (Florian Brückner), der Vater des getöteten Emil, und der alte Schober geben der ältesten Tochter Christa (Mercedes Müller) die Schuld an Emils Tod. Als Christa erfährt, dass ihr leiblicher Vater ein französischer Zwangsarbeiter war, verzweifelt sie und rebelliert gegen die Familie. Sie wird geprügelt und vom Vater und Großvater in ein von Nonnen geführtes Heim gesteckt, wo es ihr noch übler ergeht. Eine Episode, die wie das Granatendrama dunkle Punkte der Westgesellschaft beleuchten soll.

Dass aber der alte Franz Schober nicht nur Familientyrann, Ex-Nazi, CSU-Mitglied und, glühender Franz-Josef-Strauß-Anhänger, sondern auch noch Gründer und Vorsitzender eines Vertriebenenverbandes sein muss, obwohl er selber weiterhin auf seinem angestammten Hof lebt und nie vertrieben wurde – all das ist etwas dick aufgetragen.

Die Vielzahl von Personen unterschiedlichster sozialer Milieus treten nicht nur als Individuen auf, die sich in einer schwierigen historischen Situation zurechtfinden und ihr Leben meistern müssen. Vielmehr sollen sie gleichzeitig das gesamte politisch-gesellschaftliche Spektrum von Ost und West abbilden. Dadurch gerät so Manches reichlich schief. In die einzelnen Personen wird so viel Zeitgeschichtliches hineingepackt, dass sie als Projektionsflächen für bestimmte stereotypische Klischees des Kalten Krieges daherkommen.

An der im Osten lebenden Anna Erler (Henriette Confurius), der Tochter des Grafen von Striesow, und ihrem Mann Friedrich (Jonas Nay) wird der tragische Widerspruch zwischen ihrer idealistischen sozialistischen Gesinnung und den Zwängen der stalinistischen Bürokratie deutlich. Andere LGP-Bürokraten zeichnen sich durch Opportunismus und Denunziantentum aus. Anna und Friedrich gelingt es nicht, die letzten freien Altbauern zum Beitritt in die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) zu überreden. Vor allem der Großbauer Mader sträubt sich. Er zündet lieber seinen Hof an und begeht Selbstmord. Friedrich kommt in den Flammen um.

Als sich die Lage im Osten zuspitzt, verlassen immer mehr Menschen die DDR in Richtung Westen. Anna versucht, ihr Leben mit den drei Kindern in Tannbach-Ost zu meistern. Sie wendet sich der Kirche zu. Sie lässt sich aber dennoch überzeugen, dass ein „antifaschistischer Schutzwall“ die Sicherheit und Stabilität bieten kann, in denen sich eine gerechtere Welt aufbauen lässt.

Georg von Striesow (Heiner Lauterbach) beobachtet fassungslos den Mauerbau

Ein anderer Handlungsstrang dreht sich um Rosemarie von Striesow, die der Graf in einer Westberliner Bar kennengelernt und geheiratet hat. Die von Anna Loos gespielte neue Gräfin von Striesow ist einer der interessanteren Charaktere. Sie wird wegen ihres mit der Todessstrafe bedrohten Bruders von der Stasi erpresst und geht in den Westen, um Striesow auszuspionieren. Als gut ausgebildete Textileinkäuferin geht sie davon aus, dass sie im Westen eine adäquate Stelle finden kann. Dann wird sie jedoch mit der konservativen Rolle der Frauen in Westdeutschland konfrontiert, die sozial und rechtlich vollkommen von ihrem Ehemann abhängig ist. Sie darf ohne Einverständnis ihres Mannes weder arbeiten, noch ein eigenes Konto eröffnen.

Als ehemalige Ostbürgerin fährt sie zum Missfallen ihres Mannes immer wieder als Einkäuferin für ein West-Versandhaus wegen einem Großauftrag mit einem DDR-Textilkombinat nach Ost-Berlin. Sie hat durch den Journalisten Gustl Schober von Georgs Rolle in der NATO-Geheimarmee erfahren und stellt ihren Mann zur Rede. Dieser wirft ihr vor, dass sie ihm nie von ihrem Bruder erzählt hat, der für zehn Jahre im DDR-Gefängnis sitzt. Das Misstrauen zwischen den beiden wächst, als sie ihm die Affäre mit Gustl Schober gesteht und ihm erklärt, dass die Stasi sie erpresst habe, ihn auszuspionieren.

Im Zentrum des dritten Handlungskomplexes stehen die kranke Hilde Vöckler (Martina Gedeck), die in dem Textilkombinat als einfache Näherin arbeitet und Rosemarie bittet, ihren Sohn Horst (Robert Stadlober) zu finden. Sie hatte ihn 1945 verraten, weil er als SS-Offizier in den letzten Kriegstagen die Gräfin Striesow erschießen ließ. Sie will sich mit ihm aussprechen.

