Thyssenkrupp verkauft Aufzugssparte mit 55.000 Beschäftigten

Von Dietmar Gaisenkersting
29. Februar 2020

Der Aufsichtsrat der Thyssenkrupp AG hat am Donnerstagnachmittag beschlossen, seine gewinnträchtigste Sparte an Investoren zu verkaufen. Die internationalen Finanzinvestoren Advent und Cinven übernehmen gemeinsam mit der Steinkohle-Stiftung RAG zum Ende des Geschäftsjahres für 17,2 Milliarden Euro die Tochter Thyssenkrupp Elevator. Die Aufzugssparte beschäftigt weltweit rund 54.000 Menschen, davon 5000 in Deutschland.

Ein Börsengang, den Thyssenkrupp ursprünglich favorisiert hatte, ist damit vom Tisch. Der Konzern hat mitgeteilt, dass er rund 1,25 Milliarden Euro des Kaufpreises in eine Rückbeteiligung am verkauften Geschäft mit Aufzügen und Rolltreppen investieren wolle. Dies entspräche einem Anteil von knapp 7 Prozent.

Die jetzigen Käufer haben sich gegen ein Konsortium aus Blackstone, Carlyle und Canadian Pension Plan durchgesetzt. Zuvor war schon der Konkurrent Kone ausgestiegen. Der Chef des finnischen Aufzugs-Konzerns, Henrik Ehrnrooth, hatte erklärt: „Wir waren nicht mehr sicher, dass Thyssenkrupp am Ende noch solvent ist.“ Kone befürchtete, eine Vorauszahlung von 2,5 Milliarden Euro nach einer negativen Prüfung der europäischen Kartellbehörden nicht zurückzubekommen.

Thyssenkrupp hat zwar die Gefahr einer drohenden Insolvenz zurückgewiesen. Es ist aber bekannt, dass der Konzern die Milliarden dringend benötigt. Vor etwa zwei Wochen hatte die Ratingagentur Moody’s die Kreditwürdigkeit von Thyssenkrupp in den spekulativen Bereich heruntergestuft.

Die Wirtschaftswoche berichtet, dass nicht nur milliardenschwere Schulden, sondern auch hohe Pensionsverpflichtungen „das schöne neue Geld schnell auffressen“ werden. So hatte der Konzern Milliarden durch Fehlinvestitionen in Stahlwerke in den USA und Brasilien versenkt. Die Nettofinanzschulden belaufen sich aktuell auf 7,1 Milliarden Euro, die Pensionsansprüche umfassen rund neun Milliarden Euro.

Die Betriebsrenten und Pensionsverpflichtungen werden daher das nächste Angriffsziel des Restkonzerns sein, darauf müssen sich die Beschäftigten schon jetzt einstellen. Zwar sollen die zurückgekauften Anteile an der Aufzugssparte in einem Treuhandfonds für die Pensionsverpflichtungen angelegt werden. Aber nachdem nun das Tafelsilber des Konzerns verschleudert wurde, verliert der Konzern den einzig profitablen Bereich. Übrig bleiben Anlagenbau, Automobiltechnik, Marine und das Stahlgeschäft. Doch diese Bereiche werfen kaum Gewinne ab. Der Verkaufspreis für die Aufzugstochter ist nicht zufällig drei Mal so hoch wie der Börsenwert des gesamten Konzerns.

Insbesondere die Stahlarbeiter müssen sich daher auf erneute Angriffe vorbereiten. Die Stahltochter Thyssenkrupp Steel Europe (TKSE), die nun automatisch wieder zum Kerngeschäft des Industriekonzerns wird, schreibt aktuell rote Zahlen. Das Geschäft mit dem Stahl ist stark konjunkturabhängig und verzeichnete im letzten Quartal des laufenden Geschäftsjahres einen Verlust von 164 Millionen Euro. Zudem sind dort jahrelang die Investitionen ausgeblieben.

Es bleibt daher fraglich, ob die Durchhalteparolen der Vorstandsvorsitzenden Merz länger Bestand haben werden. Mit dem Verkauf könne Thyssenkrupp wieder Fahrt aufnehmen, hatte Merz unmittelbar nach dem Verkauf gesagt.

Es bleibt zunächst dabei, dass insgesamt 7000 Stellen wegfallen, davon 2800 im Stahlbereich. Zuletzt hatte der Vorstand bekanntgegeben, dass das Stahl-Werk in Duisburg-Hüttenheim geschlossen oder verkauft werde.

