Wachsende Nervosität angesichts der globalen Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie

Von Benjamin Mateus und James Cogan
4. Februar 2020

Die Reaktion auf die Coronavirus-Pandemie, die von dem Erreger 2019-nCoV ausgelöst wurde und im chinesischen Wuhan begann, nimmt immer panischere und nationalistischere Dimensionen an. Gleichzeitig wird das Ausmaß der wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen immer deutlicher. Ein großer Teil der riesigen chinesischen Exportgüterindustrie ist nahezu zum Erliegen gekommen. Länder versuchen ihre Grenzen abzuriegeln, und auf den Finanzmärkten herrscht Chaos, weil die Aktien von betroffenen Unternehmen in Massen abgestoßen werden. Es gibt Befürchtungen, dass der medizinische Notstand das „Black-Swan”-Ereignis sein könnte, das eine neue globale Finanzkrise auslöst.

Die kurzsichtigste und dümmste Reaktion kam bislang von US-Handelsminister Wilbur Ross. Dieser hatte Ende letzter Woche gehöhnt, der Virus könnte den „America First“-Kurs der Trump-Regierung begünstigen, da er China als wirtschaftlichem Konkurrenten schadet. In einem Interview mit Fox News erklärte er: „Ich will nicht von einem Triumph reden angesichts einer sehr bedauerlichen, sehr bösartigen Krankheit“, um dann genau das zu tun: „Tatsache ist aber, dass er den Unternehmen noch etwas zu bedenken gibt, wenn sie ihre Lieferketten betrachten [...] Also ich glaube, es wird die Rückkehr von Arbeitsplätzen nach Nordamerika beschleunigen.“

Das Handelsministerium unterstützte seine Aussage mit der Erklärung: „Wie Ross deutlich gemacht hat, ist der erste Schritt, das Virus unter Kontrolle zu bringen und den Opfern dieser Seuche zu helfen. Es ist auch wichtig, darüber nachzudenken, was es bedeutet, Geschäfte mit einem Land zu machen, das seit Langem Erfahrung darin hat, reale Risiken für seine Bevölkerung und den Rest der Welt zu verheimlichen.“

Ein Arbeiter mit einem Schutzanzug misst am Eingang zu einer U-Bahnstation in Peking die Temperatur eines Passagiers [Quelle: AP Photo/Mark Schiefelbein]

In Wirklichkeit gefährdet die Störung des Welthandels Millionen von Arbeitsplätzen, nicht nur in den USA, sondern auf der ganzen Welt. Der Vorsitzende der amerikanischen Federal Reserve Jerome Powell erklärte letzte Woche: „Chinas Wirtschaft ist jetzt sehr wichtig für die Weltwirtschaft, und wenn die chinesische Wirtschaft einen Abschwung verzeichnet, spüren wir es auch.“ China ist die zweitgrößte Volkswirtschaft nach den USA, ihr Bruttoinlandsprodukt betrug im Jahr 2019 fast 14,55 Billionen US-Dollar und machte 16,38 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung aus. Im Jahr 2018 hat China laut der Weltbank weltweit Produkte im Wert von 2,5 Billionen Dollar exportiert.

Während des Wochenendes stieg die Zahl der mit dem Coronavirus Infizierten weiter auf weltweit etwa 17.391 Fälle, die meisten davon in China, das von der Last der Herausforderungen dieses Ausbruchs erschüttert wird. Alleine in der Provinz Hubei wurden von einem Tag auf den anderen 2.800 neue Fälle gemeldet. Bisher gibt es mindestens 362 bestätigte Todesfälle, und Neuinfektionen werden aus allen Teilen des Landes gemeldet. Fast 10.000 Menschen mussten ins Krankenhaus, etwa 478 davon sollen sich in Lebensgefahr befinden.

In Hubei leben insgesamt mehr als 60 Millionen Menschen. Sämtliche Städte der Provinz wurden von den chinesischen Behörden fast völlig abgeriegelt, der ein- und ausgehende Verkehr ist stark eingeschränkt. Das wirtschaftliche und soziale Leben wurde selbst in den Regionen stark eingeschränkt, in denen es nur wenige gemeldete Fälle gibt. Kulturelle Veranstaltungen, die mit dem chinesischen Neujahrsfest in Zusammenhang stehen, sowie wichtige chinesische und internationale Sportereignisse wie die Leichtathletik-Hallenweltmeisterschaften oder das Formel-E-Autorennen wurden abgesagt.

Letzte Woche wurden 9.807 Flüge innerhalb Chinas sowie aus und nach Festland-China abgesagt, d.h. 10,8 Prozent aller geplanten Flüge. Apple hat alle 42 Geschäfte geschlossen. Amerikanische Großkonzerne wie Starbucks und McDonald's haben ihre Geschäftstätigkeit in China stark eingeschränkt. IKEA-Läden in China haben geschlossen. General Motors und Honda erwägen, die Wiederaufnahme der Produktion nach der Feiertagspause zum Neujahrsfest in ihren Fertigungswerken in Wuhan zu verschieben.

Insgesamt ist die normale Wirtschaftstätigkeit in den 21 Provinzen und Städten, die 80 Prozent des chinesischen Bruttoinlandsprodukts und 90 Prozent seiner Exporte erwirtschaften, stark zurückgegangen. Im besten Fall wird sie frühestens nach einer Woche wieder beginnen, sich zu normalisieren.

Als die chinesischen Aktienmärkte nach den Neujahrsfeiertagen am Montag wieder öffneten, gingen die Aktienkurse auf Talfahrt. An den wichtigsten Börsen in Shanghai und Shenzhen fielen die Kurse nahezu sofort um mehr als neun Prozent und erholten sich später nur geringfügig. Auch andere Märkte in Asien gingen zurück. Der japanische Nikkei und der australische ASX verloren bei Handelsbeginn mehr als ein Prozent.

