80 Jahre Vierte Internationale: Die Lehren aus der Geschichte und der Kampf für den Sozialismus heute

Von David North
16. Oktober 2018

Den folgenden Vortrag hielt David North, der Leiter der internationalen Redaktion der World Socialist Web Site, am 7. Oktober 2018 auf einer gut besuchten Veranstaltung in Colombo, zu der die Socialist Equality Party (Sri Lanka) eingeladen hatte.

Es ist mir eine Ehre und Freude, in Sri Lanka einen Vortrag über die Geschichte der Vierten Internationale halten zu dürfen. Die heroische Rolle der ceylonesischen revolutionären Sozialisten in den Anfangsjahren der Vierten Internationale ist den Trotzkisten aller Länder wohlbekannt. Die Pioniere des Trotzkismus, die 1935 die Lanka-Sama Samaja Party und 1942 die Bolschewistisch-Leninistische Partei Indiens gründeten, widersetzten sich trotz enormer Schwierigkeiten den politischen Handlangern des Imperialismus in der nationalen Bourgeoisie von Indien und Ceylon. Ihre Perspektive beruhte auf der Theorie der permanenten Revolution, die von Leo Trotzki im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts ausgearbeitet worden war und die Grundlage für die politische Strategie abgab, die 1917 den Sieg der russischen Arbeiterklasse ermöglichte.

1939 verfasste Trotzki einen Brief an die Arbeiter Indiens. Mit dem ihm eigenen tiefgreifenden Verständnis der Geschichte und Dynamik des Klassenkampfs fasste er die wesentlichen strategischen Probleme zusammen, mit denen die Massen des indischen Subkontinents konfrontiert waren:

Die indische Bourgeoisie ist zur Führung eines revolutionären Kampfes unfähig. Sie ist eng mit dem britischen Kapitalismus verbunden und von ihm abhängig. Sie zittert um ihren eigenen Besitz. Sie fürchtet sich vor den Massen. Sie sucht um jeden Preis Kompromisse mit dem britischen Imperialismus zu schließen und lullt die indischen Massen mit Hoffnungen auf Reformen von oben ein. Der Führer und Prophet dieser Bourgeoisie ist Gandhi. Ein falscher Führer und ein falscher Prophet! [1]

Trotzki prangerte die heimtückische Rolle des stalinistischen Regimes in der Sowjetunion an, das unter dem Banner der sogenannten „Volksfront“ die Unterordnung der Arbeiterklasse unter die nationale Bourgeoisie verlangte. Er schrieb:

Was für eine Verhöhnung des Volkes! „Volksfront“ ist nur ein neuer Name für jene alte Politik, deren Kern die Kollaboration der Klassen, eine Koalition zwischen dem Proletariat und der Bourgeoisie ist. In jeder solchen Koalition liegt die Führung unweigerlich in den Händen des rechten Flügels, das heißt der besitzenden Klasse. Die indische Bourgeoisie will einen Kuhhandel und keinen Kampf. Eine Koalition mit der Bourgeoisie führt dazu, dass das Proletariat auf den revolutionären Kampf gegen den Imperialismus verzichtet. Koalitionspolitik heißt: auf der Stelle treten, abwarten, falsche Hoffnungen nähren, leere Manöver und Intrigen. Infolge dieser Politik werden die Arbeitermassen unvermeidlich enttäuscht, während die Bauern dem Proletariat den Rücken kehren und in Apathie verfallen. [2]

Die Gründer der LSSP nahmen sich diese Warnung zu Herzen, wandten sich gegen die nationale Bourgeoisie und gründeten in Ceylon eine starke revolutionäre Partei der Arbeiterklasse. Doch 1964 wandte sich die LSSP von ihren ursprünglichen Grundsätzen ab, was tragische Folgen hatte. Sie ging eine Koalition mit der von Sirimavo Bandaranaike geführten SLFP-Regierung ein. Im Kampf gegen diesen „großen Verrat“ wurde die Revolutionary Communist League gegründet – die Vorgängerorganisation der Socialist Equality Party, der sri-lankischen Sektion des Internationalen Komitees der Vierten Internationale. Seit einem halben Jahrhundert kämpft die sri-lankische Sektion des Internationalen Komitees unermüdlich darum, die Folgen des Verrats von 1964 zu überwinden. Dabei hat sie nie vergessen, welch großen Beitrag die Gründer der BLPI und der LSSP ursprünglich nicht nur in Sri Lanka, sondern weltweit für die Sache des revolutionären Sozialismus geleistet hatten.

Die Bedeutung des Studiums der Geschichte

Meine Vorträge in Sri Lanka sind Teil einer internationalen Veranstaltungsreihe aus Anlass des 80. Jahrestag der Gründung der Vierten Internationale. Geschichtsbewusstsein ist für die trotzkistische Bewegung eine unabdingbare Notwendigkeit. Ohne eine historisch fundierte Perspektive verkommt die politische Analyse zu einem Sammelsurium eklektischer Eindrücke. Ernsthafte Politik – und revolutionäre Arbeit ist die ernsthafteste Form von Politik überhaupt – bedarf einer wissenschaftlichen Methode. Für die Navigation auf See wurde lange eine Erfindung namens Sextant verwendet. Mit diesem Instrument konnte der Kapitän die Position seines Schiffs präzise bestimmen, indem er den Winkelabstand zwischen dem sichtbaren Horizont und einem Himmelskörper maß. Bei der politischen Navigation orientiert sich die revolutionäre Partei, indem sie das Verhältnis zwischen dem sichtbaren politischen Horizont und einem relevanten historischen Bezugspunkt bestimmt.

Ein politischer Gegner des Internationalen Komitees namens Said Gafurow – seines Zeichens Anhänger der Putin-Regierung in Russland – hat kürzlich dagegen protestiert, dass wir ständig die Verbrechen und den Verrat der Stalinisten thematisieren. Warum könnten wir nicht einfach die Vergangenheit ruhen lassen und Wege finden, mit den politischen Erben Stalins zusammenzuarbeiten? Warum sollten wir zulassen, dass vergangene Verbrechen und früherer Verrat einer heutigen Zusammenarbeit im Wege stehen? Schließlich, so beklagt sich unser Gegner, wurde Trotzki 1940, vor 78 Jahren, ermordet; und Stalin starb 1953, vor 65 Jahren. Die Sowjetunion wurde 1991, also vor 27 Jahren, aufgelöst. Warum muss man nach wie vor an Trotzkis Worte über den „Strom von Blut“ erinnern, der die Vierte Internationale von den Stalinisten trennt, die in den späten 1930er Jahren einen politischen Völkermord an den herausragendsten Vertretern des revolutionären Marxismus in der Sowjetunion verübten?

