„Ich habe mich auf die DDR eingelassen“

„Gundermann” – der neue Film von Andreas Dresen

Von Bernd Reinhardt
13. Oktober 2018

Gerhard Gundermann (1955-1998) war ein DDR-Liedermacher der 80er und 90er Jahre. Während andere Künstler sich nach der Ausweisung des Liedermachers Wolf Biermann 1976 von der DDR distanzierten, innerlich oder durch Ausreise, hielt sich Gundermann an die landläufige Parole: „Bleibe im Lande und kämpfe.“

Alexander Scheer als Gundermann (Foto Peter Hartwig, Pandora Film)

Zunächst hatte er Politoffizier werden wollen. Als der Verteidigungsminister die Offiziersschule besuchte, weigerte sich Gundermann mit der Singegruppe, ein ihn verherrlichendes Lied zu singen. Die Zeit des Personenkults sei vorbei. Danach sprach man Gundermann die Fähigkeit zum künftigen Agitator ab.

Er lebte in Hoyerswerda mitten im Braunkohlerevier und begann auf dem Tagebau zu arbeiten. Er qualifizierte sich bis zum Baggerfahrer. Ungefähr mit Ausbildungsbeginn begann die IM-Tätigkeit bei der Stasi, und wenig später trat Gundermann in die SED ein. Er wollte im Apparat mitmischen, etwas durchsetzen.

Bei den Parteifunktionären des Betriebs stieß seine offene und respektlose Art auf wenig Gegenliebe, z.B. wenn er in der Produktion Schlamperei und Betrug kritisierte und darauf hinwies, dass nach Marx die Arbeitsproduktivität im Sozialismus eigentlich bereits höher sein müsste als im Kapitalismus. Bei Arbeitern erkämpfte sich der Außenseiter, der sein Frühstück im leeren Geigenkasten herumschleppte, Respekt. Er konnte nicht nur reden, sondern auch arbeiten.

Neben dem Schichtbetrieb schaffte er es mit der FDJ-Singegruppe der Stadt Hoyerswerda, die sich bald „Brigade Feuerstein“ nannte (wegen der Braunkohle), das magere kulturelle Angebot zu bereichern. Man gestaltete Konzerte, Lieder-Theater-Programme, Märchen, ging dafür auch in Kindergärten und Schulen. Als Gundermanns Ansprüche zunehmend mit den Kapazitäten der Gruppe kollidieren, sucht er die Zusammenarbeit mit Profis, so mit der populären Ostberliner Band Silly um Tamara Danz. Nach dem Zusammenbruch der DDR gründete er die Band „Seilschaften“. Oft fuhr Gundermann direkt vom Konzert zur Frühschicht.

Bei der Arbeit im Braunkohlebagger (Foto Peter Hartwig, Pandora Film)

Der Dreh- und Angelpunkt des Films betrifft Gundermanns Verhältnis zur Stasi. Er hält sich mit einem Pauschalurteil über „IM-Grigori“ alias Gundermann zurück. Dafür gestatten die verschiedenen Episoden aus seinem Leben einen tieferen Einblick in das Verhältnis der DDR-Bevölkerung zu „ihrem“ Staat, als bisherige Filme. Selbst der sympathische Film „Good Bye, Lenin!“ legte noch nahe, dass engagiertes Eintreten für den „DDR-Sozialismus“ mit staatlicher Erpressung verbunden sein musste.

Gundermann, sehr lebendig gespielt von Alexander Scheer, wird von der Stasi nicht erpresst. Als Kind des „DDR-Sozialismus“ will er die erklärten Feinde des Sozialismus bekämpfen, ehemalige Nazi-Kriegsverbrecher und andere Kriegstreiber. In Ungarn auf einen „Menschenhändler“ angesetzt, zählt er plötzlich dem überraschten Gegenüber, der in penetranter Selbstzufriedenheit die DDR verächtlich macht, penibel auf, an wie vielen blutigen Putschversuchen das westliche Militär weltweit beteiligt war. Damit platzt der Auftrag. Doch der Führungsoffizier (Axel Prahl) ist zufrieden, Gundermann hat Ehrlichkeit und „Klassenstandpunkt“ gezeigt.