Die chinesischen Behörden ergriffen eine Reihe von Maßnahmen, um die Verkaufswelle zu begrenzen. Am Sonntag kündigte die Zentralbank eine Geldspritze von 1,2 Billionen Yuan (174 Milliarden US-Dollar) durch Operationen im Repo-Markt an, um eine „ausreichende Liquidität“ zu gewährleisten. Die zusätzliche Liquidität war jedoch nicht so hoch, wie es die Schlagzeile andeutete, weil mehr kurzfristige Wertpapiere im Wert von mehr als einer Billion Yuan fällig wurden. Deshalb wird die zusätzliche Liquidität nur etwa 150 Milliarden Yuan (bzw. 21,7 Milliarden Dollar) betragen. Dennoch ist die Intervention die größte individuelle Repo-Operation, die die Bank jemals durchgeführt hat.

In 26 weiteren Ländern wurden insgesamt 171 Fälle bestätigt, wobei sich die Zahl ständig erhöht. Das erste bestätigte Todesopfer außerhalb des chinesischen Festlands wurde am Wochenende von den Philippinen gemeldet. Die Zahl der Fälle in den USA ist auf elf gestiegen.

Dutzende Länder haben mittlerweile Reiseverbote erlassen, und die meisten internationalen Fluggesellschaften haben ihre Flüge nach China reduziert oder ganz eingestellt – obwohl sich das Virus bereits weltweit ausgebreitet hat. Der Tourismus aus China ist zum Erliegen gekommen, was schwerwiegende wirtschaftliche Folgen für viele Regionen der Welt haben wird. Alleine in Australien rechnen Regierungsvertreter damit, dass die lokale Tourismusbranche mindestens neun Milliarden Dollar Verlust machen wird.

Viele Länder holen ihre Bürger mit Charterflügen aus China zurück. Deutschland hat am Wochenende 100 Menschen nach Frankfurt zurückgeholt und zur Quarantäne in eine Militärbasis in Germersheim (Rheinland-Pfalz) gebracht. Russland will ab Montag das Militär einsetzen, um russische Staatsbürger aus stark betroffenen Regionen zurückholen. Indonesien und Bangladesch haben am Wochenende 245 bzw. 316 Staatsbürger evakuiert. Die australische Regierung hat mit der Evakuierung von etwa 300 Staatsbürgern begonnen, die auf der abgelegenen Weihnachtsinsel im Indischen Ozean in Einrichtungen untergebracht werden, die ursprünglich als Gefängnisse für so genannte „illegale“ Flüchtlinge gebaut wurden.

Chinesische Regierungsvertreter äußern Frustration darüber, dass so viele Länder die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) missachtet und umfassende Reisebeschränkungen eingeführt haben. Der chinesische Außenminister Wang Yi wiederholte gegenüber seinem indischen Amtskollegen die Äußerungen von WHO-Vertretern: „Diese Art von Überreaktion macht die Lage nur noch schlimmer. Es ist nicht die richtige Art, mit der Pandemie umzugehen.“

Gesundheitsexperten haben versucht, wieder Rationalität in die Diskussion zu bringen, wie sich die Ausbreitung des Virus eindämmen lässt, aber nur mit geringem Erfolg. Professorin Catherine Worsnop von der Universität Maryland, die sich mit der internationalen Kooperation bei Gesundheitskrisen befasst, erklärte: „Die Einführung dieser Reisebeschränkungen schädigt den kooperativen Ansatz, mit dem wir auf einen solchen Ausbruch reagieren müssen.“

Die Regierung in Peking ist zwar unter massive Kritik innerhalb von China und international geraten, weil sie scheinbar zu spät auf den Ausbruch des Virus reagiert hat, allerdings hat sie mehr als 7.000 medizinische Mitarbeiter zur Unterstützung der Behandlung von tausenden Patienten in Wuhan geschickt. Der Bau von zwei Behelfs-Feldlazaretten wird vermutlich am Wochenende abgeschlossen sein, so dass weitere 2.300 Betten zur Verfügung stehen werden. In den Krankenhäusern werden nur Coronavirus-Infizierte behandelt, um die Belastung des Gesundheitssystems zu verringern.

Der chinesische Premier Li Keqiang hat an die Europäische Union appelliert, China bei der Beschaffung von medizinischen Vorräten und der Entwicklung eines Impfstoffs gegen das Virus zu unterstützen. Li erklärte gegenüber der Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen: „Wir sind bereit, den Informations-, den politischen sowie technischen Austausch zu verstärken und mit internationalen Gemeinschaften wie der EU zusammenzuarbeiten.“

Seit chinesische Akademiker am 10. Januar die Gensequenz des 2019-nCoV veröffentlicht haben, findet weltweit ein Wettlauf um die Entwicklung und Patentierung eines Impfstoffs statt. Investoren bedrängen die Biotechnologiefirmen in der Hoffnung auf Profite aus dem Gesundheitsnotstand.

Die US-Konzerne Inovio Pharmaceuticals und Modrena haben erklärt, sie würden innerhalb eines Monats mit Tierversuchen beginnen und könnten innerhalb von vier Monaten einen Impfstoff für Menschen entwickeln. Daraufhin stieg der Aktienkurs von Inovio um fast 40 Prozent. Der Aktienkurs von Vir Biotechnology stieg um 111 Prozent, nachdem das Unternehmen am 22. Januar in einer Pressemitteilung angekündigt hatte, es arbeite daran, „schnell festzustellen“, ob es ein mögliches Medikament entwickeln kann.