Dieser unser Gegner erklärt nun, dass „heute die Meinungsverschiedenheiten und Gegensätze zwischen Trotzkismus und Stalinismus rein historischen, aber keinen politischen Charakter“ hätten und für die Gegenwart nicht relevanter seien als die Unterschiede „zwischen Robespierre und Hébert oder Danton, die nur für Historiker von Interesse sind“. Diese Unterschiede, so behauptete er, seien „wichtig zu studieren, aber nur um der historischen Lehren willen (und aus der Geschichte, um ehrlich und leicht zynisch zu sein, hat noch nie jemand etwas gelernt)“.

Unser Gegner stellt es so dar, als ob Geschichte und Politik zwei strikt voneinander geschiedenen Welten angehören würden. Das Studium der Geschichte sei durchaus von abstraktem theoretischem Interesse. Aber es lehre uns nichts, was für unsere heutige praktische politische Tätigkeit von Wert wäre. Wer so argumentiert, hat nicht das Geringste mit marxistischer Politik zu tun. Die revolutionäre Bewegung entwickelt ihr Programm und ihre Aktivität durch die kontinuierliche kritische Überarbeitung historischer Erfahrungen. Ohne einen historischen Bezugspunkt ist es unmöglich, durch die turbulenten Strömungen des Klassenkampfs zu navigieren. Und wie kann eine revolutionäre Partei ihre jungen Kader und die Arbeiterklasse als Ganze ausbilden, ohne die monumentalen revolutionären Ereignisse des vergangenen Jahrhunderts zu studieren?

Das 20. Jahrhundert war das revolutionärste der Geschichte. Auf allen Kontinenten wurden die unterdrückten Massen in den Kampf gegen Kapitalismus und Imperialismus hineingezogen. 1917 kam es zum ersten Mal in der Geschichte zur Eroberung der politischen Macht durch die Arbeiterklasse, unter der Führung der Bolschewistischen Partei. Überall auf der Welt entstanden kommunistische Massenparteien, die den Wunsch und die Entschlossenheit der Arbeiterklasse zum Ausdruck brachten, dem Kapitalismus ein Ende zu setzen und eine sozialistische Gesellschaft aufzubauen.

Und doch, trotz aller Kämpfe und Opfer, war die Kapitalistenklasse zum Ende des Jahrhunderts überall auf der Welt an der Macht. Die Sowjetunion, das Ergebnis der Revolution von 1917, war von ihrer eigenen Regierung aufgelöst worden. In China ist die regierende Kommunistische Partei zum fanatischen Verfechter der kapitalistischen Wirtschaftsweise geworden. Unsere heutige Welt ist von einer ungeheuerlichen sozialen Ungleichheit geprägt. Wie ist dieser Prozess der politischen Rückwärtsentwicklung zu erklären?

Auf der ganzen Welt wächst die Empörung über die bestehenden Verhältnisse. „Kapitalismus“ ist wieder zum Schimpfwort geworden. Das Interesse am Sozialismus als Alternative zur bestehenden Gesellschaftsordnung lebt wieder auf. Aber – das muss man offen aussprechen – was diesen progressiven Bestrebungen eindeutig fehlt, sind Kenntnisse über die großen politischen Erfahrungen und revolutionären Kämpfe des vergangenen Jahrhunderts. Schon beim Wort „Revolution“ fehlt das inhaltliche Verständnis des damit verbundenen Begriffs: seiner sozialen Grundlagen, seiner Klassendynamik und seiner politischen Strategie.

Junge Menschen, die nach der Auflösung der Sowjetunion und der Wiederherstellung des Kapitalismus in China geboren wurden, wissen wenig darüber, wie es zu diesen Ereignissen kam, geschweige denn über die Geschichte der russischen oder chinesischen Revolution im Einzelnen. Der eigentliche theoretische und politische Inhalt von Begriffen wie Stalinismus, Maoismus oder auch Castroismus ist ihnen nicht vertraut. Natürlich kennen junge Menschen auf der ganzen Welt das romantische und eindrucksvolle Bild von Che Guevara, aber sie wissen nichts über seine politische Strategie und sein Programm – die, wenn ich ehrlich sein darf, völlig bankrott waren.

Die Auswirkungen der akademischen Angriffe auf den Marxismus

Natürlich trifft die jungen Menschen keine Schuld daran, dass sie nur wenig über die revolutionären Umwälzungen des vergangenen Jahrhunderts wissen. Von wem und woher sollten sie die notwendigen Kenntnisse auch erhalten haben? Die kapitalistischen Medien vermitteln ganz bestimmt keine Einsichten, die zum Sturz der bestehenden Gesellschaftsordnung beitragen könnten. Aber was ist mit den Universitäten und ihren vielen hochgelehrten Professoren? Leider begegnet man der echten sozialistischen Theorie und Politik im akademischen Milieu seit vielen Jahrzehnten mit ausgemachter Feindschaft. Die marxistische Theorie – verwurzelt im philosophischen Materialismus – wurde längst aus den führenden Universitäten verbannt.

Der akademische Diskurs wird dominiert von der Freudschen Pseudowissenschaft, dem idealistischen Subjektivismus der Frankfurter Schule und dem irrationalen Geschwätz der Postmoderne. Professoren erzählen ihren Studenten, dass das „große Narrativ“ des Marxismus in der modernen Welt belanglos sei. Damit meinen sie in Wirklichkeit, dass die materialistische Geschichtsauffassung, die die zentrale und entscheidende revolutionäre Rolle der Arbeiterklasse in der kapitalistischen Gesellschaft begründet, nicht als Ausgangspunkt für eine linke Politik dienen kann oder soll.

Für die Theoretiker und Praktiker der kleinbürgerlichen pseudolinken Politik besteht keine Notwendigkeit, die Geschichte vergangener revolutionärer Kämpfe zu studieren. Denn die Lehren daraus widersprechen all ihren opportunistischen und reaktionären Hirngespinsten. Tatsächlich ist Trotzki diesen intellektuellen Kreisen ein Gräuel. Aber es ist unmöglich, im 21. Jahrhundert für den Sozialismus zu kämpfen, ohne sich die Lehren aus Trotzkis Kampf gegen den Stalinismus im 20. Jahrhundert anzueignen. Es war der grundlegende theoretische und politische Kampf des letzten Jahrhunderts. Er ist von tiefer und unmittelbarer Bedeutung für alle wichtigen Fragen der politischen Strategie, die sich den Arbeitern und all denjenigen stellen, die ernsthaft nach dem richtigen Weg für den Kampf gegen den Kapitalismus in der heutigen Welt suchen. Deshalb ist es notwendig, einen kurzen Überblick über die historischen und politischen Ursprünge der Vierten Internationale zu geben.

