München: 700 Arbeiter protestieren gegen Schließung des Augsburger Fujitsu- Werks

Von Dietmar Henning
8. November 2018

Gestern demonstrierten rund 700 Fujitsu-Arbeiter in München gegen das Aus des Augsburger Werks. Rund 500 von ihnen waren mit zehn Bussen aus dem 80 Kilometer entfernten Augsburg angereist, um auf dem Messegelände der bayerischen Hauptstadt für den Erhalt ihres Werkes zu demonstrieren. Ihnen schlossen sich etwa 200 Fujitsu-Beschäftigte aus München an.

Protestierende Fujitsu-Arbeiter in München (Foto IG Metall Bayern)

Die Fujitsu-Geschäftsführung hatte auf einer Betriebsversammlung im Oktober die Schließung des Standortes verkündet. Spätestens bis September 2020 sollen sämtliche Bereiche der Produktion, Entwicklung und Logistik „abgewickelt“ werden. Dadurch entfallen etwa 1500 Arbeitsplätze in Augsburg sowie weitere 300 in München und anderen Standorten. Die Region um Augsburg hatte durch andere Werksschließungen und massiven Arbeitsplatzabbau bereits in den letzten Jahren Tausende Arbeitsplätze verloren.

Im Augsburger Werk produzieren etwa 550 Arbeiter täglich bis zu 8000 Systemplatinen, PCs, Work Stations und Server. Weitere 500 sind in Forschung und Entwicklung beschäftigt und etwa 400 in Vertrieb und Marketing. Die ersten Opfer des Abbaus sind mehrere Hundert Leiharbeiter, deren befristete Verträge nicht verlängert werden.

Nur wenige Meter vom Protest der Fujitsu-Beschäftigten entfernt fand zeitgleich ein riesiges Kundenforum des Konzerns mit 10.000 Gästen statt. Aus diesem Grund hatte die IG Metall zum Protest auf dem Münchener Messegelände aufgerufen. Zumindest die Münchener Beschäftigten mussten sich dafür frei nehmen. In einem Aufruf der IG Metall München, den Beschäftigte in einem Forum posteten, heißt es: „Hinweis: Die Teilnahme erfolgt in Eurer Freizeit, da es sich nicht um einen Streikaufruf handelt.“

Bis zum Messe-Eingang, durch den die Besucher des Fujitsu-Forums strömten, gelangten die protestierenden Beschäftigen jedoch nicht. Sie wurden von der Polizei daran gehindert. Die Messegesellschaft, die sich in städtischer Hand befindet (Aufsichtsratsvorsitzender ist der Münchener Oberbürgermeister Dieter Reiter, SPD), bestand auf ihrem Hausrecht.

Fujitsu-Präsident Tatsuya Tanaka wiederholte auf einer internationalen Pressekonferenz am Rande des Fujitsu-Forums seinen Plan, den Konzern weltweit umfassend umzubauen. Er verfolgt das ausdrückliche Ziel, eine operative Profitmarge von zehn Prozent zu erreichen. Dies strebt der Konzern schon seit Jahren an. Viele Tausend Arbeitsplätze sind dafür in den letzten Jahren vernichtet worden, vor allem in Ländern mit international vergleichsweise hohen Löhnen. In Deutschland waren es zuletzt, vor genau zwei Jahren, rund 600 in Paderborn. Bis 2022 soll nun laut Tanaka die zehnprozentige Profitmarge erreicht werden.

Der aktuell für Europa, den Nahen Osten, Indien und Afrika verantwortliche Brite Duncan Tait, der sich zukünftig „Senior Executive Vice President“ nennen darf, erklärte in München, die Schließung des Werks in Augsburg sei vor diesem Hintergrund – der Profitmaximierung – zu sehen. Mit Computern „made in Germany“ seien die angestrebten Ziele nicht zu erreichen. Die Werkschefin von Fujitsu in Augsburg, Vera Schneevoigt, ergänzte, dass „globale Wettbewerbsverschiebungen“ den Arbeitsplatzabbau und die Schließung des Augsburger Werks unvermeidlich gemacht hätten.

In einem Interview mit der Augsburger Allgemeinen hatte sie zuvor geäußert, das Werksgelände solle nach der Schließung verkauft werde. Dies rief lokale Proteste hervor.

