Wieder 170 Migranten im Mittelmeer ertrunken

Von Marianne Arens
22. Januar 2019

Im neuen Jahr sind schon über 250 Migranten im Mittelmeer ertrunken. Das ist die traurige Bilanz der Regierungen Italiens und der ganzen EU. Allein am letzten Wochenende haben nicht weniger als 170 Menschen die Mittelmeerroute mit dem Leben bezahlt.

Am Samstag gelang es der Besatzung der „Sea-Watch 3“, aus einem schiffbrüchigen Boot 47 Migranten, darunter acht Minderjährige, zu retten. Die „Sea-Watch 3“ ist zurzeit als einziges NGO-Schiff noch auf dem Mittelmeer aktiv. Einem weiteren Schiff, der „Professor Albrecht Penck“ von Sea-Eye, verbietet die Regierung Maltas, die Besatzung auszutauschen, und hindert das Rettungsschiff so daran, wieder auszulaufen.

Am Freitag, dem 18. Januar, waren offenbar 117 Menschen ertrunken, die von Garabulli östlich von Tripolis aus versucht hatten, von Libyen wegzukommen. Nach zehn Stunden begann das Boot mit 120 Personen zu sinken, und Hilferufe wurden abgesetzt. Später am Tag entdeckte ein Hubschrauber der italienischen Marine 50 Seemeilen (94 Kilometer) vor der libyschen Küste drei Schiffbrüchige, die gerettet werden konnten. Weitere drei wurden tot geborgen. Auch die „Sea-Watch 3“ hatte den Hilferuf vernommen und traf kurz nach der Marine am Unglücksort ein, konnte jedoch niemanden mehr finden. So sind die drei von der Marine Geretteten wohl die einzigen Überlebenden von 120.

Die drei Männer, die aus dem Sudan und aus Gambia stammen, hatten mehrere Stunden im Wasser ausgeharrt. Die Marine brachte sie auf die Insel Lampedusa. Ein Sprecher der Internationalen Organisation für Migration (IOM), Flavio Di Giacomo, sagte der Nachrichtenagentur Adnkronos, unter den 117 Vermissten hätten sich auch zehn Frauen und zwei Kinder, eins davon erst zwei Monate alt, befunden.

Ein weiterer Fluchtversuch forderte praktisch gleichzeitig auf der Westroute von Marokko nach Spanien 53 Todesopfer. Das teilte das UN-Flüchtlingswerk UNHCR am Samstag mit. Ein Überlebender berichtete, nach dem Sinken des Boots sei er 24 Stunden lang hilflos auf dem Wasser getrieben, bis ihn ein Fischerboot aufgenommen und zurück nach Marokko gebracht habe. Außer ihm seien alle ertrunken.

Kurz vor diesen zwei entsetzlichen Havarien hatte die IOM die Zahl der bis zum 16. Januar im Mittelmeer ertrunkenen Menschen schon mit 83 beziffert. Auch am Sonntag wurde der Tod zweier weiterer Menschen im Mittelmeer bekannt. Damit übertrifft die Zahl der in diesem Jahr Ertrunkenen bereits die 250.

Nun muss die „Sea-Watch 3“ mit ihren 47 geretteten Menschen an Bord erneut auf rauer See ausharren und darauf warten, dass ein Hafen die Erschöpften an Land gehen lässt. Die Häfen Italiens und Maltas sind ihr verschlossen.

Innenminister Matteo Salvini (Lega), der starke Mann in Rom, reagierte auf die Situation mit den Worten: „Die Häfen sind und bleiben geschlossen!“ Damit brachte Salvini die menschenverachtende Politik sämtlicher EU-Regierungen auf den Punkt.

Er warf die NGO-Seenotretter erneut in einen Topf mit Menschenschmugglern und Drogen- und Waffenhändlern und beschuldigte sie, dafür verantwortlich zu sein, dass sich Menschen auf die gefährliche Mittelmeerroute wagten. Wiederholt schrieb Salvini auf Twitter: „Für Menschenhändler und ihre Helfer ist die Party vorbei.“

Wie diese so genannte „Party“ in der Praxis aussieht, kann jeder selbst überprüfen: Wer die Twitter-Nachrichten des Notrufs „Alarm-Phone“ aufruft, kann in Echtzeit miterleben, wie sich die grauenhaften Tragödien abspielen.