Die Bedeutung von Trotzkis Kampf gegen den Stalinismus

Die Gründung der Vierten Internationale im September 1938 ist und bleibt ein wesentlicher Meilenstein in der Geschichte der trotzkistischen Bewegung. Sie war der Höhepunkt des politischen Kampfs, den Leo Trotzki in den davor liegenden 15 Jahren – beginnend mit der Gründung der Linken Opposition in der Sowjetunion im Oktober 1923 – gegen die bürokratische Degeneration der russischen Kommunistischen Partei unter Stalin geführt hatte.

Die weitreichende internationale Bedeutung von Trotzkis Kampf gegen das stalinistische Regime zeigte sich Ende 1924, als Stalin erstmals behauptete, dass es möglich sei, den Sozialismus allein in der Sowjetunion aufzubauen, losgelöst vom internationalen Kampf gegen das kapitalistische Weltsystem und ohne den revolutionären Sturz der herrschenden Kapitalistenklasse in den großen imperialistischen Zentren Westeuropas und Nordamerikas.

Das Programm des „Sozialismus in einem Land“ – ein grundlegender Bruch mit der internationalistischen Strategie, die der Machteroberung der Bolschewistischen Partei und der anschließenden Gründung der Kommunistischen Internationale 1919 zugrunde gelegen hatte – brachte die Interessen der wachsenden Bürokratie innerhalb der Sowjetunion zum Ausdruck. Die Privilegien dieser Schicht leiteten sich daraus ab, dass sie die politische Macht usurpierte und die Ressourcen der verstaatlichten Wirtschaft, die nach 1917 geschaffen worden war, im eigenen Interesse ausbeutete. Die von Stalin errichtete totalitäre Diktatur war das politische Instrument, mit dem die Bürokratie – in erster Linie durch die mörderische Unterdrückung marxistischer Revolutionäre und durch Polizeiterror – ihre Privilegien verteidigte und innerhalb der Sowjetunion soziale Ungleichheit etablierte.

Die verheerendsten Auswirkungen hatte die nationalistische Degeneration des Sowjetregimes auf die Kommunistische Internationale, die in ein Instrument der sowjetischen Außenpolitik verwandelt wurde. Um die nationalistische Orientierung zu verteidigen, die mit der Theorie des Sozialismus in einem Land einherging, behauptete die stalinistische Bürokratie, dass der Sozialismus in der UdSSR aufgebaut werden könne, solange nur eine militärische Intervention der imperialistischen Mächte verhindert werde. So wurde die Kommunistische Internationale auf die Suche nach verbündeten Staaten im Ausland und die Pflege entsprechender Beziehungen orientiert, selbst wenn diese Bündnisse auf Kosten der revolutionären Kämpfe der Arbeiterklasse in den Ländern gingen, in denen das stalinistische Regime Bündnisse mit bürgerlichen und kleinbürgerlichen Kräften anstrebte.

Die Tragödie der chinesischen Revolution

Die politischen Folgen der Unterordnung der Kommunistischen Internationale unter den nationalen Opportunismus der Sowjetbürokratie machten sich in China auf tragische Weise bemerkbar. Stalin hatte darauf bestanden, dass die chinesische Kommunistische Partei die politische Autorität der bürgerlichen Kuomintang und ihres Führers Chiang Kai-shek akzeptierte. Stalin hatte in Chiang einen potenziellen Verbündeten gesehen und ihn als vertrauenswürdigen Anführer des antiimperialistischen Kampfes in China dargestellt. Die Arbeiterklasse, so Stalin, sei verpflichtet, die fortschrittlichen Teile der nationalen Bourgeoisie zu unterstützen. Die irreführende Darstellung Stalins, die nationale Bourgeoisie in Ländern mit verspäteter kapitalistischer Entwicklung sei revolutionärer als die Kapitalistenklasse in den entwickelten Ländern, wies Trotzki zurück. Er betonte, dass diese Sichtweise – im Wesentlichen eine Wiederbelebung der Position der russischen Menschewiki aus der Zeit vor 1917 – auf einer falschen Einschätzung der Klassendynamik in den kolonialen und halbkolonialen Ländern beruhte. Er schrieb:

Die gewaltige Bedeutung des ausländischen Kapitals für das Leben Chinas hat dazu geführt, dass mächtige Schichten der chinesischen Bourgeoisie, der Bürokratie und des Militärs ihr Schicksal mit dem des Imperialismus verbunden haben. Ohne diese Verbindung wäre der gewaltige Einfluss der sogenannten „Militärmachthaber“ auf das Leben Chinas in letzter Zeit undenkbar ...

Außerdem wäre es schlicht naiv zu glauben, es läge ein Abgrund zwischen der sogenannten Kompradoren-Bourgeoisie, d.h. der ökonomischen und politischen Agentur des ausländischen Kapitals in China, und der sogenannten „nationalen“ Bourgeoisie. Diese beiden Schichten stehen einander ungleich näher als die Bourgeoisie den Arbeiter- und Bauernmassen. [3]

Trotzkis Analyse wurde durch die Ereignisse bestätigt. Chiang schlachtete im April 1927 die Kommunisten in Shanghai und in Kanton ab und versetzte ihnen einen Schlag, von dem sich die chinesische Kommunistische Partei nie wieder erholte. Nach dieser Katastrophe zog sich die Kommunistische Partei Chinas unter der Führung von Mao Zedong aus den Städten auf das Land zurück. Dadurch wurde die Klassenzusammensetzung und -orientierung der Kommunistischen Partei Chinas grundlegend verändert. Von 1927 an stützte sie sich vor allem auf die Bauernschaft und nicht mehr auf die städtische Arbeiterklasse. Die maoistische Orientierung sollte sich in den folgenden Jahrzehnten als Quelle einer schwerwiegenden politischen Desorientierung und strategischer Fehler jener Organisationen erweisen, einschließlich der JVP hier in Sri Lanka, die die Ausrichtung der chinesischen KP auf die Bauernschaft übernommen hatten.

