Buchvorstellung in Frankfurt: „Warum sind sie wieder da?“

Von unseren Reportern
15. Oktober 2018

Pünktlich zur Frankfurter Buchmesse stellte der Mehring-Verlag das neue Buch „Warum sind sie wieder da?“ von Christoph Vandreier vor. Zusätzlich zur Messepräsenz fand am Samstagnachmittag eine öffentliche Buchbesprechung mit dem Autor statt, der die Entstehungsgeschichte und die Bedeutung des Buches erklärte.

Christoph Vandreier spricht auf der Veranstaltung

„Wir hatten schon länger überlegt, ein Buch über die Erfahrungen der letzten fünf Jahre zu schreiben, in denen der Aufstieg der Rechten, die Wiederkehr von Faschismus und Krieg ideologisch und politisch vorbereitet wurden“, sagte Vandreier in seinem einleitenden Beitrag. „Mit den Ereignissen von Chemnitz haben wir entschieden, dass dieses Vorhaben dringend ist und das Buch bis zur Frankfurter Buchmesse fertig sein muss.“

Die Hetzjagden gegen Flüchtlinge, der Überfall auf ein jüdisches Restaurant und die Angriffe auf politische Gegner, so Vandreier, hätten Millionen Menschen vor Augen geführt, dass die Faschisten wieder da und damit auch die politischen Fragen der Vergangenheit mit Macht zurückgekehrt seien.

Am Tag zuvor hatte Björn Höcke auf der Frankfurter Buchmesse vor geladenem Publikum seine rechtsextremen Ansichten verbreitet, geschützt von Dutzenden Polizisten in Kampfmontur, die den Veranstaltungsort von Hunderten im großen Treppenhaus versammelten Kritikern abschirmten. Auch Thilo Sarrazin stellte sein neues rassistisches und eugenisches Buch „Feindliche Übernahme“ vor, und weitere rechtsextreme Vordenker und Verlage stellten ihre Publikationen aus.

„In der großen Mehrheit der Bevölkerung sind diese Gestalten verhasst“, stellte Vandreier fest und verwies auf die Massendemonstration gegen den Rechtsruck, die zur gleichen Zeit in Berlin stattfand. „Dass die Rechten so auftrumpfen können, ist nur damit zu erklären, dass sie sich auf die Unterstützung des politischen Establishment verlassen können.“

Als Beispiel führte Vandreier die Zeit-Journalistin Mariam Lau an, die wegen ihrer Verteidigung des rechtsextremen Professors Jörg Baberowski und ihrer Forderung, Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken zu lassen, in dem Buch Erwähnung findet. Vor der Buchmesse hatte Lau sich dann in der Zeit beschwert, dass die rechtsradikale Zeitung Junge Freiheit einen zu wenig prominenten Platz erhalten habe. Kritikern von Rassisten und Rechtsextremisten warf sie „Diskurshygiene“ vor.

Auch dass der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland in der FAZ einen Beitrag veröffentlichen konnte, der sich in weiten Teilen auf eine Rede Hitlers stützt, zeige, wie die Rechtsextremisten hofiert würden. Der Spiegel-Kolumnist Jakob Augstein, der sich selbst gern als links bezeichnet, hatte Gauland bescheinigt, „einen klugen Text über die deutsche – und die westliche – Misere“ geschrieben zu haben.

„Genau das ist das Thema des Buches“, erklärte Vandreier und zitierte aus der Einleitung: „Die einzelnen Kapitel des vorliegenden Buches befassen sich detailliert mit der Rolle von Akademikern, Medien, politischen Parteien und dem Staatsapparat beim Aufbau und der Stärkung der AfD. Es ist nicht vom Standpunkt eines neutralen Beobachters geschrieben, sondern als Beitrag zum Kampf gegen die Wiederkehr von Militarismus und Faschismus. Es soll dazu beitragen, dass die Nürnberger Prozesse dieses Mal geführt werden, bevor es zur Katastrophe kommt, und nicht erst danach.“