Später stellt man der Singegruppe in Aussicht, ins kapitalistische Ausland zu reisen. Dafür bedarf es einer Vertrauensperson, die für die anderen bürgt. Gundermann, bereits bewährt, übernimmt die politische Verantwortung und berichtet über das Verhalten einzelner Bandmitglieder. Im Laufe seiner IM-Tätigkeit (1976-1984) verfasst Gundermann Berichte verschiedenster Art, an die er sich nach der Wende kaum noch erinnern kann. Alles war sehr unspektakulär. Ihm selbst am wichtigsten waren die ausführlichen Berichte über die Produktionsprobleme im Tagebau, auch wenn es dabei gegen SED-Funktionäre ging. Es frustriert ihn, dass die Stasi dafür keinerlei Interesse zeigt, und zu Beginn der 80er Jahre schläft sein politischer Eifer ein.

Der Film stellt ein Verhalten ins richtige Licht, das früher oft als Passivität gegenüber der SED-Diktatur kritisiert wurde. Wie andere Arbeiter ist Gundermann bereit, gesellschaftliche Widersprüche zu ertragen, solange er noch überzeugt ist, dass die Arbeit der SED irgendwie auf deren Lösung ausgerichtet ist. Er, der Naturliebhaber, verteidigt die Umweltzerstörung seiner Arbeit als gegenwärtig notwendig: Die Republik braucht Strom. Wir erfahren vom Zwiespalt eines Arbeitskollegen, der ein Haus baut und weiß, dass er es vielleicht eines Tages selbst zerstören wird.

Die Grenze von Gundermanns „Einsicht in die Notwendigkeit“ ist überschritten, als ein Arbeiter tödlich verunglückt. Der neue Tagebau war auf Druck der SED vorfristig in Betrieb genommen worden, alles schlecht vorbereitet und unvereinbar mit dem Arbeitsschutz. Gundermann hatte gewarnt. Kritisch ausgewertet wird der „tragische Unfall“ nicht. Gundermanns Erkenntnis, dass es der Stasi, also auch der SED-Führung, nicht um Problemlösung, sondern um Kontrolle der Situation geht, führt zur Desillusionierung. Den Zustand der inneren Leere beschreibt ein bewegendes Lied über einen Flieger, der nicht weiß, wo er landen soll.

Indem Gundermann beginnt, wirklich den Klassenstandpunkt der Arbeiter einzunehmen und nicht, wie bisher, einfach die nationalen Sachzwänge der DDR zu verteidigen, wird er von der SED als Gegner des Sozialismus gesehen. Die Stasi bespitzelt jetzt ihn und beendet die Zusammenarbeit. Parallel wird er endgültig aus der SED ausgeschlossen.

Wie soll man Gundermanns Stasi-Tätigkeit heute bewerten? Gundermann wehrt sich im Film gegen den Verrats-Vorwurf. Nein, er sei Kommunist. Der Mitarbeiter der Gauck-Behörde hält dagegen: „Man kann auch Kommunist sein, ohne ein Schwein zu sein. Das ist eine Charakterfrage.“ Ist es nicht auch das klassische Argument derer, die immer auf halbem Wege stehenbleiben?

Gundermann entschuldigt sich nicht. Aber er sucht die Opfer auf. In einer tragikomischen Szene besucht er den Arbeitskollegen Volker (Milan Peschel) und merkt, dass der Glaube, er hätte ihm nicht geschadet, Selbstbetrug ist. Volker beichtet seinerseits, Gundermann beschattet zu haben, angeworben auf Grundlage von dessen positiven Berichten über ihn als zuverlässigen Sozialisten.

Gundermann sucht auch den Puppenspieler auf, der ihn zu Beginn des Films als IM Grigori identifizierte, und gerade „Hamlet“ probt. „Sein oder nicht sein“: Hamlet stellt sich in dem berühmten Monolog die Frage, ob man gegen bedrückende Verhältnisse kämpfen und sie damit beenden soll oder lernen muss, sie zu ertragen. Die Alternative ist nur der Tod. Die Puppe trägt Gundermanns Züge. Es kommt nicht zur Aussöhnung, aber der Liedermacher fühlt sich verstanden.

