Zum 200. Geburtstag von Theodor Fontane

Teil 2: Reisebücher, Kriegsbücher und Theaterkritiken

Von Sybille Fuchs
7. Februar 2020

Buchbesprechung: Iwan-Michelangelo D´Aprile, Fontane Ein Jahrhundert in Bewegung, Rowohlt Verlag 2019, 544 S.

Wanderungen durch die Mark Brandenburg

Genauso wichtig wie der Journalismus und die lebenslange obsessive Zeitungslektüre sind seine Reisetätigkeit und seine andauernde Begeisterung für das Vereinigte Königreich Großbritannien für Fontanes spätere Arbeit als Romanschriftsteller.

Als noch einträglicher als die Anstellung bei der Kreuzzeitung erweist sich die Beziehung zu dem Verleger Wilhelm Hertz, mit dem er das Projekt der „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ beginnt. Fontane knüpft dabei an seine früheren Reiseberichte aus England an. Denn Reisefeuilletons machen neben dem Journalismus seit seiner ersten Englandreise im Mai 1844 einen großen Teil seines Werks aus. Fontane hatte damals dank einer finanziellen Unterstützung seines Freundes Hermann Scherz an einer der ersten organisierten Reisen nach London teilgenommen.

Aus den "Wanderungen durch die Mark Brandenburg"

Sein Konzept eines literarisierten Reiseführers verwirklicht und perfektioniert er zusammen mit Hertz in den „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“. Dabei stützt er sich sowohl auf eigene Erfahrungen und umfangreiche Notizen und Tagebuchaufzeichnungen, als auch auf Berichte und Erzählungen von Landpfarrern, Lokalpolitikern und Recherchen in Archiven, um die brandenburgischen Orte, ihre Bewohner, die einfachen Leute, die adligen Familien und ihre Geschichte zu beschreiben. Die „Wanderungen“ erwiesen sich als Fontanes beliebteste Publikationen und sind es bis heute geblieben.

Ein wunderbares Beispiel ist seine Beschreibung des Friedhofs und der Kirche von Bornstedt, das am Fuße des Nordabhanges des Schlosses Sanssouci liegt. Es lohnt sich, seiner Beschreibung zu folgen und die Gräber der Beamten des Potsdamer Hofes zu besichtigen, von denen noch viele erhalten sind. In der Kirche befindet sich das Grabmal des Freiherrn Jacob von Gundling, der wegen seines ausschweifenden Lebenswandels auf Befehl Friedrich Wilhelms I. in einem Weinfass beerdigt werden musste.

All seine Romanhandlungen verlegt Fontane später in ihm persönlich gut bekannte Orte, die er durch seine Wanderungen (die meist Kutschfahrten waren) oder Reisen und eigenen Wohnaufenthalte, darunter insbesondere das gründerzeitliche Berlin, kennengelernt hatte. Diese schildert er authentisch in vielen Einzelheiten und versieht sie mit soziologischen Beobachtungen.

Kriegsbücher

Mit dem preußischen Regierungswechsel und dem Erstarken der Nationalbewegung zur deutschen Einheit unter Preußens Führung begann das Jahrzehnt der preußischen Kriege von 1864, 1866 und 1870/1871, die Fontane begrüßt. Sie boten ihm ein weiteres wichtiges Arbeitsfeld. Er steht zunächst voll hinter Bismarck und dessen Politik. Er verfasst mehr oder weniger offiziöse, finanziell lukrative Kriegskorrespondenzen und -berichterstattungen für die Hofdruckerei Rudolf von Deckers. Er begibt sich auch an die Kriegsschauplätze, um eigenhändig dort zu recherchieren. Zum größten Teil bestehen seine Kriegsbücher jedoch, ähnlich wie die „Wanderungen“ aus Kompilationen von Augenzeugenberichten, aber auch aus Zusammenfassungen und Übersetzungen englischer oder französischer Presseberichte.

Seine Recherche am Ort des Geschehens in Paris kostete ihn 1870 beinahe das Leben. Kurz nach der Schlacht bei Sedan und der Gefangennahme Napoleons III. wollte er die Schauplätze der Kämpfe in Augenschein nehmen und bei der Gelegenheit den Geburtsort von Jeanne d´Arc besichtigen. Dort wurde er von Freischärlern als mutmaßlicher preußischer Spion festgenommen. Ihm drohte die Hinrichtung.

Maßgeblich zu seiner Befreiung trug sein jüdischer Freund Moritz Lazarus bei, der seine internationalen Kontakte zur Alliance Israélite Universelle und Adolphe Crémieux mobilisierte, um bei der französischen Regierung zu intervenieren. Gleichzeitig hatte Fontane selbst seine Bekannten und Freunde aus Adels- und Kirchenkreisen kontaktiert. Marie von Wangenheim hatte den Bischof von Besançon mobilisiert, der ebenfalls an die französische Regierung appellierte. Vom Gericht wurde er daraufhin vom Spionagevorwurf freigesprochen, blieb jedoch zunächst als Kriegsgefangener auf der französischen Atlantikinsel Oléron in Haft.

