Der Brand im brasilianischen Nationalmuseum: Ein Verbrechen des Kapitalismus am Erbe der Menschheit

Von Bill Van Auken
5. September 2018

Am Sonntagabend wurde das brasilianische Nationalmuseum in Rio de Janeiro, das größte Museum für Naturgeschichte und Anthropologie in Lateinamerika, bei einem Großbrand zerstört. Dabei ging nicht nur der historische Palast aus dem neunzehnten Jahrhundert verloren, in dem das Museum untergebracht war, sondern auch eine riesige und unersetzliche Sammlung von Exponaten. Der größte Teil der dort untergebrachten 20 Millionen Ausstellungsstücke wurde vernichtet.

Die unmittelbare Ursache des Brandes ist noch unbekannt. Allerdings sind diese Katastrophe und der nicht wieder gutzumachende Verlust für die menschliche Kultur das Ergebnis von Sparpolitik und der Umlenkung immenser sozialer Mittel, um das Profitstreben des internationalen Finanzkapitals und der räuberischen und kulturell rückständigen herrschenden Kapitalistenklasse Brasiliens zu befriedigen.

Angesichts der Mittelkürzungen von Seiten der brasilianischen Regierung war es nur eine Frage der Zeit, bis eine derartige Katastrophe passierte. Die Feuerwehr war durch unablässige Etatkürzungen schlecht auf ihren Einsatz vorbereitet, ihr fehlten u.a. die notwendigen Leitern und anderes Gerät. Da aus den Hydranten in der Nähe des Museums kein Wasser kam, mussten sie es einem nahe gelegenen und stark verschmutzten See entnehmen.

Das brennende Nationalmuseum

Museumsangestellte und Wissenschaftler stürzten sich verzweifelt in das brennende Gebäude, um so viel zu retten, wie sie konnten. Anwohner brachten Wasser und taten ihr Möglichstes, um zu helfen. Viele Beschäftigte waren über die Zerstörung schwer erschüttert und lagen unter Tränen in in den Armen.

Luiz Duarte, einer der Vizedirektoren des Museums, erklärte gegenüber TV Globo: „Es ist eine unerträgliche Katastrophe. 200 Jahre Erbe dieses Landes sind zerstört. 200 Jahre Erinnerungen. 200 Jahre Wissenschaft. 200 Jahre Kultur und Bildung.“

Bei dem Brand wurde u.a. die älteste Sammlung altägyptischer Exponate auf dem amerikanischen Doppelkontinent zerstört, außerdem griechische Artefakte und römische Fresken, die die Zerstörung von Pompeji durch einen Vulkanausbruch überlebt hatten.

Bei dem Brand wurden auch die Überreste von „Luzia“ der „ersten Brasilianerin“ zerstört, die mit etwa 12.500 bis 13.000 Jahren die ältesten in ganz Lateinamerika waren. Ebenfalls zerstört wurde die dreizehn Meter große Rekonstruktion des Skeletts eines Maxakalisaurus, eines pflanzenfressenden Dinosauriers, der vor 80 Millionen Jahren im heutigen Brasilien lebte.

Das Museum besaß außerdem eine unbezahlbare Sammlung von etwa 100.000 prä-kolumbianischen Artefakten aus Brasilien und anderen Teilen des amerikanischen Kontinents, darunter Mumien aus den Anden, Textilien und Keramiken.

Daneben befanden sich im Museum historische Aufzeichnungen aus zwei Jahrhunderten brasilianischer Geschichte. Die verbrannten Reste dieser unbezahlbaren Dokumente wurden nach dem Brand bis zu drei Kilometer vom Museum entfernt gefunden.

Der São Cristóvão-Palast, in dem das Museum untergebracht war, gehörte zu den historisch wichtigsten Gebäuden in Brasilien. Er war Sitz der Königsfamilie von Portugal, nachdem sie vor Napoleons Armeen nach Brasilien geflohen war. 1822 wurde hier die Unabhängigkeit Brasiliens erklärt, 1890 fand die erste verfassungsgebende Versammlung statt, die das Ende der Herrschaft des portugiesischen Kaisers einläutete.

Seit 1946 wurde das Museum von der staatlichen Universität in Rio de Janeiro verwaltet und auch als Forschungseinrichtung benutzt. Brasilianische Anthropologen fanden bei Studien an menschlichen Überresten Hinweise darauf, dass Menschen aus Polynesien ins heutige Brasilien eingewandert sind. Das Museum enthielt auch umfangreiche Sammlungen von Pflanzen- und Tierarten, u.a. von ausgestorbenen Spezies.

Das Museum war außerdem an der Ausbildung von Wissenschaftlern für eine Expedition in die Antarktis beteiligt, bei der Fossilien studiert werden sollten.

Professor Paulo Buckup, ein wissenschaftlicher Experte des Museums für Fische, erklärte der BBC, er konnte einen „winzigen“ Teil der Sammlung von Mollusken retten, die mehrere Tausend Exemplare umfasste.

