Zum 200. Geburtstag von Theodor Fontane

Teil 1: Vom Barrikadenkämpfer zum Redakteur der „Kreuzzeitung“

Von Sybille Fuchs
6. Februar 2020

Buchbesprechung: Iwan-Michelangelo D´Aprile, Fontane Ein Jahrhundert in Bewegung, Rowohlt Verlag 2019, 544 S.

Das ganze Jahr 2019 über war Fontane-Jahr. Der Autor wurde am 30. Dezember 1819 geboren und ist am 20. September 1898 gestorben. Zu seinem 200. Geburtstag häuften sich Ausstellungen, Veranstaltungen, Zeitungsartikel und neue Biografien.

Theodor Fontane 1894

Theodor Fontane war einer der wenigen deutschen Autoren des poetischen Realismus, dessen Romane an die seiner internationalen Vorbilder wie Honoré de Balzac oder Charles Dickens heranreichen. Er schildert vor allem das Schicksal von Personen aus verschiedenen Schichten des Kleinbürgertums, des Bürgertums und des Adels seiner Zeit in ihren Beziehungen und Konflikten. Auch Bedienstete, Heimarbeiterinnen ober Handwerker, seltener Industriearbeiter, treten auf. Präzise und plastisch schildert er die Landschaft, die städtische Umgebung und das häusliche Milieu, worin sich seine Menschen bewegen. Sie reisen mit Kutschen oder der Eisenbahn, sie nehmen die technologischen Neuerungen, die politischen Ereignisse oder die bildende Kunst und Musik ihrer Gegenwart wahr und kommentieren oder kritisieren sie.

Fontanes Erzählweise ist relativ traditionell, doch seine Figuren werden vor allem durch ihre Gespräche, Plaudereien und Auseinandersetzungen als typische Vertreter ihrer Klasse mit all ihren persönlichen Eigenschaften lebendig. Sie verteidigen oder verurteilen gesellschaftliche Vorurteile und Konventionen, unter denen sie selbst, ihre Kinder oder ihre Partner leiden. All das wird mit kritischer Distanz, oft mit leisem Humor geschildert, so dass implizit eine Kritik an der gesellschaftlichen Gegenwart der letzen Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts aufscheint.

Im Gegensatz zu vielen seiner zeitgenössischen Kollegen wird Fontane bis heute nicht nur von Germanisten und Literaturwissenschaftlern gelesen. Etliche seiner Romane, die er alle erst in seinem letzten Lebensjahrzehnt schrieb, allen voran „Effi Briest“, wurden verfilmt. Eine besonders sehenswerte Filmversion stammt von Rainer Werner Fassbinder.

Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ gelten bis heute als Bestseller und werden erfolgreich zur Förderung des Tourismus eingesetzt. Aber auch seine Rolle als Briefschreiber, Theaterkritiker, Balladendichter und Lyriker und erfinderischer Wortschöpfer wurde 2019 in vielen Artikeln gewürdigt. Nach dem Untergang der DDR machte ihn Günter Grass unter dem Namen Fonty zum Helden seines Wenderomans „Ein weites Feld“. der Titel ist ein beliebtes Fontanezitat.

Die tiefen Widersprüche in Fontanes Biographie, seine Anpassung an den reaktionären Preußenstaat und seine persönlichen Schwächen wurden eher vereinzelt angesprochen. Sicher muss Fontanes Romanwerk als solches unabhängig von den persönlichen Schwächen des Autors gewürdigt werden. Dennoch ist es zum Verständnis seiner Persönlichkeit und seines Gesamtwerks nötig, auch seine nicht gerade fortschrittlichen Seiten einzubeziehen.

Eine der neuen Biografien, die dies leistet, hat der Potsdamer Literaturwissenschaftler und Historiker Iwan-Michelangelo D´Aprile vorgelegt. D´Aprile ist nicht nur eine spannende Biografie Fontanes gelungen, sondern auch eine überzeugende Darstellung der Entwicklung seiner Persönlichkeit in der bewegten Geschichte des 19. Jahrhunderts in all seinen Widersprüchen und Umbrüchen. Es ist ein Buch, das wertvolle historische Einsichten und Materialien erschließt und in seinem methodischen Herangehen an den vielschichtigen Autor und die Zeitumstände, in denen er lebte, überzeugt.