Da stocken plötzlich die Webmaschinen. Hilde gerät unter Sabotageverdacht. Der Stasi-Major Robert Leonhardt (Rainer Bock) nimmt Kontakt zu Hilde auf, denn er weiß, dass Horst inzwischen für den Bundesnachrichtendienst (BND) arbeitet. Leonhardt kann nicht verhindern, dass Hilde nach einem erneuten Sabotageakt festgenommen wird. Aber er ist von dieser Frau beeindruckt und versucht, ihr ein letztes Treffen mit ihrem Sohn zu ermöglichen. Auch Rosemarie gerät kurz unter Sabotageverdacht und landet in Ost-Berlin in U-Haft, kommt aber frei. In derselben Nacht beginnt der Bau der Mauer.

Die Näherin Hilde Vöckler (Martina Gedeck) und Rosemarie (ZDF und Julie Vrabelova)

Sicher ist es historisch nicht falsch, wenn ein ehemaliger SS-Mann zunächst bei der amerikanischen Besatzungsmacht und anschließend für den BND arbeitet. Aber dass er dann auch noch schwul sein, als Opfer des Paragrafen 175 StGB ins Zuchthaus gehen und anschließend nach Lateinamerika auswandern muss, bevor er einen Deal mit der Stasi eingeht, um seine im Osten inhaftierte Mutter zu befreien, und dann das Stasi-Auto in die Luft sprengt – all das ist dann doch ein bisschen viel auf einmal in einer Person, um noch glaubwürdig zu wirken.

Die Person seiner Mutter jedoch, die von Gedeck hervorragend gespielt wird, gehört mit ihrer Integrität und Menschlichkeit gegenüber ihren Kolleginnen zu den überzeugenderen Figuren. Sehr behutsam ist auch ihre Beziehung zu dem ins Zweifeln am Sinn seiner Tätigkeit geratenen Stasi-Major Robert Leonhardt gestaltet. In der Regel sind die östlichen Personen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung meist etwas realistischer dargestellt als die im Westen, auch wenn die ihnen gelegentlich in den Mund gelegten Ulbricht-Zitate ziemlich plakativ und aufgesetzt wirken.

Der sechste und vorerst letzte Teil von „Tannbach“ spielt im Jahr 1968, während des Prager Frühlings. Annas ältester Sohn Felix flieht aus der Kaserne der NVA, weil er einen militärischen Einsatz gegen die Tschechoslowakei befürchtet. Seine Mutter entscheidet sich, in der Hoffnung, seine Desertation als kurzfristige Entfernung von der Truppe herunterzuspielen, ihren Sohn sofort der Polizei zu übergeben. Aber er wird zu einem Jahr Haft verurteilt.

Wie die Geschichte Annas und ihrer Kinder weitergeht, ob die Schober-Familie ihre inneren Fehden beenden kann oder ob das Ehepaar von Striesow wieder zusammenfindet, bleibt offen. Der Regisseur Alexander Driebach hofft, die Geschichten der geteilten Familien demnächst bis zum Mauerfall fortführen zu können. Es ist zu befürchten, dass ihm auch dafür kein besseres Drehbuch zur Verfügung stehen wird.

Holzschnittartig werden, wie bereits in der ersten Staffel, West und Ost einander gegenüber gesetzt: Im Westen blüht das Wirtschaftswunder. Im Osten herrschen dagegen Mangelwirtschaft und Sabotage. Die Ursachen von Beidem bleiben im Dunkeln. Auch wenn krampfhaft versucht wird, nicht einseitig nur die schlimmen Zustände in der DDR und die Niederschlagung des Prager Frühlings zu schildern, sondern auch die Altnazis und Reaktionäre des Westens und deren massive Aufrüstung zu thematisieren, bleibt der Westen als die einzig realistische Existenzmöglichkeit übrig. Alle Reformversuche im Osten sind zum Scheitern verurteilt. Auch die ehrlich vom Sozialismus Überzeugten müssen sich schließlich in den Schoß der Kirche flüchten.

Es wird nicht klar, dass es sich bei der DDR keineswegs um „real existierenden Sozialismus“ und die „Diktatur des Proletariats“ handelt, sondern um eine Variante des Stalinismus, des Totengräbers der Errungenschaften der Oktoberrevolution und des ersten Arbeiterstaats in der Sowjetunion. So wird dem Zuschauer einmal mehr die Schlussfolgerung aufgedrängt: Sozialismus kann nicht gelingen. Die Menschen seien nicht dazu in der Lage, die soziale Ungleichheit und kapitalistische Ausbeutung abzuschaffen und die Gesellschaft vernünftig nach ihren Bedürfnissen zu gestalten. Unweigerlich ende jeder Versuch dazu in Diktatur und Unterdrückung.