„Das Leben ist uns verboten … Wollen Sie sich danach richten?“

Zur Wiederentdeckung von Ulrich Alexander Boschwitz’ Roman „Der Reisende“

Von Clara Weiss
12. Januar 2019

Der Reisende, von Ulrich Alexander Boschwitz, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Peter Graf. Klett-Cotta 2018, 303 Seiten.

Letztes Jahr hat der Klett-Cotta-Verlag die Originalfassung des Romans „Der Reisende“ zum ersten Mal in deutscher Sprache veröffentlicht. Den Verfasser, Ulrich Alexander Boschwitz (1915–1942), hatte das Hitler-Regime ins Exil getrieben.

Polnisch-jüdische Deportierte in Zbąszyń (Bentschen), Oktober 1938, © Yad Vashem Fotoarchiv

Boschwitz schrieb diesen Roman im November 1938 in nur vier Wochen. Das bemerkenswerte literarische Werk handelt vom Leben in Nazi-Deutschland unmittelbar nach der „Kristallnacht“, dem mörderischen Pogrom, das vom 9. auf den 10. November 1938 gegen die Juden entfesselt worden war. Das Buch ist gerade heute, inmitten einer weltweiten Flüchtlingskrise und dem Wiederaufleben rechtsextremer Kräfte, ein kraftvolles Zeugnis.

Der Held des Romans „Der Reisende“ ist Otto Silbermann, ein deutsch-jüdischer Kaufmann, der im Ersten Weltkrieg als Soldat gekämpft hat. Wie viele deutsche Juden ist Silbermann vollkommen assimiliert. Als angesehenes Mitglied des Berliner Bürgertums fühlt er sich voll und ganz als Deutscher. Doch die Reichspogromnacht zerstört seine gesamte Existenz.

Der zweiwöchige Zeitraum vom 27. Oktober bis 9. November stellte einen Wendepunkt in der Eskalation anti-jüdischer Politik der Nazis dar. Am 27. und 29. Oktober führte das Nazi-Regime die erste Massendeportation von Juden aus Deutschland durch. In der so genannten „Polenaktion“ trieben die Behörden 17.000 Juden mit polnischer Staatsbürgerschaft zusammen und deportierten sie nach Polen, wo ihnen das rechte Sanacja-Regime („Regime der moralischen Heilung“ von Jósef Pilsudski) die Einreise verweigerte. Bis zum Spätsommer 1939 blieben Tausende Menschen in der Grenzstadt Zbąszyń gestrandet.

Zu den Deportierten gehörten auch Herschel Grynszpans Eltern. Verzweifelt schoss Grynszpan auf den deutschen Botschafter in Paris und tötete ihn. Das Attentat diente den Nazis als Vorwand für ein lange geplantes, staatlich organisiertes Pogrom im Deutschen Reich, das auch das kurz zuvor annektierte Österreich umfasste. In der „Kristallnacht“ wurden etwa 1.500 Menschen ermordet, unzählige Geschäfte und Wohnungen zerstört, 1.400 Synagogen niedergebrannt und etwa 30.000 Juden in Konzentrationslagern verschleppt.

Innenraum der Synagoge Fasanenstraße in Berlin nach der Pogromnacht, November 1938, © Yad Vashem Fotoarchiv

Die internationale Presse berichtete ausführlich sowohl über die „Polenaktion“ als auch über die daran anschließende „Kristallnacht“. Die Reaktion aller bürgerlichen Regierungen in Europa und weltweit bestand jedoch in einer drastischen Verschärfung ihrer Einwanderungspolitik. So war den politischen Flüchtlingen und Juden, die aus Deutschland zu entkommen versuchten, bald jeder Ausweg verschlossen. Hunderttausende Juden blieben im nationalsozialistischen Deutschland gefangen.