Weiter sagte er: „Ich weiß nicht, wie viele Zehntausende von Insekten und Schalentieren verloren gegangen sind. Es tut mir sehr leid für meine Kollegen. Einige von ihnen haben hier seit 30 oder 40 Jahren gearbeitet. Jetzt sind alle Ergebnisse ihrer Arbeit zerstört, und ihr Leben hat an Bedeutung verloren.“

Am Montag verschafften sich Demonstranten, die meisten davon Studenten der staatlichen Universität von Rio de Janeiro, Zugang zu dem zerstörten Museum, um gegen die anhaltenden Kürzungen der Regierung in den Bereichen Wissenschaft und Bildung zu demonstrieren, die sich so katastrophal in der Zerstörung des Museums geäußert haben. Die Polizei ging mit Pfefferspray, Tränengas und Blendgranaten gegen die Studenten vor.

Die Brandkatastrophe in einem Museum, das ein bedeutendes Erbe der Menschheit in Amerika und der Welt enthielt, war das völlig vorhersehbare und vermeidbare Ergebnis der Politik der brasilianischen Regierungen seit Beginn der Wirtschaftskrise 2014. Diese Politik wurde sowohl von der Regierung der Arbeiterpartei (PT) unter Präsidentin Dilma Rousseff verfolgt als auch von ihrem ehemaligen rechten Vizepräsidenten und Nachfolger Michel Temer. Rousseff wurde im Jahr 2016 wegen fingierter Haushaltsvergehen des Amtes enthoben.

Im Jahr 2013 erhielt das Museum noch Mittel in Höhe von umgerechnet 310.000 Dollar, im Jahr 2014 nur noch 132.000 Dollar. In den letzten drei Jahren waren es nur noch 60 Prozent hiervon oder noch weniger. Die Kürzungen wurden zunächst von Rousseffs PT-Regierung verordnet und später unter Temer noch weiter verschärft.

Im Jahr 2015 legte das Museum einen Bericht vor, laut dem es 150 Millionen Real (31 Millionen Euro) für Reparaturen brauchte. Das jahrhundertealte Gebäude hatte zu diesem Zeitpunkt keine Sprinkleranlage und nicht einmal einen Schaltplan der elektrischen Leitungen.

Im Jahr 2015 musste das Museum gänzlich schließen, weil es weder das Personal noch die Mindestdienstleistungen für Fremdfirmen zahlen konnte. Die Schließung hatte dauerhafte Folgen für die Besucherzahlen, die auf Rekordtiefstständen blieben.

Zu seinem 200-jährigen Jubiläum im Juni diesen Jahres befand sich das Museum aufgrund massiver Etatkürzungen durch mehrere Regierungen in einem fortgeschrittenen Verfallsstadium. Ein Drittel der Ausstellungshallen waren geschlossen, darunter einige der beliebtesten wie diejenige mit dem größten auf brasilianischem Boden entdeckten Dinosaurier. Sein Sockel war von Termiten weggefressen worden.

In einem Artikel über das 200-jährige Jubiläum in der Zeitung Folha de S. Paulo hieß es, der „physische Verfall des Gebäudes, in dem das Museum untergebracht ist ... ist für die Besucher erkennbar, die acht Real [weniger als zwei Euro] für eine Karte zahlen. An vielen Wänden blättert die Farbe ab, elektrische Drähte liegen offen, der Wartungszustand ist allgemein schlecht.“

Da die brasilianische Regierung nicht einmal die geringsten Mittelzuweisungen machte, hatte das Museum im Internet eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, um genug Geld zu erhalten, um die Hauptausstellungshalle wieder zu eröffnen.

Während die brasilianische Regierung dem Museum die Mittel zusammenstrich, investierte sie Millionen in Gebäude für die Fußballweltmeisterschaft und die Olympischen Spiele, die der regierenden PT und anderen Teilen des herrschenden Establishments lukrative Verträge und Nebeneinnahmen einbrachten.

Die Zerstörung des brasilianischen Nationalmuseums und eines beträchtlichen Teils des Erbes der Menschheit ist eine Anklage gegen das System des Weltkapitalismus und die brasilianische nationale Bourgeoisie, die alle Fragen der Sozialpolitik der Bereicherung einer Handvoll Individuen mit immensen Reichtümern unterordnet.

In einem Land, in dem sechs Männer soviel Reichtum besitzen wie die Hälfte der Bevölkerung, ist die Zerstörung der Kultur ein unvermeidliches Nebenprodukt der sozialen Ungleichheit. Die Superreichen in Brasilien haben kein Interesse an Dingen, die sie nicht besitzen können. Sie stecken ihr Geld in Hubschrauber, mit denen sie über die Favelas des Landes in ihre Büros in Rio und Sao Paulo fliegen, sie kaufen Immobilien in Miami und spekulieren auf den globalen Börsen.

Die Zerstörung des brasilianischen Nationalmuseums ist eine nachdrückliche Warnung an die arbeitende Bevölkerung Brasiliens und der ganzen Welt. Die Verteidigung von Kultur, Geschichte und des gesamten Erbes der Menschheit erfordert den Aufbau einer Massenbewegung der internationalen Arbeiterklasse, deren Ziel die Abschaffung des irrationalen, destruktiven und selbstsüchtigen Systems der kapitalistischen herrschenden Klasse ist.

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