D´Aprile gelingt es, Fontane und seine Literatur vom Image der verstaubten Pflichtlektüre zu befreien, ihn als modernen Autor zu präsentieren und so den Leser neugierig zu machen, seine Werke erneut oder erstmals zur Hand zu nehmen. Er hat in der Schilderung der Biografie des Autors, angefangen bei seiner schwieriger Kindheit und Jugend und dem gezwungenermaßen als Broterwerb zunächst erlernten Apothekerberuf, immer nicht nur die privaten, sondern zugleich die politisch-gesellschaftlichen Umstände im Auge.

D’Aprile ermöglicht es auch zu verstehen, was den jungen Fontane 1848 auf die Barrikaden trieb, was ihn später zum preußischen Agenten in London und zum Redakteur der stockkonservativen Kreuzzeitung, des reaktionären Lieblingsblattes von Kaiser Wilhelm II., machte und was ihn im Alter zu einem Vorkämpfer für eine fortschrittliche, internationalistische Literatur- und Theaterszene sowie zu einem hellsichtigen Beobachter des poltischen Geschehens werden ließ, der in der Sozialdemokratie und der Arbeiterklasse die entscheidende Kraft der Zukunft sah, auch wenn er niemals zu ihrem Parteigänger geworden wäre.

Wie D ´Aprile zusammenfassend in der Einleitung schreibt: „Epochale Ereignisse, Schreiben und Leben bilden bei Fontane eine untrennbare Einheit. Ohne Vormärz und Teilnahme an den Berliner Barrikadenkämpfen wäre er kein politischer Journalist geworden. Ohne die gegenrevolutionäre staatliche Pressepolitik hätte es den regierungsamtlichen Korrespondenten Fontane nicht gegeben. Ohne den Krimkrieg (1853-1858) wäre Fontane nicht als Presseagent nach London gesandt worden, wo er zugleich zum Reiseschriftsteller wurde. Ohne die Einigungskriege 1864, 1866 und 1870/71 gäbe es nicht den Zeithistoriker Fontane, der seine Kriegsbücher als wichtige Vorschule für die späteren Romane betrachtete.“ (S. 10)

Wie D´Aprile betont, ist Fontanes Entwicklung als Schriftsteller ohne dessen lebenslange Tätigkeit als professioneller Journalist nicht zu begreifen. „Mit seinem an Zeitungen geschultem Blick widmet er dabei scheinbar Alltäglichem und Nebensächlichem dieselbe Aufmerksamkeit wie Großereignissen, bildet das thematische Allerlei der Zeitung in den unzähligen Gesprächen seiner Romanfiguren ab, sucht zu jeder Position meist auch die Gegenposition und lässt unterschiedliche Stimmen und Perspektiven zu Wort kommen.“ (S. 13)

Dabei geht D´Aprile auch auf die antisemitischen Äußerungen Fontanes ein, die in jüngster Zeit immer wieder hervorgeholt und sensationalisiert wurden. Er stellt sie in den zeithistorischen Zusammenhang, ohne sie zu entschuldigen. Er hebt aber gleichzeitig hervor, dass Fontane enge Freundschaften mit jüdischen Intellektuellen und gute freundschaftliche Beziehungen zu jüdischen Kollegen und Verlegern pflegte. Er schildert am Ende des Buches die versuchte Vereinnahmung Fontanes durch den Nationalsozialismus, die nicht ohne das Zutun von Fontanes Sohn Friedrich erfolgte. Auch heute wieder wird von Rechtsradikalen versucht, Fontane als „Heimatdichter“ zu vereinnahmen.

Vom Barrikadenkämpfer zum Redakteur der Kreuzzeitung

Theodor Fontane entstammt einer Berliner Hugenottenfamilie. Sein Vater Louis Henri Fontane hat den einträglichen Beruf eines Apothekers gelernt, konnte es aber nie zu Wohlstand bringen, weil er spielsüchtig war. Er musste die angesehene Löwenapotheke in Neuruppin, Fontanes Geburtsort, verkaufen, und erwarb eine im pommerschen Swinemünde. Aber auch diese musste er wegen Verschuldung wieder aufgeben, um für weitere Stationen seines Niedergangs in den Oderbruch zu ziehen. An ein Universitätsstudium des Sohnes war unter diesen Umständen nicht zu denken. Die Jahre seiner Kindheit und das problematische Verhältnis der Eltern beschreibt Fontane in dem autobiografischen Roman „Meine Kinderjahre“.