„Gundermann“ ist ein einfühlsamer Film über einen Idealisten, der sich konsequent auf den stalinistischen Apparat der DDR einlässt, weil er irrtümlich glaubt, er habe etwas mit den Idealen des Kommunismus zu tun. Am Ende merkt er ernüchtert, dass er sich denen gegenüber schuldig gemacht hat, denen er eigentlich nützen wollte. Es sind, daran lässt der Film keine Zweifel, die einfachen Menschen, Gundermanns Publikum. Zu den Höhepunkten des Films gehört Gundermanns Parteiausschluss. Er spricht den SED-Funktionären sehr vehement das Recht ab, von oben herab zu bestimmen, wer Sozialist ist und wer nicht, und weigert sich, sein Parteibuch zurückzugeben.

Bjarne Mädel und Peter Sodann als SED-Funktionäre (Foto Peter Hartwig, Pandora Film)

Wie alle, die eine „bessere DDR“ wollten, darunter zahlreiche IMs wie die Schriftstellerin Christa Wolf oder der Dramatiker Heiner Müller, sah Gundermann in der stalinistischen Bürokratie eine konservative Seite des Sozialismus, nicht eine feindliche Gegenbewegung. Ein wirklicher Bruch mit dem Stalinismus gelang ihm nicht. Es war die SED, die sich von ihm trennte. Sein revolutionäres Idol war der Nationalist Che Guevara, nicht der Internationalist Leo Trotzki. Wer versuchte, sich Trotzkis Stalinismus-Analyse „Verratene Revolution“ aus dem Westen zu beschaffen, wurde zum Stasi-Fall.

Außerhalb des Films zeigte sich Gundermann kurz als Anhänger einer „sozialistischen Marktwirtschaft“. Er kandidierte 1990 auf der Liste der „Vereinigten Linken“ (VL) für die letzte Volkskammerwahl der DDR, die neben der Eigenständigkeit der DDR die „konsequente Anwendung des Leistungsprinzips bei der Verteilung der Einkommen“ und der „Eigenfinanzierung der Wirtschaftssubjekte mit Rentabilitätszwang“ forderte: Normen des Kapitalismus, den Gundermann eigentlich ablehnte. Später wird er wie viele arbeitslos, schult um zum Tischler.

Rastlos fährt er von Konzert zu Konzert. Manche seiner Lieder sind ergreifend, andere widersprüchlich. Der Song „Brigitta“ besingt melancholisch das Ende des Tagebaus. 14.000 Arbeiter, „die sind vom Wind verweht“, heißt es in „Straße nach Norden“. „Und ich frag mich, was ich bin, was ich war, das Salz in der Suppe oder das Haar.“ Die lange LKW-Kolonne, die gerade aus einem entfernteren Teil Ostdeutschlands kommt – gehört sie nicht eigentlich zu einer feindlichen Armee, ist es nicht der alte Gegner „aus dem Offiziersbewerbungsbuch?“

In den letzten Jahren propagiert der Umweltschützer Gundermann Sparsamkeit, Konsumverzicht und beschäftigt sich auch mit esoterischen Fragen. Auf dem letzten Konzert ist ein gewisser Zynismus im Monolog „Stalinismus und Tschernobyl“, es geht um das zukünftige Überleben der Menschheit, nicht zu überhören.

Gundermanns Lieder, die Alexander Scheer hervorragend interpretiert, sind im Film sehr präsent. Dresen versteht sich auch als Botschafter. Er verehrt den Sänger, mit dessen Songs er selbst auf Tour geht, die in den letzten Jahren auch verstärktes Interesse im Westen Deutschlands gefunden haben. Oft kontrastieren Alltäglichkeit und raumgreifende Weite miteinander. Die Verehrung für den amerikanischen Musiker Bruce Springsteen ist mitunter nicht zu überhören.

