Veranstaltung des Mehring Verlags in Leipzig

Arbeiter und Jugendliche diskutieren über Faschismus, Kapitalismus und Sozialismus

Von unseren Reportern
25. März 2019

Nach der Veranstaltung des Mehring Verlags auf der Leipziger Buchmesse mit dem Titel „Die Lehren der 1930er Jahre und der Kampf gegen Faschismus heute“ sprachen WSWS-Reporter mit einigen Besuchern.

Ronja und Silas waren aufgrund eines Flyers, den IYSSE-Mitglieder vor ihrer Schule verteilt hatten, zur Versammlung gekommen. Ronja (18) hat gerade ihren Abschluss gemacht, und der 16-jährige Silas geht in die zehnte Klasse. „Als ich die Überschrift las, war mir klar, dass ich kommen musste“, sagte Ronja. „Ich hatte mich früher schon über Anne Frank informiert, wie auch über Victor Klemperer, der ein Buch namens „LTI“ [Lingua Tertii Imperii] geschrieben hatte. Es geht um die Sprache des Dritten Reichs. Ich bin sehr an der Frage interessiert, wie es soweit kommen konnte, dass die Nazis solche Verbrechen verüben konnten. Wir haben Anne Franks Haus besucht, und es war sehr interessant, denn sie hat vieles über Hitler und die Geschichte sehr gut dargestellt. Mich interessiert, was zwischen 1920 und 1945 geschah.“

Ronja (links) und Silas

Silas sagte, er habe sich auf der Leipziger Buchmesse mehrere Veranstaltungen angesehen und dort erfahren, dass Christoph Vandreier sein Buch „Warum sind sie wieder da?“ präsentieren werde. „Für unsere Generation ist es sehr wichtig, über solche Dinge Bescheid zu wissen“, sagte er.

Ronja berichtete, sie beschäftige sich seit einiger Zeit ernsthaft mit Politik und habe auch an den internationalen Jugendprotesten gegen den Klimawandel “Fridays for future” teilgenommen. „Ich habe auf der Straße mitdemonstriert. Das ist cool, denn für junge Leute ist es eine Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen“, sagte sie. „Es ist ein guter Gedanke, dass wir etwas ändern können, wenn wir zusammenhalten.“ Sie gehe davon aus, dass diese Jugendlichen das politische System verändern würden, sobald sie etwas älter seien. „Viele Jugendliche wissen jetzt Bescheid.“

Silas sagte, für ihn sei die Versammlung wichtig gewesen, weil die Redner einerseits den Zusammenhang zwischen dem Wachstum der Rechtsextremen und dem Kapitalismus erklärt und andererseits vom Aufbau einer Arbeiterbewegung gesprochen hätten, die gegen den Faschismus und seinen Ursprung im kapitalistischen System kämpft.

„Ich fand es sehr interessant, dass hier erklärt wurde, dass das Anwachsen der Rechten und der AfD wirklich mit dem Kapitalismus zusammenhängt“, sagte Silas. „Darüber habe ich vorher nicht nachgedacht.“ Er habe natürlich schon gehört, dass gerade mal zwei Prozent der Menschen gleichviel Vermögen wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung besitzen. „Aber es ist sehr interessant, dass es mit der Arbeiterklasse zusammenhängt, und ihr habt hier erklärt, dass die Arbeiterklasse eigentlich die Kraft gegen den Kapitalismus ist. Daran hatte ich noch nie gedacht.“

Ronja sagte, auch sie habe vor dieser Veranstaltung nicht ernstlich über Sozialismus und Kapitalismus nachgedacht. „In der Schule hat man für solche Diskussionen nie Zeit.“ Sie fügte hinzu: „Vielleicht wird mal über Hitler oder über 1989 gesprochen, aber der Kapitalismus und der Sozialismus kommen eigentlich nicht vor.“

Ein WSWS-Reporter fragte sie, ob sie es für ein Problem halte, dass solche Fragen in der Schule nicht diskutieren würden. „Es ist ein großes Problem“, antwortete sie. „Jeder denkt, das ist ein normales System, aber das ist es nicht.“ Sie fügte hinzu. „Wir leben im Kapitalismus, aber wir wissen gar nicht, dass es eine Alternative gibt.“ Diese Zusammenhänge müsse man doch kennen. Silas ergänzte: „Für mich ist die Arbeiterklasse wirklich das Werkzeug gegen den Kapitalismus.“ Er sagte, er habe noch nie zuvor von der russischen Revolution gehört. „Darüber müssen wir doch Bescheid wissen!“

Hannah, die im selben Schuljahrgang wie Ronja ist und mit ihr und Silas zusammen zu der Versammlung kam, sagte: „In der Schule äußert sich niemand negativ über den Kapitalismus. Solche komplexen Fragen werden ausgeklammert. Für mich war es deshalb etwas schwierig, der Versammlung zu folgen. Ich bin jetzt 18, aber ich finde diese Fragen wichtig. Viel mehr junge Leute müssten sich dafür interessieren.“

Silas fügte hinzu: „Meiner Meinung nach ist es wichtig, dass wir alle gemeinsam etwas gegen den Kapitalismus unternehmen. Viele sagen, das sei schwierig. Aber mir scheint, es ist eigentlich gar nicht so schwer.“ Ihm sei nach der Buchvorstellung klar geworden, was die Arbeiter repräsentierten. Im Kapitalismus stellten sie eine wirkliche Macht dar. „Ich denke, wir alle müssen wissen, was Kapitalismus ist und wie wir dagegen kämpfen können.“

Ronja fragte, was sie und andere junge Menschen im Moment tun könnten. Die zentrale Aufgabe bestehe jetzt darin, eine internationale revolutionäre Partei in der Arbeiterklasse aufzubauen, antwortete der WSWS-Reporter, dies hätten auch die Redner betont. Dazu müssten Studierende und Arbeiter die Lehren der Geschichte und die Erfahrungen der Arbeiterbewegung studieren. „Also dafür ist die internationale Partei da, sie muss die Arbeiterklasse organisieren“, sagte Ronja. „Das finde ich gut. Und ich denke, das Interesse an Politik und Veränderung wird noch wachsen.“

Judith

Auch für Judith hatte das erste Mal an einer SGP-Veranstaltung teilgenommen. Sie sagte: „Ich wollte wissen, wie ihr den Zusammenhang der 1930er Jahre mit der heutigen Zeit erklärt, wie es damals zum Antisemitismus kommen konnte. Bisher dachte ich, dass ich mir darüber keine Sorgen machen müsse. Aber nun haben wir Politiker wie [AfD-Führer Alexander] Gauland, der im Bundestag erklärt, das Dritte Reich und der Holocaust seien nur ein ‚Vogelschiss‘ in der deutschen Geschichte gewesen. Da kriegt man doch ein mulmiges Gefühl. Für mich ist das kein Vogelschiss.“

Über die Hintergründe sagte Judith: „Es nützt offenbar den Leuten mit dem großen Geld. Sie sind auch bereit, durch Waffenhandel und Krieg viel Geld zu machen.“