Thomas Cook-Pleite: Hunderttausende sitzen fest und 21.000 Beschäftigten droht die Entlassung

Von Richard Tyler
25. September 2019

Am Montagmorgen ging Thomas Cook, der größte Anbieter von Pauschalreisen in Großbritannien, in Zwangsliquidation. Zuvor waren Versuche gescheitert, Kapital für den Weiterbetrieb des Unternehmens aufzutreiben. Die Insolvenz hatte sofort massive Konsequenzen.

Die Financial Times schrieb, die Insolvenz löse „Chaos in der ganzen internationalen Reisebranche“ aus.

Sie kam so plötzlich, dass Hunderttausende von Urlaubern und Kunden, die Flüge gebucht hatten, im Ausland festsaßen. Die britische Regierung sah sich gezwungen, die größte Rückholaktion in Friedenszeiten anzukündigen, um 150.000 Briten von 55 Flughäfen zurückzuholen. Die etwa 800.000 zukünftigen Buchungen bei Thomas Cook wurden allesamt storniert.

In den Fernsehnachrichten waren wütende Touristen auf der ganzen Welt zu sehen, die bis zur letzten Minute im Unklaren gelassen wurden und nicht wussten, ob sie nach Hause fliegen können. Daneben waren weinende Beschäftigte zu sehen, die ihre Arbeitsplätze verloren haben.

Durch den Bankrott werden alle 21.000 direkt beim Unternehmen Beschäftigten ihre Stellen verlieren. Daneben sind zehntausende Arbeitsplätze in Ferieneinrichtungen im Ausland gefährdet, da viele lokale Unternehmen vermutlich von Thomas Cook kein Geld für die erbrachten Leistungen erhalten werden.

Auch die Folgewirkungen werden enorm sein. Es ist mehr als zweifelhaft, dass „kleinere“ Gläubiger wie die 1.000 kleinen ausländischen Hotelunternehmen in Europa, die von Thomas Cook „weitgehend abhängig“ sind, ihr Geld erhalten werden. Alleine in Tunesien hat das Unternehmen Schulden bei Hotels in Höhe von 53 Millionen Pfund für Buchungen im Juli und August. Die Beschäftigten dort, die bereits deutlich weniger verdienen als ihre europäischen Kollegen, könnten monatelang keine Löhne erhalten oder ihre Arbeitsplätze gänzlich verlieren, wenn die Hotels schließen müssen.

Die Rückflüge von 150.000 britischen Touristen wurden annulliert. Dazu kommen etwa 350.000 Reisende aus anderen Staaten, die mit Pauschalreisen von Thomas Cook im Ausland festsitzen. Alleine in Griechenland sitzen etwa 50.000 Urlauber fest. Der Chef der kretischen Reiseveranstaltervereinigung, Michalis Vlatakis, verglich die Insolvenz von Thomas Cook mit einem „Erdbeben der Stärke 7 auf der Richter-Skala“ und erklärte, die griechische Tourismusbranche „warte jetzt auf den Tsunami“. Etwa 140.000 deutsche Reisende sind betroffen und lokale Tochtergesellschaften haben aufgehört, Urlaubsreisen zu verkaufen. Die türkische Hoteliersvereinigung warnte vor verheerenden Folgen für Hotels, die nur Verträge mit Thomas Cook abgeschlossen haben. In Spanien sind Tausende von Arbeitsplätzen in populären Touristenzielen wie auf den Kanaren und den Balearen gefährdet.

Dass die gesamte Thomas Cook Group, der etwa 26 Einzelunternehmen angehören, in Zwangsliquidation gegangen ist, schließt jede Rettung aus. Stattdessen versuchen die Konkursverwalter, die Vermögenswerte des Unternehmens zu verkaufen, um seine Schulden zu begleichen. Neben unbezahlten Rechnungen für die derzeitigen Urlauber, für Treibstoff und die Flughafennutzung hatte Thomas Cook auch durch eine Reihe von Fusionen und Aufkäufen in den letzten Jahren nicht mehr tragbare Schulden in Höhe von 1,7 Milliarden Pfund angehäuft.