Autobiographie "Von Zwanzig bis Dreißig" mit Fontane-Portait (Foto: H.-P.Haack)

D´Aprile weist nach, wie Fontane aus dem nicht sehr geliebten Beruf des Apothekers methodisch Nutzen für seine spätere schriftstellerische Arbeit zu ziehen vermag, aber gleichzeitig in Cafés und Clubs seinen literarischen und politischen Interessen folgt und sich durch umfangreiche Lektüre bildet, womit er versucht, die ihm verwehrte akademische Ausbildung zu kompensieren. Fontane kann in dieser Zeit auch bereits einige Gedichte und eine Novelle veröffentlichen. Literarische Bekanntschaften knüpft er im Club „Tunnel über der Spree“, in den ihn sein Freund aus der Militärzeit Bernhard von Lepel 1844 einführt.

Fontane bleibt rund 20 Jahre Mitglied dieser Vereinigung. Dort kann er wöchentlich mit Autoren, literarisch Interessierten und Amateurdichtern aus militärischen, aber auch Zeitungs- und Unternehmerkreisen eigene und fremde Texte diskutieren und „neben dem Apothekerberuf einen Fuß in der Literatur behalten und entsprechende Netzwerke .knüpfen“. (S. 126) Der „Tunnel“ dient Fontane zugleich als Jobbörse.

Während seiner Ausbildung in Leipzig 1841/42 war Fontane Mitglied des Studentenvereins Herwegh-Club, benannt nach Georg Herwegh, dem politischen Lyriker des Vormärz, Freiheitskämpfer und Dichter des Bundeslieds der Arbeiter („Mann der Arbeit aufgewacht“). In seiner Leipziger Zeit und in Dresden, dem damals im Vergleich zu Preußen liberaleren Sachsen, knüpfte Fontane Kontakte zu demokratisch und revolutionär gesinnten Literaten und Journalisten.

Wilhelm Wolfsohn um 1855

Führendes Mitglied im Leipziger Herwegh-Club war der Student und spätere Literaturwissenschaftler Wilhelm Wolfsohn aus der jüdischen Gemeinde in Odessa, mit dem Fontane zeitlebens befreundet blieb. Ebenfalls Mitglied war dort der Publizist Robert Blum, der im November 1848 wegen seiner Teilnahme an der Revolution hingerichtet wurde.

Über Fontanes Engagement in der Revolution 1848 schreibt D´Aprile: „Fontane war von den ersten Unruhen in Berlin im Frühjahr 1848 bis zu den letzten Freischärler-Aufgeboten auf längst verlorenem Posten in Schleswig-Holstein im Sommer 1850 während aller Phasen des Revolutionsverlaufs aktiv dabei: als Barrikadenkämpfer des März, als Wahlmann für das erste deutsche Parlament der Frankfurter Paulskirche und als Journalist bei zwei revolutionären demokratischen Zeitungen.“ (S. 133) Wie ernsthaft sein Engagement dort wirklich war, darüber gibt es allerdings keine unabhängigen Quellen, nur seineAutobiografie„Von Zwanzig bis Dreißig“, in der er seine Rolle etwas herunterspielt.

Dort schildert Fontane, wie sich am 18. März im Tiergarten die Massen versammelten und auf dem Schlossplatz eine Verfassung für Preußen fordern. „Dann beschreibt er, wie mit den Schüssen zweier Soldaten in die Menge die Situation eskalierte und es zu den Barrikadenkämpfen kam, die sich bis zum nächsten Morgen hinzogen. Mit durchaus soziologischem Blick beschreibt Fontane die Schichten der Berliner Bevölkerung und deren Rolle in der Revolution vom Armutsproletariat, seiner Hauptkundschaft in der Jung´schen Apotheke bis zum liberalen Bürgertum, das weniger unter ökonomischen oder existenziellen Zwängen litt als unter den hoffnungslos antiquierten politischen Verhältnissen... Für die Kämpfe selbst jedoch wird diese Klasse von Fontane als unbrauchbar bis lächerlich dargestellt.“ (S.134) Die blutigen Auseinandersetzungen in Berlin kosteten 300 Zivilisten und Aufständische das Leben.

