Wut und Empörung über den Abschluss in der Metallindustrie

Von unseren Reportern
9. Februar 2018

Nachdem IG Metall und Arbeitgeber in der Nacht zum Dienstag für den Pilotbezirk Baden-Württemberg Reallohnverluste und Mehrarbeit vereinbarten, wird der Abschluss in Betrieben im ganzen Land diskutiert. Auch wenn die Gewerkschaft sehr bemüht ist, das Ergebnis zu verklären, ist die Wut und Empörung unter Arbeitern enorm.

„Seit gestern gibt es heftige und hitzige Diskussionen unter Kollegen über den Tarifabschluss“, erklärt Marijan vor dem Mercedes Werk in Mettingen. „Alle rechnen, was sie mehr bekommen würden, aber es ist unmöglich, die Mathematik zu verstehen, die man uns erklärt.“ Er kenne niemanden, der mit dem Abschluss zufrieden sei. „Alle sind über diese Almosen sauer, 100 Euro für drei Monate.“

Marijan rechnet vor, dass die Arbeiter für sechs Prozent mit einer Laufzeit von 12 Monaten gestreikt hätten. „Jetzt werden wir nicht einmal gefragt, ob wir damit einverstanden sind, dass wir 4,3 Prozent für eine Laufzeit von 27 Monaten erhalten, also nicht einmal Drittel davon.“ Die mögliche Reduzierung auf 28 Stunden sei für einige vielleicht gut, aber man erhalte keinen Lohnausgleich.

Bashkim, der ebenfalls im Mettinger Werk arbeitet und vor 40 Jahren aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland gekommen war, fragt sich, wie die 4,3 Prozent zustande kamen. „Die Arbeitgeber hatten doch schon mehr angeboten und die IG Metall hat sich geweigert, das zu akzeptieren. Wir streikten für drei Tage und dann haben sie den Streik beendet und 4,3% akzeptiert. Es gibt viel Unruhe im Werk, aber du musst den Mund halten, sonst bekommst du Probleme“, sagt Bashkim.

Auch bei Siemens in Duisburg sind Arbeiter wütend über den Abschluss. André wirft ebenfalls die Frage auf, dass der jetzige Abschluss noch unter dem letzten Angebot der Unternehmen liegt. „Scheint so, als hätte sich die IG Metall mit den Berliner Parteien der Großen Koalition abgesprochen. Jetzt haben sie zwei Jahre Ruhe.“

Als besonders übel empfinden Arbeiter, dass die Gewerkschaft ihnen mit der langen Laufzeit zwei Jahre Streikverbot verordnet hat. Denn viele Großkonzerne wie Siemens, ThyssenKrupp und Opel planen umfassende Massenentlassungen, gegen die sich die Arbeiter mit Streiks zur Wehr setzen wollen.

Ginge es nach Jörg, hätte die IG Metall ganz anders streiken müssen. Anstatt die zahlreichen Warnstreiks zu organisieren, hätte man richtig streiken müssen. „Die ganzen Wischi-Waschi-Arbeitskämpfe der letzten Jahre waren doch für'n Arsch. Und der jetzige Abschluss ist auch nicht besser“, sagte er wütend.

Ähnlich reagieren die Kollegen am Siemens-Standort in Berlin, der unmittelbar von der Schließung bedroht ist. Dort sagt ein Konstrukteur: „Das Ergebnis ist ein Witz. Es wurde ja auch nicht richtig gestreikt. Der Streik wurde ja nicht ausgeweitet. Ich bin selbst Mitglied in der Gewerkschaft, aber ich halte nicht mehr soviel davon. Siemens hat ja jetzt bei dem Streik nicht mitgemacht, weil hier ja Entlassungen geplant sind. Es haben nur wenige bei den Warnstreiks mitgemacht. Ein Mehrtägiger Streik, der auch die Erhaltung der Arbeitsplätze einschließt, das wäre natürlich super gewesen.“

Die Verteidigung der Arbeitsplätze ist auch bei Opel in Rüsselsheim zentrales Thema, wo bereits hunderte Leiharbeiter entlassen wurden. Der knapp 30-jährige Robert wird zusammen mit 250 anderen Leiharbeitern am heutigen Freitag entlassen. Er hat jahrelang qualifizierte Arbeit am Band geleistet, aber zwei Wochen die Kündigung erhalten. In der kurzen Zeit konnte er keine neue Stelle finden und ist somit direkt von Arbeitslosigkeit bedroht.

Die Solidarität mit den von Entlassungen bedrohten Leiharbeitern ist überall sehr groß. Ein fest angestellter Kollege bei Opel beklagte lebhaft, dass gerade wieder einer aus seiner Gruppe am nächsten Wochenende entlassen wird. „Unter diesen Kollegen spielen sich teilweise richtige Dramen ab“, sagt er. „Die Leiharbeiter werden doch wie Sklaven behandelt“, meint ein Kollege von Siemens-Duisburg.

Während die Wut über den Abschluss allgegenwärtig ist, sprechen einige Arbeiter auch über die Große Koalition. Marijan von Mercedes ist der Überzeugung, dass CDU und SPD mit den Interessen der breiten Bevölkerung nichts zu tun haben. „Zum Beispiel Mindestlohn. Den haben sie festgesetzt, aber ich kenne Leiharbeits-Kollegen, die weniger als acht Euro in der Stunde verdienen.“

„Früher hat die SPD noch etwas gesagt und dann sind auch Dinge passiert“, meint ein Betriebsschlosser am Berliner BMW-Werk. „Heute wird immer nur gelabert, aber das Geld fließt in die eigene Tasche oder die falschen Kanäle.“

Ein Leiharbeiter vom gleichen Werk vergleicht den IG Metall-Abschluss mit der Großen Koalition: „Die haben das gleiche Theater wie bei den Koalitionsverhandlungen abgezogen. Der Typ, der erst einen auf Opposition gemacht hat wird jetzt Außenminister, das sagt doch alles, oder?“

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