Thyssenkrupp: Vorstand und IG Metall im Dienste der Finanzgeier

Von Dietmar Gaisenkersting und Europawahlkandidat der Sozialistischen Gleichheitspartei
13. Mai 2019

Thyssenkrupp-Chef Guido Kerkhoff gab am Freitag eine völlige Kehrtwende der Konzernstrategie bekannt. Die seit drei Jahren vorbereitete Zusammenlegung des Stahlbereichs mit dem indischen Tata-Konzern und die Aufspaltung des Gesamtkonzerns in zwei Unternehmen, einen Industriegüter- und Werkstoffkonzern, werden gestoppt.

Stattdessen wird der Konzern mit seinen weltweit 160.000 Beschäftigten, davon knapp 70.000 in Deutschland, in eine Holding umgebaut und langfristig zerschlagen. Der profitabelste Bereich, die Aufzugsparte mit rund 50.000 Mitarbeitern, will Kerkhoff sofort auslagern und an die Börse bringen.

Die neue Strategie ist mit einem Arbeitsplatzmassaker verbunden. Allein für die kommenden drei Jahre hat Kerkhoff den Abbau von 6000 Arbeitsplätzen angekündigt, drei Mal so viele wie nach dem alten Plan, davon 4000 in Deutschland. Das ist aber nur der Anfang. So sollen die Verwaltungskosten in der Essener Konzernzentrale von derzeit 380 Millionen Euro jährlich halbiert werden.

Die unprofitablen Teile des Konzerns können, einmal ausgelagert, besser abgestoßen und stillgelegt werden. Unter anderem stecken der Anlagenbau und das Autozuliefergeschäft in Schwierigkeiten, und der von Militäraufträgen abhängige Marineschiffbau ist schwer kalkulierbar. Kerkhoffs Plan sieht vor, dass auch diese Konzernteile anteilig verkauft werden.

Ob der Stahlbereich mit seinen 27.000 Beschäftigten langfristig überlebt, steht völlig in den Sternen. „Kerkhoffs Kehrtwende ist … für die gesamte 160.000 Menschen starke Belegschaft eine Bedrohung. Treffen wird es als Erstes die Stahlkocher“, schreibt die Frankfurter Allgemeine Zeitung. „Weitere Einschnitte und Sparrunden an den Hochöfen sind vorgezeichnet.“

Die Finanzgeier, die sich in den vergangenen Jahren in dem niedergehenden Konzern eingenistet haben und sehnsüchtig darauf warten, ihn auszuschlachten, jubelten über die neue Konzernstrategie. Der Börsenkurs von Thyssenkrupp schoss am Freitagabend um 28 Prozent nach oben. Die „Hedgefonds und Anlagegesellschaften, die sich bei Thyssen-Krupp eingekauft haben“, spekulieren „seit langem auf eine Zerschlagung des Konzerns“, kommentierte die F.A.Z.. „Ihre Stunde ist gekommen.“

Die Finanzgeier jubeln vor allem auch deshalb, weil sie die IG Metall und den Betriebsrat uneingeschränkt hinter sich wissen. Sie vertrauen darauf, dass diese alles in ihrer Macht Stehende tun werden, um jeden Widerstand gegen den bevorstehenden Kahlschlag zu unterdrücken.

Bereits die Fusion mit Tata und die geplante Zweiteilung des Konzerns hatten IG Metall und Betriebsrat gemeinsam mit den Investoren ausgearbeitet. Eine Schlüsselrolle spielte dabei IG-Metall-Sekretär Markus Grolms, der stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender von Thyssenkrupp ist. Grolms arbeitet eng mit dem ehemaligen NRW-Bezirksleiter der IG Metall Oliver Burkhard zusammen, der 2013 direkt aus der Chefetage der Gewerkschaft in den Vorstand des Konzerns wechselte, wo er als Personalvorstand 4,2 Millionen Euro (Stand 2017) im Jahr verdient.

Auch die neue Strategie von Thyssenkrupp trägt wieder die Handschrift der IG Metall. Diese ließ lediglich eine Anstandsfrist von einem Tag verstreichen, bevor sie sich offen dazu bekannte. Um vor der Belegschaft nicht völlig nackt dazustehen, hatten Grolms und Burkhard ein abgekartetes Spiel veranstaltet, damit die IG Metall ihre Zustimmung als „Erfolg“ verkaufen konnte.

Burkhard hatte am Freitag verkündet, bei einem Abbauprogramm dieser Größenordnung könnten betriebsbedingte Kündigungen leider nicht ausgeschlossen werden. Worauf die IG Metall protestierte, sie werde betriebsbedingte Kündigungen niemals akzeptieren. Am folgenden Tag verkündeten dann Vorstand, IG Metall und Betriebsrat, sie hätten vereinbart, dass betriebsbedingte Kündigungen „nur in Ausnahmefällen“ möglich seien.

IG-Metall-Sekretär Markus Grolms feierte das als Errungenschaft. „Die heute getroffene Vereinbarung bestimmt die Spielregeln für den Konzernumbau“, sagte er der Nachrichtenagentur Reuters. Das gebe den Beschäftigten Sicherheit. Tatsache ist, dass solche Vereinbarungen nichts bedeuten, da es unzählige andere Möglichkeiten gibt, Arbeiter aus dem Betrieb zu ekeln.