Trotz der politischen Katastrophe in China setzte Trotzki den Kampf für die Reform der Kommunistischen Partei der Sowjetunion fort. 1928 lebte Trotzki – der 1927 aus der Kommunistischen Partei Russlands und der Kommunistischen Internationale ausgeschlossen worden war – im Exil in Alma Ata, einer Stadt in Sowjet-Zentralasien, nahe der Grenze zu China. Aber selbst im entlegenen Exil, Tausende Kilometer von Moskau entfernt, blieb Trotzki ein Meister der revolutionären Strategie. Er beschaffte sich eine Kopie des Programms, das von Nikolai Bucharin – der damals mit Stalin verbündet war – als Hauptdokument des bevorstehenden Sechsten Kongresses der Kommunistischen Internationale entworfen worden war. Trotzki unterzog dieses Dokument, das auf der Theorie des Sozialismus in einem Land basierte, einer vernichtenden Kritik. Er setzte ihm den revolutionären Internationalismus, die Theorie der permanenten Revolution, als grundlegende strategische Ausrichtung der marxistischen Bewegung entgegen:

In unserer Epoche, welche die Epoche des Imperialismus, d. h., der Weltwirtschaft und der Weltpolitik unter der Herrschaft des Finanzkapitals ist, vermag keine einzige Kommunistische Partei ihr Programm lediglich oder vorwiegend aus den Bedingungen und Entwicklungstendenzen ihres eigenen Landes abzuleiten. Dasselbe gilt in vollem Umfang auch für die Partei, die innerhalb der Grenzen der UdSSR die Staatsmacht ausübt. Am 4. August 1914 [Ausbruch des 1. Weltkriegs] hatte den nationalen Programmen unwiderruflich die letzte Stunde geschlagen. Die revolutionäre Partei des Proletariats kann sich nur auf ein internationales Programm stützen, welches dem Charakter der gegenwärtigen Epoche, der Epoche des Höhepunkts und Zusammenbruchs des Kapitalismus entspricht.

Ein internationales kommunistisches Programm ist auf keinen Fall eine Summe nationaler Programme oder eine Zusammenstellung deren gemeinsamer Züge. [4]

Trotzki fuhr fort:

Ein internationales Programm muss unmittelbar aus der Analyse der Bedingungen und Tendenzen der Weltwirtschaft und des politischen Weltsystems als Ganzem hervorgehen, mit all ihren Verbindungen und Widersprüchen, d. h. mit der gegenseitigen antagonistischen Abhängigkeit ihrer einzelnen Teile. In der gegenwärtigen Epoche muss und kann die nationale Orientierung des Proletariats in noch viel größerem Maße als in der vergangenen nur aus der internationalen Orientierung hervorgehen und nicht umgekehrt. Darin besteht der grundlegende und ursächliche Unterschied zwischen der Kommunistischen Internationale und allen Abarten des nationalen Sozialismus. [5]

Auch 90 Jahre später hat Trotzkis Analyse der Dynamik der sozialistischen Revolution, des Primats der internationalen über die nationalen Bedingungen, als strategisches Grundprinzip des Kampfs für den Sozialismus Bestand.

Infolge des glücklichen Zufalls einer bürokratischen Panne wurde Trotzkis Kritik des Programmentwurfs ins Englische übersetzt. So gelangte sie in den Besitz eines amerikanischen und eines kanadischen Delegierten des Sechsten Komintern-Kongresses, James P. Cannon und Maurice Spector. Sie schmuggelten Trotzkis Dokument aus der UdSSR hinaus. Dies führte zur Gründung der Internationalen Linken Opposition. Der Kampf gegen die stalinistische nationale Degeneration der Sowjetischen Kommunistischen Partei wurde nun zu einem Kampf gegen die Degeneration der Kommunistischen Internationale.

Deutschland: „Der Schlüssel zur internationalen Lage“

Zwischen 1928 und 1933 sah sich die Internationale Linke Opposition als Fraktion der Kommunistischen Internationale. Sie bemühte sich darum, die von den Stalinisten dominierte Internationale und ihre Parteien auf einen revolutionären Kurs zu bringen. Trotzki war nicht bereit, die Kommunistische Internationale aufzugeben, solange die Möglichkeit bestand, eine Änderung ihrer Politik herbeizuführen. Ein wichtiger Faktor in Trotzkis politischem Kalkül war die Krise in Deutschland, die er als „Schlüssel zur internationalen Lage“ bezeichnete.

Im Januar 1929 wurde Trotzki aus der Sowjetunion auf die türkische Insel Prinkipo deportiert. Er lebte nun als staatenloser Exilant auf einem, wie er es nannte, „Planeten ohne Visum“. Doch trotz seiner Isolation auf einer Insel vor der Küste Istanbuls entwickelte Trotzki eine außerordentlich vorausschauende Analyse der Situation in Deutschland. Er forderte die Bildung einer Einheitsfront aus Kommunistischer und Sozialdemokratischer Partei Deutschlands gegen die faschistische Bedrohung.

Die Nazi-Partei war zu einer Massenbewegung geworden. Sollte sie an die Macht kommen, so warnte Trotzki, wäre eine politische Katastrophe für die internationale Arbeiterklasse die Folge. Alles musste daran gesetzt werden, den Machtantritt der Nazis zu verhindern. Aber dazu galt es die skrupellose, völlig fehlorientierte und unglaublich dumme Politik der Kommunistischen Partei Deutschlands zu ändern. In blindem Gehorsam gegenüber der von Moskau vorgegebenen Linie weigerte sich die Kommunistische Partei Deutschlands nicht nur, eine Einheitsfront mit der anderen Massenarbeiterpartei, der Sozialdemokratischen Partei, zu bilden, sondern behauptete auch, dass die SPD – die nach wie vor von Millionen Arbeitern unterstützt wurde – eine „sozialfaschistische“ Organisation und geradezu mit den Nazis identisch sei. Da es keinen Unterschied zwischen SPD und Nazis gebe, seien keine gemeinsamen Abwehrmaßnahmen der beiden Arbeitermassenparteien gegen Hitlers Stoßtruppen zulässig.

Wie Trotzki gewarnt hatte, ebnete die Politik der Kommunistischen Partei Hitler den Weg zur Macht. Mit der entscheidenden Unterstützung hochrangiger bürgerlicher Politiker wurde Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt. Das Nazi-Regime ging umgehend daran, die Massenorganisationen der Arbeiterklasse zu zerschlagen – ohne auf organisierten Widerstand zu stoßen. Trotz dieser historisch beispiellosen politischen Katastrophe bestand die Kommunistische Partei – ohne jeden Widerspruch innerhalb der Kommunistischen Internationale – weiterhin darauf, dass ihre Politik richtig gewesen sei. Die deutsche Katastrophe zwang Trotzki, seine Herangehensweise an den Kampf gegen den Stalinismus zu ändern. Er gelangte zu dem Schluss, dass keine Reform der Kommunistischen Internationale mehr möglich war. Die Dritte Internationale war als revolutionäre Organisation tot. Es war notwendig, die Vierte Internationale aufzubauen.