Der „Reisende“ Otto Silbermann ist einer von ihnen. Nach der Kristallnacht ist er gezwungen, sein Unternehmen zurückzulassen. Er übergibt den Großteil seiner Anteile an seinen ehemaligen Partner. Bisher hat er ihn auch als Freund betrachtet, doch dieser, ein Mitglied der NSDAP, nutzt nun schamlos die Gunst der Stunde und betrügt Silbermann um das Geschäft, das er mühevoll aufgebaut hat. In der Pogromnacht wird auch Silbermanns Wohnung zerstört, und seine Frau, eine Nicht-Jüdin, zieht zu ihrem Bruder. Dieser weigert sich, Silbermann aufzunehmen, aus Angst, „kompromittiert“ zu werden. Viele Freunde und Verwandte befinden sich im Konzentrationslager. Sein Sohn Eduard, der in Paris studiert, bemüht sich, für seine Eltern die notwendigen Visa zu bekommen, aber ohne Erfolg.

„DerReisende“, Cover der Ausgabe von 2018

Silbermann denkt nach: „Eigenartig … Vor zehn Minuten ging es noch um mein Haus, einen Teil meines Vermögens. Jetzt geht es schon um meine Knochen. Wie schnell das geht. Mir ist der Krieg erklärt worden, mir persönlich. Das ist es. Eben ist mir nun endgültig und wirklich der Krieg erklärt worden, und jetzt bin ich allein – in Feindesland.“ Mit dem Rest seines Vermögens in seiner Aktentasche fährt Silbermann darauf im Zug kreuz und quer durch Deutschland.

Er hat alle Bürgerrechte verloren und fühlt sich völlig hilflos. Zu seiner Vernichtung hat man die ganze Staatsmaschinerie in Bewegung gesetzt. Er ist „vogelfrei“, wie er einmal bemerkt, und auf Gedeih und Verderb den Menschen ausgeliefert, denen er begegnet. Immer wieder verfolgt ihn die Angst, dass ein Mitreisender sein Judentum erkennen und ihn an die Polizei verraten könnte.

Schließlich versucht Silbermann, die belgische Grenze zu überschreiten, aber er wird von belgischen Grenzbeamten entdeckt und nach Deutschland zurückgeschickt. Silbermann protestiert:

„Ich bin ein Flüchtling – ich bin ein Jude! Man hat mich verhaften wollen. Man wird mich in ein Konzentrationslager einsperren.“

„Wir dürfen Sie nicht durchlassen. Kommen Sie!“ …

„Ich bleibe hier! Sie haben nicht das Recht, Sie dürfen das nicht! Ich bin doch in einem freien Land!“

„Sie haben die Grenze illegal überschritten.“

„Aber ich musste doch – man hat mich verfolgt.“

„Es können nicht alle nach Belgien kommen!“

„Aber ich habe Papiere. Ich habe Geld … Es ist doch nicht meine Schuld, dass ich illegal über die Grenze musste. Man verfolgt mich.“

„Das ist nicht die Schuld Belgiens. Es tut uns leid …“

„Ich kann nicht zurück. Das ist unmöglich.“

„Mais oui, mon ami, das ist durchaus möglich“, entgegnete der ruhig.

Und Silbermann wird zurückgeschickt und nimmt erneut Zug um Zug durch Deutschland.

Boschwitz war gerade 23 Jahre alt, als er den Roman schrieb. Er beschreibt darin das Klima im nationalsozialistischen Deutschland mit so bewundernswerter Klarheit und schildert die Stimmungen mit so viel psychologischem Scharfsinn, dass die Wut, die dem Buch zugrunde liegt, deutlich Gestalt annimmt.

In vielen Szenen, insbesondere in denen, die Silbermanns Gespräche mit seinen Mitpassagieren wiedergeben, zeigt sich sein ausgeprägtes Bewusstsein für die Klassen- und politischen Spannungen, die in Nazi-Deutschland vorherrschten.

