Eine Bilanz der Verrätereien des linken Nationalismus in Lateinamerika

Von Bill Van Auken
24. Mai 2018

Die folgende Rede hielt Bill Van Auken auf der Internationalen Online-Maikundgebung des IKVI 2018. Van Auken ist seit fast fünfzig Jahren ein führendes Mitglied der amerikanischen Socialist Equality Party und Redakteur der World Socialist Web Site für Lateinamerika.

Während wir den Maifeiertag und den 200. Geburtstag von Karl Marx begehen, erschüttert das Wiederaufleben des Klassenkampfs die politischen und sozialen Verhältnisse auf der ganzen Welt. Besonders scharf äußert sich dies in Lateinamerika, dem Kontinent mit der größten sozialen Ungleichheit der Welt.

Genau wie in den USA und weltweit stehen auch hier die Lehrer an der Spitze dieses neuerlichen Aufschwungs des Klassenkampfs. Von Sao Paulo über Buenos Aires, Santiago de Chile, bis nach Mexico City, San Juan und Puerto Rico demonstrieren sie gegen die Zerstörung des öffentlichen Bildungswesens und für den Erhalt ihres Lebensstandards und die Verteidigung von Grundrechten. In vielen Fällen ging die Polizei mit offener Gewalt gegen diese Kämpfe vor.

Die neuen rechten Regierungen (Macri in Argentinien, Temer in Brasilien, Piñera in Chile) können die Krise des kapitalistischen Systems in Lateinamerika ebenso wenig lösen wie ihre angeblich linken Vorgänger. Sie sind ebenfalls in schmutzige Korruptionsskandale verwickelt, und ihre einzige Antwort besteht darin, der Arbeiterklasse die Last der Krise aufzubürden.

Da sich die lateinamerikanische Arbeiterklasse erneut dem revolutionären Kampf zuwendet, ist es höchste Zeit, eine schonungslose Bilanz der Verrätereien an früheren Kämpfen zu ziehen und sich mit der Rolle von Führungen auseinanderzusetzen, die alles in ihrer Macht stehende getan haben, um die Arbeiterklasse zu desorientieren und in die Irre zu führen.

Von Marx und Engels stammt der berühmte Satz: „Die Befreiung der Arbeiterklasse muss das Werk der Arbeiterklasse selbst sein“. Diese grundlegende Bestätigung der Rolle der Arbeiterklasse als einziger konsequent revolutionärer Klasse in der kapitalistischen Gesellschaft, und die Unmöglichkeit der Errichtung des Sozialismus unter der Führung eines angeblich radikalen oder linken Teils der Bourgeoisie oder des Kleinbürgertums hat sich in Lateinamerika immer wieder durch tragische historische Erfahrungen bestätigt.

Das Internationale Komitee der Vierten Internationale (IKVI) hat immer darauf beharrt, dass die Angriffe des Imperialismus und der heimischen lateinamerikanischen Bourgeoisie nur durch die unabhängige Mobilisierung der Arbeiterklasse auf beiden amerikanischen Kontinenten im Rahmen eines revolutionären sozialistischen und internationalistischen Programms abgewehrt werden können.

Das IKVI hat jahrzehntelang gegen alle Kräfte gekämpft, welche die eine oder andere bürgerliche oder kleinbürgerliche Bewegung als Ersatz für die entscheidende Aufgabe propagiert haben, revolutionäre marxistische Parteien in der Arbeiterklasse aufzubauen.

Der linke Nationalismus, den die kleinbürgerlichen Radikalen in Europa und Amerika begeistert unterstützten, hat in Lateinamerika eine katastrophale Rolle gespielt.

Dies zeigte sich formvollendet in der Entwicklung der These, die Machtübernahme Fidel Castros auf Kuba habe einen neuen Weg zum Sozialismus eröffnet, in dem die bewusste und unabhängige politische Intervention der Arbeiterklasse und der Aufbau revolutionärer marxistischer Parteien nicht mehr notwendig seien.

Stattdessen werde der Guerillakampf von kleinen bewaffneten Gruppen unter der Führung radikaler kleinbürgerlicher Nationalisten ausreichen. Aus diesem Mythos entstand nach der Machtübernahme von Castros Bewegung des 26. Juli die rückschrittliche Theorie des Guerillatums. Castros früherer politischer Verbündeter Che Guevara stellte den Guerillakampf dann als Modell für Revolutionen in der ganzen Hemisphäre dar.

Die wichtigsten Befürworter dieser falschen Perspektive fanden sich in der pablistischen revisionistischen Tendenz, die innerhalb der Vierten Internationale entstand. In Europa wurde sie von Ernest Mandel und in den USA von Joseph Hansen angeführt. Später schloss sich dieser Tendenz auch Nahuel Moreno aus Argentinien an.

