Stimmen niederländischer Pflegekräfte zum ersten landesweiten Streik

Von Daniel Woreck und Harm Zonderland
25. November 2019

Die Beschäftigten des niederländischen Gesundheitswesens traten am 20. November in ihren ersten landesweiten Streik, nachdem die endlosen „Verhandlungen“ der Gewerkschaften und die zahlreichen regionalen Streiks – allein 25 in diesem Jahr – zu nichts geführt hatten. Es geht ihnen um bessere Arbeitsbedingungen und eine angemessene Bezahlung.

Streikende Pflegekräfte in den Niederlanden

Überall im Land organisierten rund 150.000 Beschäftigte in 119 Gesundheitseinrichtungen öffentliche Aktionen. Dabei wurden in den Einrichtungen nur Notfälle behandelt.

Reporter der WSWS nahmen an der zentralen Kundgebung n Utrecht teil, der viertgrößten Stadt der Niederlande. Aufgerufen hatten der Niederländische Gewerkschaftsbund FNV, der Verband christlicher Gewerkschaften (CNV) und die Neue Gewerkschaft 91 (NU´91).

Vertreter der WSWS verteilten unter den etwa 2.000 Kundgebungsteilnehmern eine Erklärung über den Streik und den Weg vorwärts für die Beschäftigten im Gesundheitswesen.

Auf die Frage nach ihren Arbeitsbedingungen antwortete Anniek kurz und knapp: „Sie sind schlecht: viel Arbeit für wenig Geld.“

Anniek

Besonders schlimm, erklärte Anniek, sei die Lage der Praktikanten, die „Co-Helfer“ genannt werden, Sie müssen umsonst arbeiten und bekommen lediglich die vage Hoffnung in Aussicht gestellt, irgendwann eine Ausbildung und einen sicheren Arbeitsplatz zu erhalten. Sie erklärte: „Eine unserer Forderungen ist, dass sie bezahlt werden.“

Anniek fügte hinzu, dass die Praktikanten aufgrund ihrer langen und harten Schichten keine Möglichkeit haben, anderweitig Geld zu verdienen. Sie müssen sich privat verschulden, um über die Runden zu kommen. Anniek findet es skandalös, dass die entsprechenden Arbeitsverträge geheim gehalten und kaum jemals von den Medien oder staatlichen Stellen erwähnt werden. Sie erklärte: „Wir arbeiten alle zusammen: die Reinigungskräfte, das Küchenpersonal, die medizinischen Fachkräfte usw. Wir kümmern uns, jeder auf seine Art, um den Patienten, und wir brauchen angemessene Arbeitsbedingungen für alle.“

Anja nahm zusammen mit ihren Kolleginnen aus zwei Einrichtungen in Den Haag, dem Sitz der Regierung der Niederlande (und des Internationalen Gerichtshofs der UN), an der Kundgebung teil. Sie arbeitet in der Geburtshilfe.

Anja

Anja berichtet, dass vier der 14 Kreißsäle in ihrer Einrichtung wegen chronischer Unterbesetzung dauerhaft geschlossen sind. Deshalb sind die anderen zehn Räume ständig besetzt, und die Arbeit mit Müttern und Neugeborenen müsse im Eilverfahren ablaufen: „Gestern hat sich eine Kollegin krankgemeldet, sodass wir mehr Arbeit mit weniger Personal leisten mussten. Wir konnten keinen Raum schließen. Durch die hohe Arbeitsbelastung geht es bei uns zu wie am Fließband.“

Anja bestätigte außerdem, dass das Pflegepersonal dringend eine Lohnerhöhung braucht, da die Preise für die Dinge des täglichen Bedarfs weiter ansteigen: „Lebensmittel werden teurer, die Mieten steigen. Viele können sich keine Wohnung in Den Haag leisten und wohnen immer weiter von ihren Arbeitsplätzen entfernt.“

Jaqueline, die in einem Endoskopielabor arbeitet, beschreibt die Arbeitsbedingungen so: „Wir arbeiten unter großem Druck. Es gibt keine Kaffeepausen, Mittagspausen nur im Glücksfall, man hat kaum Zeit, um auf die Toilette zu gehen. Meistens sind auch viele Kollegen krank, sodass das restliche Personal eine noch größere Arbeitslast bewältigen muss. Es wird zu einem Teufelskreis. Was kann man schon machen, wenn man seinen freien Tag hat und angerufen wird, weil man für einen kranken Kollegen einspringen soll? Man geht wieder rein!“

Jaqueline

Die Arbeitszeiten, so Jacqueline weiter, seien viel zu lang. Überstunden, die z. B. durch Notfälle anfielen, würden nicht bezahlt, sondern sollten abgebummelt werden. Eine Lohnerhöhung, ergänzte sie, sei notwendig, „nicht nur für uns, sondern auch für die Zukunft. Wenn ich 80 Jahre alt bin, hoffe ich, eine gute Gesundheitsversorgung zu erhalten.“

In die Gewerkschaften setzt sie wenig Vertrauen: „Ich hoffe weiterhin, aber ich muss es sehen, bevor ich es glaube.“

Darauf angesprochen, dass die Arbeiterklasse weltweit wieder in den Kampf trete, reagierten die Kundgebungsteilnehmer mit großer Begeisterung und Grüßen an ihre Klassenbrüder und ‑schwestern im Rest der Welt. Außer der WSWS trat keine andere politische Tendenz auf der Kundgebung in Erscheinung. Die Streikenden lasen den Aufruf der WSWS zum Aufbau von unabhängigen Aktionskomitees und zur Entwicklung eines internationalen revolutionären Kampfs der Arbeiterklasse mit großem Interesse.