Angst vor einer Pandemie wächst mit der internationalen Verbreitung des Coronavirus

Von Benjamin Mateus
26. Februar 2020

Gesundheitsbehörden schlugen am Wochenende Alarm, weil in Südkorea, Italien und dem Iran plötzlich und schnell neue Fälle von COVID-19-Infektionen aufgetreten sind. Besonders besorgniserregend für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und andere Organisationen ist, dass viele der Fälle keine epidemiologische Verbindung zu China haben, wo der Virus im vergangenen Dezember in der Stadt Wuhan, der Hauptstadt der Provinz Hubei, erstmals ausbrach.

Als Reaktion darauf brachen die globalen Aktienmärkte zu Beginn des gestrigen Börsentages stark ein. Der Dow fiel bis Börsenschluss um über 1.000 Punkte. Der Nikkei 225 fiel bei der Eröffnung um 4 Prozent. Unter den Aktien, die die größten Rückgänge erlitten, waren die von Fluggesellschaften und Technologieunternehmen. Der Preis für Brent-Rohöl fiel um fast 5 Prozent auf etwas über 55 Dollar pro Barrel. Die Marktturbulenzen, die durch die Furcht vor den Auswirkungen der Virusverbreitung ausgelöst wurden, folgten auf die schlechten Wirtschaftsnachrichten, dass Japans BIP um 6,3 Prozent gesunken ist und sich das Wachstum der Eurozone auf 0,1 Prozent verlangsamt hat.

Das 2019-nCoV-Virus hat sich als komplexer Erreger erwiesen, wie ihn Virologen so noch nicht erlebt haben. Die Wissenschaftler versuchen immer noch zu verstehen, warum es so hoch ansteckend ist und ob das Virus über Oberflächen, Wasserleitungen und Lüftungskanäle übertragen wird. Bei der SARS-Epidemie im Jahr 2003 wurden innerhalb von 10 Monaten 8.000 Menschen infiziert. Im Gegensatz dazu hat COVID-19 in etwas mehr als zwei Monaten 80.000 Infektionen verursacht - und viele Fälle sind möglicherweise gar nicht diagnostiziert worden.

Obwohl die Sterblichkeitsrate viel niedriger ist als die von SARS und etwa 1 bis 2 Prozent der Infizierten beträgt, sind die COVID-19-Todesfälle bereits dreimal so hoch wie die Zahl der durch den SARS-Ausbruch von 2003 verursachten Toten. Die Inkubationszeit des Virus wird auf etwa 14 Tage geschätzt, aber es gibt bestätigte Fälle, in denen Menschen drei bis vier Wochen lang keine Symptome zeigten. Zur weiteren Verwirrung der Gesundheitsbehörden gibt es Anzeichen dafür, dass Menschen, die sich erholt haben, das Virus weiterhin in sich tragen und verbreiten können.

Die Bemühungen Chinas, das Virus durch beispiellose Quarantänemaßnahmen und strenge Reisebeschränkungen einzudämmen, scheinen die Epidemie in Hubei und den umliegenden Provinzen in gewissem Maße unter Kontrolle gebracht zu haben. Am Montag wurden in ganz China 509 neue Fälle gemeldet, davon 499 in Hubei. Die Zahl der bestätigten Fälle auf dem chinesischen Festland lag zu Wochenbeginn bei 77.658 und die Zahl der Todesfälle bei 2.663.

Aber die WHO warnte, dass die Maßnahmen der chinesischen Regierung der Welt nur eine Atempause und damit etwas Zeit zur Vorbereitung verschafft haben. Diese Zeit scheint nun abgelaufen, da die Infektionsraten in Ländern wie Iran, Italien und Südkorea dramatisch ansteigen. Obwohl die WHO COVID-19 immer noch nicht als globale Pandemie eingestuft hat, scheint es wahrscheinlich, dass sie diese Entscheidung in naher Zukunft treffen wird.

Ahmad Amirabadi Farahani, ein Vertreter der iranischen Stadt Qom, widersprach der iranischen Regierung, dass COVID-19 bislang 12 Todesfälle verursacht habe und schätzte die Zahl selbst auf mindestens 50 Menschen, wobei weitere 250 Menschen unter Quarantäne stünden. Qom ist ein geistliches Zentrum und Anziehungspunkt für viele Menschen aus dem Iran und den umliegenden Ländern. Kuwait, Bahrain und Afghanistan haben nun Fälle bestätigt, wobei staatliche Behörden darauf hinweisen, dass es sich bei den Opfern um Menschen handelt, die sich in der iranischen Stadt Mashhad infiziert haben. In rascher Folge haben die Türkei, der Irak und Pakistan ihre Grenzen zum Iran geschlossen.

Berichte deuten darauf hin, dass Beschäftigte im iranischen Gesundheitswesen sich selbst nicht optimal schützen können und einer großen Infektionsgefahr ausgesetzt sind. Es heißt, kommunale und staatliche Stellen hätten zu wenig getan haben und ausgeblendet, dass der Iran mit einer Epidemie großen Ausmaßes konfrontiert ist. Am vergangenen Freitag fanden nationale Parlamentswahlen statt, aber die Wahlbeteiligung war vor dem Hintergrund der Ansteckungsgefahr niedrig.