Das Unternehmen hatte in letzter Minute noch erfolglos an die britische Regierung appelliert, ihr gerade mal 150 Millionen Pfund zur Verfügung zu stellen, um seinen Betrieb fortzusetzen. Im Jahr 2018 betrug der Umsatz 9,5 Milliarden Pfund, und die Vermögenswerte hatten einen Wert von 2,1 Milliarden Pfund. Die 150 Millionen Pfund, um die Thomas Cook gebeten hat, sind deutlich weniger als die Kosten für die Rückholaktion, die vermutlich mindestens 600 Millionen Pfund Steuergelder kosten wird. Bei diesen Kosten sind die menschlichen Kosten der massiven Entlassungswelle noch nicht einmal berücksichtigt.

Der konservative Premierminister Boris Johnson lehnte den Einsatz von Steuergeldern zur Fortführung des Unternehmens mit der Begründung ab, dies würde einen „Fehlanreiz“ für andere Unternehmen schaffen, die ebenfalls staatliche Rettungsgelder beantragen könnten. Doch als eine Labour-Regierung mit Unterstützung der Tories die Banken nach der Krise von 2008 mit etwa einer Billion Pfund rettete, stellte das keinen „Fehlanreiz“ dar.

Die Krise bei Thomas Cook verschärfte sich, nachdem seine Geldgeber – darunter die Royal Bank of Scotland, die nach dem Börsenkrach von 2008 zu immensen Kosten für die Steuerzahler in Staatseigentum überführt wurde – von dem Unternehmen plötzlich eine deutliche Erhöhung der Liquiditätsbestände forderten, damit es die ruhigeren Wintermonate übersteht.

Thomas Cook hatte weltweit 21.000 Beschäftigte, 9.000 davon in Großbritannien, von denen alleine 1.000 in der Konzernzentrale in Peterborough arbeiteten. Fast ein Drittel der britischen Belegschaft war am Flughafen von Manchester tätig, dem Heimatflughafen der 34 Flugzeuge von Thomas Cook Airlines. Zu dem Konzern gehörten auch Thomas Cook Airlines Balearics, Thomas Cook Airlines Scandinavia und die deutsche Condor. Insgesamt umfasste die Flotte in diesem Sommer 105 Flugzeuge.

Die Konkursverwalter gaben die Schließung des Unternehmens erst mitten in der Nacht bekannt, damit sie so viele Flugzeuge wie möglich am Boden beschlagnahmen konnten. Alle 600 Holiday-Shops in Großbritannien wurden geschlossen.

Während die britischen Beschäftigten nur minimale staatliche Abfindungen erhalten, werden die meisten Beschäftigten in Übersee leer ausgehen. Die Rentenverpflichtungen für britische Beschäftigte in Höhe von 1,6 Milliarden Pfund werden auf den staatlichen Pension Protection Fund (PPF) übertragen. Nach dessen Vorgaben werden alle Beschäftigten unterhalb des Rentenalters eine zehnprozentige Rentenkürzung und eine Deckelung hinnehmen müssen, sodass ihnen nur 50 Prozent ihrer Ansprüche garantiert werden.

Britische Urlauber, die über Thomas Cook Pauschalurlaube gebucht haben, werden durch das Versicherungssystem der Touristikbranche entschädigt. Dies gilt jedoch nicht für diejenigen, die nur Flüge gebucht haben. Auch viele Ausländer, die Urlaube gebucht haben, werden leer ausgehen. Vermutlich haben alleine in Deutschland 150.000 Menschen Urlaube über Thomas Cook gebucht, die sie jetzt nicht mehr antreten können. Das deutsche Versicherungssystem hat die Gesamtsumme für Entschädigungen auf 110 Millionen Euro begrenzt, d.h. deutlich weniger als die etwa 300 bis 400 Millionen Euro, die Kunden bereits für ihre Urlaube bezahlt haben.

Das Unternehmen wurde 1841 gegründet, gilt als der älteste Reiseanbieter der Welt und hat das Konzept des „Pauschalurlaubs“ entwickelt, d.h. das Arrangieren von Reise, Unterbringung und Sightseeing für einen Einheitspreis. Laut Branchenexperten konnte Thomas Cook nicht mehr mit den ständigen Veränderungen in der Urlaubs- und Reisebranche mithalten, die 10,5 Prozent des globalen BIP ausmacht.