Märzrevolution in Berlin

Seine eigene Rolle als Radikaler schilderte Fontane im Rückblick als „reine Farce“, während er die Handwerker und Maschinenarbeiter, „lauter ordentliche Leute“, als Hauptprotagonisten ausgemacht habe, die „zuguterletzt die Sache durchfochten“. (S. 134f) Ob er damals wirklich bereits solche Gedanken hatte, muss wohl bezweifelt werden, sonst hätte er kaum so kurze Zeit später die Seiten wechseln können. Vielleicht war es eher so, dass ihm das revolutionäre Engagement der Arbeiter und Handwerker Angst gemacht hat.

Nach der „Contre-Revolution“ im September 1848 schreibt Fontane einen Brief an seinen Freund Lepel und wirft diesem quasi Verrat an seinen liberalen Prinzipien vor: „Schande jedem, der zwei Fäuste hat mit Hand ans Werk zu legen, und sie pomadig in die Hosentasche steckt.“ (S.137f) Aber es dauert nicht lange, bis er selbst tief hinein ins andere Lager wechselt.

Nach den Kämpfen setzt Fontane sein Engagement noch einige Zeit durch Beiträge für die Berliner demokratische Zeitungshalle, das Publikationsorgan des Centralausschusses der Demokraten Deutschlands fort, und lieferte vier radikale Texte. Im Oktober lädt er den Dichter und Freiheitskämpfer Ferdinand Freiligrath zu sich ein, der für sein Gedenkgedicht an die Gefallenen des 18. März „Die Todten an die Lebenden“ wegen Hochverrats verurteilt worden war.

Ein Jahr später kann Fontane wegen der wieder aufgehobenen Pressefreiheit in Preußen, vermittelt durch Wolfsohn, nur noch einige Korrespondenzberichte an die Dresdener Zeitung, das Organ der sächsischen demokratischen Fortschrittspartei verfassen, in denen er die Zustände der um sich greifenden Gegenrevolution und den preußischen „Polizeistaat“ und sein „Schreckensregiment“ schildert. Er vertritt dort die Auffassung, Preußen müsse untergehen, damit ein demokratischer deutscher Nationalstaat entstehen könne.

Radikaler Seitenwechsel und Verdingung beim preußischen Staat

In Deutschland ist Fontane als Autor damals weniger bekannt als durch Vorträge seines Freundes Wolfsohn in Russland, der als Erster sein literarisches Talent erkannt hatte. Am meisten Erfolg hat er mit seinen Balladen, einer volkstümlichen Gattung, mit der er versucht, an die Beliebtheit der Balladendichtungen von Schiller und Goethe oder auch Heinrich Heine anzuknüpfen. Viele Stoffe dafür hat er Werken des schottischen Autors Walter Scott entnommen, andere allerdings aus der preußischen Geschichte, worin sich, wie D´Aprile glaubt, weniger preußischer Patriotismus und Anpassung an die postrevolutionäre Reaktion in Preußen ausdrückt, als vielmehr eine Beschwörung und Verklärung der Zeit Friedrich des Großen, die im Gegensatz zur Unterdrückung und Unfreiheit der Gegenwart von Toleranz und Pressefreiheit gekennzeichnet gewesen sei.

Hier scheint mir die Einschätzung des Biografen etwas zu wohlwollend. Die Verklärung Friedrichs zum Symbol von Toleranz und Volksnähe war ein Mythos, den der Marxist Franz Mehring in seiner „Lessing-Legende“ gründlich entlarvte. Sie diente dem deutschen Bildungsbürgertum dazu, seinen Verzicht auf demokratische Bestrebungen, seine Unterordnung unter die Monarchie und seine Unterstützung des autoritären Bismarckstaats zu rechtfertigen. Von derartigen ideologischen Anwandlungen seiner Zeitgenossen ist Fontane sicher nicht freizusprechen.