Die Gründung der Vierten Internationale

Trotzkis Forderung nach der Schaffung einer Vierten Internationale war mit seiner Einschätzung des Sowjetregimes verbunden. Er kam zu dem Schluss, dass eine Reform des bürokratischen Systems nicht mehr möglich war. Die Bürokratie war zu einer konterrevolutionären gesellschaftlichen Kraft geworden, die ihre Privilegien innerhalb der Sowjetunion durch die rücksichtslose Unterdrückung der Arbeiterklasse verteidigte und jenseits der Grenzen der UdSSR zynisch die Kämpfe der Arbeiterklasse verriet. Die Entwicklung der Sowjetunion in Richtung Sozialismus erforderte den Sturz des stalinistischen Regimes in einer politischen Revolution. Nur durch einen revolutionären Aufstand der sowjetischen Arbeiterklasse und den Sturz der Bürokratie wäre es möglich, die sowjetische Demokratie wiederherzustellen und die Zerstörung der Sowjetunion mitsamt der Wiedereinführung des Kapitalismus zu verhindern.

Die fünf Jahre zwischen Trotzkis Aufruf zur Gründung der Vierten Internationale 1933 und dem Gründungskongress 1938 gehörten zu den tragischsten in der Geschichte der sozialistischen Bewegung. Trotz der beispiellosen Krise des kapitalistischen Weltsystems erlitt die Arbeiterklasse eine Reihe verheerender Niederlagen. Die Ursache für diese Niederlagen lag nicht in fehlendem Kampfeswillen. Vielmehr nahm der Klassenkampf in den Jahren 1933 bis 1938 einen immensen Aufschwung. Im Jahr 1936 wurde Frankreich von Streiks erschüttert, denen ein revolutionärer Charakter innewohnte. Im Mai und Juni jenes Jahres legten mehr als zwei Millionen Beschäftigte die Arbeit nieder, Es gab 12.000 Streiks, von denen praktisch alle Branchen betroffen waren. Die militantesten Aktionen waren Fabrikbesetzungen durch revolutionär gesonnene Arbeiter. Im Juli 1936 reagierten spanische und katalanische Arbeiter auf einen Putschversuch faschistischer Generäle unter der Führung von Francisco Franco mit einem machtvollen Aufstand.

Aber sowohl in Frankreich als auch in Spanien mündeten die ersten Siege der Arbeiterklasse am Ende in Demoralisierung und Niederlagen. Das politische Instrument, das diese Niederlagen herbeiführte, war die „Volksfront“, d. h. das Bündnis der stalinistischen und sozialdemokratischen Parteien und Gewerkschaften mit der Bourgeoisie. Ausdrückliche Grundlage dieses Bündnisses war die Verteidigung des kapitalistischen Eigentums gegen die revolutionären Bestrebungen der Arbeiterklasse. Die Stalinisten beharrten darauf, dass der Kampf gegen den Faschismus aus nichts anderem bestand als der Verteidigung der bürgerlichen Demokratie. Die Arbeiterklasse, so die Stalinisten, könne den Faschismus nur im Bündnis mit den liberal-demokratischen Teilen der Kapitalistenklasse bekämpfen. Es sei daher unzulässig, für ein sozialistisches Programm einzutreten, denn dies würde die demokratischen Kapitalisten verschrecken und ins Lager der Faschisten treiben.

Der konterrevolutionäre Inhalt der Volksfront zeigte sich in vollendeter Form in Spanien, wo die stalinistische Partei, gesteuert von Agenten der sowjetischen Geheimpolizei GPU, diejenigen jagte und ermordete, die daran festhielten, dass die Niederlage Francos die Mobilisierung der Arbeiterklasse und der Bauernschaft auf der Grundlage eines revolutionären Programms voraussetzte. Die Stalinisten sicherten Franco den Sieg.

Während Stalin an der Arbeiterklasse jenseits der Grenzen der UdSSR Verrat übte, entfesselte er innerhalb der Sowjetunion den „Großen Terror“, mit dem eine ganze Generation marxistischer Revolutionäre ausgelöscht wurde. In diesem Rahmen fanden 1936 bis 1939 in Moskau drei öffentliche Gerichtsprozesse statt.

So sahen die Bedingungen aus, unter denen Trotzki die Vierte Internationale gründete. Sein Beharren auf der Notwendigkeit einer neuen Internationale stieß auf Widerstand. Ihre Gegner behaupteten, Trotzki verurteile das stalinistische Regime zu kompromisslos und zu absolut. Ein weiterer Kritikpunkt lautete, dass die trotzkistische Bewegung zu klein sei, um eine neue Internationale zu gründen, und dass eine Internationale zudem nur auf der Grundlage „großer Ereignisse“ gegründet werden könne.

Trotzki antwortete seinen Kritikern, dass die Gründung der Vierten Internationale tatsächlich auf „große Ereignisse“ zurückgehe: die größten Niederlagen der Arbeiterklasse in der Geschichte. Diese Niederlagen hatten den Verrat und die Untauglichkeit der alten politischen Organisationen offenbart. Die entscheidende Frage war außerdem nicht die Größe der Partei, sondern die Qualität ihres Programms – d. h., ob das von der Vierten Internationale vertretene Programm auf einer zutreffenden Einschätzung des Charakters der historischen Epoche basierte und die Aufgaben der Arbeiterklasse richtig formulierte.

Natürlich ist die Frage der Größe nicht unerheblich. Der Sturz des Kapitalismus kann nicht durch eine Verschwörung einer Handvoll Personen herbeigeführt werden. Die sozialistische Revolution erfordert die bewusste Beteiligung großer Menschenmassen. Aber es ist ein Axiom des Marxismus, dass die Theorie nur dann zu einer materiellen Kraft im historisch fortschrittlichen und revolutionären Sinne werden kann, wenn das Programm der Partei die objektive Notwendigkeit benennt und formuliert. Parteien, die auf einer falschen Einschätzung der objektiven Lage beruhen, deren Programm den Anforderungen der historischen Epoche nicht entspricht, werden trotz vorübergehender Erfolge unweigerlich politischen Schiffbruch erleiden.

Die Beständigkeit der Vierten Internationale

Was also erklärt die historische Beständigkeit der Vierten Internationale? Vor allem die Übereinstimmung ihrer Analyse und ihres Programms mit dem objektiven Charakter der Epoche. Das Gründungsdokument der Vierten Internationale definierte die gegenwärtige historische Epoche als Todeskrise des Kapitalismus. Trotzki schrieb:

Die wirtschaftliche Voraussetzung für die proletarische Revolution ist längst bis zum höchsten Stand herangereift, der unter dem Kapitalismus erreicht werden kann. Die Produktivkräfte der Menschheit haben aufgehört zu wachsen. Neue Erfindungen und technische Neuerungen vermögen bereits nicht mehr zu einer Hebung des materiellen Wohlstands beizutragen. Unter den Bedingungen der sozialen Krise des gesamten kapitalistischen Systems bürden Konjunkturkrisen den Massen immer größere Entbehrungen und Leiden auf. Die wachsende Arbeitslosigkeit vertieft wiederum die staatliche Finanzkrise und unterhöhlt die zerrütteten Währungen. Demokratische wie faschistische Regierungen taumeln von einem Bankrott in den anderen. [6]

