69. Berlinale: „Gott existiert, ihr Name ist Petrunija“ – eine Satire zwischen Zorn und Melancholie

Von Verena Nees
8. März 2019

Das diesjährige Berlinale-Filmfestival hat traditionell wieder eine Reihe Dokumentar- und Spielfilme aus Ost- und Südosteuropa präsentiert. Dabei wehte in einigen Werken ein frischer Wind. Neben den bekannten Bildern von Hoffnungslosigkeit und sozialem Niedergang nach dem Ende der Sowjetunion und dem Zerfall Jugoslawiens lassen deutliche Zeichen des Widerstands, der Rebellion aufhorchen.

Petrunija

„Eine Satire zwischen Zorn und Melancholie“ ist laut Ankündigung der mazedonische Wettbewerbsfilm Gott existiert, ihr Name ist Petrunija der Regisseurin Teona Strugar Mitevska. Er erhielt am Ende der Berlinale den Preis der ökumenischen Jury und den Gilde-Preis, der seit den 70er Jahren jährlich für die besten Arthouse-Filme vergeben wird. Die großartige Hauptdarstellerin Zorica Nusheva hätte nach Auffassung der Autorin auch einen Darstellerpreis bei der Bärenverleihung verdient. Ab 9. Mai startet der Film in deutschsprachigen Kinos, zunächst in Baden und in Städten der Schweiz.

Zorn über die Zustände des winzigen Balkanlands Mazedonien, das nach dem Jugoslawien-Krieg der 90er Jahre unabhängig wurde und seit der Beilegung des Namensstreits mit Griechenland in diesem Jahr Nordmazedonien genannt wird, und Sehnsucht nach Gleichheit und Gerechtigkeit: Das ist in der Tat die zentrale Botschaft dieses erfrischend lebendigen, sehr sehenswerten Films.

Die Handlung, die sich auf eine wahre Begebenheit im Jahr 2014 in dem mazedonischen Kleinstädtchen Štip stützt, ist schnell erzählt. Wie jedes Jahr, segnet ein Priester am Dreikönigstag ein Holzkreuz und wirft es in den Fluss, aus dem es eine Meute junger Männer herauszuholen versucht. Derjenige, der es als Erster findet, hat ein ganzes Jahr lang Glück, so die orthodoxe religiöse Tradition. Doch dieses Mal springt auch Petrunija, eine junge arbeitslose Historikerin ins eiskalte Wasser. Sie fischt das Kreuz als Schnellste heraus und hält die Trophäe triumphierend in die TV-Kameras.

Eine Frau – das sieht die Kirchenregel nicht vor! Gegen die geballte Macht von Kirche, Polizei, Justiz und den männlichen Konkurrenten bei der Tauchaktion versucht Petrunija, das Glückspfand zu verteidigen. Sie trotzt auch den Medien, die das Ereignis als Sensation auszuschlachten versuchen.

Petrunija und Pope

Ganz anders, als manche Rezensenten meinen, erweist sich der Film nicht als feministisches Stück um Genderfragen. Mit viel Witz und Leichtigkeit führt er vielmehr die Realität in diesem post-jugoslawischen Ministaat vor Augen, der von einer korrupten Elite von kapitalistischen Aufsteigern mithilfe von Kirche, Polizei und Justiz gegen eine bitterarme Bevölkerung regiert wird. Bei einer Bevölkerung von knapp mehr als 2 Millionen Menschen herrscht rund 24 Prozent Arbeitslosigkeit, unter Jugendlichen sogar 47 Prozent (Stand 2017).

Die ersten Szenen stimmen auf diese Realität ein: ein karger, ‚gottverlassener‘ Hügel im Winter, mit ein paar vergessenen Stromleitungen, die ins Leere laufen; allmählich wird die Szene von liturgischem Singsang belebt, und von hinten kommt eine kleine Prozession mit einem Priester ins Bild. Schon hier ein symbolisches Zwinkern der Regie: Nur eine Handvoll Menschen folgt dem orthodoxen Popen, als ein junger Mann sich schnell noch mit einem besonders hohen Kreuz anschließt. Dieses bleibt jedoch auf dem Weg hinunter zum Fluss an einem Baumwipfel hängen und lässt seinen Träger beinahe die Treppe hinunterfallen.