Diese antimarxistische Perspektive wurde in ganz Lateinamerika verbreitet – und sie hatte verheerende Folgen. Sie lenkte eine Schicht von radikalisierten Jugendlichen vom Kampf für den Aufbau einer bewussten revolutionären Führung der Arbeiterklasse ab und trieb sie in bewaffnete Konfrontationen, in denen sie keine Chance hatten und zu tausenden getötet wurden. Dies trug auf dem ganzen Kontinent zur Entstehung faschistischer Militärdiktaturen bei.

Das Internationale Komitee der Vierten Internationale hat unablässig gegen die pablistische Perspektive gekämpft und Trotzkis Theorie der permanenten Revolution verteidigt. Wie es erklärt hat, stellte der Castrismus keinen neuen Weg zum Sozialismus dar, sondern war nur eine radikalere Variante der bürgerlich–nationalistischen Bewegungen, die nach dem Zweiten Weltkrieg in einem Großteil der ehemaligen Kolonien an die Macht kamen.

Das IKVI warnte, dass die Pablisten mit ihrer Verklärung Castros zum „natürlichen Marxisten“ die gesamte historische und theoretische Konzeption der sozialistischen Revolution seit Marx zurückweisen und den internationalen revolutionären Kader, den die trotzkistische Bewegung aufgebaut hatte, im Lager des bürgerlichen Nationalismus und des Stalinismus auflösen würden.

Letzten Monat endete offiziell die fast sechzig Jahre andauernde Herrschaft der Castro-Brüder. Die soziale Ungleichheit auf der Insel nimmt zu, und die herrschende Schicht versucht, ihre Privilegien durch eine Annäherung an den US-Imperialismus zu retten. Derweil werden die unter Obama abgeschlossenen Abkommen heute wieder in Frage gestellt. Trump fordert immer größere Zugeständnisse von Havanna, unterstützt die Aktivitäten der erbitterten Castro-Gegner in Miami und droht mit neuen US-Aggressionen. Das Schicksal Kubas wird sich durch die Entwicklung des Klassenkampfs entscheiden, und eine neue revolutionäre Führung muss auf Kuba, in den USA und auf dem amerikanischen Doppelkontinenten aufgebaut werden.

Die gleichen pablistischen Revisionisten, die auch den Castrismus propagiert hatten, erklärten später die Sandinistische Nationale Befreiungsfront in Nicaragua und die Nationale Befreiungsfront Farabundo Martí in El Salvador zur Grundlage eines neuen Weges zum Sozialismus und einer neuen revolutionären Internationale. Ihr Kampf gegen die Diktaturen, die im Sold der USA standen, und gegen die Terroristenarmeen der CIA brachte einen immensen Heldenmut auf und opferte hunderttausende Menschenleben. Dennoch verwandelten sich diese beiden Bewegungen in bürgerliche Parteien. Sie schlossen Frieden mit den reaktionären herrschenden Oligarchien, die sie zuvor bekämpft hatten, und setzten zuverlässig die Sparprogramme des IWF um.

Letzten Monat ließ der sandinistische Präsident Daniel Ortega Proteste von Arbeitern und Jugendlichen gegen drakonische Rentenkürzungen gewaltsam niederschlagen. Dabei wurden etwa 30 Demonstranten getötet. Ortega hat in einem solchen Ausmaß Vermögen und Macht angehäuft, dass er darin dem ehemaligen Diktator Somoza Konkurrenz machen kann.

Letzten Monat wurde in Brasilien außerdem der ehemalige Führer der Metallarbeitergewerkschaft Luiz Inacio Lula da Silva, der als Vorsitzender der Arbeiterpartei (PT) Präsident geworden war, wegen haltloser Korruptionsvorwürfe zu einer Haftstrafe verurteilt.

Viele der pablistischen und morenistischen Revisionisten, die zuvor das Hohelied auf den Castrismus und den Sandinismus gesungen hatten, stellten die PT als den neuen, einzigartigen brasilianischen Weg zum Sozialismus dar. Sie traten in die PT ein und halfen dabei, sie zu einer völlig korrupten bürgerlichen Partei aufzubauen, die zwölf Jahre lang das bevorzugte Herrschaftsinstrument der brasilianischen Bourgeoisie war. Es ist bezeichnend, dass Lulas Inhaftierung durch die rechte Regierung von Michel Temer in den brasilianischen Arbeitermassen keine nennenswerte Empörung verursacht hat. Die PT-Regierungen hatten zuvor den Lebensstandard und die Rechte der Massen scharf angegriffen, und die Gewerkschaften hatten sie dabei unterstützt.