Der Aufstieg von Billigfliegern wie Ryanair bedeutet, dass der relative Vorteil, den Anbieter von Pauschalurlauben durch Massenkäufe genossen haben, stark erodiert ist. Zudem können Reisende heute im Internet billigere Unterkunftsmöglichkeiten finden. Auch durch ihre zahlreichen Reisebüros in den Innenstädten hatte Thomas Cook hohe Betriebskosten, mit denen seine Konkurrenten im Internet nicht belastet waren.

Ein weiterer wichtiger Faktor, durch den die Reisebranche und vor allem britische Firmen wie Thomas Cook beeinträchtigt werden, ist die anhaltende Unsicherheit wegen des Brexits, durch die der Wert des britischen Pfund um 20 Prozent gesunken ist. Der Milliardär Richard Branson, dessen Unternehmen auch in der Luftfahrt- und Urlaubsbranche tätig sind, erklärte: „In der Urlaubsbranche werden alle Kosten in Dollar berechnet, z.B. für Treibstoff, Wartung und das Leasing von Flugzeugen. Weil das Pfund schwächer geworden ist, sind die Kosten für das alles in die Höhe geschossen. Für Thomas Cook hat sich das als tödlich erwiesen.“

Immer mehr Reiseunternehmen melden Insolvenz an. Im Jahr 2017 musste die britische Monarch Airlines überraschend Insolvenz anmelden, sodass 110.000 Reisende tagelanges Chaos erlebten und 300.000 Buchungen storniert wurden. Die 2.750 Beschäftigten von Monarch, von denen die meisten in Großbritannien arbeiteten, verloren ihre Stellen. Im gleichen Jahr meldeten auch die italienische staatliche Fluggesellschaft Alitalia und die zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft Air Berlin Insolvenz an.

Im Jahr 2018 erklärte die litauische Holdinggesellschaft Small Planet Group, in der die verschiedenen Small-Planet-Airlines-Fluggesellschaften vereint sind, sie werde Insolvenz beantragen und stellte den Betrieb in Deutschland, Kambodscha und Polen ein.

Im Januar 2019 kündigte Norwegian Air Shuttle die Schließung seiner Niederlassungen in Rom (Italien), Gran Canaria, Palma de Mallorca, Tenerifa (Spanien) und Providence sowie Stewart (USA) an. Im März stellte der isländische Billigflieger Wow Air ohne Vorwarnung den Betrieb ein, sodass 4.000 Passagiere festsaßen. In Frankreich meldete die zweitgrößte Fluggesellschaft Aigle Azur Anfang September Konkurs an, wobei erneut Tausende Passagiere festsaßen. Der französische Billigflieger XL Airways hat den Verkauf von Tickets eingestellt und dies mit „finanziellen Schwierigkeiten“ begründet.

Die Pleite von Thomas Cook verdeutlicht das parasitäre und asoziale Wesen des kapitalistischen Systems. Während Zehntausende von Arbeitern und diejenigen, die von ihnen abhängig sind, mit dem Verlust ihrer Arbeitsplätze und Einkommen bezahlen müssen, wurden die Verantwortlichen für die Pleite reichlich belohnt. Vorstandschef Peter Fankhauser hat mehr als acht Millionen Pfund kassiert, seit er den Spitzenposten im Jahr 2014 übernommen hat. Andere leitende Angestellte haben sich in den letzten fünf Jahren zusammen um mehr als 20 Millionen Pfund bereichert.

Noch während Thomas Cook kurz vor der Insolvenz stand, kreisten bereits die Geier über ihm. Einige Hedgefonds beteiligten sich an massiven „Leerverkäufen“, mit denen sie faktisch auf einen fallenden Aktienkurs wetteten und damit Millionen verdienten. Zu den Beteiligten gehörte das Unternehmen Whitebox Advisors, das sich vor Beginn der Finanzkrise auch mit Wetten gegen den amerikanischen Subprime-Hypothekenmarkt enorm bereichert hatte.