Neonazi-Netzwerk im US-Militär entlarvt

Von Jack Cross
6. Mai 2019

Die Untersuchungen der Gruppe Unicorn Riot und der Huffington Post, die während der letzten zwei Monate veröffentlicht wurden, haben elf Mitglieder der amerikanischen Neonaziorganisation Identity Evropa entlarvt, die ungehindert im US-Militär aktiv waren. Die jüngsten Enthüllungen zeigen, in welchem Ausmaß sich reaktionäre Kräfte in allen Teilstreitkräften und unter allen Dienstgraden des US-Militärs entwickeln, ausbreiten und rekrutieren können.

US-Scharfschützen posieren im Jahr 2012 vor einer SS-Flagge (Quelle: Wikimedia Commons)

Im März 2019 veröffentlichte die unabhängige Medienorganisation Unicorn Riot mehr als 770.000 Discord-Chatbotschaften von Servern, die mit Identity Evropa in Verbindung standen. Der Mitteilungsdienst Discord ist unter Video- und Computerspielern beliebt. Die Huffington Post konnte bei der Durchsicht der Chatlogs bisher elf Mitglieder der weißen nationalistischen Organisation identifizieren, die momentan im US-Militär dienen.

Die Chatlogs enthüllen, dass alle Teilnehmer in der faschistischen Ideologie versiert sind und aktiv im ganzen Land rekrutieren. Mitglieder der Gruppe teilten oft antisemitische Memes und verherrlichten Adolf Hitler. In den Chatlogs und auf Twitter wurden Fotos gepostet, auf denen Mitglieder auf dem Gelände von Colleges posieren und potenzielle Rekruten mit rassistischen Parolen wie „Es ist okay, weiß zu sein“ anwerben.

Einer der entlarvten Faschisten namens Cory Allen Reeve ist momentan Master Sergeant der Air Force. Reeve lebt in Colorado Springs (Colorado), wo antifaschistische Aktivisten ihn mit einem Flugblatt outeten, das in der ganzen Gemeinde verteilt wurde. Reeve hat oft in dem Chat gepostet und Mitglieder dazu angehalten, mehr als die Monatsgebühr von zehn Dollar zu bezahlen. Er teilte zudem Fotos von sich selbst im Aufnahme- und Haftzentrum der Einwanderungs- und Zollbehörde (ICE) in Auroroa (Colorado), wo er Schilder aufstellte, auf denen er der amerikanischen Gestapo für alles dankt, „was sie für unser Land tut“.

Auch zwei Collegestudenten und Mitglieder des Reserve Officer Training Corps (ROTC) wurden durch die Chats entlarvt. Jay C. Harrison (20) studiert derzeit an der Montana State University in Bozeman und ist Angehöriger der Army National Guard. In den Chatlogs verbreitete er antisemitische Lügen, leugnete den Holocaust und schrieb: „Ich wünschte, der Holocaust wäre passiert.“ Der zweite ROTC-Rekrut ist der 23-jährige Christopher Hodgman, der an der Universität von Rochester studiert und Reservist der Armee ist. Ende 2018 hatte er Flugblätter und Aufkleber von Identity Evropa in Brighton (New York) verteilt, u.a. an der Brighton Memorial Library und vor dem Rathaus.

Der Soldat mit dem höchsten Rang, der in den Chatlogs als Mitglied von Identity Evropa entlarvt wurde, ist der 44-jährige Lieutenant Colonel und Arzt Christopher Cummins aus der Army Reserve. Cummins ist außerdem Mitglied der Neo-Konföderierten-Organisation Military Order of Stars and Bars. In den Chats preist Cummins die Vorzüge des Lebens im Bundesstaat Tennessee, weil er „konservativ und christlich – und implizit weiß“ ist.

Identity Evropa wurde im Jahr 2016 von dem ehemaligen US-Marine Nathan Damigo gegründet, der zwei Dienstzeiten im Irak absolviert hat. Die Marines sind die Teilstreitkraft des Militärs mit der geringsten ethnischen Vielfalt, 80 Prozent der Rekruten identifizieren sich als „weiß“.

Während seiner zwei Dienstzeiten im Irak radikalisierte sich Damigo. Nach dem Verlust von drei engen Freunden litt er an einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Im Oktober 2007, einen Monat nach dem Ende seiner zweiten Dienstzeit, erpresste Damigo mit vorgehaltener Waffe 43 Dollar von einem Taxifahrer, weil er „wie ein Iraker aussah“. Er war zu dem Zeitpunkt stark betrunken, weil er den Todestag eines seiner Kameraden gefeiert hatte. Er wurde aus dem Militär entlassen und wegen bewaffneten Raubüberfalls zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Dort lernte er rassistische Literatur kennen, u.a. das Buch My Awakening des Ku-Klux-Klan-Anführers David Duke.

Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis 2014 begann Damigo ein Studium an der California State University in Stanislaus. In dieser Zeit stand er in Verbindung mit verschiedenen rassistischen Gruppen, bevor er 2016 mit Identity Evropa seine eigene Organisation gründete.

Damigo übernahm die reaktionäre Sprache und Methoden der Identitätspolitik, die an seinem College von postmodernistischen Professoren und Pseudolinken propagiert wurde, und konnte damit eine kleine Anhängerschaft heranziehen. Er begann außerdem, Verbindungen mit bekannten Rassisten aufzubauen, u.a. mit dem Neonazi Richard Spencer.

