Ryanair’s Drohung mit Massenentlassungen macht koordinierten Arbeitskampf nötig

In Irland führen die Piloten der Billigfluglinie Ryanair am heutigen Freitag ihren vierten eintägigen Streik durch. Die in der Irish Airline Pilots Association (IALPA) organisierten Piloten wollen damit eine bessere Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen durchsetzen. Anfang der Woche haben die in Deutschland in der Vereinigung Cockpit (VC) organisierten Ryanair-Piloten mit 96 Prozent für einen Streik für bessere Arbeitsbedingungen gestimmt.

Der Streik in Irland und die Urabstimmung in Deutschland folgen unmittelbar auf die größten Arbeitskampfmaßnahmen in der 34-jährigen Geschichte des Unternehmens. Eintägige Streiks des Kabinenpersonals fanden zudem in Spanien, Belgien und Portugal statt.

Diese Streiks beweisen nicht nur, dass die objektiven Bedingungen für einen einheitlichen internationalen Kampf der Beschäftigten der Luftgesellschaften, der Bodendienste, Fluglotsen und breiten Teile der Arbeiterklasse vorhanden sind, sondern dass es für eine solche Offensive auch große Unterstützung gibt.

Schon Ende letzten Jahres gab es Auseinandersetzungen in Deutschland in der Form eines vierstündigen Pilotenstreiks, sowie drei Streiktage des Kabinenpersonals in Portugal.

Außerdem haben Beschäftigte des Bodendienstleisters Manzies Aviation an den britischen Flughäfen von Luton, Manchester und Aberdeen und dem Amsterdamer Flughafen Schiphol mit Streik gedroht. Allerdings wurden diese Streiks bis auf den einen in Amsterdam wieder abgesagt.

Von Februar bis April streikten Flugzeugbesatzungen und Bodendienste bei Air France insgesamt fünfzehn Tage lang gegen ein Lohnabkommen, das die Gewerkschaften schon akzeptiert und empfohlen hatten.

Im vergangenen Monat traten in Frankreich auch Fluglotsen in den Arbeitskampf. Der Luftverkehrsagentur der EU, Eurocontrol, zufolge, nahmen die Verspätungen infolge von Fluglotsenstreiks gegenüber 2017 um 53 Prozent zu. Die Billigfluglinie Easyjet beklagte, dass im letzten Quartal 2.600 Flüge gestrichen worden seien, verglichen mit 314 im vergangenen Jahr.

Ryanair ist fest entschlossen, sein Geschäftsmodell, das auf niedrigen Löhnen und langen Arbeitszeiten beruht, zu verteidigen. Vergangene Woche kündigte die Gesellschaft vorbeugend die Entlassung von 100 Piloten und 200 Flugbegleitern und Flugbegleiterinnen am Heimatflughafen Dublin an. Chief Operating Officer Peter Bellew beklagte einen Rückgang der Buchungen, teilweise aufgrund der rollierenden Streiks der irischen Piloten. Er machte klar, dass die Firma beabsichtige, Beschäftigte zu entlassen, um andere einzuschüchtern.

Besonders auffällig ist, dass die Drohung ausgesprochen wurde, obwohl die Firma letztes Jahr ihre traditionelle Haltung des Gewerkschaftsboykotts aufgegeben hatte.

Weil es gegenwärtig einen Mangel an Piloten gibt, konnte die Gesellschaft nicht genügend Beschäftigte finden. Vergangenes Jahr musste Ryanair bis zu 20.000 Flüge streichen. Die Belegschaft nutzte die Gelegenheit, um eine Verbesserung ihrer Bedingungen durchzusetzen. Gleichzeitig drängte sie an allen 87 Standorten des Konzerns auf die Anerkennung von Gewerkschaften.

Damals wütete Ryanair-Chef Michael O’Leary gegen „lächerliche Forderungen einer ineffizienten Altlast … Wir sind bereit, diesen Kampf durchzustehen und diese Störungen in Kauf zu nehmen, wenn die Verteidigung unserer Kostenstruktur und unseres Hochproduktivmodells das erfordert.“

Mit der „ineffizienten Altlast“ meint O’Leary die Löhne und Arbeitsbedingungen der Piloten bei Ryanairs langjährigen Wettbewerbern, die zwar auch unter Druck stehen, aber immer noch deutlich besser bezahlen als Ryanair.

Auf dem Höhepunkt der Krise beschloss Ryanair dann, eine Anerkennungsvereinbarung mit Balpa abzuschließen, der britischen Pilotengewerkschaft, der 10.000 Piloten angehören und die von 23 verschiedenen Gesellschaften anerkannt wird. Ein Viertel der Ryanair-Piloten und Flugzeuge sind in Großbritannien stationiert.

Seither wurden auch andere Gewerkschaften von Ryanair anerkannt.

Dass mit dieser veränderten Haltung nun Drohung einhergeht, streikende Arbeiter zu entlassen, zeigt, dass das Management die Gewerkschaften in den Konzern geholt hat, damit sie gegenüber neu eingestellten Mitgliedern als Unternehmenspolizei fungieren.

Ryanair hat seine arbeiterfeindliche Offensive nicht aufgegeben. Die Firma hat nur mit Verspätung die Rolle verstanden, die die Gewerkschaften überall im Dienste der Konzerne und des Managements spielen.