Irans religiöses Oberhaupt Ayatollah Ali Chamenei hat Washington wegen der Coronavirus-Bedrohung gerügt. Der Iran wird von den USA wegen seines Atomprogramms mit lähmenden Sanktionen belegt, die verheerende Auswirkungen auf das iranische Gesundheitssystem haben. Dr. Chen Xi, Assistenzprofessor für Gesundheitspolitik und -ökonomie an der Yale School of Public Health, sagte dazu: „Die jahrzehntelangen Sanktionen haben den Mangel an medizinischer Versorgung verschärft. Auch ihre diagnostischen Technologien sind im Rückstand. Ich denke, die internationale Gemeinschaft sollte zusammenarbeiten, um die Reisedaten der Passagiere transparent auszutauschen, die Genauigkeit der Testkits zu standardisieren und die Lieferung humanitärer Hilfe in den Iran zu ermöglichen.“

Washington wird die Epidemie jedoch höchstwahrscheinlich politisch ausnützen, indem die Sanktionen verschärft werden und die Forderung erhoben wird, dass sich der Iran im Austausch gegen „humanitäre Unterstützung“ den US-Diktaten unterwirft.

Die norditalienischen Regionen Venezien und Lombardei sind zu einer weiteren Brutstätte für das Virus geworden. 10 Ortschaften stehen jetzt unter Quarantäne, mehr als 50.000 Menschen sind betroffen. Die Zahl der Fälle ist innerhalb von vierundzwanzig Stunden von 152 auf 219 gestiegen und erreichte bis Dienstagabend 322. Elf Menschen sind bisher an der Infektion gestorben, Dutzende befinden sich noch immer auf der Intensivstation. Der berühmte Karneval von Venedig, der Besucher aus der ganzen Welt anzieht, ist abgesagt worden. Mailand, das wichtigste Handels- und Wirtschaftszentrum des Landes, ist von einer Quarantäne bedroht. Panikkäufe haben dazu geführt, dass die Regale in den Supermärkten leer sind. Die Behörden haben das Militär eingesetzt, um Quarantänebestimmungen durchzusetzen.

Südkorea hat in den vergangenen Tagen 231 neue Fälle gemeldet, so dass sich die Gesamtzahl am Dienstag auf 833 erhöht hat. Präsident Moon Jae-in hat das Land in höchste Alarmbereitschaft versetzt und der Regierung die Möglichkeit verschafft, mit einem umfassenden Polizeistaat eine massive Abriegelung durchzusetzen. In einer Dringlichkeitssitzung erklärte Moon: „Die kommenden Tage sind für uns kritisch. Die Zentralregierung, die Kommunalverwaltung, die Gesundheitsbehörden und das medizinische Personal sowie die gesamte Bevölkerung müssen eine umfassende, konzertierte Antwort auf das Problem finden.“

Am Wochenende hielt die Weltgesundheitsorganisation eine Dringlichkeitssitzung mit der Afrikanischen Union und den afrikanischen Zentren für Krankheitskontrolle und -verhütung ab. Die Europäische Union hat lächerliche 124 Millionen Dollar für die Bekämpfung des COVID-19-Ausbruchs zugesagt, wobei schon die Hälfte des Geldes für den Aufruf der WHO drauf geht, sich global gegen das Virus zu rüsten. Ein Teil der Mittel wird direkt an die Gesundheitsbehörden in Afrika gehen.

Die WHO hat dreizehn „Prioritätsländer“ ausgemacht aufgrund ihrer direkten wirtschaftlichen Verbindungen und ihres hohen Reiseaufkommens mit China. Alle haben ein unzureichendes öffentliches Gesundheitssystem und sind bei einem größeren Ausbruch besonders anfällig. Die WHO hat einen Bereitschaftsplan zur Unterstützung in Höhe von 675 Millionen Dollar initiiert und 30.000 Sätze Schutzausrüstung geliefert.

Krankenhäuser in den Vereinigten Staaten sind gewarnt worden, sich auf einen Anstieg der COVID-19-Patienten vorzubereiten. CNBC berichtete, dass ein Ausbruch „Notaufnahmen überlasten und schnell zu Versorgungsengpässen bei einigen wichtigen medizinischen Gütern führen könnte, wie eine Umfrage unter Ärzten, US-Krankenhäusern und Vertretern des Gesundheitssystems ergab“.

Die Epidemie hat erneut gezeigt, wie wenig die kapitalistischen Regierungen weltweit auf den Ausbruch von Infektionskrankheiten vorbereitet sind. In einem Land nach dem anderen haben die Behörden auf die Epidemie mit dem Versuch reagiert, die Grenzen zu verriegeln und autoritär die Bewegungsfreiheit der Bevölkerung zu beschränken. Während verschiedene Forschungseinrichtungen und medizinische Unternehmen behaupten, Fortschritte bei der Entwicklung eines Impfstoffs für COVID-19 zu machen, ist der Einsatz eines Impfstoffs in der Fläche für die nächsten 18 Monate höchst unwahrscheinlich.