Diese Beziehung trug ihre schrecklichen Früchte während des Höhepunkts der Neonazi-Ausschreitungen in Charlottesville (Virginia) im August 2017, bei der die 32-jährige Heather Heyer getötet wurde, als ein 20-jähriger Hitler-Verehrer sein Auto in eine Gruppe von Gegendemonstranten fuhr.

Nach den faschistischen Ausschreitungen in Virginia trat Damigo von seiner Führungsposition in der Gruppe zurück. Sein Nachfolger wurde ihr derzeitiger Führer Patrick Casey. Nach der Veröffentlichung der Chatlogs änderte die Gruppe ihren Namen in „American Identity Movement“, um sich ein neues Image zu geben.

Die Entlarvung dieser aktuellsten Gruppe von Faschisten im Militär verdeutlicht einen Aufwärtstrend der reaktionären Elemente in allen Teilstreitkräften.

Im November 2018 hatte die Nachrichtenseite ProPublica in Zusammenarbeit mit PBS ein weiteres Neonazi-Netzwerk aufgedeckt, dessen Mitglieder entweder aktiv im Militärdienst stehen oder es früher waren. Diese militante faschistische Organisation bezeichnet sich als „Atomwaffen Division“ und konzentriert ihre Rekrutierungstätigkeit auf Colleges und Online-Diskussionsforen. Im Jahr 2016 wurde die Gruppe bekannt, als sie Flugblätter an Studenten verteilte, mit denen sie aufgefordert wurden „Schließt euch euren lokalen Nazis an!“

Im Jahr 2017 war die Atomwaffen Division in fünf Morde verwickelt. Ihre Mitglieder standen außerdem in Verbindung zu Plänen für Bombenanschläge auf Synagogen und Atomkraftwerke.

Ein Mitglied der Gruppe namens Joshua Becket war von 2011 bis 2015 Pionier in der Army. Genau wie Damigo wurde auch er während seiner Zeit im Dienst des US-Imperialismus in seinen politischen Ansichten radikalisiert. Er schrieb online: „Durch das Militär wurden mir die Augen in Bezug auf Rassen geöffnet, und durch den Krieg in Bezug auf die Juden.“ Nach seiner Rückkehr aus dem Irak benutzte Beckett seine Ausbildung, indem er seinen Mitfaschisten anbot, Waffen und Sprengstoffe herzustellen. Beckett hat zudem zugegeben, dass er an PTBS leidet.

Letzte Woche eröffnete das Marine Corps zum zweiten Mal in diesem Jahr eine Untersuchung gegen Marines, die Nazi-Ikonografie und Parolen gepostet hatten. Der Soldat Anthony D. Schroader hat auf Instagram ein Bild von sich und mindestens vier anderen Soldaten gepostet, die mit ihren Kampfstiefeln ein Hakenkreuz gebildet haben. Anfang des Jahres wurde ein Verfahren gegen den Hauptgefreiten Mason Mead eingeleitet, nachdem er Bilder von sich mit schwarz geschminktem Gesicht und mit einem aus Plastiksprengstoff geformten Hakenkreuz gepostet hatte.

Es ist unklar, wie viele der 2,3 Millionen Soldaten, die momentan im US-Militär dienen, faschistische Sympathien hegen oder aktive Mitglieder einer rechtsextremen Organisation sind. Doch in einer Umfrage der Military Times von 2017 haben fast 25 Prozent der befragten Soldaten erklärt, sie hätten unter ihren Kameraden weiße Nationalisten kennengelernt. In der gleichen Umfrage sahen 30 Prozent der Befragten den „weißen Nationalismus“ als größere Gefahr für die USA als die Kriege in Syrien, Afghanistan und dem Irak.

Dass es im US-Militär so viele Faschisten gibt, bestätigt, was der weiße nationalistische Terrorist Brenton Tarrant Anfang des Jahres in seinem mittlerweile zensierten Manifest behauptet hatte. Tarrant war durch Europa und Asien gereist und hatte sich offen mit Neonazis getroffen. Während dieser Reisen schrieb er, in den Reihen der Polizei und der Streitkräfte gebe es „Hunderttausende“, die ähnliche Ansichten hegen wie er.

Dass Präsident Trump rechtsextreme Kräfte in der amerikanischen Gesellschaft kultiviert und fördert (u.a. bezeichnete er die randalierenden Rassisten in Charlottesville als „gute Leute“), stellt einen bewussten und enormen Rechtsruck der herrschenden Elite dar. Ähnlich wie die unzufriedenen deutschen Soldaten nach dem Ersten Weltkrieg werden amerikanische Veteranen und aktive Soldaten, die physisch und psychologisch traumatisiert aus dem Krieg heimkehren, von oben herangezogen, um faschistischen Interessen zu dienen und die bürgerliche Klassenherrschaft zu erhalten.

Der milliardenschwere US-Geheimdienstapparat ist durchaus fähig, öffentliche und private Kommunikationen zu identifizieren und zu unterbinden. Dass so viele dieser Faschisten von unabhängigen Reportern aufgedeckt wurden, verdeutlicht die Komplizenschaft der US-Regierung, um diese Kräfte vor der Entlarvung zu schützen.