Flughafen Hamburg: Streik des Bodenpersonals

Von unserem Reporter
5. Februar 2019

Ein Streik des Bodenpersonals hat gestern am Flughafen Hamburg zu massiven Beeinträchtigungen geführt. Etwa 100 von insgesamt 388 angesetzten Flügen mussten gestrichen werden. Rund 50.000 Fluggäste waren von dem Streik betroffen, 12.000 von ihnen konnten ihren Flug gar nicht erst antreten.

Die Gewerkschaft Verdi hatte erst am Sonntag kurzfristig zu dem 24-stündigen Warnstreik aufgerufen. Als Grund gab sie an, das vom Arbeitgeberverband Arbeitsrechtliche Vereinigung Hamburg (AVH) gemachte Angebot in der laufenden Tarifrunde sei zu schlecht gewesen. Verdi fordert derzeit eine monatliche Tariferhöhung von 275 Euro.

Ab 3 Uhr früh legten dann zahlreiche Mitarbeiter der Bodenverkehrsdienste die Arbeit nieder. Zu ihnen zählen die Arbeiter in der Gepäck- und Flugzeugabfertigung sowie das Personal zur Flugzeugreinigung und -enteisung und zum Passagiertransport. In diesen Bereichen sind am Flughafen Hamburg knapp 1000 Arbeiter beschäftigt.

Obwohl große Teile des sonstigen Flughafenpersonals nicht zum Streik aufgerufen worden waren, hatte der Streik massive Auswirkungen. Ab 15:30 Uhr waren keine Landungen mehr möglich. Flugzeuge, die andernorts noch nicht in Richtung Hamburg gestartet waren, blieben entweder am Boden oder wurden zu anderen Flughäfen umgeleitet. Die Flughafengesellschaft beklagte auf ihrer Website, der Warnstreik führe „zu massiven Flugausfällen und nicht nur zu Verspätungen, wie von Verdi angekündigt.“ Am Nachmittag erklärte Verdi dann, es seien 350 Arbeiter in den Streik getreten. Die Beteiligung sei damit „deutlich höher, als wir erwartet haben“, sagte Irene Hatzidimou von Verdi Hamburg.

Das ist kein Wunder. Denn die Wut über schlechte Bezahlung, Leiharbeit, Arbeitshetze, Überstunden und Unterbesetzung ist unter Flughafenbeschäftigten an allen Standorten und in allen Arbeitsbereichen weit verbreitet. In den vergangenen Wochen hatte bereits das Sicherheitspersonal an den beiden Berliner Flughäfen sowie in Düsseldorf, Köln/Bonn und Stuttgart und schließlich auch in Hamburg gestreikt.

Doch überall sind die Beschäftigten nicht nur mit Ausbeutung und Arbeitsdruck durch Leiharbeitsfirmen und Flughafenmanagement konfrontiert, sondern auch mit der Komplizenschaft der Gewerkschaften. Das macht schon ein Blick auf die Forderungen und das Vorgehen von Verdi in Hamburg und bundesweit deutlich.

Während die Arbeitgeberseite den Streik und die Forderung von Verdi als „völlig überzogen und maßlos“ bezeichnete (Christian Noack, Geschäftsführer HAM Ground Handling), erklärte die Gewerkschaft, sie erwarte „in der kommenden Runde ein verhandlungsfähiges Angebot, das dem von der Hamburgischen Bürgerschaft beschlossenen Mindestlohn in Höhe von 12 Euro entspricht.“ Wie man in einer der teuersten Städte Deutschlands von einem solchen Hungerlohn leben soll, erklärte Verdi nicht. Die nächste Verhandlungsrunde ist für diesen Freitag angesetzt.

Sowohl an den einzelnen Flughäfen als auch bundesweit tut die Gewerkschaft alles, um einen gemeinsamen Kampf aller Flughafenbeschäftigten zu verhindern. Sie achtet peinlich genau darauf, dass nur an einzelnen Flughäfen und auch dann nur von Beschäftigten einer bestimmten Sparte gleichzeitig gestreikt wird.

Das bestätigten auch die Schilderungen eines Arbeiters im Sicherheitsbereich des Hamburger Flughafens, mit dem die WSWS gestern sprechen konnte.

„Das ist alles Salamitaktik, das erkennt man ja irgendwann“, beschrieb der Arbeiter, der anonym bleiben möchte, das Vorgehen von Verdi. Vor zwei Wochen hätten die Beschäftigten im Sicherheitsbereich gestreikt, in dem er selbst tätig sei. Hier sei noch nicht einmal an die Leiharbeiter appelliert worden. Andere Teile des Personals seien selbstverständlich auch nicht zum Streik aufgerufen worden.

Vom gestrigen Streik des Bodenpersonals wiederum hätten er und seine Kollegen auch nicht von der Gewerkschaft erfahren, sondern über Chatnachrichten durch die Streikenden selbst. „Wenn Du am Flughafen bist, weißt Du nicht, dass man streikt“, beschrieb er die Situation am frühen Nachmittag. An den Check-In-Schaltern, im Sicherheitsbereich und am Pier werde regulär gearbeitet, man sehe auch keine Streikposten.

Vom offiziellen Arbeitskampf von Verdi erhofft er sich nichts: „Die Gewerkschaft zeigt sich ja immer nur wenn wieder Verhandlungen sind. Die kommen dann wieder mit Keksen und Schokolade und trommeln wieder für Streik. Und dann werden in den Hinterzimmern wieder Deals gemacht und die Arbeiter werden ausverkauft – das Übliche halt.“ Es sei „mehr oder weniger sinnbefreit, darauf zu hoffen, dass die Gewerkschaft bessere Ergebnisse reinholt als das, was man sowieso [vorher] bekommen hat.“ Der Gewerkschaft gehe es vielmehr darum, „die Leute zum besten Preis zu verkaufen“.

Dass ab 15:30 Uhr keine Landungen mehr stattfinden konnten – trotz des überschaubaren Ausstands – führt er darauf zurück, dass heute jeder Arbeitsbereich mit den anderen aufs Engste verwoben sei, „wie ein Zahnrad in einer Maschine“. „Es muss ein Bewusstsein herrschen, dass wir uns vereinigen müssen“, erklärte er. „Grundsätzlich würde ich versuchen, dafür zu sorgen, dass die Bereiche sich austauschen, um gemeinsam eine Strategie auszuarbeiten.“

Über die Frage, wie man einen wirksamen Kampf zur Verteidigung ihrer Rechte führen könne, werde unter den Kollegen diskutiert. „Wir müssen‘s machen wie die Gelbwesten“, hätten Kollegen mit Verweis auf die Bewegung gegen soziale Ungleichheit in Frankreich schon in ihren Chatgruppen geschrieben. „Ich verweise dann immer darauf, dass die Gelbwesten unabhängig sind von den Gewerkschaften. Das gibt natürlich auch Mut, das zeigt ja, dass Widerstand auch irgendwo hinführt und sich nicht nur in belanglosen Protesten verläuft. Ich würde sagen, da herrscht hier große Solidarität, große Streikbereitschaft.“

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