Ein Gespräch mit Raoul Peck, dem Regisseur von „Der junge Karl Marx“

Von Fred Mazelis
10. März 2018

Kürzlich führte die World Socialist Web Site das folgende Interview mit Raoul Peck, dem Regisseur des Films „Der junge Karl Marx“.

Der Film ist Ende Februar in den USA angelaufen. Es ist ein biographisches Porträt von Marx und Engels aus den Jahren zwischen 1843 und 1847. Die World Socialist Web Site veröffentlichte am 9. März 2017 eine Besprechung des Films.

Fred Mazelis: Können Sie uns etwas über die Entstehung des Filmprojekts mitteilen? Wie lange haben Sie gebraucht, um es fertigzustellen?

Raoul Peck

Raoul Peck: Ich möchte den ganzen Zusammenhang des Projekts erläutern. Wie all meine anderen Arbeiten ist es aus meinem eigenen Kampf in der Gesellschaft entstanden, in der ich lebe, ganz gleich ob in Deutschland, Frankreich, Haiti oder in den USA.

Die Idee zu dem Projekt entstand vor mehr als 10 Jahren, etwa zu der Zeit, als ich mit „I Am Not Your Negro“begonnen hatte. Als Filmemacher fühle ich mich mitverantwortlich für das, was ich in der heutigen Welt um mich herum sehe.

Als Filmemacher kann ich nicht zu CNN gehen und irgendetwas in den zwei Minuten sagen, die sie mir gewähren. Ich kann auch nicht einfach zur New York Times gehen. Auf diese Weise kann man keine breite Diskussion anstoßen. Ich nutze das Kino.

Die World Socialist Web Site muss ich nicht überzeugen. Sie wissen schon Bescheid. Ich muss versuchen, ein so breites Publikum wie möglich zu erreichen. Ich wollte einen zweistündigen Film machen und dabei in einem wichtigen Moment ihres Lebens nahe an der Wirklichkeit dieser drei jungen Menschen (Marx, Engels und Jenny) bleiben. Es hat was mit unserem Kampf heute, in unserer Gesellschaft, zu tun. Das war die Herausforderung. Es sollte keine Filmbiographie werden. Denn hätte ich das gemacht, hätte ich dann nicht eine Geschichte über Jenny und Engels, über Eifersucht, über die Hindernisse von Marx usw. dazu erfinden müssen?

Dies ist ein Film über die Entstehung von Ideen. Sagen Sie, haben Sie schon mal einen Film über die Entstehung von Ideen gesehen? Und hier geht es nicht nur um Ideen im Allgemeinen, sondern um die besonderen Ideen von Marx und Engels in ihrer Komplexität. Man musste die Auseinandersetzung in der sozialistischen Bewegung zu ihrer Anfangszeit aufzeigen und einem breiten Publikum den wissenschaftlichen Sozialismus erklären, und wie er sich von Populismus, Mystizismus oder Utopismus unterscheidet.

Es ist natürlich keine Doktorarbeit. Aber es soll dir eine Idee vermitteln, damit du anschließend zu einem Buch greifen und lesen kannst. Schließlich ist das nicht der Teufel, den man dir weismachen wollte. Das war der Kampf, den ich mit diesem Film zu bewältigen hatte. Es gibt einen Grund dafür, weshalb dies der erste in der westlichen Welt gedrehte Film über Karl Marx ist.

Ich gehöre einer anderen Generation an. Ich habe von engagierten Filmemachern, kämpferischen Filmemachern profitiert. Aber ich habe verstanden, dass ich nicht die gleiche Technik, die gleichen Bilder, den gleichen Sound und die gleichen Geschichten wie früher nutzen kann, es sei denn, ich wollte einen Film für eine winzige Minderheit drehen. Mein politischer Kampf hat mich dahin gebracht, wo die Leute sind, und ich versuche, sie zu überzeugen, ihnen zu sagen: Es gibt eine andere Geschichte als die, die man euch erzählt hat.

FM: Könnten Sie einige der Fragen nennen, die sich Ihnen bei der Arbeit an „Der junge Karl Marx“ stellten?

RP: Wie gesagt, die Entwicklung des Projekts dauerte 10 Jahre. Als ich sagte, ich wollte mich an die Realität halten, die wirkliche Geschichte, meinte ich, dass wir keine normale Filmbiografie machen konnten. Vielmehr mussten wir die Geschichte erzählen, wie sie wirklich passiert ist. Es musste politisch werden, es musste mit einem Budget gemacht werden, das man verantworten konnte, und wir benötigten vollständige Freiheit in der Gestaltung des Materials. Das waren die Bedingungen.

Wir kamen zum Schluss, dass wir das Material nicht aus den Biografien nehmen wollten, denn es gibt sehr viele Biografien, und einige enthalten oft viel Widersprüchliches. Wir wollten keine Bücher wälzen, in denen steht, was Marxismus ist. Wir entschieden uns, uns auf die Korrespondenz zu stützen. Auf die gleiche Art, wie ich es bei [James] Baldwin gemacht habe: seine eigenen Worte zu nutzen. So haben wir uns auf die Korrespondenz zwischen Marx, Engels, Jenny und ihren Freunden gestützt. Achtzig Prozent des Materials stammen aus dieser Korrespondenz. Das macht die Szenen lebendig.

FM: Wenn also Engels Marx drängt, er müsse Bentham, Adam Smith und die englische politische Ökonomie studieren …

RP: Ja, genau, das ist der Dialog. Wenn man die Korrespondenz kennt, wenn man sie liest, dann findet man diesen Dialog. Sogar eine Szene wie die mit Weitling bei dem Disput in Belgien … Genau genommen wurde die von Annenkow, Pawel Annenkow, beschrieben, der im Film auftaucht. [Pawel Annenkow war ein russischer Literaturkritiker, ein unmittelbarer Zeitgenosse von Marx und Engels, der viele Jahre in Westeuropa lebte.]

Es war sehr wichtig, zu zeigen, wie die genaue Beziehung, die Partnerschaft zwischen Marx und Engels, zustande kam. Es gibt Sozialisten, die dies für ihre eigenen Zwecke falsch interpretieren. Ich bin nicht daran interessiert, mich in die Auseinandersetzungen zwischen Marxisten einzumischen. Ich gehe zurück auf die Grundanalyse der kapitalistischen Gesellschaft und will sehen, wie das heute angewandt werden kann.

FM: Mir ist aufgefallen, dass am Schluss des Films Bilder gezeigt werden, unter denen auch welche aus den 1960er Jahren sind, aus der kolonialen Revolution, aber nicht aus der Russischen Revolution. Dabei sind in der Russischen Revolution doch die Ideen von Marx und Engels gerade erstmals zum Tragen gekommen, um den Kapitalismus zu stürzen.

RP: Das war meine persönliche politische Auswahl. Ich mache einen Film in einem bestimmten Zusammenhang. Hätte Netflix mir 10 Stunden gegeben, um die ganze Geschichte zu zeigen, dann wäre ich froh gewesen. Aber hier ging es nur um die Geburt des wissenschaftlichen Sozialismus.

In seinen letzten beiden Lebensjahren erkannte Lenin seine Revolution nicht wieder. Er kritisierte die ganze Bürokratie. Auch Trotzki tat das, ehe er ermordet wurde.

Ein Film wie dieser ist ein Wunder. In zwei Stunden kann ich natürlich nicht alle Probleme des letzten Jahrhunderts lösen. Wir sollten das Wunder feiern, und dann sehen wir weiter.

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