Wir lernen eine Vielzahl von Charakteren kennen: einen jüdischen Handwerker, der wie Silbermann zu fliehen versucht, seine Flucht aber nicht finanzieren kann; eine junge Frau, die nicht heiraten kann, weil sie und ihr Verlobter nicht genug Geld haben und keinen Kredit aufnehmen dürfen (denn er wurde gerade aus dem Konzentrationslager entlassen); mehrere überzeugte Nazis und schamlose Opportunisten, die die Zwangslage der Verfolgten ausnutzen und über Leichen gehen, um sich zu bereichern; und wieder andere, die dem Schicksal der Juden gleichgültig gegenüberstehen. Es ist eine Gesellschaft, in der die Angst vor der Denunziation und dem Konzentrationslager allgegenwärtig ist. Jeder erwartet einen neuen Krieg. Die Atmosphäre ist gespannt und gnadenlos kalt.

Der Reisende vermittelt eine Ahnung davon, wie ein großer Roman der nationalsozialistischen Gesellschaft, ein Gesellschaftsroman, ausgesehen haben könnte. Über das deutsche Leben während der Nazi-Herrschaft gibt es kein umfassendes künstlerisches Werk, das den großen Romanen aus der Zeit des Kaiserreichs oder der Weimarer Republik gleichzusetzen wäre. Aus der Nazi-Zeit gibt es aus verständlichen Gründen überhaupt nur wenige literarische Dokumente.

Zu Recht wurde „Der Reisende“ als literarisches Zeitzeugnis bereits mit den Tagebüchern von Victor Klemperer verglichen („Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten (1933–1945)“, Berlin, 1995). Der deutsch-jüdische Sprachwissenschaftler Klemperer, der das Nazi-Regime dank seiner nicht-jüdischen Frau überlebte, hatte darin seine Alltagserfahrungen akribisch dokumentiert.

Boschwitz' eigenes kurzes Leben spiegelte tragisch das Schicksal der Flüchtlinge wider, die er in seinem Roman beschrieb. Geboren 1915 in einer wohlhabenden Familie, war er einer der vielen deutschen Juden, die keine Verbindung zum Judentum oder zur jüdischen Kultur hatten, bis sie vom Nazi-Regime gebrandmarkt und verfolgt wurden. Sein Vater, der zum Katholizismus übergetreten war, war schon 1916 im Ersten Weltkrieg gestorben. Seine Mutter, die aus einer bedeutenden protestantischen Familie in Lübeck stammte, zog ihn und seine Schwester in diesem Glauben auf.

Ulrich Alexander Boschwitz, © Leo Baeck Institute

Nach dem Machtantritt der Nazis wurde seine Schwester Zionistin und ging nach Palästina. Ulrich Alexander Boschwitz und seine Mutter blieben bis 1935 in Deutschland. Sie flohen zunächst nach Skandinavien, wo der junge Mann seinen ersten Roman, „Menschen neben dem Leben“, auf Schwedisch unter dem Pseudonym John Grane veröffentlichte. Der Bucherfolg ermöglichte es ihm, zwei Semester an der Sorbonne in Paris zu studieren.

Boschwitz schrieb „Der Reisende“, seinen zweiten Roman, in nur vier Wochen nach dem Pogrom vom 9.–10. November in Brüssel. 1939 folgte er kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs seiner Mutter ins Exil in Großbritannien. Hier wurden sie am 9. Juni 1940 verhaftet und wie Tausende von deutsch-jüdischen Flüchtlingen in das berüchtigte Internierungslager Isle of Man gesperrt.

Während seine Mutter im Lager zurückblieb, ließ die britische Regierung Boschwitz innerhalb von zwei Wochen als potenziell feindlichen Agenten abschieben und schickte ihn auf die 57-tägige Reise mit der berüchtigten „HMT Dunera“ nach Australien. Die Bedingungen auf dem Schiff waren katastrophal. Mit rund 2.500 Flüchtlingen an Bord (die meisten antifaschistische, jüdische Flüchtlinge) war das Schiff schrecklich überfüllt. Zudem beraubten und misshandelten die britischen Wachen die Passagiere. Ein Manuskript von Boschwitz, „Das große Fressen“, ist durch diese Plünderung offenbar verloren gegangen. Boschwitz verbrachte dann etwa zwei Jahre in australischen Internierungslagern. Er wurde 1942 zusammen mit anderen Gefangenen freigelassen, die sich bereit erklärten, in der britischen Armee zu kämpfen.

