IYSSE-Veranstaltung an der Ruhr-Universität Bochum

Die Aktualität des Marxismus

Von unserem Korrespondenten
11. Mai 2018

Mehr als hundert Studierende und Arbeiter kamen am Mittwoch zur Veranstaltung der International Youth and Students for Social Equality (IYSSE) an der Ruhr-Universität Bochum (RUB). Unter dem Titel „200 Jahre Karl Marx – Die Aktualität des Marxismus“ diskutierten sie über Grundfragen des Marxismus, soziale Ungleichheit, Militarismus und die revolutionären Perspektiven der Vierten Internationale.

Der Sprecher der IYSSE an der RUB, Philipp Frisch, leitete die bislang größte Veranstaltung an der Bochumer Uni. Er betonte zu Beginn, dass Marx‘ Analyse und seine Perspektive heute praktisch täglich bestätigt würden. Die wachsende Gefahr eines erneuten Weltkriegs, die schreiende soziale Ungleichheit und der Zerfall der bürgerlichen Herrschaft auf der ganzen Welt setzten den revolutionären Sturz des Kapitalismus auf die Tagesordnung. Der Marxismus sei daher gerade heute von überragender Bedeutung. „Die IYSSE haben sich zum Ziel gesetzt, den Marxismus an den Unis wiederzubeleben“, erklärte Frisch.

Die Veranstaltung an der RUB

Peter Schwarz, der Chefredakteur der deutschen Ausgabe der World Socialist Web Site, ging dann auf Marx‘ Lehre und die historische Entwicklung des Marxismus ein. In seinem ausführlichen Vortrag behandelte er drei Themenkomplexe. Zunächst beantwortete er die Frage: Was vertrat Marx wirklich? Anschließend ging er auf die zentralen Auseinandersetzungen innerhalb der marxistischen Bewegung ein, um schließlich anhand der aktuellen politischen Entwicklungen aufzuzeigen, wie aktuell Marx heute ist.

In den vergangenen Wochen sei Marx in den Medien häufig für seine weitsichtigen Prognosen gelobt worden. Doch alle trennten den Ökonomen Marx von seinen revolutionären Schlussfolgerungen, die er aus seiner wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit den damals vorherrschenden ökonomischen, philosophischen und politischen Theorien zog, betonte Schwarz. Er ging dann detailliert auf Marx‘ materialistische Geschichtsauffassung und sein dialektisches Verständnis der gesellschaftlichen Entwicklung ein.

Auf dieser Grundlage habe Marx erstmals ein wissenschaftliches Verständnis der menschlichen Gesellschaft und ihrer Entwicklung geschaffen, das die Voraussetzung bildet, sie zu verändern. Mit ausführlichen Zitaten aus dem Kommunistischen Manifest und weiteren grundlegenden Schriften zeigte Schwarz, wie Marx den Klassenkampf als Motor der Geschichte und die internationale Arbeiterklasse aufgrund ihrer objektiven Existenzweise als revolutionäre Kraft verstand.

Noch zu seinen Lebzeiten habe Marx erleben können, wie „die Theorie die Massen ergriff“. In Deutschland und auch in anderen Ländern seien sozialdemokratische Massenparteien entstanden, die sich auf den Marxismus stützten, erklärte Schwarz. Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs sei der Kapitalismus wie von Marx vorausgesagt zusammengebrochen. Während die Parteien der Zweiten Internationale sich vom Marxismus abwandten und den Krieg unterstützten, hätten die marxistischen Gegner des Kriegs, insbesondere Lenin und Trotzki, die Revolution vorbereitet. Die Oktoberrevolution in Russland habe die materialistische Geschichtsauffassung und die Perspektive des Kommunistischen Manifests bestätigt.

Die Oktoberrevolution sei kein automatischer objektiver Prozess gewesen, sondern habe die Führung der Arbeiterklasse durch eine marxistische Partei, die Bolschewiki, vorausgesetzt. Ohne eine bewusste revolutionäre Führung sei die Arbeiterklasse nicht in der Lage, den Kapitalismus zu stürzen. Der Aufbau einer revolutionären Führung in der internationalen Arbeiterklasse sei bis heute die Hauptaufgabe von Marxisten.

