AfD missbraucht Gemälde für islamfeindliche Wahlpropaganda

Von Sybille Fuchs
7. Mai 2019

Auf großflächigen Wahlplakaten mit dem Slogan “Damit aus Europa kein Eurabien wird!“ wirbt die AfD in Berlin für ihre fremdenfeindliche Politik. Sie scheut sich nicht, dafür den Kampfbegriff „Eurabien“ zu benutzen, mit dem der Rechtsradikale Andreas Breivik seinen Massenmord rechtfertigte. Auch der Christchurch-Terrorist Brenton Tarrant bediente sich solcher Begriffe, um vor der angeblich bevorstehenden feindlichen Übernahme der „weißen“ Staaten durch Muslime zu warnen.

Das Hetzplakat der AfD

Die AfD betitelt die Serie, zu der das Plakat gehört: „ Aus Europas Geschichte lernen.“ Dabei missbraucht sie auf schamlose Weise ein Gemälde aus dem 19. Jahrhundert, um Angst vor Muslimen zu schüren und eine Pogromstimmung gegen Ausländer zu erzeugen.

Abgebildet ist auf dem Plakat der zentrale Ausschnitt des Gemäldes „Der Sklavenmarkt“ (Le marché d'esclaves) des französischen Historienmalers Jean-Léon Gérôme (1824-1904) aus dem Jahr 1866. Es zeigt eine zierliche, nackte Frau umringt von bärtigen, turbantragenden Männern, die offenbar ihren Marktwert taxieren. Ihre Scham wird dezent von dem Schriftzug „Europäer wählen AfD“ verdeckt.

Die Verwendung dieses Bildes und seine Interpretation durch die AfD sind ein Amalgam aus Geschichtsfälschung, dreister Lüge und rassistischer Hetze, das es durchaus mit entsprechenden Techniken der Nazis aufnehmen kann.

Mit dem Bild bedient die AfD das Klischee vom orientalischen Mann, der weiße Frauen begrapscht und missbraucht, ein Klischee das schon nach der Kölner Silvesternacht 2015 dazu diente, die „Willkommenskultur“ zu untergraben und Ausländerhass zu schüren. Desselben Klischees bediente sich die Nazi-Propaganda zur Verunglimpfung der Juden, bevor sie massenhaft ermordet wurden.

Der Begriff „Eurabien“, der auf die britische Verschwörungstheoretikerin Gisèle Littman zurückgeht, unterstellt zudem, dass Europa als Folge der Einwanderung muslimischer Menschen in Zukunft unter islamischer Fremdherrschaft stehen werde. Mit dem Ursprung, dem historischen Hintergrund und dem Inhalt des Bildes hat dies alles nichts zu tun.

Es stammt aus einer Epoche, in der das Abendland dabei war, das Morgenland zu erobern, und nicht umgekehrt. Eszeugt von der hanebüchenen Geschichtsklitterung der AfD, dass sie ein Bild ausgewählt hat, das aus einer Zeit stammt, in der der europäische Kolonialismus immer brutalere Formen annahm und der vierjährige amerikanische Bürgerkrieg erst ein Jahr vorher die Sklaverei in den USA beendet hatte. Die Folgen der blutigen Unterdrückung großer Teile Afrikas und des Nahen Ostens prägen diese Länder bis heute und gehören zu den Hauptursachen der gegenwärtigen Fluchtbewegung.

Das Kunstmuseum Clark Art Institute in Williamstown, Massachusetts, in dessen Besitz sich das Gemälde befindet, hat die AfD aufgefordert, es nicht länger für ihre politische Agenda zu missbrauchen.

„Wir verurteilen die Verwendung des Gemäldes scharf und bestehen auf einer Unterlassung“, schrieb Museumsdirektor Olivier Meslay in einer Nachricht an den Berliner AfD-Landesverband. „Wir haben der AfD dieses Bild nicht zur Verfügung gestellt“, stellte Meslay klar. Allerdings gebe es keine Urheberrechte, „die uns erlauben, zu kontrollieren, wie es benutzt wird“. Daher könne er nur an den „Anstand der AfD appellieren“.

Aber dieser Appell fiel auf taube Ohren. Der Berliner AfD-Abgeordnete Ronald Gläser meinte: „Eigentlich sollten sie uns dankbar sein, dass wir dazu beitragen, dieses Bild, das sehr schön ist, bekannter zu machen, als es schon ist.“ Der Landesverband triumphiert auf Facebook: „Definitiv ein Hingucker.“

Das Gemälde ist, soweit bekannt, ganz und gar aus der Phantasie des Malers entstanden, der es in seinem Atelier gemalt hat. Die dargestellte Frau soll zudem keine Europäerin, sondern eine Abessinierin sein. Gérôme hatte zwar die Türkei und Ägypten bereist und dort Charakterstudien angefertigt, aber nichts deutet darauf hin, dass er eine Szene, wie sie auf dem Bild dargestellt ist, tatsächlich erlebt hat. Wie es auf der Website des Museums heißt, spielt die „beunruhigende Szene auf einem Hofmarkt, der auf den Nahen Osten hinweisen soll“. Wo und in welchem Land sich dieser Hofmarkt befindet, lässt der Maler dagegen offen.