Die Reaktion der irischen Gewerkschaft Forsa auf die Entlassungsdrohung von Ryanair zeigt, dass das Vertrauen, das der Konzern in die Gewerkschaft gesetzt hat, voll gerechtfertigt ist. In einer Presseerklärung beklagte sie sich höflich darüber, Ryanair erweise sich „als unwillig und/oder unfähig, wie vereinbart mit der Gewerkschaft auf dem Verhandlungswege Arbeitsbedingungen auszuhandeln“.

Forsa versuchte, die Entlassungen als vorübergehende Erscheinung hinzustellen. „Es ist normale Praxis“, hieß es weiter, „wenn die Fluggesellschaften ihre Aktivitäten im Winter reduzieren. Im Lichte dessen und im Lichte von Ryanairs kürzlichen Problemen, genügend Piloten zu finden und einzustellen, um seinen Flugplan zu realisieren, erscheint es unklar, ob das heutige provokative Verhalten wirklich eine Änderung der normalen Praxis ankündigt.“

Schließlich forderte Forsa noch eine „neutrale Schlichtung“, um den Streit zu lösen.

Jede wirkliche Arbeiterorganisation hätte sofort von Ryanair gefordert, ihre Drohung zurückzunehmen, und hätte einen gemeinsamen Kampf aller Arbeiter des Konzerns auf der ganzen Welt ausgerufen. Aber ein solcher Kampf ist für die Gewerkschaften undenkbar.

Dieselben Erfahrungen machen zurzeit auch die Beschäftigten bei dem transnationalen Einzelhändler und Logistikkonzern Amazon. Am 23. Juli erschien ein Artikel in der katalanischen Zeitung La Vanguardia unter dem Titel „Der globale Streik zeichnet sich ab“. Dort heißt es, die Aktivitäten bei Ryanair deuteten auf neue, international koordinierte Arbeiterkämpfe hin.

Die Zeitung erwähnte die frühere Drohung von Ryanair, streikendes Kabinenpersonal in Portugal zu entlassen und durch Arbeiter aus anderen Ländern zu ersetzen. Die Beschäftigten der Billigfluglinie hätten „genauso wie die Beschäftigten von Amazon, Deliveroo und anderen Firmen verstanden, dass globale Strategien nur durch globale Reaktionen beantwortet werden können“.

Der Artikel berichtet über ein Treffen in Rom, das Mitglieder der Uni Global Union zu Amazon abhielten. Dort sollen Vertreter von 20 Millionen Arbeitern „die Möglichkeit eines globalen Streiks in den europäischen Zentren von Amazon“ diskutiert haben, aber: „Am Ende verschoben sie das Ganze auf später …“

In Wirklichkeit haben die Gewerkschaften nicht etwa einen „globalen Streik” von Amazon-Arbeitern auf später verschoben. Weit davon entfernt. Sie sind seit Monaten damit beschäftigt, eine solche Entwicklung zu verhindern, indem sie Streiks in einem Land nach dem anderen isolieren und sabotieren. Sie sind sich vollkommen über das Potential im Klaren, das die gesamte europäische, wenn nicht globale Amazon-Lieferkette zum Stillstand bringen könnte.

Als die Arbeiter des spanischen Auslieferungslagers in San Fernando de Henares streikten, stellten die Gewerkschaften sicher, dass die Arbeit in den Verteilzentren in Alcobendas und Getafe, je eine halbe Stunde entfernt, normal weiterging. In den vier Wochen vor dem Streik hatte die Firma bis zu 350 Zeitarbeiter eingestellt.

Im vergangenen Jahr unterstützten die spanischen Gewerkschaften bei einer Black Friday Verkaufsaktion die Entscheidung, während eines Streiks in Italien im Lager Barcelona Streikbrecher-Arbeit zu leisten. Sie ließen es zu, dass die Arbeitsbelastung der Beschäftigten in Barcelona erhöht wurde.

Die Gewerkschaften bei Amazon sehen ihre Rolle nicht darin, Streiks auszuweiten, sondern darin, sie zu isolieren und auf 24-Stunden-Aktionen zu begrenzen. Dabei werden nicht-organisierte Leiharbeiter gegen Streikende ausgespielt.

Immer mehr Arbeiter verstehen, dass es notwendig ist, gegen global organisierte Konzerne global koordinierte Arbeitskämpfe zu führen. Die Produktion, die über Grenzen hinweg organisiert abläuft, schweißt die internationale Arbeiterklasse enger zusammen denn je zuvor. Arbeiter haben oft nicht nur den gleichen Arbeitgeber, die gleichen schlimmen Bedingungen und Probleme, sondern dank moderner Technologie und sozialer Medien auch die Möglichkeit, sich zu verständigen, sich über ihre Positionen auszutauschen und sich kollektiv zu organisieren.

Diese globalen Prozesse haben die Position der Arbeiterklasse gegen das Kapital enorm gestärkt. Ein Kampf von Arbeitern in einem Land kann schnell zum Kristallisationspunkt für Arbeiter in andern Ländern werden.

Aber die Arbeiter bei Ryanair, Amazon und anderen großen Konzernen müssen ihren Kampf als politische und organisatorische Rebellion gegen die Gewerkschaften auffassen, denn deren Rolle besteht ausschließlich darin, den Klassenkampf zu sabotieren. Die Arbeiter müssen unabhängige Basiskomitees aufbauen, die sie weltweit mit ihren Kollegen verbinden und ihren Kampf gegen Unterdrückung und Ausbeutung auf der Grundlage eines anti-kapitalistischen und sozialistischen Programms koordinieren.

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