Er schilderte dann ausführlich, wie in Deutschland, China und anderen Ländern revolutionäre Möglichkeiten scheiterten, weil die notwendige revolutionäre Führung fehlte oder versagte. Verheerende Folgen habe die Zerstörung der Dritten Internationale durch die stalinistische Bürokratie gehabt. Trotzki und seine Mitstreiter hätten den Marxismus verteidigt und 1938 die Vierte Internationale gegründet.

Schwarz setzte sich dann mit den verschiedenen Tendenzen auseinander, die sich unter dem ideologischen Druck der Nachkriegszeit von der Vierten Internationale abwandten. Die Kernfrage war stets, dass sie die Niederlagen der Arbeiterklasse nicht als das Ergebnis der Politik ihrer Führung verstanden, sondern als Beleg für die organische Unfähigkeit der Arbeiterklasse, die Revolution durchzuführen.

Das Internationale Komitee der Vierten Internationale (IKVI) habe den historischen Materialismus und die marxistische Auffassung vom Proletariat als revolutionäres Subjekt verteidigt und verkörpere heute den zeitgenössischen Marxismus, erklärte Schwarz.

Die marxistische Perspektive der Vierten Internationale sei heute hoch aktuell, erläuterte Schwarz im letzten Teil seines Vortrags. Er belegte mit beeindruckenden Zahlen, dass die soziale Ungleichheit so groß ist wie nie zuvor. Er ging auf US-Präsident Donald Trump ein, der einen Tag zuvor das Atomabkommen mit dem Iran aufgekündigt hatte. „Man kann Trump nicht verstehen, wenn man die Motive und die brutalen Formen seiner Politik in seiner Person sucht“, erklärte Schwarz. Trump sei vielmehr Ausdruck der tiefen Krise und des politischen und moralischen Niedergangs des Kapitalismus in den USA und international. Auch in Europa und Deutschland kehre der Militarismus zurück und verschärfe sich der Klassenkampf.

„Unsere vorrangige Aufgabe besteht nun darin, systematisch, bewusst und angriffslustig eine revolutionäre Führung aufzubauen. Davon hängt es ab, ob das Grundproblem der Menschheit – Sozialismus oder Barbarei – eine fortschrittliche Lösung findet“, zitierte Schwarz am Ende aus einem Perspektivartikel der WSWS.

Die Zuhörer, die dem Beitrag aufmerksam folgten, stellten im Anschluss viele Fragen. Die soziale Ungleichheit war genauso Thema wie der Begriff des „modernen Proletariats“ oder der „Diktatur des Proletariats“, die „Natur des Menschen“, die Ausbeutung von Arbeitern in Ländern wie Indien und Trotzkis Einschätzung des Ersten Weltkriegs. Ein älterer Herr meldete sich schließlich und stellte dem Marxismus den „freien Willen“ entgegen. Große Männer wie Napoleon mit ihrem Willen hätten die Geschichte bestimmt, nicht die Masse.

Peter Schwarz antwortete nur kurz, weil – wie er sagte – „die Gegensätze dieser Auffassung und unserer offensichtlich sind“. Er zitierte Hegels Ausspruch „Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit“ und erläuterte dies an einem einfachen Beispiel. „Ein Mensch, der den freien Willen hat zu fliegen und sich vom Dach eines Hauses stürzt, hat anschließend keinen freien Willen mehr.“ Studiere er aber Physik und Aerodynamik und konstruiere gestützt darauf ein Flugzeug, sei er in der Lage, tatsächlich zu fliegen. „Die Vorstellung, es existiere ein ‚freier Wille‘ losgelöst von Natur und Gesellschaft, ist eine Illusion.“ Auch die menschliche Gesellschaft habe Gesetzmäßigkeiten, die man wissenschaftlich erkennen könne und verstehen müsse, um die Gesellschaft verändern zu können. Dafür erhielt Schwarz Applaus.

Schwarz beantwortete noch weitere Fragen, auch Mitglieder der IYSSE beteiligten sich an der Diskussion, die auch nach dem formalen Ende der Veranstaltung noch lange fortgesetzt wurde. Philipp Frisch erklärte am Ende, dass die wichtigste Schlussfolgerung aus dem Vortrag und der Diskussion sei, selbst aktiv zu werden und die revolutionäre Führung in der Arbeiterklasse aufzubauen. Jeder Zuhörer sollte die Entscheidung treffen, aktives Mitglied der IYSSE zu werden.