Trotzkis Warnungen vor einer Katastrophe sollten sich bewahrheiten. Der Zweite Weltkrieg, der genau ein Jahr nach der Gründung der Vierten Internationale ausbrach, forderte mehr als 60 Millionen Menschenleben. Mit der unverzichtbaren Unterstützung der stalinistischen Parteien konnte die Kapitalistenklasse die Aufstandsbewegungen überleben, die sich nach dem Krieg über die ganze Welt ausbreiteten – durch eine Kombination aus politischen Kompromissen, taktischen Zugeständnissen und, wenn unvermeidbar, brutaler Unterdrückung. Mehrere Jahrzehnte lang, beim Wiederaufbau auf den Ruinen des Krieges, erlebte der Kapitalismus ein erhebliches Wirtschaftswachstum. Aber die grundlegenden Widersprüche – zwischen gesellschaftlicher Produktion und Privateigentum an den Produktionsmitteln, zwischen dem integrierten Charakter der Weltwirtschaft und dem Nationalstaatensystem – blieben bestehen.

Die Auflösung der stalinistischen Regime in Osteuropa und der Sowjetunion wurde von den herrschenden Eliten, ihren Medienpropagandisten und ihren akademischen Apologeten allgemein als Triumph des Kapitalismus über den Sozialismus gefeiert. Der Triumphalismus der 1990er Jahre gründete sich auf zwei Lügen: dass die stalinistischen Regime sozialistisch gewesen seien und dass die Widersprüche des Kapitalismus irgendwie überwunden worden wären. Aber angesichts der Erfahrungen der letzten 30 Jahre ist es offensichtlich, dass die Siegesfeiern des Kapitalismus, gelinde gesagt, verfrüht waren. Die herrschenden Eliten hatten verkündet, dass der Kapitalismus der Menschheit nach der Auflösung der stalinistischen Regime Frieden, Wohlstand und universelle Demokratie bescheren würde.

Die Wirklichkeit sah ganz anders aus. Beginnend mit der amerikanischen Invasion im Irak 1991 und dem Bürgerkrieg in Jugoslawien jagte ein militärischer Konflikt den nächsten. Der „Krieg gegen den Terror“, der nach den Ereignissen vom 11. September 2001 begonnen wurde, befindet sich nun in seinem 18. Jahr, ohne dass ein Ende in Sicht ist. Stattdessen steuert die Welt durch die Verschärfung geopolitischer Rivalitäten und Konflikte zwangsläufig auf einen Dritten Weltkrieg zu. Die Vereinigten Staaten haben deutlich gemacht, dass sie es China nicht erlauben werden, sie als wichtigste Weltmacht abzulösen, auch wenn sie militärische Gewalt anwenden müssen, um dem Aufstieg Chinas entgegenzuwirken. Gleichzeitig befinden sich die Vereinigten Staaten auf Kollisionskurs mit Russland, das Washington als Hindernis für seine Pläne betrachtet, Eurasien und den Nahen Osten zu dominieren. Erst letzte Woche erklärte der US-Botschafter bei der NATO, dass die Vereinigten Staaten bereit seien, einen Erstschlag gegen Russland durchzuführen, um die angebliche illegale Entwicklung von Offensivwaffen zu unterbinden. Eine solche offene Drohung bedeutet eine gefährliche Eskalation des Konflikts zwischen den beiden bis an die Zähne atomar bewaffneten Mächten. Die Welt rückt an den Rand eines Atomkriegs, dessen todbringende Folgen sich jeder Vorstellungskraft entziehen.

Vor dem Hintergrund der eskalierenden Gewalt auf internationaler Ebene nehmen die sozialen Spannungen in jedem Land zu – vor allem in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern, einschließlich den Vereinigten Staaten. Hauptursachen für diese Spannungen sind die anhaltende Wirtschaftskrise und das atemberaubende Ausmaß an sozialer Ungleichheit. Weniger als ein Dutzend Milliardäre besitzen mehr Reichtum als die Hälfte der Weltbevölkerung zusammengenommen. Das Privatvermögen von Jeff Bezos, dem Besitzer von Amazon, wird auf 150 Milliarden Dollar geschätzt. Stunde für Stunde wächst sein Vermögen um Millionen und damit um ein Vielfaches des Betrags, den ein Durchschnittsarbeiter im Laufe seines gesamten Lebens verdient.

Soziale Ungleichheit und der Zusammenbruch der Demokratie

Die soziale Ungleichheit führt unvermeidlich zu gesellschaftlichen Konflikten und Klassenkonflikten. An einem bestimmten Punkt wird die Spannung in der Gesellschaft so extrem, dass die Mechanismen der Demokratie versagen. Das ist die Situation, die sich derzeit weltweit abzeichnet. Die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten ist das Symptom eines systemischen Zusammenbruchs der etablierten demokratischen politischen Strukturen, durch die die Kapitalistenklasse lange Zeit regiert hat. Allenthalben wird über die Gefahr der Rückkehr des Faschismus an die Macht diskutiert.

In How Democracy Dies schreiben die Autoren Steven Levitsky und Daniel Ziblatt hilflos:

Ist unsere Demokratie in Gefahr? Nie hätten wir gedacht, dass wir je diese Frage stellen müssten ... In den letzten beiden Jahren haben wir erlebt, wie Politiker Dinge sagen und tun, die in den Vereinigten Staaten beispiellos sind – aber wir stellen fest, dass sie die Vorläufer der Krise der Demokratie an anderen Orten waren. Wir fürchten uns, wie so viele andere Amerikaner auch, obwohl wir uns damit zu beruhigen versuchen, dass es hier nicht wirklich so schlimm kommen kann.

Dennoch machen wir uns Sorgen. .... Erleben wir den Niedergang und Fall einer der ältesten und erfolgreichsten Demokratien der Welt?

Madelaine Albright, die ehemalige US-Außenministerin, hat ein Buch mit dem Titel Fascism: A Warning (Faschismus: Eine Warnung) geschrieben, in dem sie die folgende vereinfachte Erklärung für das Wiederaufleben der extremen Rechten in den Vereinigten Staaten liefert:

Wenn wir den Faschismus als eine fast verheilte Wunde aus der Vergangenheit betrachten, war Trumps Einzug in das Weiße Haus etwa so, als würde man den Verband abreißen und den Schorf wieder abkratzen.