So berichtete „Alarm-Phone“ am Sonntagmittag über ein Boot mit 100 Menschen, darunter zwanzig Frauen und 12 Kindern an Bord, das vor Misrata trieb. Um 12:20 Uhr hieß es dort: „Wir haben eine neue Position erhalten. Sie sind jetzt 12 nautische Meilen weiter östlich und haben Navigationsprobleme. Ein Kind ist bewusstlos oder verstorben. Wasser dringt ins Boot …“

Nachdem „Alarm-Phone“ sowohl die italienische, als auch die maltesische und die libysche Küstenwache dringend zur Hilfe auffordert, geschieht – nichts. Aus Rom heißt es offenbar, Valletta sei zuständig. Von dort wird ein Rückruf versprochen, aber niemand ruft zurück. In Libyen, wo die Küstenwache mittlerweile acht verschiedene Telefonnummern hat, meldet sich den ganzen Tag lang überhaupt niemand. Obwohl diese Küstenwache aus EU-Töpfen Millionen kassiert, ist sie nicht in der Lage, einen einfachen Notruf zu beantworten.

Kurz vor vier heißt es auf den Twitternachrichten: „Wir versuchen, mit dem Boot in Kontakt zu bleiben. Eine Person sagt uns: ‚Bald kann ich nicht mehr mit euch reden, so friere ich!‘ Sie geraten in Panik, unser Team muss sie beruhigen. In der letzten Stunde haben wir immer wieder Leute schreien gehört. Die Situation ist verzweifelt.“

Um 16:15 Uhr wird erneut bestätigt, dass Rom, Valletta und Libyen mehrmals informiert wurden. Um 18:00 Uhr lassen die Nachrichten aus dem Boot den Schluss zu, dass sich Verzweiflung breit macht. Um zwanzig vor acht reist der Kontakt ab – vielleicht weil die Batterien aller verfügbaren Mobiltelefone leer sind.

Gegen 22:00 Uhr schließlich wird bekannt, dass ein Handelsschiff unter Flagge von Sierra Leone seinen Kurs ändert, um die Menschen aufzunehmen. Um ein Uhr nachts kann die Notrufzentrale mitteilen, dass das Handelsschiff das Boot erreicht habe und die Überlebenden habe retten können – allerdings bringt es sie zurück nach Libyen.

Seit Anfang 2019 sind gerade mal 155 Migranten in Italien eingetroffen. Im Vergleich dazu waren es im selben Zeitraum 2018 noch 2730 Personen. Die Zahl der Migranten, die auf dem Seeweg Europa erreichten, ist von 119.369 im Jahr 2017 auf weniger als ein Fünftel, nämlich 23.371 Personen im vergangenen Jahr gesunken.

Der italienische Innenminister Salvini hat mitgeteilt, die libysche Küstenwache habe über das Wochenende 393 Migranten auf dem Mittelmeer aufgegriffen und zurückgebracht. „Die Zusammenarbeit mit Libyen funktioniert“, so Salvini. Tatsächlich sind die Auffanglager als entsetzliche Konzentrationslager bekannt. Sie sind für die Menschen die Hölle, so dass viele lieber die Todesgefahr einer Flucht über das Mittelmeer auf sich nehmen, als länger dort zu bleiben.

Auch die Menschen, die zurzeit auf der „Sea-Watch 3“ sind, blicken einer ungewissen Zukunft entgegen.

Schon Anfang Januar hatten die „Sea-Watch 3“ und das Sea-Eye-Schiff gemeinsam neunzehn Tage lang darauf warten müssen, dass 49 Migranten in Valletta, der maltesischen Hauptstadt, an Land gehen durften. Fast drei Wochen gingen ins Land, bis Joseph Muscat, der sozialdemokratische Regierungschef Maltas, genügend Zusagen europäischer Regierungen für die Aufnahme von Flüchtlingen beisammen hatte. Einige der geretteten Menschen auf den Schiffen traten sogar in den Hungerstreik, um auf ihre verzweifelte Lage aufmerksam zu machen.

Als die Migranten am Mittwoch, 9. Januar, endlich in Malta anlanden durften, erlaubte Muscat den NGO-Schiffen nicht, im Hafen Vallettas einzulaufen, sondern zwang die geschwächten Menschen, zuerst auf Kriegsschiffe der maltesischen Marine umzusteigen. Dieselbe gnadenlose Boykotthaltung ganz Europas droht der „Sea-Watch 3“ und ihren Passagieren auch heute wieder.

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