In der nächsten Szene sieht man die Andeutung von Petrunija unter einer Bettdecke, unter die ihre Mutter ein Frühstücksbrötchen schiebt. Warum soll sie aufstehen? Sie ist trotz hervorragendem Hochschulabschluss in Geschichtswissenschaft arbeitslos. Die Mutter treibt sie an, zu einem weiteren Vorstellungsgespräch in einer Textilfabrik zu gehen. Ein „guter“ Nachbar sei Chef der Fabrik und hätte einen Bürojob für sie, so die Mutter. Aber „zieh Dir was Hübsches an. Sag ihm, du bist 24 Jahre, bloß nicht 32!“

Petrunija steht auf – eine nicht gerade schlanke junge Frau, breites Gesicht, keine Schönheit, keineswegs der Model-Typ, den sich ein neureicher mazedonischer Kapitalist für sein Büro wünscht. Doch der entwaffnend offene Blick übt Faszination aus.

Sie leiht ein geblümtes Kleid von der Freundin, die mit Klamottenverkauf im Internet ihr Dasein zu fristen versucht, wirft darüber einen altmodischen, schwarzen Plüschmantel und trifft den Fabrikchef.

Dieser sitzt in einem gläsernen Büro mitten in der Werkhalle, wie ein König umgeben von Hofdamen, die allerdings nur Näherinnen sind und Petrunija misstrauisch beäugen. Der angeblich wohlmeinende Nachbar schaut von oben herab auf Petrunijas Kleid, fragt gelangweilt nach ihrem Alter (Petrunija: „30 … hmm, 32“) und ihrer Ausbildung („Hochschulabschluss in Geschichte“). Darauf verächtlich: „Wofür braucht man Geschichte!“ Zuletzt wird er zudringlich und ordinär („Ich würde dich nie ficken“), und natürlich bekommt sie den Job nicht.

Wenig später ist sie mitsamt Blümchenkleid und Plüschmantel in den Fluss gesprungen und hat das Dreikönigskreuz erobert. Entspannt liegt sie zuhause auf dem Bett, mit dem Kreuz zwischen dem nackten Busen, ihr Gesicht wunderschön, von Lächeln erfüllt. Sie wollte nur ihr Recht auf Glück, erklärt Petrunija später ihrer Freundin den Sprung ins Wasser.

Dieses wollen ihr die Staatsvertreter und die Kirche streitig machen. Köstliche Szenen auf dem Polizeirevier werfen die Frage nach „Demokratie“ auf. Zu Beginn seines Verhörs fragt der Chefinspektor Petrunija: „Sind Sie religiös?“ Sie antwortet dem verblüfften Beamten mit der Gegenfrage: „Sind Sie schwul?“ Sie beantworte keinerlei private Fragen, setzt sie hinzu.

In einer anderen Szene steht der Polizeichef mit seinem Freund, dem Priester, vor dem Fenster. Was soll nun mit der Frau und dem Kreuz geschehen, fragt er und schenkt dem Popen ein Gläschen Schnaps ein („Pass auf, der ist ziemlich stark“). „Dieses Kreuz gehört der Kirche“, so der Pope. Eine Frau dürfe es nicht behalten. „Na ja“, gibt der Polizist zu bedenken. „Das ist aber kein Gesetz. Wir haben doch jetzt einen Rechtsstaat!“ Der Priester rückt seinen Talar zurecht und zuckt mit den Schultern. „Ja schon, aber es gibt doch Kirchenregeln“. Wie solle man sonst die Gemeinde zusammenhalten.