Bei dieser politischen Diagnose übersieht sie allerdings, dass die Rückkehr autoritärer Herrschaftsformen ein weltweites Phänomen ist. In The People Versus Democracy (Volk gegen Demokratie) weist Yascha Mounk auf das globale Ausmaß der Wiederbelebung faschistischer Bewegungen hin:

Es ist zum Beispiel verlockend, Donald Trump als ein einzigartiges amerikanisches Phänomen anzusehen. .... Und doch kann die wahre Natur der Bedrohung, die Trump darstellt, nur in einem viel breiteren Kontext verstanden werden: dem der Rechtsextremen, die in jeder großen Demokratie an Stärke gewonnen haben, von Athen bis Ankara, von Sydney bis Stockholm, von Warschau bis Wellington. Trotz der offensichtlichen Unterschiede zwischen den Populisten, die in all diesen Ländern auf dem Vormarsch sind, weisen sie grundlegende Gemeinsamkeiten auf, die jeden von ihnen auf überraschend ähnliche Weise zu einer Gefahr für das politische System machen.

Ein weiteres Buch neueren Datums, How Fascism Works (Wie der Faschismus funktioniert) von Jason Stanley, weist auf den globalen Charakter des Wachstums des Rechtsextremismus hin:

In den letzten Jahren wurden mehrere Länder auf der ganzen Welt von bestimmten Formen des rechtsextremen Nationalismus eingeholt; die Liste umfasst Russland, Polen, Indien, die Türkei und die Vereinigten Staaten... Ich habe das Etikett „Faschismus“ für den Ultranationalismus einer bestimmten Art (ethnisch, religiös oder kulturell) gewählt, wobei die Nation in der Person eines autoritären Führers vertreten wird, der in ihrem Namen spricht.

Am gefährlichsten manifestiert sich das Wiederaufleben des Faschismus in den jüngsten Ereignissen in Deutschland, wo sich die Nazis – mehr als 70 Jahre nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches und dem Ende des Zweiten Weltkriegs – wieder zu einer ernstzunehmenden politischen Kraft entwickeln. Nazi-Demonstranten, die rassistische und antisemitische Parolen rufen, sind durch die Straßen von Chemnitz und Dortmund marschiert. Was diese Demonstrationen bedeutsam macht, ist nicht ihre Größe. Die Nazis sind noch eine relativ kleine politische Kraft und innerhalb Deutschlands verhasst. Doch sie haben einflussreiche Gönner auf den höchsten Ebenen des Staats. Nach der Demonstration in Chemnitz hat der Innenminister der Regierungskoalition, Horst Seehofer, seine tief empfundene Sympathie mit der Nazi-Meute bekundet. Der Chef des Verfassungsschutzes, Hans Georg Maaßen, leugnete – trotz Videobeweisen des Gegenteils – dass der Mob ausländische Passanten bedroht habe, die Zeugen der Demonstration wurden.

Was hat es mit der Wiederkehr des Nationalsozialismus in Deutschland auf sich, dem Land, das durch die Schrecken des Dritten Reiches gegangen ist? Im ganzen Land gibt es unzählige Gedenkstätten, die dem Andenken an die Opfer des Hitlerismus gewidmet sind. Aber wie bei einer Krankheit, die gelindert, aber nicht geheilt wurde, kehren die alten Symptome zurück. Trotzki, der die beste Analyse des Faschismus vorlegte, betonte, dass diese politische Geißel in den Widersprüchen des Kapitalismus wurzelte, und dass der Zusammenbruch der bürgerlichen Demokratie – unter dem Druck der Weltwirtschaftskrise, internationaler geopolitischer Spannungen und sozialer Konflikte im Inneren – ein unumkehrbarer Prozess war.

Auf der Grundlage des Kapitalismus kann die Demokratie nicht gerettet oder geheilt werden. Alle Warnungen Trotzkis in den 1930er Jahren, als er die verräterische Volksfrontpolitik anprangerte – die die Arbeiterklasse den sogenannten „liberalen“ und „fortschrittlichen“ bürgerlichen Parteien unterordnete und damit den Sieg des Faschismus sicherte –, gewinnen heute immense Aktualität. Im Jahr 1936 schrieb Leo Trotzki:

Die Arbeiter und Bauern werden mit parlamentarischen Illusionen eingeschläfert, ihre Kampflust gelähmt: So schafft die Volksfront günstige Bedingungen für den Sieg des Faschismus. Die Koalitionspolitik mit der Bourgeoisie muss vonseiten des Proletariats mit Jahren neuer Qualen und Opfer, wenn nicht mit Jahrzehnten faschistischen Terrors bezahlt werden. [7]

Alle Warnungen Trotzkis sollten sich bestätigen. Die „Volksfront“ endete mit Katastrophen, die von 1939 bis 1945 Abermillionen Menschen das Leben kosteten. Und doch befürworten die Feinde des Trotzkismus – d. h. die pseudolinken politischen Scharlatane, die die Lehren aus der Geschichte ablehnen – heute eben die Politik, die bereits zu den Katastrophen der 1930er und 1940er Jahre geführt hat. Die Professorin Chantal Mouffe, eine der bekanntesten zeitgenössischen Theoretikerinnen der Pseudolinken, plädiert für einen „linken Populismus“, der nichts anderes darstellt als die jüngste Version der neostalinistischen Klassenkollaboration in einer Volksfront. Mouffe fordert offen die Ablehnung der „essentialistischen“ linken Politik, die auf der revolutionären Rolle der Arbeiterklasse und der zentralen Bedeutung ihres Kampfes gegen die kapitalistische Ausbeutung basiert. „Unnötig“ sei für den linken Populismus hingegen „ein ,revolutionärer‘ Bruch mit dem liberal-demokratischen Regime“. [8]

Es sei möglich, schreibt sie, „eine Umwälzung der bestehenden hegemonialen Ordnung zu bewerkstelligen, ohne die liberalen, demokratischen Institutionen zu zerstören“. Der kapitalistisch-imperialistische Staat – der brutale und massiv bewaffnete Hüter von Ausbeutung, Unterdrückung und Ungleichheit – solle nicht angetastet werden. Und was ist nun die Alternative, die Frau Professorin Muffe dem marxistischen Programm entgegenstellt, d. h. dem revolutionären Sturz des kapitalistischen Staats durch die Arbeiterklasse, der Enteignung der kapitalistischen Oligarchen und der Abschaffung des Privateigentums an den Produktionsmitteln und dem Finanzwesen? Sie schreibt: „Ein linkspopulistischer Ansatz sollte versuchen, ein alternatives Vokabular zur Verfügung zu stellen“ und „eine andere Sprache“, die auch die Anhänger rechter Parteien ansprechen könnte! [9] Kann man sich eine offenere politische Bankrotterklärung vorstellen? Muffe möchte uns weismachen, dass die Gefahr des Faschismus bekämpft werden könne, ohne die Arbeiterklasse auf der Grundlage eines revolutionären Programms zu mobilisieren. Man müsse den Reformismus lediglich mit einem neuen „Vokabular“ ausstatten.

