DIW-Studie: Extrem ungleiche Vermögensverteilung in Deutschland

Von Elisabeth Zimmermann
4. Oktober 2019

Wie zahlreiche frühere Untersuchungen ergibt auch die jüngste Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), dass die Vermögen in Deutschland extrem ungleich verteilt sind und die soziale Ungleichheit wächst. Die Studie gelangt zum Schluss, dass die reichsten zehn Prozent 56 Prozent des gesamten Vermögens besitzen, während auf die ärmere Hälfte der Bevölkerung nur 1,3 Prozent entfallen.

Auch innerhalb der obersten zehn Prozent gibt es noch starke Differenzierungen. So beläuft sich der Vermögensanteil des reichsten Prozents auf schätzungsweise 18 Prozent des Gesamtvermögens. Dies entspricht ungefähr dem gesamten Vermögen der ärmsten 75 Prozent.

Die Studienleiter des DIW, Markus M. Grabka und Christoph Halbmeier, machen für den Anstieg der Nettovermögen, die im Zeitraum von 2012 bis 2017 um durchschnittlich zwanzig Prozent gestiegen sind, vor allem den steigenden Wert von Immobilien aus.

So verfügen Eigentümer einer selbst genutzten Immobilie (Haus oder Eigentumswohnung) über ein durchschnittliches Vermögen von rund 225.000 Euro, Mieter dagegen nur über 24.000 Euro. In Deutschland besitzen nur 44 Prozent der Privathaushalte Wohnungseigentum

Rein statistisch gesehen besitzt jede Person über 17 Jahren durchschnittlich 103.000 Euro. Dieses Vermögen ist aber sehr ungleich verteilt – zwischen Ost und West, zwischen verschiedenen Regionen und vor allem zwischen Arm und Reich.

In Ostdeutschland beträgt der Durchschnittswert nur 55.000 Euro. Jahrelange erzwungene Arbeitslosigkeit nach der Wiedervereinigung sowie Löhne und Gehälter, die nach wie vor fast zwanzig Prozent unter dem Westniveau liegen, spielen hierbei eine Rolle.

Der Medianwert, der die reichsten 50 Prozent von der unteren Hälfte trennt, liegt bei nur 26.000 Euro und damit deutlich unter dem Durchschnittswert. Dies weist auf eine starke ungleiche Verteilung der Vermögen hin. Viele Menschen am oberen Ende der Skala besitzen unvorstellbar viel, die 15 Prozent am unteren Ende dagegen gar nichts, und sechs Prozent sind verschuldet.

Die DIW-Studie stützt sich auf die Befragung von 30.000 Personen in etwa 15.000 Haushalten, gestützt auf die Daten des Sozio-oekonomischen Panels SOEP bis 2017. Dabei wurde das Vermögen von allen Personen ab 17 Jahren erfragt. Dazu zählen selbst genutzter und anderer Immobilienbesitz, Sparguthaben, Aktien und Investmentanteile sowie Ansprüche aus Lebens- und privaten Rentenversicherungen, Betriebsvermögen und wertvolle Sammlungen wie Gold, Schmuck, Münzen oder Kunstgegenstände.

Die Autoren der Studie weisen auf ein grundlegendes Problem bei der Erhebung und Untersuchung von Reichtum in Deutschland hin: Besonders wohlhabende Personen kommen in einer Stichprobe wie dem SOEP faktisch nicht vor. „Dies gilt insbesondere für Milliardäre und Millionäre mit einem Vermögen in dreistelliger Millionenhöhe. Im Ergebnis bedeutet dies, dass das wahre Ausmaß an Vermögensungleichheit unterschätzt wird. Externe Statistiken zur Validierung dieser Unterschätzung, zum Beispiel eine Vermögenssteuerstatistik, liegen in Deutschland aber nicht vor.“

Dass die Vermögensungleichheit in den vergangenen zehn Jahren angestiegen ist, wird auch dadurch untermauert, dass die Zahl der Vermögensmillionäre seit 2008 um 69 Prozent oder gut 550.000 Personen zugenommen hat.