Laut der SPD-Fraktionsvorsitzenden im Augsburger Stadtrat, Margarete Heinrich, hatte das Grundstück, auf dem das Fujitsu-Werk steht, früher der Stadt Augsburg gehört und war später „der Firma Siemens angeblich unentgeltlich überschrieben“ worden. Viele Anwohner und Siemensbeschäftigte hätten sie darauf angesprochen, weil sie sich erinnert hätten, dass das Grundstücksgeschäft in Verbindung zum Erhalt von Arbeitsplätzen abgeschlossen worden sei, sagte Heinrich.

Siemens und Fujitsu hatten 1999 fusioniert. Ende 2008 hatte dann der japanische Hersteller alle Anteile des Konzerns übernommen. Damals waren im Augsburger Werk noch 2500 Menschen beschäftigt.

Das bayerische Fujitsu-Werk ist die letzte Produktionsstätte von Computern in Europa. Seine Schließung ist ein Schritt im endlosen Konzentrationsprozess in der IT-Branche. Die Beschäftigten zahlen so für die Profit- und Rendite-Anforderungen der Konzerne und ihrer Aktienbesitzer mit ihren Arbeitsplätzen.

Die IG Metall hat diesem Prozess nichts entgegenzusetzen. Sie ist Teil davon. Sie wird ebenso wie in Paderborn helfen, den Arbeitsplatzabbau „sozialverträglich“ abzuwickeln. In Paderborn waren die Beschäftigten in eine Transfergesellschaft abgeschoben worden. Angela Steinecker, Unternehmensbeauftragte der IG Metall für Fujitsu, fordert nun: „Betriebsbedingte Kündigungen müssen definitiv ausgeschlossen werden.“

Mit dieser Formel sind in den vergangenen Jahren immer wieder Werke geschlossen und Tausende Arbeitsplätze abgebaut worden waren. Fujitsu-Manager Tait versicherte dementsprechend in München: „Wir haben uns dazu verpflichtet, sozialverträgliche Lösungen für alle betroffenen Mitarbeiter zu finden.“

Seine Kollegin Schneevoigt ergänzte: „Wir haben jetzt bis September 2020 eine lange Zeit zu überbrücken, aber alle ziehen mit.“

Um einen Arbeitskampf zur Verteidigung der Arbeitsplätze zu verhindern und die Belegschaft zu spalten, werden offenbar auch geheime Gespräche über eine schrittweise Stilllegung geführt. Am Dienstag berichtete die Augsburger Allgemeine, dass „hinter den Kulissen intensiv diskutiert“ werde, wie Augsburg dennoch ein wichtiger Fujitsu-Standort bleiben könnte. „Maßgebliche Akteure, die namentlich nicht genannt werden wollen, verfolgen einen Plan B für den Standort.“

Nach diesen Überlegungen könnten angeblich bis zu 500 Beschäftigte, etwa IT- oder Marketing-Spezialisten, weiter in Augsburg für das Unternehmen arbeiten. Die Zeitung nennt zwar keine Namen, zitiert aber Schneevoigt, die mehrere lokale CSU-Politiker (Oberbürgermeister Kurt Gribl, Wirtschaftsreferentin Eva Weber, Wirtschaftsminister Franz Josef Pschierer und die Vertreter der Wirtschaftskammern) lobt, sie machten „einen guten Job“.

Dies liegt auf einer Linie mit der der IG Metall. Sie appelliert an das Unternehmen. „Fujitsu muss alles tun, um Perspektiven für den Standort Augsburg zu finden“, sagte Roberto Armellini, 2. Bevollmächtigter der IG Metall Augsburg, auf der gestrigen Kundgebung in München.

Eine derartige Salamitaktik ist von vielen anderen Betrieben bekannt. Der bekannteste darunter ist Opel Bochum. Dort haben IG Metall und Betriebsrat immer wieder Entlassungen und Lohnsenkungen zugestimmt, um angeblich die restlichen Arbeitsplätze zu „retten“. Ende 2014 lief dann das letzte Auto vom Band und die verbliebene Belegschaft wurde in die Arbeitslosigkeit geschickt. Von den 20.000 Arbeitern, die in den 1980er Jahren bei Opel Bochum gearbeitet hatten, waren zu diesem Zeitpunkt gerade noch 3300 übrig.

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