Während Petrunija auf dem Polizeirevier festgehalten wird, ohne dass man sie als „verhaftet“ bezeichnen will, tobt vor dem Gebäude eine Horde halbnackter Männer, die nach dem Kreuz getaucht hatten. Sie grölen und lassen vor dem Mikrofon der Fernsehreporterin Rachedurst und Hassgefühlen freien Lauf. Unter ihnen befinden sich viele aggressive Glatzköpfe, ein Hinweis auf die rechten Banden, die in den ehemaligen jugoslawischen Republiken ihr Unwesen treiben.

Die umtriebige Fernsehreporterin (sehr gut gespielt von Labina Mitevska) ist die zweite Hauptfigur des Films. In ihr karikiert der Film die Sorte affektierter Medienvertreterinnen, die das Klischee vom Kampf der Frauen gegen Männer bedienen. Ihre These, Petrunija habe ein Zeichen gegen das „mittelalterliche Patriarchat“ setzen wollen, trifft bei den Interviewpartnern auf Unverständnis. Die Eltern beantworten ihre pompösen Fragen mit entwaffnender Schlichtheit. Der Vater sagt nur, seine Tochter sei „ein guter Mensch“. Auf die Frage, ob sie beten, antwortet der Vater mit „Nein“, die Mutter mit „Ja“.

Vor dem Polizeipräsidium, wo Petrunija auf ihre Freilassung wartet und sich mit einem jungen Polizisten unterhält, der ihren Mut bewundert, befragt die Reporterin vorübergehende Arbeiter. Was denken sie zu dem „Skandal um die Frau mit dem Kreuz“?

Darauf der erste: „Habt ihr nicht andere Probleme? Wer tut denn mal was gegen die kriminelle Regierung?“ Und der nächste: „Was wäre denn, wenn Gott von vorneherein eine Frau gewesen wäre?“ Er gibt das Stichwort für den Filmtitel.

Ein Interview mit Petrunija selbst kann die Reporterin nicht organisieren. Am Ende entzieht ihr der Chef die Story. Die „Skandalgeschichte“ hat an medialem Reiz verloren.

Wie Regisseurin Strugar Mitevska in einem Video-Interview erklärt, habe ihr Team von Anfang an keine Feministin darstellen wollen. Auch das Mädchen, das 2014 in den Fluss sprang, hätte keine feministische Auffassung gehabt. In ihrem Film gehe es vielmehr um den Kampf für Gerechtigkeit und für Gleichheit. „Wir brauchen eine Perspektive. Wir brauchen alle Hoffnung, dass wir eine Bewegung schaffen können, die die Dinge verändert.“

In diesem Zusammenhang gibt es einen bemerkenswerten Dialog in der Polizeistation. Wieder wird Petrunija nach ihrem Geschichtsstudium gefragt: „Auf welchen Spezialbereich haben Sie sich konzentriert – auf Alexander den Großen?“ fragt der Polizeiinspektor. Petrunija schüttelt den Kopf. „Nein, auf die chinesische Revolution.“ „Warum denn das?“ so der Polizist verwundert. „Interessieren Sie sich denn nicht für unsere Geschichte, die Geschichte Mazedoniens?“ Darauf Petrunija: „Ich will den Kommunismus mit Demokratie verbinden.“

Ohne diesen Gedanken weiter auszuführen, deutet diese Bemerkung eine neue und interessante Entwicklung an, die in mehreren Ländern Ost- und Südosteuropas zu beobachten ist. Mit der Zunahme von Streiks und Protesten gegen die soziale Ungleichheit und die korrupten kapitalistischen Regimes, die aus dem Zerfall Jugoslawiens hervorgegangen sind, kehrt die Geschichte zurück. Was war Jugoslawien unter Tito und was ist Sozialismus?

Der Schluss des Films ist so gesehen ein optimistisches Symbol. Petrunija verlässt mit fröhlichem Blick das Polizeipräsidium, lässt die grölende Meute hinter sich, überlässt das Kreuz dem Popen („Ich brauche es nicht mehr“) und folgt einer Spur im Schnee nach oben.