Auch andere Geschäfte oder Konzernteile, etwa der Automotive-Bereich oder der Anlagenbau, stehen zum Verkauf. „Unter den Analysten kursieren bereits erste Rechnungen, was wohl eine Schließung des [Anlagenbaus] mit gut 11.000 Mitarbeitern kosten würde“, schreibt das Handelsblatt. Das Gleiche gelte für die Automobilzuliefersparte, die knapp 25.000 Menschen beschäftigt. Unter Merz gelte die Devise: „Was nicht unabhängig von Zuwendungen aus Essen [der Konzernzentrale] lebensfähig ist, fliegt raus – wird also verkauft oder geschlossen, falls sich kein Käufer findet.“

Die IG Metall hat den Verkauf der Aufzugstochter an die Hedgefonds begrüßt. Die Gewerkschaft hatte mit beiden Investoren-Gruppen schon im Vorfeld Vereinbarungen für den Fall eines Verkaufs getroffen. „Mit diesen Fair- und Best-Owner-Vereinbarungen konnten wir einen elementaren Schritt in eine gesicherte Elevator-Zukunft machen“, behauptete der nordrhein-westfälische IG Metall-Chef Knut Giesler bereits am Samstag letzter Woche.

Giesler bezieht sich, wie bei den IGM-Funktionären üblich, vor allem auf die eigene Zukunft, die nun gesichert ist. So blieben nicht nur die Tarifbindung erhalten, sondern auch „die Mitbestimmungsstrukturen“, freut sich Giesler. Er kann also weiterhin den lukrativen Posten des stellvertretenden Aufsichtsratschefs von Thyssenkrupp Elevator besetzen. Die „Mitbestimmung“ soll auch weitere Eventualitäten überstehen: Die IG Metall hat vereinbart, dass auch bei einem Weiterverkauf oder Börsengang erneut zunächst eine Vereinbarung mit ihr getroffen werden muss.

Den Beschäftigten wird der Verkauf mit der Begründung angepriesen, Kern der Vereinbarungen sei „eine Standort- und Beschäftigungssicherung für sieben Jahre und einen Monat“. Diese Standort- und Beschäftigungssicherung, die bis Ende März 2027 läuft, schließt erstens nur „betriebsbedingte Kündigungen“ aus. Die IG Metall ist aber spezialisiert darauf, Zehntausende Arbeitsplätze ohne solche Kündigungen abzubauen.

In einer Pressemitteilung hat die IG Metall schon jetzt angekündigt, dass die „Standortsicherung“ nicht mit einer Arbeitsplatzsicherung zu verwechseln sei: „Für wirtschaftlich problematische Standorte soll ein tragfähiges Zukunftskonzept durch einen gemeinsamen Steuerungskreis innerhalb der kommenden drei Jahre erarbeitet werden.“ „Tragfähiges Zukunftskonzept“ ist für die IG Metall das Synonym für Einsparungen über den Abbau von Arbeitsplätzen.

Zweitens gilt die „Fair- und Best-Owner-Vereinbarung“ nur für die Standorte in Deutschland, in denen gerade mal zehn Prozent der internationalen Belegschaft beschäftigt sind.

Schon seit langem arbeitet die IG Metall eng mit den Hedgefonds zusammen. Der ehemalige IGM-Sekretär und designierte Personalvorstand des Thyssenkrupp-Stahlkonzerns Markus Grolms hatte dies in seiner Zeit als Aufsichtsratsvorsitzender initiiert. Der jetzige Verkauf findet daher auch die Unterstützung des zweitgrößten Thyssenkrupp-Aktionärs, des Investors Cevian. „Mit dem Verkauf der Aufzugssparte gewinnt Thyssen-Krupp finanzielle Stärke und Flexibilität“, sagte Lars Förberg, Mitgründer des Hedgefonds Cevian. Er forderte, zügig weitere Einsparungen und Verkäufe vorzubereiten. Nun müsse „die uneingeschränkte Aufmerksamkeit darauf liegen, jedes Geschäft operativ stark und fit für die Zukunft zu machen“.

Die Auflösung des Traditionskonzerns an Rhein und Ruhr mit über 200-jähriger Geschichte im Interesse der Aktionäre wird von den Hedgefonds und der IG Metall auch zukünftig forciert.