Einige seiner Balladen kann er in verschiedenen Zeitschriften und schließlich auch als Buch veröffentlichen sowie erfolgreich im zusehends konservativer werdenden „Tunnel über der Spree“ präsentieren. Dort ist er nach wie vor Mitglied und kann er mit seiner Ballade „Archibald Douglas“ sogar einen ersten Preis erringen. Aber seine Honorare für die Balladenveröffentlichungen sind minimal. Bemerkenswert ist unter Fontanes Balladen der Hemmingstädter Aufstand, die Geschichte der Dithmarscher Bauern, die über ein Ritterheer des dänischen Königs siegen, wodurch den sie ihre Unabhängigkeit als freie Bauern bewahren können, ein Stoff, den auch Friedrich Engels aufgreift. (S. 159)

Durch die nach dem Scheitern der 1848er Revolution einsetzende politische Reaktion zerschlägt sich Fontanes Hoffnung vollends, als freier Schriftsteller leben zu können. Er gilt Verlegern als „Roter“. Seine finanzielle Lage verschärft sich 1850. Seine Verlobte Emilie Rouanet-Kummer kann er nicht heiraten, weil seine befristete Anstellung als Apothekenausbilder für Diakonissen ausgelaufen ist. Er bewirbt sich erfolglos auf vielerlei Stellen: als Privatlehrer, „als Hilfsbibliothekar (Staubabwedler-Posten in der königlichen Bibliothek)“, auch eine Anstellung bei der Eisenbahn, „sei es als ‘Kutschenaufschlagmacher’ oder als Eisenbahnschaffner“, schlägt fehl.

Einzig der durch Wolfsohn vermittelte Posten als Korrespondent bei der Dresdener Zeitung bringt ihm ein mehr als dürftiges Einkommen. In seiner Verzweiflung ist er zu fast allem bereit. „Versteckt in einer langen Liste von in Frage kommenden Tätigkeiten, die er….gegenüber Lepel aufzählt, nennt Fontane auch die Möglichkeit, sich als ‘Redacteur einer gesinnungslosen Zeitschrift’ und ‘ministerieller Zeitungsleser und Berichterstatter’ anzudienen.“ (S. 164)

Dramatisch schildert Fontane selbst, wie er damals durch den Regierungsspitzel Wilhelm von Saint-Paul, den er flüchtig kennt, in einer eiskalten Januarnacht die Aufforderung erhält, sich am übernächsten Tag beim preußischen Gehheimen Regierungsrat und berüchtigten Polizeispitzel Franz Hugo Hesse, einem „Lump vom reinsten Wasser“, wegen einer Anstellung zu melden. Er weiß, dass er kaum tiefer sinken kann. „Wer Protektoren wie St. Paul hat, der mag einpacken“, schreibt er, zumal Saint Paul ihm noch sein letztes Geld als Vermittlergebühr aus der Tasche gezogen hatte.

Saint Paul, ein verkrachter Jurastudent, hatte sich seit Mitte der 1840er Jahre schon als Polizeispitzel in Kreisen der Junghegelianer und Freien um Max Stirner, Bruno und Edgar Bauer und dem späteren Zeughausstürmer Gustav Adolph Techow bewegt und für die staatliche Zensurbehörde gearbeitet, unter anderem, um die von Karl Marx geleitete „aufmüpfige Rheinische Zeitung ‘totzumachen’, wie Fontane es drastisch, aber durchaus angemessen formuliert“. (S. 166)

Mit dieser nächtlichen Begegnung ist für Fontane ein Weg vorgezeichnet, den er Ende 1850 wirklich einschlägt und durch den er in den kommenden Jahrzehnten seine Familie über Wasser halten kann.

Dass Fontane diesen Weg einschlagen kann, zeigt, wie wenig er wirklich im demokratisch revolutionären Milieu verankert war. Anderen vom preußischen Staat nach 1848 verfolgten Revolutionären wäre so eine opportunistische Lösung der finanziellen und existentiellen Notlage nicht in den Sinn gekommen. Karl Marx z. B. wählte das Exil und nahm großes Elend für sich und seine Familie in Kauf.

Fontane jedoch vollzieht bewusst den Seitenwechsel „ Ich habe mich der Reaction für monatlich dreißig Silberlinge verkauft… Man kann nun mal als anständiger Mensch nicht durchkommen“, schreibt er an Lepel. Und in einem späteren Brief heißt es: „Wie ich´s drehn und deuteln mag – es ist und bleibt Lüge, Verrath, Gemeinheit.“ (S. 170) Fontane beginnt bei der Regierungszeitung Deutsche Reform. Er heiratet kurz darauf seine Verlobte. Auf diesem Weg bleibt er die nächsten zwanzig Jahre.