Fontane-Denkmal in Neuruppin (Lienhard Schulz, CC-BY-SA-3.0)

Schließich führten all diese Bemühungen dazu, dass Bismarck selbst eine Note an den amerikanischen Gesandten Washburne verfasste mit der Bitte, sich für die Freilassung des „harmlosen Gelehrten“ Fontane einzusetzen. Andernfalls würde man „eine gewisse Anzahl von Personen“ in verschiedenen französischen Städten verhaften und als Geiseln nach Deutschland bringen lassen.

Letztlich wurde Fontane gegen einen gefangenen Colonel ausgetauscht und konnte nach Berlin zurückkehren. Seine Freilassung kommentiert er später seinem Freund August von Heyden gegenüber: „Alles bei uns ist roh, kommissig, dämlich … oh du himmlischer Vater! Deshalb haben mir auch Anno 70 alle preußischen Offiziere gesagt: ‚Bei uns wären sie erschossen worden.‘“ (S. 278)

Fontane begrüßt zunächst die deutsche Einheit, hat aber später erhebliche Kritik an Bismarck und den polizeistaatlichen Maßnahmen, den „Angstapparaten“ und der „Mogelei“ um des eigenen Vorteils willen. (S. 279) Bismarck nennt er nur den „Schwefelgelben“ nach den Abzeichen der Uniform seines Regiments.

Theaterkritiker bei der Vossischen Zeitung und Erster Sekretär bei der Akademie der Künste

Im April 1870 vollzieht Fontane eine ziemlich abrupte Kehrtwende. Einerseits fällt ihm offensichtlich die Anpassung an den immer reaktionäreren Kurs derKreuzzeitung und deren giftigen Antisemitismus immer schwerer. Andererseits möchte er endlich seinen Traum verwirklichen, als freier Schriftsteller zu arbeiten. Sehr zum Entsetzen seiner Frau, die sich um die Haushaltskasse sorgt, gibt er die Redakteursstelle bei der Kreuzzeitung auf. Er zählt seiner Emilie auf, mit welchen Einkünften er sicher in Zukunft rechnen könnte, und setzt seinen Plan durch. Als sicheres Standbein hat er zunächst nur eine Anstellung als Theaterkritiker bei der liberalen bürgerlichen Vossischen Zeitung in Aussicht. Die erhält er und füllt sie dann für die nächsten 20 Jahre gewissenhaft aus, auch wenn das Honorar nicht gerade üppig ist.

Botho von Hülsen

Einmal in der Woche sitzt er auf dem Parkettplatz 23 im Königlichen Schauspielhaus und sieht sich die Premieren an. Anschließend schreibt er zu Hause seine Kritiken. Der Spielplan setzt sich vor allem aus Inszenierungen der deutschen Klassiker und gelegentlichen Shakespeare-Inszenierungen zusammen. Dazu kommen zeitgenössische Historiendramen, Mantel- und Degen-Stücke, die vor allem der Verherrlichung der preußischen und deutschen Geschichte dienen. Der Theaterintendant ist ein ehemaliger Offizier Botho von Hülsen. Er hatte zusammen mit dem „Kartätschenprinzen“, dem späteren Kaiser Wilhelm I., den Aufstand 1848 in Dresden niedergeschlagen und kleine Stücke zur Motivation der Soldaten verfasst, war aber ohne jede Ahnung vom Theater.

Fontane kritisiert die Aufführungen unterhaltsam, gelegentlich scharf und mit Ironie und Satire, aber meist ausgewogen, sowohl was das Stück, die Inszenierung, das Bühnenbild als auch die Darsteller angeht. Er hält regen Kontakt mit Schauspielern und Publikum und antwortet auf Beschwerden, wenn jemand mit seiner Kritik nicht einverstanden ist.

In einem Fall weigert er sich, ein Stück und seine Aufführung zu besprechen. Es handelt sich um ein Schauspiel mit dem Titel „Cleopatra“, das ein dilettierender Hohenzollernprinz, Georg von Preußen, verfasst hat. Er schreibt an den Chefredakteur: „Pflichtgemäß war ich heute im Theater, um mir die prinzliche ‚Cleopatra‘ anzusehen. Es war in jedem Sinne kümmerlich. Blech nach Inhalt, Form, Darstellung. Sie werden also einverstanden sein, dass ich über solche Leistung schweige.“ (S. 309).

Unabhängig von seinen Verpflichtungen bei der Vossischen Zeitung setzte sich Fontane sehr für die Freie Bühne ein, die als Verein organisiert war und vorbei an der strengen Zensur für ihre Mitglieder moderne Stücke von Henrik Ibsen und Gerhart Hauptmann aufführte. Mit dem Initiator und Vorsitzenden der Freien Bühne Otto Brahm war Fontane befreundet.