Werbung für die Veranstaltung

In den Tagen zuvor hatten Mitglieder der IYSSE die Veranstaltung mit Plakaten und Flyern an der Ruhr-Uni beworben. Die Diskussionen mit hunderten Studierenden und Arbeitern am Infotisch drehten sich um die wachsende Krise des Kapitalismus und die große Bedeutung des Marxismus, die sich daraus unmittelbar ergibt.

Sowohl die Kluft zwischen Arm und Reich, die historisch ohne Beispiel ist, als auch die wachsende Kriegsgefahr werden von Studierenden aus dem In- und Ausland als ernste Probleme wahrgenommen. Viele drückten ihre Opposition nicht nur gegen die Raubkriege des US-Imperialismus, sondern auch gegen die Bundesregierung aus, die im Koalitionsvertrag eine Verdoppelung der Militärausgaben beschlossen hat und alle Haushaltsüberschüsse ins Militär und imperialistische Geopolitik stecken will. In den Diskussion zeigte sich auch die verbreitete Auffassung, dass keine der Bundestagsparteien dieser Politik ernsthaft und vehement entgegentreten wird.

Auch an der Ruhr-Uni lehnt die große Mehrheit der Studierenden Waffenlieferungen und die Aufrüstung der Bundeswehr ab. An der grundlegenden Analyse der Vierten Internationale, dass sich die Kriegspolitik genauso wie die Kürzungspolitik in Europa und auf der ganzen Welt aus den Widersprüchen des kapitalistischen Systems ergibt, zeigten sich Studierende sehr interessiert.

Auch die Diskussionen im Anschluss an die Veranstaltung drehten sich um diese Fragen. Viele Teilnehmer der Veranstaltung waren beeindruckt und hinterließen ihre Kontaktdaten. „Der Vortrag war sehr interessant, sehr informativ und definitiv nicht langweilig“, waren sich Yanik und Calvin einig, zwei junge Arbeiter aus Bochum. Beide hatten über die WSWS von der Veranstaltung erfahren. „Der Wechsel zwischen Geschichte und Marx-Zitaten und der aktuellen Situation war sehr gut. Auch der Untertitel der Veranstaltung ist sehr passend.“

Yanik ist Altenpfleger und sehr gut mit den extremen Problemen in diesem Bereich vertraut. Die zunehmende Privatisierung des Gesundheits- und Pflegesystems habe sowohl für die Menschen, die betreut und versorgt werden, wie auch für diejenigen, die in diesem Bereich arbeiten, schwierige bis unerträgliche Bedingungen geschaffen, berichtete er.

Auch Calvin hat bis vor kurzem als Altenpfleger gearbeitet, aber aufgehört, weil er die Bedingungen in diesem Bereich unerträglich findet. Er versucht sich jetzt beruflich neu zu orientieren.

Die Probleme, mit denen sich der Vortrag befasste, „bestehen eigentlich seit zweihundert Jahren“, so Yanik. Die Zunahme von Kriegen „im Irak, in Syrien und anderen Ländern sowie die Zunahme der Konflikte, die wieder zu einem Weltkrieg führen könnten“, seien besonders bedrohlich.

„Der Vortrag war ein Augenöffner und eine Aufforderung, dass man selbst aktiv werden und etwas tun muss“, sagten beide. Calvin kaufte sich das Buch „Wissenschaft oder Kriegspropaganda“. Sie wollen mit IYSSE-Mitgliedern weiter über die Perspektiven des Internationalen Komitees der Vierten Internationale diskutieren.

Gelegenheit dazu gibt es am kommenden Mittwoch: Am 16. Mai um 18 Uhr findet ein Nachtreffen zur Veranstaltung im Kulturcafé auf dem RUB-Campus statt.

Das im Mehring-Verlag erschienene Buch "Wissenschaft oder Kriegspropaganda?" dokumentiert den Kampf der IYSSE und der Sozialistischen Gleichheitspartei (SGP) gegen die Wiederkehr des deutschen Militarismus in den vergangenen zwei Jahren.

Wer nicht bereit ist, die Wiederbelebung des deutschen Militarismus und die Verwandlung der Universitäten in staatlich gelenkte Kaderschmieden für rechte und militaristische Ideologien hinzunehmen, muss dieses Buch lesen. 

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