Die Krise der revolutionären Führung

Die politischen Alternativen in der Epoche der Todeskrise des Kapitalismus lauten faschistische Barbarei oder sozialistische Revolution. Der Triumph der einen oder der anderen wird über die Zukunft der Menschheit entscheiden. Der Sieg des Faschismus bedeutet den Untergang der menschlichen Zivilisation. Der Sieg der sozialistischen Revolution eröffnet die Möglichkeit eines neuen Aufschwungs und Aufblühens der menschlichen Zivilisation. Das ist die Entscheidung, die vor uns liegt.

Trotzki untersuchte die Wechselfälle der revolutionären Kämpfe der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts und versuchte, die Ursache für die vielen Niederlagen zu erklären, die auf den großen Sieg vom Oktober 1917 folgten. Er identifizierte die „Krise der revolutionären Führung“ als das grundlegende Problem der Epoche. Die objektiven Bedingungen für den Sieg des Sozialismus waren vorhanden. Aber das subjektive Problem der Führung war noch nicht gelöst. Es ist bis heute die grundlegende Aufgabe unserer Epoche.

Die Gegner des Trotzkismus – insbesondere unter den Vertretern der unzähligen Varianten kleinbürgerlicher pseudolinker Politik – werfen der Vierten Internationale regelmäßig „Sektierertum“ vor. Sie können es nicht ertragen, dass sich das Internationale Komitee weigert, sich wie die kleinbürgerlichen Pseudolinken an die Schürzenbänder der herrschenden Klasse zu hängen.

Verärgert über unsere Prinzipienfestigkeit verweisen unsere Gegner darauf, dass die trotzkistische Bewegung nicht Millionen in ihre Reihen rekrutiert hat. Ein bei unseren Feinden beliebter Refrain lautet: „Die Vierte Internationale wurde von Trotzki ausgerufen, aber nie aufgebaut.“ Mit diesem Urteil trennen sie die Entwicklung der Vierten Internationale von der gesamten Geschichte des Klassenkampfes in den letzten 80 Jahren. Sie vergessen geflissentlich, dass die von den Pseudolinken bevorzugten Parteien und Organisationen – Stalinisten, Maoisten, bürgerliche Nationalisten, Arbeiterbürokratien – die Entwicklung der Vierten Internationale durch die Verleumdung, Inhaftierung und Ermordung von Trotzkisten zu verhindern suchten.

Und welche Alternative zur Vierten Internationale schlagen unsere Gegner vor? Wenn sie versuchen würden, auf die letzten 80, 40 oder auch nur 20 Jahre ihrer politischen Aktivitäten zurückzublicken, auf welche politischen Errungenschaften könnten sie stolz sein? Die Stalinisten könnten auf die Trümmer der Sowjetunion und die anschließende wirtschaftliche Vergewaltigung Russlands verweisen. Die Maoisten könnten auf die Verwandlung Chinas in einem Brennpunkt des globalen Kapitalismus verweisen, in die Heimat von Dutzenden neureichen Milliardären. Die Castro-Anhänger könnten zeigen, dass Kuba wieder ein Paradies für amerikanische Touristen ist, deren Dollars für das Überleben der lokalen Wirtschaft unerlässlich sind. Die sozialdemokratischen Parteien sind praktisch nicht mehr von den traditionellen rechten Parteien der Bourgeoisie zu unterscheiden. Das Beispiel von Corbyn in Großbritannien beweist nur ein weiteres Mal, dass die sozialdemokratischen Organisationen nicht in Instrumente des Kampfs für den Sozialismus umgewandelt werden können. Sie können nicht einmal mehr in Werkzeuge für gemäßigte Sozialreformen verwandelt werden. Was alle diese Organisationen gemeinsam haben, ist, um mit Trotzki zu sprechen, dass sie durch und durch verfault sind.

Die Vierte Internationale wurde von Trotzki gegründet, um die Krise der revolutionären Führung in der Arbeiterklasse zu lösen. Er wusste, dass die politischen Aufgaben in der Epoche der Todeskrise des Kapitalismus nicht einfach sein würden. Im Mai 1940, nur zwei Monate vor seiner Ermordung durch einen Agenten des stalinistischen Regimes, schrieb Trotzki:

Die kapitalistische Welt hat keinen Ausweg, wenn nicht ein verlängerter Todeskampf als solcher betrachtet werden soll. Man muss sich auf viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, von Krieg, Aufständen, kurzen Zwischenspielen des Waffenstillstandes, neuen Kriegen und neuen Aufständen gefasst machen. Eine junge revolutionäre Partei muss sich auf diese Perspektive gründen. [10]

Die Menschheit ist, wie Trotzki vorhersah, durch „Jahrzehnte von Krieg, Aufständen, kurzen Zwischenspielen des Waffenstillstandes, neuen Kriegen und Aufständen“ gegangen. In der Zeit, in der sie als politisch verfolgte Minderheit unter denkbar ungünstigen Bedingungen das Erbe des Marxismus verteidigte, hat die Vierte Internationale unter der Führung des Internationalen Komitees umfangreiche Erfahrungen gesammelt. Die Ereignisse haben ihre historische Perspektive bestätigt. Jetzt, in diesem späten und sehr fortgeschrittenen Stadium der Todeskrise des Kapitalismus, sind die Bedingungen vorhanden, um die Vierte Internationale als Massen-Weltpartei der sozialistischen Revolution aufzubauen.

Anmerkungen

[1] Leo Trotzki: „Indien vor dem imperialistischen Krieg – Ein Offener Brief an die indischen Arbeiter“, zitiert nach https://sites.google.com/site/sozialistischeklassiker2punkt0/trotzki/1939/leo-trotzki-indien-vor-dem-imperialistischen-krieg

[2] ebd.

[3] Leo Trotzki: „Die chinesische Revolution und die Thesen des Genossen Stalin“, in: Schriften 2.1, Hamburg 1990, S. 178

[4] Leo Trotzki, Die Dritte Internationale nach Lenin, Essen 1993, S. 24-25

[5] ebd.

[6] Leo Trotzki, Das Übergangsprogramm, Essen 1997, S. 83

[7] Leo Trotzki, „Die Volksfront im Bürgerkrieg“, in: Revolution und Bürgerkrieg in Spanien 1931-1939, Frankfurt/Main 1976, Bd. 2, S. 223

[8] Chantal Mouffe, Für einen linken Populismus, Berlin 2018, S. 47

[9] ebd., S. 33

[10] Leo Trotzki, „Der imperialistische Krieg und die Weltrevolution“, in: Unser Wort, Jg. 8, Nr. 3, zitiert nach https://sites.google.com/site/sozialistischeklassiker2punkt0/trotzki/1940/leo-trotzki-der-imperialistische-krieg-und-die-weltrevolution

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