Julian Assanges Mutter und Ärzte warnen: Coronavirus erhöht sein Risiko

Von Oscar Grenfell
12. März 2020

Christine Assange, die Mutter des WikiLeaks-Herausgebers Julian Assange, warnt eindringlich davor, dass ihr Sohn sich im britischen Belmarsh-Gefängnis mit dem Coronavirus anstecken könnte, und dass dies sein Leben noch stärker bedroht. Nach fast zehn Jahren willkürlicher Inhaftierung und der Weigerung der Behörden, ihn angemessen medizinisch zu versorgen, ist sein Immunsystem stark beeinträchtigt.

In einem Tweet schrieb Christine Assange am Montagabend: „Neue Sorge um das Leben meines Sohns … Julian [ist] chronisch krank / er trägt ein erhöhtes Risiko“, am Coronavirus, auch bekannt als Covid-19, zu erkranken. Sie zitierte einen Bericht, in dem es hieß, dass sich das Coronavirus in den Gefängnissen schnell ausbreite und die Gesundheitsversorgung dort unterdurchschnittlich sei.

Assange im Belmarsh-Gefängnis kurz nach seiner Verhaftung am 11. April 2019

In ihrem Tweet stellte sie fest, dass Julian Assange ohne Anklage inhaftiert ist und von ihm keine Gewalt ausgeht. Die brutalen Bedingungen seiner Inhaftierung sind ein wichtiges Motiv für die britische Kampagne, die sich gegen die Auslieferung des WikiLeaks-Verlegers an die USA wendet. Dort muss er wegen der Aufdeckung amerikanischer Kriegsverbrechen mit einem Spionageprozess und lebenslanger Haft rechnen. Christine Assange forderte dringend, ihren Sohn sofort auf Kaution freizulassen.

Führende medizinische Experten, die Briefe von Doctors4Assange unterzeichnet haben, bestätigten diese Warnung.

Seit November fordert die Gruppe, der über 100 angesehene Ärzte angehören, von der britischen Regierung die Freilassung von Assange aus dem Belmarsh-Gefängnis und seine Verlegung in ein Universitätslehrkrankenhaus, wo er angemessen medizinisch behandelt werden könnte. Ihre Forderungen enthielten auch die Warnung, dass Assange sterben könnte, wenn nicht sofort Maßnahmen ergriffen würden. Aber die britische Regierung und die Labour-Opposition, sowie die Regierung und Labour-Opposition in Assanges Heimatland Australien, haben all diese Warnungen ignoriert.

In einer Erklärung für die WSWS schrieb Dr. Stephen Frost, ein Spezialist für diagnostische Radiologie und führendes Mitglied von Doctors4Assange, gestern: „Angesichts dessen, was wir über diesen Fall wissen, ist Frau Assange zu Recht besorgt. Da Julian Assange nach Jahren der willkürlichen Inhaftierung – erst in der ecuadorianischen Botschaft und später im Gefängnis von Belmarsh – immunologisch geschwächt ist, ist er zwangsläufig einem höheren Risiko ausgesetzt, sich mit Viren oder Bakterien zu infizieren. Das gilt auch für eine Infektion mit dem Coronavirus.

Er muss sofort gegen Kaution freigelassen werden, damit er Zugang zu dringend benötigter medizinischer Versorgung bekommt. Die britische Regierung spielt mit Julian Assanges Leben effektiv russisches Roulette.“

Frost verwies auf die Feststellung des UN-Sonderberichterstatters für Folter, Nils Melzer, dass Assange infolge seiner Verfolgung psychische Folter erlitten hat, und stellte fest, dass die britischen Behörden dies ignorieren. Er schloss: „Wenn Julian Assange im Gefängnis sterben sollte, ist die britische Regierung dafür verantwortlich.“

Lissa Johnson, eine klinische Psychologin und Sprecherin von Doctors4Assange, erklärte: „Julian Assange ist durch das Coronavirus im Belmarsh-Gefängnis einem eindeutig erhöhten Risiko ausgesetzt. Als Folteropfer, das ständig unter psychologischer Folter leidet, war seine körperliche Gesundheit bereits vor dem Ausbruch des Coronavirus in einem prekären Zustand. Die unaufhörliche und extreme Aktivierung der Stressphysiologie unter den Bedingungen psychologischer Folter kann die Immunität ernsthaft beeinträchtigen, so dass einfache virale und bakterielle Infektionen schnell lebensbedrohlich werden. Komplexere und neuere Viren wie Covid-19 stellen eine noch größere Bedrohung dar.

Bereits seit 2015 warnen medizinische und Menschenrechtsexperten, dass selbst eine triviale Krankheit für Julian Assange tödlich sein könnte. Seine Gesundheit ist jetzt noch anfälliger, und das Coronavirus macht diese Warnungen nur noch dringlicher und schlimmer.“

Frau Johnson erklärte: „Wenn Julian Assange im Gefängnis dem Coronavirus oder einer anderen katastrophalen Krankheit erliegt, wird das kein Unfall sein. Es wird ein vorhersehbares Ergebnis von lang anhaltender psychologischer Folter und vorsätzlicher medizinischer Vernachlässigung sein.“

Johnson forderte die sofortige Freilassung von Assange aus der Haft und die Einstellung des Auslieferungsverfahrens gegen ihn.