Gérôme hat ähnliche Szenen auch vor einem völlig anderen historischen Hintergrund gemalt. So zeigt eines seiner Bilder einen Sklavenmarkt im antiken Rom. Weiße römische Männer bieten für eine nackte Frau, ein alter Mann hat ihr das Gewand vom Leib gerissen. Daneben werden Mädchen und auch eine Mutter mit ihren Kindern zum Verkauf angeboten. Ein weiteres Bild stellt ein türkisches Bad dar, in dem eine halbnackte Afrikanerin eine üppige weiße Frau wäscht.

Gérôme, der als erbitterter Gegner der modernen Malerei seiner Zeit, des Impressionismus galt, folgte mit diesen Bildern der in Europa weit verbreiteten Mode des Orientalismus. Dieser war bereits im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert in Kunst und Literatur sehr beliebt und huldigte zunächst einer romantischen Verklärung des geheimnisvollen, sinnlichen Fremden. Doch mit den Bestrebungen europäischer Mächte, ihre Herrschaft über die islamische Welt auszudehnen, nahm diese romantisierende, verklärende Sicht auf den Orient einen ambivalenteren Charakter an.

Schon Napoleon hatte mit seinem Ägyptenfeldzug (1798 bis 1801) das Ziel verfolgt, aus Ägypten eine französische Provinz zu machen, die britische Vormachtstellung im Mittelmeerraum zu beenden und Frankreich im levantinischen Handel eine herrschende Rolle zu sichern. Er ließ sich von einer Expertengruppe von Wissenschaftlern, Ingenieuren und Künstlern begleiten und legte damit gleichzeitig den Grundstein zur Ägyptologie, der wissenschaftlichen Erforschung der ägyptischen Kultur.

Gérômes Gemälde, das 65 Jahre später entstand, erlaubte es dem Betrachter in einer Zeit der verklemmten bürgerlichen Sexualmoral, die entmenschlichte Praxis des Sklavenhandels zu verurteilen, aber gleichzeitig, wie der auf dem Bild dargestellte Käufer, den Anblick der Nackten zu genießen.

Wobei anzumerken ist, dass der Sklavenhandel damals keineswegs auf den Orient beschränkt war. In seiner grausamsten Form wurde er vom 16. bis ins 19. Jahrhundert von europäischen Händlern praktiziert, die die Plantagenbesitzer auf dem amerikanischen Kontinent mit Sklaven aus Afrika versorgten. Kaum eine europäische Macht war daran nicht in der einen oder anderen Form beteiligt.

Die Fachwissenschaft geht heute davon aus, dass zwischen 1519 und 1867 über 11 Millionen Afrikaner als Sklaven nach Amerika verschleppt wurden, davon 3,9 Millionen nach Brasilien. Die Zahl der Menschen, die während des Transports über den Atlantik starben, wird auf bis zu 1,5 Millionen geschätzt.

Heute werden afrikanische Flüchtlinge, die versuchen, den Kriege und dem Elend in ihrer Heimat zu entkommen, von der libyschen Küstenwache und anderen, von der EU bewaffneten Milizen wieder versklavt und verkauft. Und der Kampf Europas, der USA und Chinas um Afrika lässt den Kolonialismus wieder aufleben.

In jüngster Zeit bereiste die deutsche Kanzlerin wiederholt afrikanische Staaten und bot deren Despoten Waffen, militärische Unterstützung und die Ausbildung der Polizei an, um den deutschen Einfluss auf dem rohstoffreichen Kontinent zu stärken und Flüchtlinge gewaltsam an der Weiterreise zu hindern. Ihre Flüchtlingspolitik entspricht längst dem Kurs der AfD.

Die Große Koalition tut alles, um die rechte Agenda der AfD hoffähig zu machen, die immer unverhohlener der rassistischen Propaganda und Ideologie der Nationalsozialisten nacheifert. In der großen Mehrheit der Bevölkerung stößt diese Politik dagegen auf entschiedene Ablehnung, weil sie aus der Geschichte gelernt hat, dass Rassenhass, Polizeistaat, Militarismus und Aufrüstung in die Katastrophe führen.

Der Kampf dagegen fordert eine sozialistische Perspektive. Nur eine unabhängige, internationale Bewegung der Arbeiterklasse, die für den Sturz des kapitalistischen Profitsystems kämpft, kann die Rückkehr von Faschismus, Kolonialismus und Krieg stoppen.