Vandreier fügte hinzu: „Dieses Buch war auch nur möglich, weil die Sozialistische Gleichheitspartei und ihre Jugendorganisation, die IYSSE, den Versuchen entgegengetreten sind, die Nazi-Ideologie zu rehabilitieren. Erst in diesem Kampf wurde das Ausmaß des Rechtsrucks der herrschenden Klasse und die enorme Opposition dagegen unter Studierenden und Arbeitern deutlich sichtbar.“

Die Veranstaltung zur Frankfurter Buchmesse

Dann ging Vandreier auf die einzelnen Kapiteln des Buches ein. Er erklärte, wie Anfang 2014 mit der Rückkehr des deutschen Militarismus eine umfassende Kampagne zur Fälschung der deutschen Geschichte stattfand. So sei die deutsche Schuld am Ersten Weltkrieg geleugnet und sogar die Verbrechen der Nazis verharmlost worden, um neue Kriege vorzubereiten. Der Osteuropahistoriker Jörg Baberowski von der Berliner Humboldt-Universität hatte im Spiegel behauptet, dass Hitler nicht grausam gewesen sei, und den Holocaust verharmlost.

Drei Jahre lang hatte kein einziger Professor oder Journalist diesen krassen Aussagen widersprochen. „Dieses ohrenbetäubende Schweigen war eine Voraussetzung dafür, dass die extreme Rechte heute derart aggressiv auftreten kann“, heißt es dazu in dem Buch, aus dem Vandreier ausführlich vorlas. Die Leitung der Humboldt-Universität und zahlreiche Medien griffen sogar Baberowskis Kritiker an und verteidigten den braunen Professor.

Nun werde die Politik der AfD von der Großen Koalition in die Tat umgesetzt, fuhr Vandreier fort. Sie sei die rechteste Regierung seit dem Ende des Nazi-Regimes, das zeigten ihre massive Aufrüstung der Bundeswehr, ihre sozialen Angriffe und ihre Errichtung eines umfassenden Lagersystems für Flüchtlinge.

Der Rechtsruck des Establishments und der Bundesregierung resultiere aus der tiefen Krise des Kapitalismus, die wie im vergangenen Jahrhundert zu Faschismus und Krieg führe, erklärte Vandreier. „In dem Maße, in dem Krieg und Klassenkampf zurückkommen, spitzt sich auch die historische Frage zu, die Rosa Luxemburg während des Ersten Weltkriegs auf die Formel brachte: ‚Sozialismus oder Barbarei‘.“

Diese Einschätzung sei von Leo Trotzki gegen Sozialdemokratie und Stalinismus verteidigt worden, die die Arbeiterklasse am Vorabend des Zweiten Weltkriegs entwaffnet hätten. „Trotzki hielt daran fest, dass nur eine unabhängige Bewegung der Arbeiterklasse Krieg und Faschismus verhindern kann.“ Diese Perspektive gewinne nun große Bedeutung, schloss Vandreier.

Auf den Vortrag folgte eine lebhafte Diskussion, in der viele Fragen angesprochen wurden. Dazu gehörte die Bedeutung eines historischen Verständnisses der objektiven Krise des Kapitalismus für eine revolutionäre Perspektive und die Rolle der Arbeiterklasse.

Sven Wurm, der am Kampf gegen die Rückkehr rechter und militaristischer Ideologien an der Humboldt-Universität ebenfalls maßgeblich beteiligt gewesen war, moderierte die Veranstaltung. Er betonte, dass es wichtig sei, die IYSSE an der Universität Frankfurt aufzubauen, und ermutigte alle Teilnehmer, sich weitergehender mit den Fragen zu beschäftigen.

Am Büchertisch wurden die Diskussionen noch lange fortgesetzt. „Warum sind sie wieder da?“ stieß sowohl auf der Veranstaltung als auch der Messe auf großes Interesse. Die Vorauflage war nach kurzer Zeit vollständig ausverkauft.

Mehr Informationen zum Buch und die Möglichkeit der Vorbestellung finden sich auf den Seiten des Mehring Verlags.