Dr. Bill Hogan, der in den USA in der inneren Medizin arbeitet, stimmte dem zu: „Es stimmt auch, dass Personen, die unter extremem Stress stehen, anfälliger für Infektionen sind. Angesichts der Beweise für Folter an Julian, das Fehlen jeglicher Erleichterung von den Umständen, auf die seine Folter zurückzuführen ist, und der zahlreichen Augenzeugenberichte, die Julians dramatische körperliche Verschlechterung dokumentieren, kann ich mit großer Sicherheit feststellen, dass Julian tatsächlich für Infektionen im Allgemeinen – und Coronaviren im Besonderen – anfälliger ist als die allgemeine Bevölkerung.“

Die Warnungen kommen vor dem Hintergrund der raschen Ausbreitung von Covid-19 weltweit. Die chaotische offizielle Reaktion auf das Virus in den USA, in Großbritannien und international kommt mit dem Ergebnis eines jahrzehntelangen Angriffs auf das öffentliche Gesundheitswesen zusammen. Gefangene sind aufgrund der begrenzten medizinischen Versorgung und des erzwungenen Zusammenlebens mit anderen Häftlingen besonders gefährdet.

Wie der Independentam11. März berichtete, ha die Howard League for Penal Reform ein Schreiben an das britische Justizministerium gerichtet, in dem sie wissen möchte, welche Maßnahmen ergriffen wurden, um die Gefangenen vor einem möglichen Ausbruch zu schützen.

In dem Schreiben wurde auf die „unhygienischen“ Bedingungen hingewiesen, die in vielen Gefängnissen herrschen, und die Warnung ausgesprochen, dass die Krankheit „gedeihen“ könnte, wenn es zu einem Ausbruch infolge Überbelegung, schlechter Belüftung oder einem hohen Anteil an kranken Insassen kommt. In dem Schreiben wird „Überraschung“ darüber geäußert, dass „das Justizministerium offenbar keine Aussage zu den getroffenen Vorkehrungen macht“.

Weiter heißt es im Independent: „Ein kürzlich veröffentlichter Bericht des Think-Tank Nuffield Trust zeigt, dass in Großbritannien in den Jahren 2017–2018 häufig Krankenhaustermine für Gefangene abgesagt wurden, und dass sie weniger medizinische Versorgung erhielten als die allgemeine Öffentlichkeit. Bis zu vierzig Prozent der Krankenhaustermine für Gefangene wurden abgesagt oder versäumt – vor allem aufgrund des Mangels an Gefängnispersonal, das für den Transport und die Bewachung von Gefangenen während des Krankenhausaufenthalts zur Verfügung steht.“

Und weiter: „Die wachsende Sorge besteht, dass eine schwindende Zahl von Gefängnismitarbeitern nicht in der Lage sein wird, die Grundbedürfnisse der 84.000 Gefangenen in Großbritannien zu decken, wie z.B. Nahrung und Sicherheit.“

Eine Frau namens Dita Saliuka, deren Bruder im Januar im Belmarsh-Gefängnis verstorben war, twitterte am Mittwoch: „Was sind die Pläne der britischen Gefängnisse für Covid-19? Die Gesundheitsversorgung in den Gefängnissen ist schlecht, und es gibt Gefangene mit gesundheitlichen Problemen, die die gleiche medizinische Versorgung verdienen wie der Rest von uns, oder sie werden sterben!“

Saliuka und ihre Familie weisen die Behauptung von offizieller Seite zurück, dass ihr Bruder Liridon Saliuka an den Folgen von Selbstverletzungen gestorben sei. Sie sagen, eine Autopsie sei mehrmals verzögert worden. Saliuka sei kurz vor seinem Tod in eine Standard-Gefängniszelle verlegt worden, obwohl er von einem Arzt als „dauerhaft behindert“ eingestuft worden war.

Saliukas Tod ist einer von mehreren Todesfällen im Belmarsh-Gefängnis, das wegen seiner brutalen Bedingungen als „Guantanamo Bay Großbritanniens“ bezeichnet wird. Im vergangenen Monat wurde ein 36-jähriger Häftling tot aufgefunden, nachdem er bei einer Schlägerei massive Kopfverletzungen erlitten hatte.

Die Tatsache, dass Assange in dem Gefängnis eingesperrt wird, gehört zu den umfassenden Angriffen auf seine gesetzlichen und demokratischen Rechte durch die britischen Behörden. Während der ersten Woche der US-Auslieferungsanhörungen, die am 25. Februar begannen, wurde der WikiLeaks-Gründer wiederholt nackt ausgezogen und mit Handschellen gefesselt, und die Gefängniswärter stahlen seine juristischen Dokumente. Er wurde in einem Anklage-Käfig aus Panzerglas ganz hinten im Gerichtssaal untergebracht, was ihn daran hinderte, das Verfahren zu verfolgen oder seine Anwälte zu instruieren.

Die Warnungen von Christine Assange und den Ärzten unterstreichen die Dringlichkeit des Kampfs für Julian Assange. Er muss sofort und bedingungslos seine Freiheit zurück erhalten. Die Berichte zeigen, dass dieser Kampf untrennbar mit der Verteidigung der sozialen und demokratischen Rechte der Arbeiterklasse verbunden ist, einschließlich einer qualitativ hochwertigen Gesundheitsversorgung.