Stets war es der melancholische Ton Gundermanns, eine Mischung aus verhaltener Trauer und Trotz, die das Publikum anzog, ein Publikum, das sich nach der Einführung des Kapitalismus in der DDR nicht einreden ließ, vorher ein falsches Leben geführt zu haben. Gundermann betrachtete seine Songs als „Tankstelle für Verlierer“ und trifft damit heute einen Nerv. Es sind Texte über ein Land, das sich rasant verändert hat, wo menschliche Solidarität nicht mehr zählt, wo große Ideale beschworen wurden, wo man plötzlich Leere spürt und dass man betrogen wurde.

Andreas Dresen und Laila Stieler (Drehbuch) nehmen die Widersprüchlichkeit der DDR nicht nur wahr, sondern ernst. Gundermann ist eine glaubwürdige Figur, auch wenn seine Hyperaktivität manchmal etwas übertrieben wirkt. Sein Idealismus macht ihn sympathisch. Er ist kein Ja-Sager, sondern jemand, der an die Funktionäre pietätlos Forderungen stellt. Wo ist euer „langfristiges Konzept in der Energiepolitik“? Er provoziert sie mit der Frage der niedrigen Arbeitsproduktivität im „realen Sozialismus“ und führt ihnen damit vor, wie wirkungslos die patriotischen Appelle an die „sozialistische“ Arbeitsmoral sind, die überall als Losungen in den Betrieben hängen.

Der Film ist eine gelungene Antwort auf Florian Henckel von Donnersmarcks Film „Das Leben der anderen“, dessen simpel gestricktes DDR-Bild die komplexe Funktionsweise einer Diktatur wie der DDR verharmlost. Er ignoriert vor allem, dass deren Akzeptanz auf der Illusion beruhte, sie sei der Weg zu einer wirklich sozial gerechten, demokratischen Gesellschaft, wo Krieg und Faschismus kein Thema mehr sind. Niemand sollte sich einbilden, so Dresen, dass ihm so etwas wie Gundermann nie passiert wäre. Es war nicht die Sache einiger „böser Minister“.

Angesichts der heutigen Errichtung eines gigantischen Polizei- und Überwachungsapparats im Namen humanistischer Parolen ist der Film eine eindringliche Warnung. Der Einsatz von V-Männern zum Schüren rechter Stimmungen im Staatsauftrag wirft auch historische Fragen bezüglich der DDR auf. Etliche Führer der „Demokratiebewegung“ der DDR, wie der Vorsitzende der Ost-SPD (SDP) Ibrahim Böhme, wurden später als IMs enttarnt. Dresen inszenierte 2001 das Theaterstück „Akte Böhme“ (Eugen Ruge) über den Beinahe-Ministerpräsidenten der DDR.

Die Wichtigkeit der persönlichen Moral im Film – von Anstand, persönlichem Verrat und Idealismus – führt nicht nur vor Augen, dass in der stalinistischen DDR sehr konkrete Menschen lebten. Es hat auch mit einem Bewusstsein in der DDR zu tun, dass die gesellschaftlichen Widersprüche stark als moralische Probleme des „sozialistischen Aufbaus“ wahrnahm.

Das betrifft auch Dresen selbst, der von der Stasi im Namen der „Sache“ jahrelang beschattet wurde und doch die DDR als sozialistischen Versuch verteidigt. Eine wirklich fruchtbare Diskussion über Verantwortung und Schuld in der DDR verlangt auch nach einer objektiven Bewertung ihrer stalinistischen Geschichte, ihrer realen Rolle als „Friedensmacht“ im Kalten Krieg, ihrer ökonomischen Perspektive, ihres Nationalismus, kurz gesagt: nach einer Beantwortung der Frage, ob es eine sozialistische Alternative zum Stalinismus gab.

Sonst wird die Frage der Stasi und ihrer IMs eine ambivalente Sache bleiben, wie für den „Hamlet“ Gerhard Gundermann.

* * *

Songs von Gerhard Gundermann:

Trauriges Lied vom sonst immer lachenden Flugzeug“ (Interpret: Gerhard Gundermann)

Straße nach Norden“ (Interpret: Gerhard Gundermann)

„Brigitta“

Linda“ (Interpret: Gerhard Gundermann)

Gras“ (Interpreten: Alexander Scheer – Andreas Dresen)

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