Bei einem Vergleich der Nettoeinkommen der Haushalte zwischen 2012 und 2017 stellt die DIW-Studie fest, dass sich das geringe Nettovermögen der Personen in den beiden unteren Einkommensdezilen (der ärmsten 20 Prozent) um nominal 3500 auf etwa 5000 Euro reduziert hat. Hier belasten auch Schulden durch Konsumentenkredite (durchschnittlich in der Höhe von 13.000 Euro) sowie durch Ausbildungskredite am stärksten.

Der Zuwachs ist im obersten Dezil mit 90.000 Euro am höchsten. Hier spielen neben Immobilien für den eigenen Gebrauch auch Immobilien, die vermietet oder gewerblich genutzt werden, eine bedeutsame Rolle.

Die Zahlen der DIW-Studie belegen in drastischer Weise die Verschärfung der sozialen Ungleichheit, die für Millionen Menschen Armut und Unsicherheit bedeutet – eine Entwicklung, die praktisch in jedem Land der Welt stattfindet.

Mit ihrer Betonung auf den derzeit steigenden Wert von Immobilien und ihrer Forderung an die Regierung, Immobilienbesitz auch für ärmere Teile der Bevölkerung zu fördern, gehen die Autoren der Studie aber an den grundlegenden Problemen der kapitalistischen Gesellschaft vorbei. Dazu kommt, dass der Wert von Immobilien bei einem abrupten Ende des Immobilienbooms auch wieder stark fallen kann.

Für Geringverdiener ist es praktisch unmöglich, das Geld und die Sicherheiten für die Aufnahme einer Hypothek für eine Wohnimmobilie aufzubringen. Und im Fall von Arbeitslosigkeit, schwerer Krankheit oder anderen Schicksalsschlägen kann eine Immobilie und damit die Wohnung – das Dach über dem Kopf – sehr schnell wieder verloren gehen, wenn die Kreditraten nicht weiter abbezahlt werden können.

Was die Studie auch nicht anspricht, sind die Gründe für die starke Zunahme der sozialen Ungleichheit. Seit Anfang der 1980er Jahre haben alle Regierungen, unabhängig von ihrer parteipolitischen Zusammensetzung, Einkommen und Vermögen systematisch von unten nach oben umverteilt. Einen starken Anstoß für die Entwicklung von Niedriglöhnen, prekären Arbeitsplätzen und niedrigen Renten gab Anfang der 2000er Jahre die rot-grüne Regierung von Gerhard Schröder und Joschka Fischer mit ihrer Agenda 2010 und der Einführung von Hartz IV.

Gleichzeitig wurden Unternehmen und Reiche begünstigt. Mit Unterstützung der Gewerkschaften wurden zahllose betriebliche Sondervereinbarungen über schlechtere Löhne und Arbeitsbedingungen abgeschlossen. Jeder Arbeitsplatzabbau und jede Betriebsschließung trug die Unterschriften von Betriebsräten und Gewerkschaften.

Gegenwärtig bereitet die Große Koalition in Zusammenarbeit mit Unternehmen und Gewerkschaften angesichts von weltweitem Wirtschaftrückgang, Handelskriegen und Kriegsvorbereitungen neue soziale Grausamkeiten und Angriffe auf die Arbeiterklasse vor.

Die oftmals heuchlerisch beklagte soziale Ungleichheit ist das Ergebnis dieser arbeiterfeindlichen Politik. Sie kann nur durch die Mobilisierung der Arbeiterklasse bekämpft und überwunden werden. Notwendig ist eine internationale sozialistische Politik, der Kampf für eine Gesellschaft, in der die sozialen Bedürfnisse der Mehrheit der Bevölkerung an erster Stelle stehen und nicht die Profite von Banken und Konzernen und die damit verbundene Bereicherung einer kleinen Minderheit.