Noch am Samstag präsentierten Kerkhoff und Grolms das neue Konzept dann gemeinsam dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU), der Mitglied im Kuratorium des Großaktionärs Kruppstiftung ist. Laschet begrüßte es mit der Begründung, dass es ihm von „Vorstand und Gewerkschaften gemeinsam vorgestellt“ worden sei.

Am Sonntag erklärte Grolms seine uneingeschränkte Unterstützung für die Konzernpläne. „Der Umbau von Thyssenkrupp ist leider unvermeidbar“, sagte er. Das werde „ein schwerer, aber leider notwendiger Weg für das Unternehmen und die Beschäftigten“. Die Arbeitnehmer seien „bereit, dafür Schmerzen zu ertragen“.

Auch der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Tekin Nasikkol bot dem Vorstand seine Zusammenarbeit an. „Lassen Sie uns gemeinsam an einer Zukunftsstrategie Stahl arbeiten“, appellierte er. Eine Diskussion „über Restrukturierungen und Personalabbau, ohne dass es eine Zukunftsstrategie für Stahl gibt“, lehne der Betriebsrat entschieden ab. Wichtig „für uns“ (die Betriebsräte) sei: „Wir bleiben Thyssenkrupp mit einer starken Montanmitbestimmung.“ Im Klartext: Der Betriebsrat ist bereit, „Restrukturierungen und Personalabbau“ zu unterstützen, so lange seine Pfründe im Rahmen der Montanmitbestimmung erhalten bleiben.

Das Präsidium und der Strategie-, Finanz- und Investitionsausschuss des Aufsichtsrats stimmten den Plänen des Vorstands am Samstag einstimmig zu. In beiden ist IG-Metall-Sekretär Grolms Mitglied. Der Zustimmung durch den Aufsichtsrat am 21. Mai dürfte damit nichts mehr im Wege stehen.

Zu dessen Vorsitzenden war im Februar die ehemalige Bosch-Managerin Martina Merz als Wunschkandidatin der Finanzinvestoren gewählt worden. Sie war Ende letzten Jahres vom zweitgrößten Aktionär Cevian, der 18 Prozent der Thyssenkrupp-Aktien hält, in den Aufsichtsrat geschickt worden. Das Manager Magazin bezeichnet sie als „Liebling der Finanzinvestoren, die zunehmenden Einfluss nehmen“.

Neben Vertretern der Investmentgesellschaft Cevian sitzt auch der ehemalige Evonik-Finanzchef Wolfgang Colberg für den Investor CVC im Aufsichtsrat. Seit November halten der Staatsfonds von Singapur 3 Prozent und der US-Fonds Harris Associates 5 Prozent der Stimmanteile. Bereits vor einem Jahr war der Hedgefonds Elliott bei Thyssenkrupp eingestiegen.

Nach der Bekanntgabe der neuen Strategie haben die Investoren Blut geleckt. Cevian-Mitgründer Lars Förberg drohte: „Es darf keine historischen oder politischen Tabus mehr geben, wenn Thyssenkrupp die langjährige Underperformance ernsthaft angehen und die Geschäfte zurück auf Wachstumskurs bringen will.”

Die Arbeitsplätze und sozialen Errungenschaften der Kollegen von Thyssenkrupp (darunter Pensionsansprüche in Höhe von mehreren Milliarden Euro) können nur gegen die IG Metall und ihre Betriebsräte verteidigt werden, die beide auf der Seite des Vorstands und der Aktionäre stehen.

Die Angriffe auf die Belegschaft von Thyssenkrupp sind Bestandteil einer internationalen Offensive gegen die Arbeiterklasse. Die Profitansprüche von Banken und Hedgefonds, die Milliarden durch Spekulationsgeschäfte angehäuft haben, die Kosten von Handelskrieg und Aufrüstung werden auf die Arbeiterklasse abgeladen. Der Kapitalismus taumelt weltweit in eine neue Krise. Bei VW, Siemens, der Deutschen Bank und anderen Unternehmen stehen Hunderttausende Arbeitsplätze auf der Kippe. „Die fetten Jahre sind vorbei“, titelte Der Spiegel in seiner letzten Ausgabe. Und gemeint waren nicht die Milliardäre, sondern die Arbeiter, die bereits in der Vergangenheit geschröpft wurden.

Um dagegen anzukämpfen, müssen sich Arbeiter unabhängig organisieren und Standort- und Länder-übergreifend zusammenschließen. Sie müssen Aktionskomitees aufbauen, die die Verteidigung der Arbeitsplätze und die internationale Koordinierung in die Hände nehmen.

Vor allem brauchen sie ein sozialistisches Programm mit dem Ziel, die großen Konzerne und Banken zu enteignen und die Produktion demokratisch, nach den gesellschaftlichen Bedürfnissen, statt nach den Profitinteressen der Finanzgeier zu organisieren. Die Sozialistische Gleichheitspartei und ihre Schwesterorganisationen in der Vierten Internationale kämpfen für ein solches Programm.

Als Europawahlkandidat der SGP appelliere ich an alle Thyssenkrupp-Beschäftigten, am 26. Mai die SGP zu wählen, Kontakt mit uns aufzunehmen und Mitglied der SGP zu werden.