Er erkennt das große Talent Hauptmanns und lobt sein Stück „Die Weber“, das in konservativen Kreisen einen Skandal auslöst: „Was Gerhart Hauptmann für seinen Stoff begeisterte, das war zunächst wohl das Revolutionäre darin; aber nicht ein berechnender Politiker schrieb das Stück, sondern ein Dichter, den einzig das Elementare, das Bild von Druck und Gegendruck reizt. Die Weber wurden als Revolutionsdrama gefühlt, gedacht und es wäre schöner und wohl von noch mächtigerer Wirkung gewesen, wenn es sich ermöglicht hätte, das Stück in dieser Einheitlichkeit durchzuführen.“

Mit dem letzten Satz spielt Fontane auf den versöhnlerischen Schluss des Stücks an, den er so kommentiert: „Dass etwas entstand, was revolutionär und antirevolutionär zugleich ist, müssen wir hinnehmen und trotz des Gefühls einer darin liegenden Abschwächung doch schließlich auch gutheißen. Es ist am besten so. Denn das Stück erfüllt durch dieses Doppelgesicht auch eine doppelte Mahnung, eine, die sich nach oben und eine, die sich nach unten wendet und beiden Parteien ins Gewissen spricht.“ (veröffentlicht in: Das litterarische Echo, Berlin, Heft 2, 15.10.1898, Sp. 133-134)

Dass der alte Fontane Hauptmann in dieser Weise schätzt und propagiert, zeigt nicht nur sein Verständnis für einen jungen Autor, dessen Kunst Kaiser Wilhelm II. als „Rinnsteinkunst“ diffamiert, sondern auch seine veränderte politische Haltung. Während er durch seine „Wanderungen“ noch als vaterländischer Chronist und Bewahrer der Traditionen des brandenburgischen Adels gilt, beginnt er zunehmend die Bedeutung des Vierten Standes zu begreifen. So schreibt er bereits 1871 in einer Besprechung von Eugen Scribes Lustspiel „Feenhände“: „Die Welt liegt in den Wehen, wer will sagen, was geboren wird! Der Sturz des Alten bereitet sich vor. Gut, die Dinge gehen ihren ewigen Gang, tut eure Maulwurfsarbeit, die ihr unten seid. Millionen leben, die an dem Fortbestand dessen, was ist, kein besonderes Interesse haben können.“

In einem Brief vom 8. Juni 1878 drückt er noch deutlicher seine veränderte Einstellung und seine Reaktion auf den wachsenden Einfluss der Sozialdemokratie aus: „Das war alles Kinderspiel, man befand sich einer stupiden Masse gegenüber. Das ist jetzt anders. Millionen Arbeiter sind gerade so gescheit, so gebildet, so ehrenhaft wie Adel und Bürgerstand und vielfach sind sie ihnen überlegen.“ Darin drückt sich allerdings weniger eine revolutionäre Haltung aus, als eine Hoffnung, dass sich durch den Druck von unten demokratischere Verhältnisse durchsetzen.

Weniger glücklich als sein Wechsel ins journalistische Kulturmilieu verläuft Fontanes Anstellung als Erster Sekretär bei der Akademie der Künste, die er über seine Tunnel-Netzwerke 1876 erhalten hat. Es ist eine Anstellung mit Aussicht auf eine Beamtenpension.

Fontane hält sie nur wenige Monate durch. Dabei hatte er sich intensiv durch die Lektüre kunsthistorischer Literatur und ausführliche Besuche der italienischen Kunststädte mit ihren Museen und Sammlungen darauf vorbereitet und gehofft, als eine Art Geschäftsführer die Kunstszene in Berlin beeinflussen zu können. Außerdem war er mit zeitgenössischen Malern wie Adolph Menzel, Walter Leistnikow u.a. befreundet oder gut bekannt.

Kaiserproklamation Wilhelms I. in Versailles am 18. Januar 1871 von Anton von Werner

Sein unmittelbarer Vorgesetzter war der erheblich jüngere Historien- und Hofmaler Anton von Werner. Von diesem stammten die bei Hofe so beliebten Schlachtengemälde und Historienschinken wie z. B. wie „Die Proklamierung des deutschen Kaiserreiches (18. Januar 1871)“, „Moltke vor Paris“ oder „Moltke vor Sedan (1882/83)“. Von Werner betrachtete Fontane als seinen Hilfsarbeiter und Aktensortierer. Er diktierte ihm „mit der entsprechenden Arroganz Arbeitsaufträge“, was dieser als kränkende Herabwürdigung empfand. Daher reichte er „untertänigst“ beim Kaiser sein Entlassungsgesuch ein, dem nach einigen Verzögerungen stattgegeben wurde. (S. 282f) Damit war Fontanes Zeit in Diensten Preußens endgültig vorbei und die lange ersehnte Arbeit eines freien Schriftstellers konnte beginnen.

Wird fortgesetzt