Im August 1850 tritt er zunächst eine Anstellung im Literarischen Kabinett an, einer Art Pressestelle der Regierung. Aber nach dem Regierungsantritt des erzkonservativen Ministerpräsidenten Otto von Manteuffel werden dessen Mitglieder alle entlassen und beginnen einen Streik. Fontane wird als Rädelsführer ausgemacht (was er bestreitet), und so ist es nach fünf Monaten bereits mit dieser sicheren Anstellung vorbei.

Wieder muss er sich und seine junge Familie mit allerlei Gelegenheitsjobs durchschlagen. Schließlich kann er mit wesentlich geringerem Gehalt bei der inzwischen zur „Centralstelle für Preßangelegenheiten“ umbenannten Regierungsstelle für Öffentlichkeitsarbeit wieder anfangen, wo er zum Einstand sogar ein „Glorifications-Gedicht“ auf Manteuffel anfertigen muss. Immer wieder drückt er sich in den nächsten Jahren gelegentlich durch Krankmeldung vor ähnlich kompromittierenden Aufgaben.

London 1852

Schließlich erhält er 1855 eine lange ersehnte Stelle als Englandkorrespondent in London, wo er drei Jahre bleiben kann. Er soll dort anlässlich des Krimkriegs „der in Großbritannien zunehmenden Kritik an der mühsam als ‘Neutralitätspolitik Preußens’ getarnten russisch-preußischen Allianz pressepolitisch entgegenwirken“. (S. 176) Seine scheinselbständige „Agentur“ ist nur mit einem mageren Etat ausgestattet, entsprechend erfolglos und wird alsbald liquidiert.

Aber er kann als Presseattaché des Botschafters in London bleiben und seine Familie nachholen. In den drei Jahren in London schafft er es, sich zu einem professionellen Journalisten auszubilden. Er beobachtet und studiert die britische Presselandschaft und ist begeistert vor allem von der Times und ihrer freien, umfassenden Berichterstattung. Er selbst aber erfüllt vor allem seine Rolle als eine Art Lobbyist Preußens. Seine Kontakte zu deutschen Emigranten beschränken sich auf liberale Journalisten.

Zu seinen Aufgaben gehört nach dem Tode des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. ausdrücklich auch die Beobachtung der deutschen Emigrantenszene in London. Dabei ging es darum, festzustellen, wen davon man nach einem Wechsel zu einer etwas liberaleren Regierung im Staat brauchen könnte. Karl Marx oder Freiligrath zum Beispiel kamen dafür natürlich nicht in Frage. Von ausdrücklichen Denunziationen seitens Fontanes ist allerdings nichts bekannt.

Interessant ist aber, dass Fontane nicht müde wird, die politisch-gesellschaftlichen, aber auch technisch fortschrittlichen Seiten Grobbritanniens hervorzuheben, und sie damit unausgesprochen, aber unmissverständlich den reaktionären preußischen Verhältnissen entgegensetzt. Die grauenvollen sozialen Zustände, die Engels in seiner „Lage der arbeitenden Klasse in England“ oderMarx im „Kapital“ schildert, ignoriert er in seinen offiziellen Stellungnahmen allerdings völlig.

Nach seiner Rückkehr aus London wird Fontane von 1860 bis 1870 fest als Redakteur bei der pietististisch-christlichen Neuen Preußischen (Kreuz)Zeitung, dem reaktionärsten Blatt in Berlin,angestellt, für das er zuvor bereits als Korrespondent tätig war. Er schreibt dort über Kulturelles und verfasst wie schon zuvor im Literarischen Kabinett auch sogenannte Korrespondentenberichte, gestützt auf seine Recherchen in der englischen Presse. Welche politischen Artikel er schrieb, ist heute nicht mehr festzustellen, da diese nicht namentlich gezeichnet waren.

Diese Arbeit verschafft ihm, sehr zur Freude seiner Frau, ein sicheres Einkommen von 9000 Talern Jahresgehalt.

Wird fortgesetzt