Zusammen mit fast 400 Passagieren begibt er sich an Bord der „MS Abosso“ auf die Rückreise nach England. Am 29. Oktober 1942 wird das Schiff von einem deutschen U-Boot torpediert und sinkt. Unter den 362 Passagieren, die dabei ertrinken, ist auch Ulrich Alexander Boschwitz, gerade 27 Jahre alt. Mit ihm versinken eine zweite Version von „Der Reisende“, den er als sein bestes Werk betrachtete, und das Manuskript für einen weiteren Roman.

„Der Reisende“ wurde zwar schon veröffentlicht, aber noch nie auf Deutsch. In englischer Sprache wurde er 1939 in Großbritannien als „The Man Who Took Trains“ und 1940 in den USA als „The Fugitive“ veröffentlicht. In den 1940er Jahren wurde auch eine französischsprachige Version („Le fugitif“) publiziert. Alle übersetzten Versionen tragen den Namen John Grane.

Deutsche Verlage lehnten den Roman zweimal ab. In den 1950er Jahren weigerte sich der renommierte Fischer Verlag, das Buch herauszubringen. Der deutsche Schriftsteller Heinrich Böll, damals einer der einflussreichsten Autoren und gesellschaftskritischen Intellektuellen in Westdeutschland, versuchte den Roman in den 1960er Jahren im Middelhauve Verlag herauszubringen, aber auch dieser Verlag lehnte ab. (Raul Hilbergs monumentales Werk „Die Vernichtung der europäischen Juden“, das in den späten 1940er und frühen 1950er Jahren in den USA geschrieben wurde, erfuhr in den 1950er und 1960er Jahren ein ähnliches Schicksal durch deutsche Verlage).

Die Tatsache, dass dieser außergewöhnliche Roman nach rund achtzig Jahren wiederentdeckt und auf Deutsch veröffentlicht wurde, ist vor allem den Bemühungen des Herausgebers und Verlegers Peter Graf zu verdanken. Boschwitz‘ in Israel lebende Nichte Reuella Shachaf wandte sich an Graf, nachdem sie von seinen Bemühungen um die Neuauflage des Romans „Blutsbrüder“ von Ernst Haffner erfahren hatte. Der Haffner-Roman über zwei obdachlose Jugendliche im Berlin der frühen 1930er Jahre wurde 2015 neu aufgelegt. Er wurde sofort zum Bestseller und gilt heute als einer der großen Romane der Weimarer Republik. Für die deutsche Erstausgabe des Romans „Der Reisende“ überarbeitete Graf sorgfältig das deutsche Originaltyposkript des Werks, das er im Exilarchiv der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt fand. Graf stützte sich dabei auf Korrespondenzen und andere Dokumente von Boschwitz, die heute Teil der Sammlung des Leo Baeck Institute in New York sind.

Der Roman erzielte in Deutschland einen großen Erfolg und stieß auf große Resonanz. Alle großen Zeitungen haben ihn rezensiert, und in vielen Städten wurden Lesungen organisiert. Die deutsche Veröffentlichung von Boschwitz' Erstlingsroman („Menschen neben dem Leben“) ist für 2019 geplant. Eine neue französische Übersetzung von „Der Reisende“ ist ebenfalls in Vorbereitung. Es ist zu hoffen, dass „Der Reisende“ noch in viele andere Sprachen übersetzt wird. Obwohl vor 80 Jahren geschrieben, ist es nicht nur ein bemerkenswertes literarisches Dokument über die Nazizeit, sondern spricht unmittelbar die großen politischen und historischen Fragen unserer Zeit an.

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