Die Morenisten lernen nichts und vergessen nichts. Nachdem ihre brasilianischen Anhänger bereits vor langer Zeit aus der PT ausgeschlossen wurden, konzentrierten sie ihre Bemühungen in Argentinien auf eine Reihe von prinzipienlosen Wahlbündnissen und Manövern innerhalb der Gewerkschaften und auf der parlamentarischen Bühne. Die Logik dieser Aktivität zielt auf die Vorbereitung eines neuen Verrats an der argentinischen Arbeiterklasse durch die Schaffung einer neuen linken bürgerlichen Partei ab. Als Vorbild dafür dienen die spanische Partei Podemos oder die griechische Syriza.

Der wichtigste Verbündete bei den prinzipienlosen Wahlbündnissen und hauptsächliche Statthalter der Morenisten in Argentinien ist die Sozialistische Arbeiterpartei (PTS). Sie wurde letztes Jahr aus den eigenen Reihen schon als „Podemos in den Windeln“ bezeichnet.

Zuletzt gab es noch den Irrweg eines bolivarischen „Sozialismus für das 21. Jahrhundert“, der mit der Machtübernahme des ehemaligen Oberst Hugo Chavez in Venezuela begann. Diese bürgerliche, fest auf dem Militär basierende Regierung konnte eine „linke“ Fassade errichten und angesichts steigender Ölpreise begrenzte Hilfsprogramme für die Arbeiterklasse ins Leben rufen. Doch mit dem Ende des Rohstoffbooms wandte sie sich scharf gegen die Arbeiterklasse. Ihre Politik bereichert eine Schicht von Financiers, Rohstoffspekulanten und hochrangigen Offizieren und wahrt gleichzeitig die Interessen des internationalen Finanzkapitals, während die Arbeiter immer mehr unter Hunger und Arbeitslosigkeit leiden.

Gleichzeitig ließ sich Rafael Correa in Ecuador, ein weiterer Anhänger des Bolivarismus und des „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“, von seinem selbst ausgewählten Nachfolger Lenin Moreno an der Regierung ablösen. Seither hat Moreno eine Reihe von kapitalistischen Gegenreformen eingeführt, und zurzeit versucht er, durch einen üblen Verrat die Gunst des britischen und amerikanischen Imperialismus zu erlangen: Er hat WikiLeaks-Gründer Julian Assange den Internetzugang gesperrt und ihm den Empfang von Besuchern in der ecuadorianischen Botschaft in London verboten, wo er seit sechs Jahren praktisch als Gefangener lebt. Während Morenos Regierung engere Beziehungen zum US-Militär und zur Trump-Regierung anstrebt, kollaboriert sie bei der Unterdrückung eines Mannes, den Washington verfolgt, weil er die Verbrechen des US-Imperialismus entlarvt hat. Das ist die Logik des bürgerlichen Nationalismus.

Diese bitteren Erfahrungen mit der Politik des bürgerlichen Nationalismus und ihren pablistischen oder sonstigen kleinbürgerlichen, pseudolinken Unterstützern verdeutlichen, wie notwendig es ist, eine neue revolutionäre marxistische Bewegung auf der Grundlage der unabhängigen Mobilisierung der Arbeiterklasse aufzubauen. Sie muss die Arbeiter in Lateinamerika mit denen in den USA und auf der ganzen Welt zusammenschließen, um gemeinsam für ein Ende des Kapitalismus zu kämpfen.

Wir appellieren an unsere Genossen in Lateinamerika, an die Teilnehmer an dieser Onlinekundgebung, an die Leser der World Socialist Web Site und an alle Arbeiter und Jugendlichen, die einen revolutionären Weg suchen. Die Geschichte des Klassenkampfs in Lateinamerika ist nicht nur von Verrätereien geprägt, sondern auch von ungeheurem Heldenmut, Selbstaufopferung und Entschlossenheit. Alle diese Eigenschaften werden in den bevorstehenden revolutionären Kämpfen wieder benötigt werden. Die entscheidende Aufgabe ist es jedoch, die Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen, damit sich die Fehler und Verrätereien nicht wiederholen. Das bedeutet vor allem, die lange Geschichte des Kampfs des Trotzkismus gegen den Revisionismus zu studieren, und auf dieser prinzipientreuen Grundlage Sektionen des Internationalen Komitees der Vierten Internationale in allen Ländern aufzubauen.

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Hacemos un llamado a nuestros camaradas en América Latina, a quienes están participando en este mitin en línea, a quienes leen el World Socialist Web Site y a todos los trabajadores y jóvenes buscando un camino revolucionario. La historia de la lucha de clases en América Latina no solo está compuesta de traiciones, sino también de inmenso heroísmo, autosacrificio y determinación, atributos que serán invocados en las batallas revolucionarias venideras. Sin embargo, la cuestión determinante será aprender las lecciones del pasado para que no se repitan errores ni traiciones. Ante todo, esto significa estudiar y asimilar las enseñanzas de la larga historia de luchas del trotskismo contra el revisionismo y, con base en estos principios fundamentales, construir secciones del Comité Internacional de la Cuarta Internacional en cada país.

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